Robert Zion

Blog von Robert Zion

30.10.2011 | 17:20

Europas Kleingeld, die bankrotten USA und der Big Bang im Finanzsystem

Griechenland hat eine Verschuldung von ca. 170 Prozent seines BIP. Doch das macht gerade einmal 3 Prozent der gesamteuropäischen Wirtschaftsleistung aus. Es ist geradezu ein lächerliches Kleingeld gegenüber den entscheidenden beiden Zahlen über die wir jetzt offen sprechen sollten: 1)  Zur Zeit befinden sich Derivate in - geschätzter - Höhe von $ 600 Billionen Dollar im Umlauf.* 2) Die Gesamtverschuldung der USA - von Bürgerinnen, Staat und Wirtschaft -  beträgt ca. 400 Prozent des BIP der USA.**

Eine kleine Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg*** Mitte Oktober diesen Jahres sollte dann mehr als nur Indiz dafür sein, dass mit der sogenannten "Euro- bzw. Griechenland-Rettung" nur zwei Dinge abgewendet bzw. aufgeschoben werden sollten: Der Bankrott der USA und damit der Zusammenbruch des globalen Banken- und Finanzsystem. Bloomberg berichtet, dass die Banc of America sowie JP Morgan an der US-Aufsicht vorbei Umbuchungen von Derivaten in Höhe von insgesamt $ 154 Billionen von ihren Investment- in ihre Kundenabteilungen vorgenommen haben, $ 154 Billionen (wohl in der Hauptsache von den US-Banken an die Europäer verkaufte Kreditausfallversicherungen), die damit unter dem Schutz des US-Einlagensicherungsfonds, d.h. in letzter Konsequenz des US-Steuerzahlers stehen. 

Niemand sollte sich allerdings jetzt noch der Illusion hingeben, dass die global angehäuften und in den Derivaten "verflochtenen" und "verpackten" Schulden jemals wieder realwirtschaftlich abgetragen werden können, nicht in den USA und auch nicht anderswo (insofern ist unserer Austeritätspolitik gegenüber Griechenland eine politische Unanständigkeit sondergleichen).

Die Alternative heißt nur noch: ein globales "Reset" in Form eines Schuldenschnitts oder eben Big Bang und dann Great Depression (mit allen historisch bekannten Folgen). Wie kann so etwas aussehen? Wir wissen aus den Folgen von 1929, dass Abschottungs- und Sparpolitik in die Katastrophe führt.

Darum sollten die Derivate aus den Märkten ausgeschleust und in die Staatshaushalte eingestellt - und dort allerdings "isoliert" - werden, dann gefolgt von einem Ausverhandeln des Schuldenschnitts zwischen den großen Wirtschafts- und damit Währungsräumen. Zugleich müssen Großbanken zerschlagen und in Investment- und Kundenbanken getrennt werden. Von den nationalen Notenbanken werden dann genügend Anleihen angekauft um jede dieser Notenbanken mit einer 100%-Reserve in echtem physischen Geld als Deckung für ihre Verbindlichkeiten zu versorgen. Dies geschieht ebenso mit den Kundenbanken und dem allgemeinen Publikum (bis auf einen bestimmten Stand). 

Die Re-Regulierung des Finanzsektors ist eine richtige normative Forderung - sie kommt zu spät. Es wird hingegen immer plausibler, dass wir zur Neuordnung umfassend verstaatlichen müssen: Sowohl die Verbindlichkeiten (um deren Wert jenseits der realwirtschaftlichen Deckung politisch gesteuert auf 0 zu setzen) als auch die Finanzinstitute - um die Entflechtung ("Too connected to fail"), Zerschlagung ("Too big to fail") und Neuordnung (Trennbankensystem) überhaupt hinzubekommen -, wie letztendlich auch die Geldschöpfung (100%-Reserve). Alle unsere Regulierungsvorschläge wären dann Bausteine für ein neues System "danach". Selbstverständlich brauchen wir ebenso eine massive Vermögensumverteilung von oben nach unten. 

Gegenwärtig jedenfalls scheint niemand mehr die Entwicklung politisch unter Kontrolle zu haben. 

Und es ist auch nachvollziehbar, dass die "Politik" dies nicht in der Öffentlichkeit so preisgibt. Ich hoffe inständig, dass zumindest im Hintergrund an etwas ähnlichem, wie diesen Vorschlägen hier gearbeitet wird - und dass sich nicht am Ende alle doch wieder auf das große "Gegeneinander" vorbereiten. Darum zum Schluss die Bemerkung, dass dieser Beitrag vor allem etwas mit meinem Selbstverständnis als Friedenspolitiker zu tun hat.

__________________

*Vergleichszahl: Das Welt-Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag im Jahr 2007 bei etwa $ 54,3 Billionen.

**Vergleichszahl: Das BIP der USA betrug in 2009: $ 14,1 Billionen.

***Quelle: Bloomberg, 18. Okt. 2011: www.bloomberg.com/news/2011-10-18/bofa-said-to-split-regulators-over-moving-merrill-derivatives-to-bank-unit.html

 

 

 
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Kommentare
j-ap schrieb am 30.10.2011 um 18:55
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ostello jaeger schrieb am 30.10.2011 um 19:41
es muss nur alles so bleiben wie es ist, damit sich bald etwas verändert. oder interpretiere ich das etwa falsch?
ostello jaeger schrieb am 30.10.2011 um 19:41
es muss nur alles so bleiben wie es ist, damit sich bald etwas verändert. oder interpretiere ich das etwa falsch?
Matto schrieb am 30.10.2011 um 21:39
Sehr gut recherchiert, weil es genau darum geht.
Und genau deswegen braucht Europa eine Zentralbank oder hätte schon vorher eine Zentralbank gebracht, um hier hier Abhilfe vzu schaffen.
Europa braucht wie z.B. auch China eine Bank für Innen und eine Bank für Außen. Nur so kann man sich vor Unannehmlichkeiten schützen. Dies hat man bei der Euroeinführung versäumt.
iDog schrieb am 31.10.2011 um 00:01
Lieber Robert Zion, sie sagen:

"Gegenwärtig jedenfalls scheint niemand mehr die Entwicklung politisch unter Kontrolle zu haben."

