S.Heinel

Schwarz

10.05.2010 | 15:42

Superwahltag

Wenn Sie heute noch in Nordrheinwestfahlen unterwegs sein sollten, nehmen Sie sich einen Augenblick in einer Straße mit viel Publikumsverkehr Zeit. Zählen Sie die vorbeigehenden Passanten durch; eins – zwei; eins – zwei; Wähler – Nichtwähler; Wähler – Nichtwähler.

Erschreckend der Gedanke, dass fast jeder zweite Bürger, der an Ihnen vorbeitrottet gestern nicht wählen war? Ich versichere, es wird über die nächsten Jahre noch schlimmer werden. Denn getreu dem aus dem Fußball entlehnten Motto „Nach der Wahl ist vor der Wahl“ bleiben der Bundesregierung maximal 6 Monate, bis sie wieder auf landespolitische Machtfaktoren eingehen muss. Durch die voraussichtlich veränderten Machtverhältnisse im Bundesrat ist die Regierung dazu noch in ihrer Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit eingeschränkt. Gedankenspiele des EU-Kommissars Öttinger, des Landeschef von Hessen Kochund des Umweltministers Röttgen, die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken auch ohne Bundesrat durchsetzen zu können, mögen  als juristisch unbedenklich eingestuft werden, haben aber nüchtern betrachtet keine Grundlage. Sollte sich die Regierung tatsächlich zu einem solchen Hussarenstück hinreißen lassen, wäre das das Ende der Regierbarkeit. Fortan würde die Mehrheit des Bundesrat( SPD und Grüne) jedes andere Unterfangen blockieren.

 

Rien ne va plus

Neben diesem aktiven No Go wird sich das politische Deutschland von Ende 2010 bis Anfang 2012 und dann wieder ab Ende 2012 zum üblichen „Rien ne va plus“ verabreden. Grund sind die in den kommenden Jahren anstehenden Landtags- und Kommunalwahlen. Man darf sich ob dieses Wahlkampfslaloms nicht wundern, wenn Frau Merkel und ihre Kompagnons  eher auf den Machterhalt 2013 hinarbeiten, als tatsächliche Regierungsarbeit zu leisten. Richtlinienkompetenz, Regieren statt Reagieren und die Regierungskoalition endlich unter einem übergreifenden Thema arbeiten lassen, hat die letzten 6 Monate vor der NRW-Wahl nicht funktioniert. Daran wird sich auch in den nächsten 3 Jahren Dauerwahlkampf nichts ändern. Die Legislaturperiode ist politisch schon am Ende bevor sie richtig begonnen hat.

 

Die Ausrede Bundespolitik

Die dümmste aller Ausreden am Wahlabend nach Bekanntmachung der ersten Ergebnisse, war die Einschätzung auf Verlierer- wie auf Gewinnerseite, dass bundespolitische Themen am Ende den Ausschlag gegeben hätten. Dem hat die Forschungsgruppe Wahlen e.V. in ihren Analysen  zuletzt widersprochen:

Profitierte die CDU 2005 von der großen Unzufriedenheit mit der rot-grünen Bundesregierung, liegen die zentralen Ursachen für das Wahlergebnis heute in NRW selbst. Zwar gibt es an Rhein und Ruhr auch Unzufriedenheit mit der schwarz-gelben Bundesregierung, einen Denkzettel in Richtung Berlin wollten deshalb aber nur 15 Prozent der Befragten erteilen. Grundsätzlich war für 41 Prozent die Politik im Bund, aber für 55 Prozent die Politik in Nordrhein-Westfalen wichtiger.

 

Prüft man diese Argumentation zusätzlich gegen die miserable Wahlbeteiligung, so liegt die Folgerung nahe, dass 40% aller Wahlberechtigten keine Notwendigkeit sahen dem Bund einen „Denkzettel“ zu verpassen – die Nichtwähler nämlich. Wahrscheinlicher ist, dass sie weder Landes- noch Bundespolitik, mangels Alternativen, sonderlich interessiert.
 Auf der anderen Seite grenzt diese Einstellung schon an Hohn. Denn indem man die Wahl zu einer „Denkzettel-Wahl“ stilisierte und selbst Herr Rüttgers auf diesen Zug aufsprang, sprach man auch gleichzeitig dem mündigen Wähler die Kompetenz und das Recht ab, zwischen landespolitischen und bundespolitischen Themen unterscheiden zu können und zu dürfen. Sich danach über die Wahlbeteiligung zu echauffieren ist Bigotterie par excellence.

