S.Heinel

Schwarz

11.01.2010 | 19:15

Daisy - Die Presse und sibirische Verhältnisse

Samstag 09.01.2010 - morgens: Das "Problem" mit dem Kinderwagen.


Es ist 10 Uhr 30 und wie jeden Samstag wird es langsam Zeit die Einkäufe für das restliche Wochenende und die kommende Woche zu erledigen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass hier (Stuttgart) einiges an Schnee gefallen ist. Ich entschließe mich daher für doppelte Socken, Wanderstiefel und die Outdoor-Jacke. Am Flecken angekommen überquert gerade eine alte Frau, mehr rutschend und stolpernd, die noch nicht geräumte Straße, um auf der anderen Seite angekommen, im Friseursalon zu verschwinden - so wie jeden Samstag wohl.
Weiter Vorn unterhalten sich 2 Frauen darüber, wie unmöglich der Räumdienst doch arbeite. Ihre Tochter - so die eine Frau - hätte heute früh aufs Shopping verzichten müssen, weil mit dem Kinderwagen ja kein Durchkommen sei. Jetzt, müsse sie auch noch für ihre Tochter einkaufen.





Samstag 09.01.2010 - abends: Daisy & a night out


Mittlerweile ist selbst zu mir durchgedrungen, dass an dem Schneefall Daisy Schuld ist. Die Meteorologen erwarten noch mehr. Das Telefon klingelt und wenig später sitze ich in der Stadtbahn auf dem Weg in die Innenstadt. Wir wollen Einen oder Zwei trinken gehen. In der Bahn fällt mir das junge Paar auf. Vor Allem die Schuhe. Sie sechs Zentimeter Absätze, er Ledersohle. Schönheit muss eben leiden. 15 Minuten Bahnfahrt reden sie ganze zwei Sätze miteinander und das auch nur, weil er ein lustiges Video auf seinem Handy vorführen kann.
In der Stadt fällt als Erstes auf, dass es leer ist. Wo sich die Leute sonst um die Uhrzeit fast schon die Treppen hinauf- und hinunterschuppsen, sind an diesem Abend nur wenige Passanten unterwegs. Es ist unheimlich ruhig.
Die Stimmung in der Kneipe ist dann allerdings mehr als gut und so bleibt es nicht bei ein oder zwei Bierchen und am Ende schaffen wir gerade noch den letzten Nachtbus, der sich tapfer und ohne Verzögerung durch das Schneetreiben kämpft.
Um fünf morgens lasse ich es mir nicht nehmen - auch weil ich leicht angedüdelt bin - und räume mit dem Besen den Neuschnee vor dem Haus weg. Man weiß ja nie.





Sonntag 10.01.2010 - Stifados, Irish Coffee und Kachelofen.


Nach der äußerst ausgelassenen Nacht, fällt das Aufstehen leichter als gedacht. Bis zum frühen Nachmittag bin ich mit Stifados beschäftigt - erst kochender dann essender Weise. Mit Kuchen und einem Irish Coffee verbringen wir den Nachmittag am angeworfenen Kachelofen. Das sonntägliche TV-Ritual beginnt im ZDF mit "heute" und "Berlin direkt", Schliemanns Erben Die versunkene Stadt der Wolkenmenschen. Den ARD Teil des Abends mit Tatort und Anne Will spare ich mir.



Montag 11.01.2010 - Bloggen gegen Daisy



Der Grund diesen Blog überhaupt zu schreiben, liegt in der Printausgabe der Stuttgarter Zeitung von heute. Ein paar Mal dieses Wochenende hatte ich überlegt meinen Gedanken zum medialen Katastrophensuperlativismus Luft zu verschaffen, der Gastbeitrag von Herrn Kachelmann bei Stefan Niggermeier und die Berichterstattung der Stuttgarter Zeitung waren dann das Ausschlaggebende. Sie sind nämlich erfrischend gegen den Mainstream.
Als Aufmacher muss Daisy zwar auch herhalten. Aber schon hier ist die Wortwahl angenehm unaufgeregt "Tief Daisy beherrscht Deutschland - Der Winter hat Vorfahrt | Während Schnee und Wind im Norden zu starken Behinderungen führen, kommt der Süden glimpflich davon."
Erst unter "Aus aller Welt" wird der Ton etwas stromlinienförmiger "Daisy stürzt den Norden ins Chaos" aber die sprachliche Eskalationsstufe bleibt auch hier unter dem aufgeregten Online-Presse Meldungsstaccato der letzten Tage.
Die Glosse "Keine Panik! Winterwetter | Stell dir vor, es schneit - und niemand macht Hamsterkäufe." von Hilke Lorenz trifft dann voll ins Schwarze meiner Stimmungslage.