Darüber sollten Sie noch einmal nachdenken: Kapitalismus ist eine sehr hierarchisches, nach Hierarchie strebendes System.
Gleichzeitig ist es nicht so komplex wie immer behauptet wird.
Es gibt also Leute, die das System verstehen und benutzen - selbstredend mit partikulärem Interesse. Das Wirtschaftssystem ist das Herrschaftssystem. Dabei kommt es ganz offensichtlich vor, dass keine Kontrolle mehr aus Kreisen der professionellen, also bezahlten Politiker möglich oder erwünscht ist.

Aber gar keine Kontrolle ist doch sehr fatalistisch gedacht. Wer also kontrolliert diese "controlled demolition" des Kapitalismus, der Demokratien, der staatlichen Souveränität?
claudia schrieb am 31.10.2011 um 07:11
>>Wir wissen aus den Folgen von 1929, dass Abschottungs- und Sparpolitik in die Katastrophe führt.<<
Wir wissen auch, wie wir uns verhalten müssen.
Was immer auf Finanzmärkten und Börsen passiert: Weiter produzieren, Gehälter auszahlen, mit den Gehältern die Produkte kaufen und Beiträge in KK und RV bezahlen.

Sollten Produktionsmittelbesitzer uns daran hindern wollen, weil sie Profitverluste befürchen: Dann muss Artikel 15 GG angewandt werden. Und wenn von Regierungsseite die Ausrede kommt: "Aber wir haben doch niemals Gesetze zur Ausführung von 15 GG gemacht": Dafür haben wir Artikel 20.4.

Die Bahnsteigkarte gibt es, wir müssen sie nur benützen. Rechtzeitig, bevor der Zug abgefahren ist.
Rosa Sconto schrieb am 31.10.2011 um 10:12
@ Claudia,
In der Wallstreet ist denen der deutsche Art 15GG so egal wie das Minimum an sozialer Ausgewogenheit, ganz zu schweigen von einem "Sozialen Netz".
claudia schrieb am 31.10.2011 um 10:51
@Rosa Sconto:
Müssen wir in der Wallstreet nachfragen, wie wir uns wirtschaftlich organisieren dürfen und wie nicht?

Das mit der Bahnsteigkarte stammt ja von Lenin:
"Wenn der deutsche Revolutionär den Bahnhof stürmt löst er zuvor eine Bahnsteigkarte"

Heute müsste es also wohl heissen:
"Bevor der deutsche Revolutinär die Produktionsmittel übernimmt fragt er in der New Yorker Börse um die Genehmigung"

Dazu fällt mir nur immer wieder ein:
Hätten die Franzosen 1789 ihren König gefragt ob sie ihn absetzen DÜRFEN, dann wäre die Revolution ausgefallen und Frankreich wäre heute noch eine Monarchie.
Rosa Sconto schrieb am 31.10.2011 um 09:49
Wenn der Kapitalismus denn so einsichtig wäre, ja wenn...

Der Hinweis auf die US Schulden ist eher müssig. Industriell hinkt dieser Vergleich weil zwischen einem Olivenhain und Selicon Valley schon ein grosser Unterschied besteht.

Hier kann bei "Orbis" kann besser recherchiert werden. Die Datenbank enthält Informationen von 46.000.000 aus Europa, 23 Mil aus Nord America, 7 Mil aus Süd & Mittel Amerika und 8 Mil aus Ost und Zentral Asien. Allein die Unterschiede in produktivem Kapital ist nicht vergleichbar.

Das neue Milliardengrab bei der HRE beiweisst nur das die staatliche Kontrolle nicht ausreicht, denn z.B. auch die Landesbanken, die von Sparkassen ihr Kapital erhalten, dürfen mit diesem Kapital wiederum den Sparkassen keine Konkurrenz machen. Was sollen die denn tun mit dem vielen Kapital? Es hilft nichts, eine Transaktionssteuer würde ausreichen.

Eine Transaktionssteuer käme auch dem RMBI entgegen. Japan hält mittlerweile 20 % an Eurobonds. China wird nachziehen. Nur ändert es nichts daran das die geballte Kraft der Gier sich eben in den Köpfen der unverantwortlichen Schufte an der Wallstreet zeigt. Und die werden niemals Zugeständnisse machen. Die haben gegen jede Vernunft zugestimmt das GWB einen Krieg auf Kredit anzetteln konnte.

Die mangelnde Zusammenarbeit der kleinlichen Europäer mit der Obama Administration wird den wohl bei den nächsten Wahlen aus dem Job schiessen und der Nachfolger wird drucken, drucken, drucken. Und da darf es neben dem Dollar keine andere Reserve Währung geben. Schauen wir mal was bald mit Italien geschieht..., und in der Folge mit Frankreich. Es geht da längst nicht mehr um politische Vernunft sondern wer das dickere Baseball-Racket hat um Köpfe einzuschlagen. Wenn die allseitsbeliebte Hassfigur von der Deutschen Bank geht und der Inder dort installiert wird brauchen wir uns eh keine Sorgen über die Schulden der USA machen, sondern sollten hoffen das die USA Europa wieder auf die Beine helfen. Ja,ja, lacht nur...
Robert Zion
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