 

Dabei gibt es aus meiner Sicht ein strukturelles Mittel, das helfen kann, Politiker zum aktiven politischen Handeln zu zwingen und die Wahlbeteiligung also die Partizipation der Bürger am politischen Geschehen zu erhöhen.

 

 

Die Zusammenlegung aller Wahltermine, die den deutschen Wähler betreffen, auf einen einzigen Tag, den Superwahltag

 

Die Schwierigkeiten sind dabei klar:

 

Dauer der Legislaturperioden

Vom Landesparlament bis in die Kommunen müssten sich Abgeordnete und Bürgermeister möglicherweise zweimal einer Wahl stellen oder länger regieren dürfen. Das würde auf natürliche Weise entweder scharfen Protest aus den Reihen der Regierenden, auf der anderen Seite aus der Opposition heraus hageln. Die Regierenden wollen ihre gewählte Zeit an der Macht bleiben ohne sich ein zweites Mal prüfen lassen zu müssen, die Opposition will natürlich keinen Tag länger als nötig in der Opposition bleiben.

Änderung der Dauer von Legislaturperioden

Auch die Dauer von Legislaturperioden müssten angeglichen werden. Schließlich wird die Kommunalverwaltung in den einzelnen Bundesländern schon auf vier, fünf oder gar sechs Jahre gewählt. Um immer den gleichen Wahltag für alle Wahlgänge zu erhalten müssten diese angepasst werden und zwar auf fünf Jahre. Nicht weil dort das rechnerische Mittel liegt, sondern wiederum weil das Europäische Parlament auf 5 Jahre gewählt wird. Hier kann ich mir durchaus vorstellen, dass das Fass von Europakritikern und konservativen Kreisen überläuft.

 Die „kleinen“ Wahlkämpfe gehen unter

Wer schert sich noch um die kommunalen Angelegenheiten, wenn gleichzeitig über eine politische Landschaft in Deutschland oder gar in Europa entschieden werden muss. Niemand, so könnten Gegner argumentieren. Ich halte es da eher mit einem Allgemeinplatz den auch Lorenzo di Giovanni am Wahlabend der NRW-Wahl belegte: Der Bürger ist mündig und clever genug um sich auch auf vier bis fünf verschiedene Wahlen konzentrieren zu können.

 

 

Die positiven Aspekte einer solchen Reform überwiegen:

 

 Eine Wahlkampfzeit – viele Wahlkämpfe – viele Wahlprogramme

Nach den heutigen Regeln fängt der Wahlkampf zur Bundestagswahl spätestens 6 Monate vor dem Wahltermin an und gewinnt je nach Lage vonLandtagswahlen frühestens nach der letzten dieser Wahlen an Schärfe.
Gestehen wir also dem Superwahltag auch eine solche Dauer zu. Es gäbe nur einen Wahlkampf und die verschiedenen Parteien und Gruppierungen müssten sich weitaus mehr mit ihren Wahlprogrammen vertikal wie dann auch horizontal differenzieren.
Soll heißen, es reicht dann nicht mehr die Eckpunkte der Bundespartei auf Länderebene herunter zu brechen und in Landesfarben zu verpacken. Aus dem Einheitsbrei der Wahlprogramme in vertikaler Ebene würde somit ein differenzierteres Bild über das dann der Wähler gesondert abstimmen kann.

 Gesicherte Verhältnisse für fünf Jahre

Wer heute regiert muss ganz selbstverständlich – so scheint es zumindest – seine bundespolitischen Themen von Landtagswahl zum Landtagswahl dem jeweiligen Geschmack anpassen, um nicht, wie eben jetzt bei der NRW-Wahl passiert, die Bundesratshoheit zu verlieren und damit praktisch regierungsunfähig zu werden. Mit dem Superwahltag wären es von der Unterschrift unter den Koalitionsvertrag bis zum Auftakt des nächsten Wahlkampfs viereinhalb Jahre gesicherte Verhältnisse – ob diese gut oder schlecht sind muss nicht berücksichtig werden. Es sind so oder so klare Verhältnisse. Und solch Absurdes wie eine Landtagswahl als Klatsche für den Bund zu missbrauchen, gehörte der Vergangenheit an.

