Da sitzen sie nun bei Beckmann der Einfühlungsdrone und talken wie es sich für eine Show gehört. Sie talken über Medien, Macht, Moral und Deutschlands Vorbilder. Das ist so uninteressant wie es klingt, vor allem wenn es um den drittklassigen Bundespräsidenten, sein geschmeidiges Verhältnis zur Wahrheit und die Finanzierung seines spektakulär spießigen Häuschens in der Provinz geht. Das einer seine Karriere für so eine gruselige Klinkerhütte aufs Spiel setzt... Geschenkt. Der ranzige Milchbubi von Bundesulff schafft es nicht einmal einen gesunden Volkszorn zu entfachen, das politische Äquivalent zur Unfähigkeit ein Loch in den Schnee zu pissen.
Nur der Kunze Rudolf fällt angenehm auf - dieser vergessene Sänger und verkannte Denker haut einen raus, mit dem keiner gerechnet hat. Der politikverdrossene Bürger in seiner Ohnmacht, so philosophiert Kunzes Rudolf munter daher, will sein Mütchen nun am Bundesullf und seinem Häuschen kühlen. Wenn der kleine Mann schon die Welt und die Finanzmärkte nicht mehr versteht, so will er zumindest einen gläsernen Bundesulff. Wenn schon sonst nichts, dann zumindest will der Otto Normalausgebeutete ganz genau wissen, wie dieser Schwiegermuttervergifter von Bundespräsident sein klein Häuschen finanziert hat. Ganz so einfach ist das wohl nicht, aber gemessen am Maßstab der Sendung ist es eine kühne, eine originelle These.
Interessant wird es, als alle Beteiligten den kleinsten gemeinsamen Nenner finden, von Patricia Riekel, Chefin des deutschen Fachmagazins für Prominentenvermarktung bis hin zu Björn Engholm, dem hoffnungslosen Hoffnungsträger der deutschen Sozialdemokratie, vor gefühlten 50 Jahren. Denn, Bundesulff hin oder her, einig sind sich alle wider der Totalökonomisierung des Lebens, nein sagen sie alle zum Mangel an Idealen. Damals, 68, da ging man noch demonstrieren, da hat man sich noch interessiert für die Politik, dann ging es noch um was, um Ideale, Träume, Utopien, das große Ganze. Heutzutage, auch da sind sich alle wunderbar einig, inklusive Nils Minkmar, dem Vertreter der FAZ, da geht’s nur noch um Job, Familie, Freunde.(In dieser Hinsicht ist Christian Wulff sehr modern) Damals, 68, da konnte man es sich noch leisten mal ein paar Jahre rumzugammeln, Marx zu lesen und zu demonstrieren, es war ja klar, dass irgendwann ein nettes Jöbchen auf einen wartete. Das ist heute anders, jetzt wo Arbeit ein Privileg geworden ist und junge Familien von randlosen Brillenträgern sich mit wesentlich wichtigeren Fragen zu beschäftigen haben, wie zum Beispiel ob der junge Maximilian lieber Mandarin oder Englisch im Kindergarten lernen soll.
Die Runde bei Beckmann ist keine Ausnahme. Erstaunlich, wie einig sich alle sind, dass es nicht gut ist, so wie es ist und es wahrscheinlich immer schlimmer wird. Von Franz Beckenbauer bis Gregor Gysi, allen fehlt das Menschliche, alle klagen über die Entwicklung, es gibt kaum noch einen Unterschied zwischen Karl Josef Laumann von der CDU und dem durchschnittlich Attacbewegten.
Was ist da geschehen? Wie konnte es soweit kommen? Wenn man das nur wüsste. Vielleicht wäre es gut eine Kommission einzusetzen, vielleicht lässt sich da auch wissenschaftlich etwas machen, wer weiß. Zumindest noch mal eine Talkshow - Maybrit Illner ist ja nicht auf den Kopf gefallen oder Günther Jauch, der weiß doch so viel.
Der Kapitalismus ist der größte blinde Fleck aller Zeiten, der erste Elefant, der unsichtbar im Raum steht, das ist eine Leistung von Copperfieldschen Ausmaßen. Hut ab.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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