Richard Müller

Blog von Richard Müller

05.02.2011 | 11:13

An die Ägypter!

Ein Gedicht geht um auf Ägyptens Straßen und Plätzen. Das Gedicht „An die Tyrannen der Welt“ des tunesischen Dichters Abu al-Quasim al Shabi, eine bittere Klage der Unterdrückten und Geknechteten:

Ihr ungerechten Tyrannen

Ihr Liebhaber der Dunkelheit

Ihr Feinde des Lebens

Ihr habt die Wunden Unschuldiger

Verspottet, eure Hände

Sind bedeckt mit ihrem Blut

Ihr gingt weiter, während ihr den Zauber

Des Lebens entstelltet

Und die Saat der Traurigkeit auf

ihrem Land sätet

Aber wartet! Lasst euch nicht vom Frühling,

des Himmels Klarheit oder dem

Glanz des Morgenlichts täuschen

Denn die Dunkelheit, das Donnergrollen

und der Wind kommen vom Horizont

direkt auf euch zu

Hütet euch! Unter der Asche brennt

ein Feuer

Wer Dornen züchtet, wird Wunden ernten

Ihr habt die Menschen enthauptet, und die Blumen der Hoffnung

Ihr habt den nährenden Sand mit Blut und

Tränen getränkt

bis er davon vollgesogen war

Der Strom des Blutes wird euch

Fortschwemmen und ein feuriger Sturm

wird euch verbrennen

Euch mutigen Ägyptern gehört die Sympathie der Welt, denn die tiefe Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit ist allen Menschen gemein, ob sie jemals dafür kämpfen mussten oder nicht. So hört denn auch diese Worte:

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht:

Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,

Wenn unerträglich wird die Last – greift er

Hinauf getrosten Mutes in den Himmel

Und holt herunter seine ew’gen Rechte,

Die droben hangen unveräußerlich

Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst –

Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,

Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht.

Schöner und treffender als Friedrich Schiller in seinem „Wilhelm Tell“ hat wohl noch niemand die westliche Naturrechtstradition in Worte zu fassen vermocht. Abu al-Qasims Gedicht endet mit der gegen die Tyrannen gerichteten Drohung: „Der Strom des Blutes wird euch fortschwemmen und ein feuriger Sturm wird euch verbrennen.“ Tapfere Ägypter, watet nicht im Strom des Blutes, sondern greift hinauf getrosten Mutes in den Himmel und holt herunter Eure ew’gen Rechte, die zugleich die Rechte jener sind, die Ihr bekämpft! Und lasst Euch nicht verführen von jenen, die da behaupten, nur im Osten gebe es Licht!

 
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Kommentare
goch schrieb am 05.02.2011 um 12:05
Wunderschöne Gedichte. Zeitlos wahr .
Die Herrschenden aller Länder fürchten sich vor diesen ew`gen Rechten.
Lee Berthine schrieb am 05.02.2011 um 17:56
Das Gedicht von Abu...al Shabi hat viel Wärme und Weisheit, das mag ich sehr. Besonders die Sätze "wer Dornen sät, wird Wunden ernten!" und "unter der Asche brennt ein Feuer" klingen für meine Ohren wunderbar orientalisch.

Schillers Thyrannenschelte ist auch nicht schlecht und hats in sich, wenn auch etwas distanzierter und vernunftbetonter.

Der Appell an die Ägypter macht durchaus Sinn!
Richard Müller
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Rosa Sconto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Myriam Schäfer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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