Politiker müssten Politik machen – Regiernde regieren

Allerdings hat die Sache, vor Allem für Politiker einen Haken, sie müssten tatsächlich Politik machen und könnten sich nicht mehr alle paar Monate in Wahlkampfrethorik zurückziehen. Konzepte können daher aber auch auf fünf Jahre angelegt sein und sich nicht bis zur nächsten Landtagswahl hinter machttaktischem Geplänkel verstecken. Es könnte tatsächlich endlich „durchregiert“ werden und seit langer Zeit wieder so etwas wie Spielraum zur Gestaltung von langfristigen Ideen gegeben sein. 

Wahlbeteiligung auf Allzeithoch

Schließlich würde sich durch diese Reform auch die Wahlbeteiligung erhöhen, denn die Fokussierung auf einen Tag. Die eine Chance in fünf Jahren der Kommune, dem Land, dem Bund und Europa die Meinung sagen zu können werden sicher mehr in Anspruch nehmen. Diejenigen, die bei einer Kommunal- oder Landtagswahl zu Hause bleiben, weil sie das nicht interessiert aber bei einer Bundestagswahl dann doch das Wahlrecht in Anspruch nehmen, würden dann so oder so den Weg zum Wahllokal machen und könnten die restlichen Wahlzettel ausfüllen oder wenigstens ungültig abgeben. So würde das aktiv wahrgenommene Wahlrecht zu einer suggestiv-passiven Wahlpflicht.

 

Es gibt viele Hindernisse zu überwinden und es ist zu befürchten, dass solche Ideen zur Reform schon daran scheitern, dass die Politiker unwillig sind auch nur auf einen Tag Macht zu verzichten. Wenn dem allerdings so ist und sie sich nicht auf die Lösung dieser strukturellen Probleme einlassen, dürfen sie sich in Zukunft auch nicht darüber wundern, dass die Wahlbeteiligung unter 50% und tiefer fallen wird.

 

Der einzig mögliche Termin für ein solches Unterfangen muss der Termin zur Wahl des Europäischen Parlaments sein. Diese Wahl betrifft als Einzige nicht nur Deutschland, sondern die gesamte Europäische Union. Die nächste Wahl zum EU-Parlament ist im Frühjahr 2014. Zeitgleich sind einige Landtags und Kommunalwahlen angesetzt. Zumindest die könnten auf einen Tag gelegt werden, das wäre ein Anfang.

 

Ein weiteres wesentliches Problem habe ich bisher noch außer Acht gelassen, weil ich dafür noch keine persönliche Lösung gefunden habe. Was passiert bei Neuwahlen außerhalb des Turnus. Also bei einer Regierungs- oder Parlamentsauflösung. Über die Zeit würde, so der Verdacht, dieses demoktratische Mittel wieder zu einer Streuung der Wahltermine führen. 

 

Wahltermine in der Bundesrepublik Deutschland – wahlrecht.de

 

(Ich bin mir sicher hier einiges noch übersehen zu haben und auch manches einfach nicht zu wissen. Für Ergänzungen bin ich dankbar und würde diese dann hier wenn nötig und möglich auch noch einfügen - Stichwort: Wachsender Text)

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 10.05.2010 um 18:25
Dazu gäbe es eine Menge anzumerken. Ich greife einen Punkt heraus: Wir haben 16 Bundesländer. Das sind ungefähr zehn zuviel. Dringend müssten größere, lebensfähigere Einheiten gebildet werden. Allein diese Reform würde die Wahlgänge innerhalb einer Periode deutlich reduzieren.

