Man fragt sich: was geht nur in den jungen Menschen vor? Innerhalb einer Woche erreichen uns aus Bayern Berichte von erschreckend brutalen Gewalttaten. Die CSU weiß diese Gewaltexzesse für sich zu nutzen. Möglicherweise haben drei nicht einmal 20-jährige Bayern innerhalb einer Woche die Wahl entschieden. Ihr Einfluss auf die Parteien ist jetzt schon groß.
Samstag, der 12.09.2009: Zwei Männer im Alter von 17 und 18 Jahren schlagen und treten einen 50-jährigen Mann an einer Münchner S-Bahn-Station so stark, dass dieser stirbt. Er wollte eigentlich nur helfen. Ihm half niemand. Es war heller Tag und 15 Leute betrachteten untätig das Geschehen. Diese Untätigkeit macht fast mehr Angst als die Tat selbst und ist durchaus als psychologisches und soziologisches Phänomen interessant. Hier soll es jedoch aus der Sicht der Politik geschildert werden. Denn die Nachwirkungen des tödlichen Angriffs sind nicht zu vernachlässigen. Reflexartig schreit die CSU nach einem schärferen Jugendstrafrecht, dichtere Videoüberwachung und mehr Polizeipräsenz. Davon hätte wohl nur letzteres wirklich die Tat verhindern können.
Donnerstag, der 17.09.2009: Es ist in Bayern der dritte Schultag des gerade begonnenen Schuljahrs. Ein 18-Jähriger bewaffnet sich mit einer Axt, Messern und drei Molotov-Cocktails und stürmt die eigene Schule. Es ist das Gymnasium Carolinum. Im Mai 2010 hätte er dort sein Abitur ablegen sollen. Er verletzt mehrere Menschen schwer, wird von Polizisten angeschossen und festgenommen.
Bereits die erste Tat erregte bundesweit große Aufmerksamkeit und nimmt auch Einfluss auf den Wahlkampf vor der Bundestagswahl am 27.09.2009. Bei der TV-Debatte mit den Spitzenkandidaten der Oppositionsparteien kommt ganz zu Beginn bereits die Frage, wie auf die Bluttat zu reagieren sei. Alle geben sich vorsichtig, wissen, dass dies vermintes Gelände ist. Zu leicht kann man potentielle Wähler abschrecken, indem man z.B. Ursachen sucht und dabei der Gesellschaft und damit auch den Fernsehzuschauern, die man von der eigenen Person und Partei überzeugen will, eine Mitschuld gibt. Am Ende sind sich hierbei, obwohl nachher noch, im Gegensatz zum „TV-Duell“ zwischen Merkel und Steinmeier, lautstark gestritten wurde, alle einig. Um die Sicherheit zu erhöhen, benötige man mehr Polizisten. Videoüberwachung und höhere Strafen werden, entgegen der Forderungen der CSU, als sinnlos angesehen.
Durch den zweiten Vorfall, bei dem glücklicherweise niemand getötet wurde, wird sich die CSU wohl in ihren Forderungen bestätigt sehen. Gleichzeitig lobt man die bayerische Polizei und die eigenen Maßnahmen in Reaktion auf die Amokläufe der vergangenen Jahre. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren die Anzahl der Amokläufe und die Versuche solcher Gewalttaten massiv zugenommen haben, wird dabei völlig ausgeblendet. Dabei erscheint es offensichtlich, dass die Gewaltausbrüche zumindest zum Teil eine gesellschaftliche Ursache haben. Bei der tödlichen Schlägerei an der S-Bahn-Haltestelle liegt es auf der Hand. Die Täter kommen aus sozial schwachen Verhältnissen und besuchten die zukunftslose bayerische Hauptschule, an der die CSU festhält. Der Ansbacher Amokläufer ist hingegen Gymnasiast und laut SPIEGEL „aus intaktem Elternhaus“. Doch auch er war Außenseiter in der Schule und vielleicht kam ihm die schreckliche Idee durch die unglaublich große Aufmerksamkeit, die dem Amoklauf in Winnenden vor einem halben Jahr gewidmet wurde. Er sah vermutlich die große Fassungslosigkeit und wollte genau den gleichen Schrecken verursachen und so ebenfalls Aufmerksamkeit erhalten. Zugegebenermaßen sind das nur Spekulationen. Noch weiß man zu wenig über das Leben des Täters. Doch das wird die nächsten Tage sicherlich so ausführlich in allen Medien beleuchtet werden, dass jeder schon annähernd sein Psychogramm erstellen kann. Und bis die nächste labile, ausgeschlossene Person seine Aggressionen mit Blut abkühlen wird.
Sicherlich gab es auch in der CSU teilweise ehrliches Bedauern gegenüber der beiden Ereignisse. Doch im Grunde wird es ihnen Stimmen einbringen. Viele werden jetzt in den Plänen der CSU etwas notwendiges sehen, in den Aussagen über durch die Medien verrohte Jugendliche eine Prophezeiung. Sie kam noch nicht, aber wir können damit rechnen, dass die nächsten Tage wieder die Dämonisierung von Computerspielen, sogenannten „Killerspielen“, ansteht. Ich bin es leid. Die Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen haben nun möglicherweise für Schwarz-Gelb den Wahlkampf gewonnen, da die anderen Parteien in den Augen der bayerischen Bevölkerung zu unentschlossene Politik gegen Jugendliche Straftäter machen. Die Angst, die jetzt überall in den Medien geschürt wird, treibt sie in die Arme der Hardliner der CSU.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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