31.01.2012 | 17:58

Gentrifizierung - ein Modell für deutsche Großstädte?

Unter Gentrifizierung versteht man die städtebauliche Aufwertung ehemals heruntergekommener Stadtbezirke durch Altbausanierung beziehungsweise Neubau hochwertiger Wohnungen und Häuser. Neben der gewünschten Stadtverschönerung resultieren daraus freilich auch unwillkommene Nebenefekte wie höhere Mieten oder Veränderung des emotionalen Charakters eines Stadtbezirks.

Beispiele für Gentrifizierung in Deutschland

Das wohl bekannteste Beispiel für -eine allerdings milde-  Gentrifizierung in Deutschland ist die Umgestaltung der Hamburger Hafenstraße. Wiewohl in den 1980-er Jahren es immer wieder zu Auseinandersezungen zwischen teils autonomen Bewohnern der Hafenstraße und der Polizei gekommen ist, konnte 1987 doch ein Vertrag zwischen allen Beteiligten geschlossen werden, welcher der Mehrheit der  Mieter ihr Wohnrecht beließ und nur bescheidene Neubaueingriffe im Bedarfsfall vorsah. Heute liegt die Verwaltung der Wohnungen der Hafenstraße bei einer gemeinnützigen Genossenschaft. Alles in allem kann diese sanfte Gentrifizierung der Hamburger Hafenstraße als sozialverträgliche Ausbalanzierung der Interessen aller Beteiligter gewertet werden. Schwieriger zu beurteilen ist, ob dieser Balanceakt in Berlin- Kreutzberg ähnlich gut gelingen wird. Berlin-Kreutzberg war bis vor kurzem ein mietmäßig nicht sonderlich teurer Stadtbezirk Berlins. Nun aber ziehen immer mehr wohlhabendere Bürger in diesen Stadtbezirk, und die Mieten beginnen als Folge von Altbausanierung und Neubauten zu steigen. Für viele gebürtige Kreutzberger droht ihr Stadtbezirk deshalb zu teuer zu werden. Erste Konflikte bahnen sich folglich schon an. Ob eine gelungene Lösung wie in Hamburg gefunden werden kann, bleibt abzuwarten.

Fazit

Gentrifizierung ist ein Balanceakt. Einerseits verschönert  sie Stadtbezirke und gibt ihnen somit wieder eine neue Perspekte. Andererseits überfordert eine radikal durchgeführte Gentrifizierung unter sozialen Gesichtspunkten vielfach die eingesessenen Bewohner des Stadtteils. Damit Gentrifizierung positiv wirkt, ist deshalb eine sozialverträgliche Einbeziehung der Alteingessenen -beispielsweise nach dem Hamburger Modell der 1980-er Jahre- absolut unerlässlich.

Diskussion

Ob München, Hamburg, Frankfurt, Berlin oder Rom, Foligno, Venezia, Cremona oder Mailand und Turin - viele Städte haben mit Gentrifizierung bisher erste wenn zum Teil auch bescheidene Erfahrungen gemacht. Da ich derzeit an einem Aufsatz zum Thema schreibe, würde mich interessieren, welche Beispiele Sie liebe Leser kennen und natürlich was Sie davon halten? Für alle die sich für das Thema interessieren - folgen Sie meinem Account - ich werde die Ergebnisse zu diesem Thema auch in Auszügen hier veröffentlichen.

 
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Kommentare
cuchulainn schrieb am 31.01.2012 um 18:18
hier habe ich noch ein schönes beispiel für gentrifizierung ("städtebauliche Aufwertung ehemals heruntergekommener Stadtbezirke durch Altbausanierung beziehungsweise Neubau hochwertiger Wohnungen und Häuser") gefunden:

titanic
cuchulainn schrieb am 31.01.2012 um 18:25
im osten der republik lässt man sich übrigens auch nicht lumpen:

titanic
jens kassner schrieb am 01.02.2012 um 09:13
"Unter Gentrifizierung versteht man die städtebauliche Aufwertung ehemals heruntergekommener Stadtbezirke durch Altbausanierung beziehungsweise Neubau hochwertiger Wohnungen und Häuser."

Habe ich da bisher etwas falsch verstanden? Ich kenne den Begriff seit etwa 20 Jahren so, dass in den heruntergekommenen Stadtgebieten zuerst Aktivisten (Hausbesetzer, Künstler, Freiberufler etc.) eine bunte Szene schaffen. Ist diese so attraktiv geworden, dass auch "alternativ angehauchte" Kleinbürger Gefallen daran finden, setzt die Sanierung ein und die ursprünglichen Akteure werden wegen höherer Mieten und teilweise auch wegen gewandeltem Charakter des Gebietes verdrängt. Prenzlauer Berg ist das Musterbeispiel, Äußere Neustadt in Dresden, Südvorstadt Leipzig weitere. Ein untrügliches Zeichen dafür sind Bioläden und Geschäfte mit indischen Räucherstäbchen.

Kreuzberg wird übrigens ohne t geschrieben. Oder ist das dann das zugewanderte gentrifiziernde Element?
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