Einen weiteren zentralen Punkt hast Du schon selbst erkannt: Neuwahlen außerhalb des Turnus. Jedes Parlament muss die Möglichkeit der Selbstauflösung haben, insbesondere dann, wenn die gewählte Regierung keine (stabile) Mehrheit mehr hinter sich hat. Einen Regierungswechsel herbeizuführen, ohne den Wahlbürger zu fragen, etwa nur durch die Möglichkeit eines konstruktiven Misstrauensvotums, wäre nicht demokratisch.

Deshalb, denke ich, ist mein Vorschlag praktikabler, auch wenn (irrationale) landsmannschaftliche Beweggründe dagegenstehen.
S.Heinel schrieb am 10.05.2010 um 18:36
Ich hatte überlegt den Punkt auch aufzugreifen, aber wegen der Länge des Blogs dann doch unterlassen.

Allein die Stadtstaaten + Saarland in die angrenzenden größeren Bundesländer zu integrieren wäre ja ein Anfang, ist aber auch schon im Falle Berlin-Brandenburg 1996 versucht worden und an einem Volksentscheid aus Mangel an Beteiligung Seitens Brandenburg gescheitert.

Ich könnte mir bei meinem Vorschlag allerdings vorstellen, dass dann eben die "Zwischenwahl" das neue Parlament nur für die restliche Zeit bis zur nächsten tatsächlichen Wahl wählt und dann trotzdem wieder turnusgemäß am Superwahltag alles wählt.
Tessa schrieb am 11.05.2010 um 11:30
Ich war gestern auf einem Vortrag des Politikwissenschaftliers Christoph Bieber, dessen These war, dass im Zuge einer weitersinkenden Wahlbeteiligung sich eine substantielle Debatte um Reformen der Wahlsysteme entfachen würde, die es dem Bürger leichter machen seine Stimme abzugeben, auch z.B. über das E-Voting. Er fasste dies unter den schönen Begriff: Convenience Voting.

Er schreibt u.a. ein recht spanndenes Blog hier: internetundpolitik.wordpress.com
mh schrieb am 11.05.2010 um 11:44
wenn ich politikverdrossen bin, ändert sich das nicht durch evoting.

allerdings würde solche aktionen gut ins bild derer passen, die politikverdrossen sind .. immer fein am thema vorbeioperieren.

mfg
mh
S.Heinel schrieb am 11.05.2010 um 12:31
"Convenience Voting" gibt es im Wahlsystem der BRD schon seit 1957. Die Briefwahl ist ja nichts anderes. Und der Anteil der Briefwähler bei der Bundestagswahl steigt mit jedem Wahltermin seither. 2009 waren es laut wahlrecht.de 21,4%. Quelle

Dabei gilt zu beachten, dass seit 21.3.2008 kein Hinderungsgrund mehr nötig ist um per Briefwahl zu wählen. Allerdings so führt wahlrecht.de aus, wurde schon vor der eigentlichen Gesetzesänderung oft auf die Prüfung des Hinderungsgrunds verzichtet.

Fraglich ist natürlich ob der prozentuale Zuwachs an Briefwählern auch aus dem Nichtwähler-Lager kommt oder nur die Bequemlichkeit der Wählenden wiedergibt. Und natürlich muss man sich fragen ob evoting überhaupt Nichtwähler und Politikverdrossene mobilisieren kann.

Der logische Schritt ist aber dennoch die Einführung von evoting, ganz abgesehen ob das an den Politikverdrossenen vorbeigeht oder nicht.
S.Heinel schrieb am 11.05.2010 um 12:38
@Tessa: Sehr interessanter Blog. Danke dafür.

In Berlin fand übrigens am Wahlwochenende das Open Democracy Camp statt. Grob gesagt ein Treffen von Politikwissenschaftlern und Software-Entwicklern zum Thema Demokratie im Netz.
Organisiert wurde das Ganze von Liquid Democracy und Open Data Network/

Einen ausführlicheren Bericht gibt es hier

Allerdings muss ich mh (schrieb am 11.05.2010 um 11:44) zustimmen. Ob Briefwahl, evoting, oder andere Formen der demokratischen Teilnahme über das Netz, solange die Politik Verdrossene erzeugt, hat sie wichtigere Probleme als strukturelle Änderungen im Wahlsystem.