"Es ist Winter! An einem 11. Januar ist das eigentlich keine Nachricht, für die man die Druckmaschinen anhalten müsste. [...] So einfach war das!"
Warum also diese mediale Aufgeregtheit in den letzten Tagen? Wir, die Bevölkerung, scheinen und ja einigermaßen gut mit Daisy arrangiert zu haben. Möglich, dass sich hier die Presse einfach am Normalbürger rächen wollte. Schließlich konnten wir am Wochenende zu Hause bleiben während die "vielen rotnasigen Reporter in Liveschaltungen zu Autobahnrastplätzen und Bahnhöfen" (Lorenz) sich Daisy schutzlos aussetzen mussten. Nach dem Motto "Wenn wir schon draußen sind um über Daisy zu berichten, glaub ja nicht, dass wir euch, in der Stube vor dem Kamin, in Sicherheit wiegen werden.

Noch ist kein Ende in der Schlacht "Superlativ gegen Ofen" auszumachen. Schon wird aufgerüstet.
"NACH TIEF „DAISY“: EISKALTES HOCH „BOB“ BRINGT SUPER-FROST |Jetzt frieren wir alle fest! | KÄLTE AUS SKANDINAVIEN BRINGT TEMPERATUREN BIS MINUS 20 GRAD" (BILD) dabei hatten wir doch, dank Daisy, bereits "sibirische Verhältnisse" (SPIEGEL online u.a), also -40°C. Wenn uns also jetzt eine Kältewelle droht ... gefriert Vodka, oder?

Dabei gibt es in diesem, wie auch in den letzten Wintern wirkliche Opfer. Die Obdachlosen. Aber die sind nur interessant wenn sie schon gestorben sind und als Zahl in der aktuellen Statistik der Kältetode auftauchen dürfen. Die Autofahrer auf der A20, die ein paar Stunden - wahrscheinlich trefflich versorgt von Technisches Hilfswerk und Rotes Kreuz (Achtung Mutmaßung) - in einer Schneewehe feststeckten, sind natürlich medial viel besser ausschlachtbar der Penner von der Ecke. Das ist, so schreibt Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung "Eine Nacht voller Not, die keiner sehen will" (payed content im Onlineformat, daher kein Link).
Recht hat sie, finde ich. Lasst uns lieber das Lieblingsspielzeug des Deutschen bemitleiden, s'Heiligs Blechle. Immerhin haben es die Obdachlosen wenigstens regional auf "Die Dritte Seite" geschafft.
Wer Herrn Kachelmann, Hilke Lorenz oder mich also von sibirischen Verhältnissen überzeugen will, der wird schon Vodka zum Gefrieren bringen müssen. Bis dahin bleibe ich bei der Meinung, dass eher der Superlativismus der Presse als der Winter sibirische Verhältnisse erreicht.
 
