Rosa Sconto

Time Well Wasted

10.11.2011 | 18:23

Eine Schere im Kopf

Die Europäische Union hat die Freigabe eines Dokumentarfilms, den sie selbst in Auftrag gegeben und finanziert hatte, heute in einem Akt von Selbstzensur blockiert. Der Film beschreibt das Schicksal von afghanischen Frauen, die für sogenannte "moralische Verbrechen" zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

Die hochbezahlten EU Bürokraten im EU Delegationsbüro zu Kabul rechtfertigen ihre Entscheidung damit, daß sie wegen "sehr realer Sorgen um die Sicherheit der Frauen, die im Film dargestellt werden" den Film zurück gezogen hätten.  Das erinnert mich auf fatale Weise an die Warnungen des US-Aussenministeriums zu den WikiLeaks Veröffentlichunngen. Bekanntlich ist nicht eine einzige Wikiquelle Opfer einer Revanche-Tat geworden. 

Und überhaupt drängt sich mir der Verdacht auf, daß bei der EU eher die Sorge vorherrscht, wegen ihrem Schmusekurs mit dem Karzairegime ins Zwielicht zu geraten.  Was verdammt veranlasst diese Bürohengste sich der Tatsac he zu verweigern daß es ein wirklicher Fortschritt wäre, wenn die schreienden Ungerechtigkeiten der afghanischen Justiz etwas bekannter würden. Die behaupten doch immer das denen die Rechte der afghanischen Frauen so sehr am Herzen liegen können. Naja vielleicht werden nur herzlose Heinis nach Kabul entsandt. 

Die Ungerechtigkeit lässt sich so beschreiben: Die Hälfte der afghanischen Frauen sind Häftlinge, die wegen der "Zina", also wegen moralischen Verbrechen, in Gefängnisse gesperrt werden. Genaue  Zahlen gibt es kaum aber AI und HRW gehen von weit über 2000 aus. Einige der Frauen die wegen der "Zina" verurteilt wurden, hatten sich einer Zwangsheirat wiedersetzt oder sind vor ihren gewaltätigen Ehemännern geflüchtet.

Die Menschenrechts-Aktivistin Ann Jones sagt das Hunderte von den Frauen hinter Gittern einfach nur Opfer von häuslicher Gewalt seien. Auch Amnesty International hat mehrmals über die "schändlichen Praktiken der afghanistanischen Justiz" berichtet. 

Der EU gesponserte Dokumentarfilm erzählt unter anderem die Geschichte einer 19-jährigen Frau Namens Gulnaz. Nachdem sie vergewaltigt wurde, wurde sie wegen Ehebruch verurteilt. Ihre kleine Tochter die in Folge der Vergewaltigung geboren wurde, verbüßt die Haft-Strafe gleich mit ihr im Gefängnis.

"Im ersten Urteil wurde ich zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt", sagt Gulnaz im Film, ihr hustendes Baby im Arm haltend.  "Als ich das Urteil angefochten hatte, wurde es auf 12 Jahre erhöht. Ich habe aber doch gar nichts getan." Es wäre naiv zu glauben, dass die Geschichten die in diesem Film beschrieben werden eine Beonderheit oder extreme Fälle sind. Sie sind alltägliche Realität.

Ein Jahrzehnt nach dem Sturz der Taliban warten die Frauen in Afghanistan immer noch auf Gerechtigkeit. Ja, ich weiss, manche denken jetzt sicher das ich hier durch die Hintertür die Besetzung Afghanistans rechtfertigen würde. Und auch wenn in Deutschland Frauen nach einer Vergewaltigung zur Polizei gehen gibt es oft Probleme für die Frauen. Von unsensiblen Verhörungen und Irgnoranz geprägt wird ein Hilfsersuchen zu einem Spiessrutenlauf, - aber in Deutschland enden vergewaltigte Frauen nicht auch noch nach ihrer Vergewaltigung selbst als Gefangene im Gefängnis.

Für viele Frauen bringt dieser Krieg nichts, - aber für Gulnaz gibt es jetzt die Hoffnung auf Freiheit: Ihr Name ist auf einer Liste von Frauen denen "vergeben" werden soll. Die "Vergebung" für Gulnaz "moralische Verbrechen" wurde aber nur in Erwägung gezogen, weil sie sich bereit erklärt hat nun, nach 18 Monaten innerem Widerstand, ihren Vergewaltiger zu heiraten. "meine Tochter braucht einen Vater", sagte sie zum Schluss im Film. 

Ob ihr Mann ihr dann später die Nase abschneidet, sie mit Säure verletzt oder gleich ganz verschwinden lässt, werden wir wohl nie erfahren. Ich glaube die NATO sollte den Kerlen da den Schnidelwuz verknoten. Das ist nicht so tödlich wie Indianer spielen und nach ein paar Monaten könnte die NATO erfolgreich aus einem verknoteten Afghanistan abziehen.

 
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Kommentare
blog1 schrieb am 10.11.2011 um 23:05
Erschreckend, was Sie hier beschreiben. Das Opfer wird bestraft und der Täter geht straffrei aus.

Die Frage, die sich stellt, ist im Prinzip immer die Gleiche. Wie soll gegen einen Unrechtsstaat vorgegangen werden, wenn die Organe dieses Staates ( in dem Fall die Justiz) dieses Unrecht begünstigen.

Ich habe den Eindruck, dass sich in Afghanistan nichts aber auch nichts geändert hat, was Frauen- und Menschenrechte betrifft. Wenn die Nato dort abzieht, wird innerhalb kürzester Zeit der Taliban wieder die Oberhand gewinnen und dann wird es noch schlimmer. Ein Staat kann sich nur von innen heraus reformieren. Dazu gehört auch, dass sich die ökonomischen Bedingungen verändern. Was man tun kann ist sicherlich, die mediale Aufmerksamkeit auf dieses Unrecht zu lenken, weil das schmeckt diesen Leuten überhaupt nicht.
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