Zudem löst Convenience Voting das Problem der Wahl-(kampf)-Verzettelung nicht.
Tessa schrieb am 11.05.2010 um 13:10
Dass ein E-Voting die Politikverdrossenheit nicht löst, ist völlig richtig. Allein bei der großen Gruppe der sehr jungen Nichtwähler könnte ich mir vorstellen, dass so Wähler mobilisiert werden könnten.

Weitere Dinge die gegen die Einführung des E-Votings führen sind die enormen technischen Hürden für ein sicheres System und die damit verbundenen Kosten, die kaum in Relation zu dem tatsächlichen Nutzen stehen würden.
mh schrieb am 11.05.2010 um 13:48
ich find briefwahl ganz gut gelöst. der aufwand ist minimal und man spart den gang zum wahllokal. also ich brauch das nun nicht zwingend noch per netz.

mfg
mh
Fritz Teich schrieb am 11.05.2010 um 13:53
Die Politikverdrossenheit der Waehler ist vielleicht nur eine Folge der Politikverdrossenheit der Politiker. Wann gabs denn zuletzt eine echte Debatte. Das ist eigentlich nur Koch in der Frage der doppelten Staatsbuergerschaft gelungen. Das Abstimmen per Mouseclick macht die Wahl noch beliebiger.
S.Heinel schrieb am 11.05.2010 um 16:12
@Fritz Teich:

"Das Abstimmen per Mouseclick macht die Wahl noch beliebiger."

Also bei mir sind es 5 Minuten Fußweg zum Wahllokal. Und die sollen der Beliebigkeit den Garaus machen?

Mit einem Superwahltag wäre Politikverdrossenheit bei Politikern nicht mehr möglich, denn sie könnten diese nicht mehr mit Wahlkämpfen kaschieren. Viereinhalb Jahre zu tun, als ob wäre verdammt schwer.
B.V. schrieb am 12.05.2010 um 12:30
mh: "ich find briefwahl ganz gut gelöst. der aufwand ist minimal und man spart den gang zum wahllokal. also ich brauch das nun nicht zwingend noch per netz."

Genau. E-Voting kann man ja zusätzlich machen, wenn man die anderen Wahlmöglichkeiten nicht abschafft. Ansonsten würde der Zugewinn sich ganz schnell bei den Älteren als Verlustgeschäft erweisen, soll heißen, die Wahlbeteiligung würde noch mehr sinken, wenn es nur noch E-Voting gäbe.

tessa: "Weitere Dinge die gegen die Einführung des E-Votings führen sind die enormen technischen Hürden für ein sicheres System und die damit verbundenen Kosten, die kaum in Relation zu dem tatsächlichen Nutzen stehen würden."

Guter Einwand. Aber auch ich glaube, diese Diskussion geht am eigentlichen Thema vorbei.

mh: "allerdings würde solche aktionen gut ins bild derer passen, die politikverdrossen sind .. immer fein am thema vorbeioperieren."

Das eigentliche Thema wäre nämlich die Frage nach den Gründen für die Politikverdrossenheit und nicht was technisch (im weitesten Sinne, auch polit-technisch) ;-)
eine Wahlbeteiligung ermöglicht.
Fritz Teich schrieb am 13.05.2010 um 01:05
<<
Politikverdrossenheit bei Politikern nicht mehr möglich, denn sie könnten diese nicht mehr mit Wahlkämpfen kaschieren.
>>

5 Minuten Laufen und ein Mausclick sind schon etwas extrem unterschiedliches, ueberhaupt dass Du Dein Kreuz auf Papier machst. Sowas wie die preussische Nacht. Oder wie die Belgier fuer die Gueltigkeit einer Verfassungsaenderung Neuwahlen und eine zweite Abstimmung verlangen. Es ist eine Verzoegerung. Und dass Wahlkaempfe der Grund fuer Politikverdrossenheit der Politiker sein koennte, kann ich nicht erkennen.