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Kommentare
lebowski schrieb am 14.01.2010 um 07:44
Ich werde den Eindruck nicht los, dass es sich beim DWD zwar um eine verschnarchte aber doch grundsolide Institution handelte.
Wenn Uwe Wesp die Wetterprognose vortrug, erinnerte das immer etwas an Derrick.
Dem DWD mögen bei einigen Umwetterprognosen Fehler unterlaufen sein, aber die Meteorologie ist ja auch keine exakte Wissenschaft, da gehts immerhin um nichtlineare Dynamik.
Dann kamen die Kachelmänner und haben dem DWD das Feld streitig gemacht, ua damit, dass sie diese Fehler genussvoll angeprangert haben wie Kachelmann das ja auch bei Niggemeier wiederholt hat. Jetzt gibt es auch in diesem Feld Wettbewerb und der ist ja bekanntlich immer gut.
Mittlerweile jubelt der DWD aus Ängstlichkeit jeden Luftzug zum Orkan hoch und aus jedem Minimalfrost wird die "klirrende Kälte", die Deutschland "fest im Griff" hat.
Die Fehlprognosen des DWD sind nichts im Vergleich zu den alarmistisch-medialen Verheerungen, die tendenziell eher Kachelmann zu verantworten hat. Schließlich beklagt er sich über die Geister, die er selber gerufen hat.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.01.2010 um 07:48
Ben Wettervogel. Eine Unverschämtheit dieser Künstlername. Darüber ärgere ich mich immer. Das sagt doch alles darüber aus, wie seriös dieser Wetterhokuspokus beim Staatsfunk zu nehmen ist.
Lese nur noch im www das Wetter. Diese TV-Fuzzis sind mir einfach zu bekloppt.
S.Heinel schrieb am 14.01.2010 um 08:29
Danke für den schönen Kommentar.

"Konkurrenz belebt das Geschäft" heißt es ja so schön. Das Schlimme bei der Meteorologie, ist, dass wohl die größte Gefahr darin besteht, dass der Kunde am Ende auf der Strecke bleibt.
Je öfter DWD und Kachelmänner unzutreffende Katastrophenmeldungen medial aufgebauscht an die Öffentlichkeit "jubeln", desto unglaubwürdiger wird die nächste Hiobs-Botschaft. Wenn dann tatsächlich Mal "sibirische Verhältnisse" ins Haus stehen, glaubt es kein Mensch mehr.

Aber wer ist Schuld?

- Die Wetterdienste, die im Zweifel lieber einmal zuviel warnen?

- Der Bürger an sich, der sich auch einfach ein differenziertes Bild aus Wetterdienst und Presse machen könnte. Stichwort: Vor die Haustür gehen.

- Die Presse, die wegen eines regional ausgerufenen Katastrophenalarms Deutschland in eine neue Auszeit führt? Schließlich hatten auch die Medien die Möglichkeit die Prognose mit der Wirklichkeit zu vergleichen.

Eine schöne Geschichte noch am Schluss. Sie wurde in einem der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenformate erzählt:

Da stand eine schon etwas ältere Dame vor ihrem zugeschneiten und eingewehten Haus auf Fehmarn und lachte den Kameras entgegen. Es war trotz aller Unnanehmlichkeiten von der Außenwelt abgeschnitten zu sein auch schön gewesen. Ihr Mann hätte nicht zur Arbeit gemusst und so hätten sie Mal wieder seit langem einen Tag mehr für sich Zeit gehabt.
S.Heinel schrieb am 14.01.2010 um 08:32
@chrisamar:

Mir geht es da ähnlich. Derneulich haben wir uns die ganze Wettersendung im dritten über Kachelmanns' Kleiderordnung ausgelassen, ohne eine Silbe der Prognose mitzubekommen. Als wir das hinterher dann feststellten war das Gelächter groß. Der Himmel ist uns am nächsten morgen trotzdem nicht auf den Kopf gefallen ;)
Hermanitou schrieb am 14.01.2010 um 08:21
Es ist zu beobachten, daß der Kachelmann mit seinen Katastrophenwetterfröschen derzeit kräftig zurückrudert. Erst hat er die Leute verrückt gemacht und poppt eine simple Wettervorhersage zu einem Mega-Event auf (Unwetter- Blitzeinschlag- und ähnliche dümmliche Karten) und dann lehnt er sich zurück und schiebt dem DWD den schwarzen Peter zu, weil der aus dem bißchen Schnee, den wir derzeit haben,zu einem Teil von Sibirien macht.
Jenseits davon gehört die ständige Panikmache mittels Wetter, ***-grippen, Lebensmittelverunreinigungen u.a.m. zu einer Strategie, die Leute hier so zu beschäftigen, daß sie nicht an ihre eigentlichen Probleme denken. Daisy ist demnächst der Schnee von Gestern....
S.Heinel
Schreiben gegen die Ohnmacht, gegen geistige Übelkeit, gegen politische Verlogenheit. Schreiben für mehr Wahrheit in der Politik.
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