S.Heinel

Schwarz

03.12.2009 | 10:58

Minarettverbot als Ausdruck einer demokratischen Systemkrise

Die gegenwärtigste und punktuell wahrhaftigste Politik ist die in einer direkten Demokratie, da von Plebiszit zu Plebiszit neu informiert, neu diskutiert und vor Allem sich neu positioniert werden muss.
Daher ist die Politik in einer direkten Demokratie weder links noch rechts sondern real und kommt in ihrer Gesamtheit aus der Mitte.

Die Kurzsichtigkeit mit der hier gegen die direkte Beteiligung mündiger Bürger am demokratischen Entscheidungsprozess argumentiert wird, ist erschreckend. Denn der Schweizer Volksentscheid zeigt deutlich, dass eben nicht das Werkzeug Pelbiszit versagt hat, sondern im Vorfeld gerade die Organe der repräsentativen Demokratie an den Bürgern vorbei argumentiert hatten. Es ist der Ausdruck einer Systemkrise der repräsentativen Demokratie, wenn der Souverän so deutlich anderer Ansicht ist, als seine von ihm gewählten Vertreter und diese davon nichts geahnt haben wollen.

Nicht die Minarette wurden wirklich in der Abstimmung behandelt, sondern die ausgewiesene Angst vor einer nicht greifenden Integrationspolitik, vor dem gefährlichen Islamisten und deren Radikalisierung. Jeder Schweizer also, der seiner Regierung zeigen wollte, dass sie sich mehr mit der Integration und der Verständnisbildung gegenüber anderer Kulturen hätte beschäftigen sollen, beziehungsweise besser kommunizieren hätte müssen, dass sie dies auch tatsächlich tut, hatte keine andere Wahl als sich für das Verbot auszusprechen.

Das dieser Umstand von den rechtslastigen populistischen Kräften der Schweiz erkannt wurde und auf das Minarett verdichtet und zugespitzt wurde ist fatal. Dass sich sowohl Kirchen als auch die gemäßigten bis linken Parteien in Sicherheit wogen, zwar Jedem versicherten das Votum würde eindeutig kontra Minarett ausfallen, aber ansonsten nicht offensiv für ihre Integrationspolitik eintraten, ist noch fataler.

Das die repräsentative Demokratie in Deutschland eben auch in jener Systemkrise steckt, dass sich nämlich die Politik zusehends vom Willen des Souveräns abkoppelt – und das sogar sehr bewusst – wurde bei der letzten Wahl im September dieses Jahres deutlich zum Ausdruck gebracht. 

27,8 % Nichtwähler sind 17,3 Millionen Bürger, die die Volksvertreter nicht erreicht haben. Auch das deutliche prozentuale Zusammenrücken der Parteien ist Ausdruck dieser Entkopplung. Keine der etablierten Parteien kann heute mehr beanspruchen auch nur einem einzigen Bürger Ansatzweise inhaltlich zu erreichen. 

Nicht der Souverän versteht die Komplexität der Politik nicht mehr, sondern die Politik hat aufgehört die Bedürfnisse einer modernen Gesellschaft zu verstehen und agiert von eigenen Interessen und Bedürfnissen geleitet.

Direkte Volksentscheide sind ein Mittel diese Diskrepanz zu eliminieren und den politischen Entscheidungsprozess hin zu einer lebhaften partizipatorischen Demokratie zu führen. 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goch schrieb am 03.12.2009 um 15:56
Nicht der Souverän versteht die Komplexität der Politik nicht mehr, sondern die Politik hat aufgehört die Bedürfnisse einer modernen Gesellschaft zu verstehen und agiert von eigenen Interessen und Bedürfnissen geleitet.
So sehr ich deine Gesamtintention bedenkenswert finde, habe ich doch ein Problem, wenn du schreibst:die Politik agiert von eigenen Interessen und Bedürfnissen geleitet.
D i e Politik gibt es nicht, sondern Parteien, die Interessen vertreten und rechte Parteien vertreten die ökonomischen Interessen einer kleinen radikalen Minderheit, die es als Allgemeininteresse zu bemänteln gilt. Die interessieren die Interessen der Mehrheit nicht, sondern sie scheinargumentiert im Sinne einer Mehrheit. Das hierbei Wiedersprüche auftreten, wie in der Schweiz sind selbstverständlich.
Natürlich wurden überall in Europa Arbeitskräfte angeworben und es sind Menschen gekommen.
Das war den rechten Parteien und ihren Drahtziehern solange egal, wie das kein Problem war bzw. konstengünstig gelöst werden konnte.
Wieder zurückschicken, abschieben, mit Billigjobs als Konkurrenz halten etc.
S.Heinel
Schreiben gegen die Ohnmacht, gegen geistige Übelkeit, gegen politische Verlogenheit. Schreiben für mehr Wahrheit in der Politik.
Ort:
Stuttgart
Mitglied seit:
2 Jahre 25 Wochen
Zuletzt aktiv:
15.07.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 21
Kommentare: 211
Logbuch
13:10
doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
13:06
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
13:06
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:50
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:50
Querdenker hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG