Ullrich Läntzsch

müll metamorphosen

22.04.2011 | 16:27

Warum der Kapitalismus noch immer lebt …

Gedanken beim Abbau des Objekts P1040005

Der Kapitalismus lebt noch immer – als Drogensüchtling. Alles, aber auch wirklich alles, was man positiv über den Kapitalismus sagen kann, beruht seit Jahrzehnten auf permanentem Drogenkonsum. Nicht anders, als das Wohlbefinden eines Suchtkranken auf der hinreichenden Versorgung mit Heroin beruht, wähnt sich der Kapitalismus in vollster Blüte, da er sich – noch – mit anscheinend unbegrenzt zur Verfügung stehender Energie versorgt sieht.

H verhilft dem Junkie auf unnatürliche Weise zu einem Hochgefühl um letztlich mit einem hohen Preis dafür zu bezahlen. Bei Entzug gleicht er einem Sterbenden mehr denn einem Lebenden. So auch beim heutigen Kapitalismus, der als lebender Leichnam bereits den Pesthauch eines verwesenden Kadavers verströmt – man muß nur in der Lage sein es zu riechen. Der Geruch wird überdeutlich, wenn man sich ein Ausbleiben der Droge vermeintlich billiger Energie vor Augen führt.

Am Beispiel Japan könnte dies inzwischen allgemein unübersehbar geworden sein, würden in den Großmedien auch nur halbwegs korrekt berichtet. So der Niedergang der japanischen Industrie als kausales Ergebnis des Ausfalls der Atomkraftwerke. Warum erfahren wir nichts über die Zahl aller derzeit stilliegenden Atommeiler?

Wieso werden wir pausenlos belogen, wenn es beispielweise um den Ausbau der Stromnetze geht, denn es stimmt einfach nicht, alles würde vom Wutbürger blockiert. Es handelt sich nur um einen kleinen Teil!

Oder warum gibt es so gut wie keinen Bericht über Geotermie? – oder über Biogas?

Schon gar nicht darüber die simpele Herstellung von Biogas. Nein, wir schleppen lieber all unseren kompostierbaren Hausmüll in die Tonnen, und glauben ihn so entsorgt. Was kümmert uns der Wahnsinn des Transports in Müllverbrennungsanlagen, die Schizophrenie nun weitere zusätzliche energie aufwenden zu müssen, um das an sich Brennbare zu verfeuern und bauen hohe Schornsteine, damit die Dioxine zumindest ein wenig gleichmäßiger über uns verteilt werden.

Wenn man nun einmal vom volkwirtschaftlichen Ergebnis absieht, das der perversen Logik folgend, durch jeden Krebskranken eine Vermehrung des Bruttosozialproduktes schafft  …sozialprodukt …

Soviel ging mir zum Thema Müll durch den Kopf, als ich das Objekt #9 wieder einsammelte.

Das h – H wie Heroin, Hochgefühl und Hochkonjunktur.

 
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Kommentare
claudia schrieb am 23.04.2011 um 07:03
"Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden." (John Maynard Keynes)

---
Die Droge heisst "Kapitalrendite".
Ihre Dosis ist niemals hoch genug, sie liegt stets im "suboptimalen" Bereich: unabhängig von der aktuellen Höhe ist sie immer dringend wachstumsbedürftig.

Wenn gigantische "Windpark"anlagen Rendite bringen, wenn die Rendite dort als "wachstumsfähig" angesehen wird, dann wird sich der Kapitalismus ohne Bauchschmerzen von Kernreaktoren trennen. Mit einer knusprigen Stillegungsentschädigung versteht sich, wie sie von der akuten Regierung schlau, um nicht zu sagen: perfide eingefädelt wurde.
Physikalisch gesehen sind solche irgendwo, wo sich Fuchs & Hase gute Nach sagen, erstellten Grossanlagen immer unrationell, denn sie haben lange Leitungen zum Verbraucher und lange Leitungen sind Stromfresser. Aber kapitalistische BWLer haben im Physikunterricht gepennt wie Westerwelle und sind darauf so stolz wie Westerwelle.
Denn Naturwissenschaften, souverän und konsequent angewandt, wirken renditemindernd. Mehr müssen Kaputtalisten und ihre Renditebeschaffer über Naturwissenschaft nicht wissen.

>>...der perversen Logik folgend, durch jeden Krebskranken eine Vermehrung des Bruttosozialproduktes schafft...<<
Auch Zytostatika zur Krebsbehandlung bringen leckere Renditen, deswegen ist der Krebs natürlich ein Segen für jeden Kapitalanleger. Man kann ja nicht alles in Windparks investieren, nicht wahr?

Die Grundsatz: "Geld muss Geld bringen und mehr Geld muss noch mehr Geld bringen" wird ergänzt durch die immer noch gültige Weisheit von John D. Rockefeller:
"Wer den ganzen Tag arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen."

Daraus folgt die Empfehlung der Banken an Leute, die mehr Geld haben, als sie brauchen: "Lassen Sie Ihr Geld arbeiten"

Die "Arbeit" des Geldes lässt man sich gerne durch Regierungen fördern, zum Beispiel mit Gesetzen zur Arbeit in Armut. Hier gilt das Prinzip: "Fordern und Fördern". Die Förderung der Armutsarbeit obliegt dem kapitalistischen Staat, die Forderungen stellen die Renditejunkies.

Wie ein kapitalistischer Staat funktioniert, ist mit dem altbekannten Spruch umfassend erklärt:

"Geld regiert die Welt"

und nicht zu vergessen natürlich der Grundsatz eines jeden Herrschaftssystems:

"Wer nichts hat sollte das Denken dem Boss überlassen"
Ullrich Läntzsch schrieb am 23.04.2011 um 11:31
Liebe Claudia,

Dank für den Kommentar!

Sehe keine Widerspruch zu meiner These, sondern wichtige Ergänzung - daher 5 Sterne - allerdings setzte ich dies als bekannt voraus. Kann es aber sicher nicht oft genug wiederholen!

Der Umgang der Energie als Systemvoraussetzung sollten wir aber nicht unterschätzen.

Muß aber jetzt auf die Osterdemo - wenngleich ich auch da nicht mit allem 100%-ig übereinstimme ...
claudia schrieb am 24.04.2011 um 05:06
Nicht als Widerspruch, sondern als Ergäntung hatte ich es gemeint, lieber Ulrich Läntzsch.

Eben, das sehe ich auch so. Es sind viele Illusionen im Umlauf, auch weil die Selbstdarstellungformen des Kaputalismus vielfältig sind. Es läuft aber immer wieder darauf hinaus, dass der einzige Dasienszweck des nichtbesitzenden Menschen ist, der Kapitalrendite zu dienen.

Energie spielt eine Rolle, sicher. Schon weil ein nicht am Gebrauchswert, sondern an Renditemaximierung orientierter Massenkonsum energieintensiv ist...
Ullrich Läntzsch schrieb am 24.04.2011 um 18:44
Oh ja, die Illusionen ...

liegen nahe an den Drogen.

Und endlich nimmt mal wieder jemand so ein Wort wie Massenkonsum in den Mund. Kritik am Konsumwahn war irgendwie in Vergessenheit geraten.
Selbst Feuilletonnisten schrieben lieber über Mode und Design.
Ullrich Läntzsch
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