Der Nescovic in Cottbus war ein gutes Beispiel dafuer, wie ein Politiker meiner Meinung nach gerade nicht sein sollte. Er hat den Leuten Unsinn ums Maul geschmiert, was sie vermeidlich hoeren wollten, und behauptet, er veranstalte kein Seminar. IMHO haette er die Leute lieber seminarmaessig ansprechen sollen, wenn auch in ihrer Sprache. Es gibt Dinge, die werden falsch, wenn man sie vereinfacht, und die Leute sind im Zweifel klueger als erwartet. Man muss das Niveau der Debatten heben. Wann man solche Debatten fuehrt ist egal. Dass Nescovic in Cottbus mit seiner Methode Erfolg hatte, ist kein Argument dagegen. Wir wissen ja nicht, wie es im anderen Fall gewesen waere.
Fritz Teich schrieb am 13.05.2010 um 01:09
Irgendwer hat mal gesagt, das Volk sei nicht tuemlich.
Fritz Teich schrieb am 13.05.2010 um 01:26
Tessa:

<<
Allein bei der großen Gruppe der sehr jungen Nichtwähler könnte ich mir vorstellen, dass so Wähler mobilisiert werden könnten.
>>

Es gibt im Moment alle moeglichen Mobilisierungscampagnen. Besonders interessant scheinen die Waehler der Piratenpartei zu sein. Jeder schreibt ueber das Internet. Ziemlich undurchdacht, soweit ich Jens Jessen gelesen hab, eben in der Bahn, bis hin zu so unsaeglich schwachsinnigen Veranstaltungen wie re:publica und dem Blog der FAZ. . Dass einer ein Kreuzchen macht, ist auch noch kein wirklicher Fortschritt. Im Sinne eines politischen Engagements. Die politischen Fragen muessen besser formuliert werden.

Es ist wohl ein einerseits ein allgemeines gesellschaftliches Problem, siehe auch wie Aemter zu Service-centern umgebaut werden, Arbeitslose als Kunden der Arbeitsaemter, Wahlen als Dienstleistungsangebot sozusagen, andererseits eine Folge der Verlagerung der meisten Verantwortung nach Bruessel, einerseits wegen des Vorranges des EU-Rechtes, andererseits weil sich ueber Bruessel leichter Politik machen laesst. "Organisierte Verantwortungslosigkeit" hat der deutsche Richter am EuGH gesagt. Das meine ich mit Politikverdrossenheit der Politiker. Es ist kaum mehr moeglich, inhaltliche Wahlkaempfe zu machen. Und wo es moeglich waere, wird es nicht gemacht, siehe -- grob vereinfacht - oben zu N in CB.

Naja..
fiance schrieb am 11.05.2010 um 19:16
Ich habe es in einem anderen Artikel schonmal, ein bisschen satirisch, angedeutet:

Man könnte die realen Sitze im Parlament doch der Wahlbeteiligung anpassen. 60% Wahlbeteiligung, nun dann werden eben auch nur 60% der Plätze besetzt. Ich glaube die Politiker würden sich dann schon mehr ins Zeug legen die Wahlbeteiligung zu heben.

Überhaupt, ich finde es begrifflich falsch hier von "Politikverdrossenheit" (häufig, nicht hier aber anderswo, noch in Bezug zu der Jugend genannt) zu benutzen. Die Menschen in Deutschland sind nicht Politik,- sondern Parteiverdrossen, und zwar kombiniert mit einer gewissen Scheu für unetablierte Parteien. Die Medien leisten auch ihren Beitrag dazu.
Mehr partizipative Momente, auch auf Bundesebene, würden sicher auch gutes leisten. Vom Wahlauftrag her, sollte man es dann eben eher halten wie bei einer Petition, als strikte Anweisung an den Bundestag der Beratung, samt berücksichtigung des Wählervotums, der jeweiligen Sachfragen. Und wer jetzt mit dem Minarettverbot kommt, soll sich erstens mal anschauen was die rechten Parteien mit ihrem Populismus in dieser Richtung erreichen, und sei zweitens darauf hingewiesen, dass das Verfassungsgericht damit ja nicht seine Aufgabe verlieren müsste.

Die Idee eines Superwahltages überzeugt schon, reicht alleine jedoch nicht aus.
S.Heinel schrieb am 12.05.2010 um 09:33
Die Idee ist richtig gut. Da würden die Politiker am Wahltag wahrscheinlich in ihrem Wahlkreis die Leute noch persönlich abholen.

Zusätzlich, und das dürfte auch Achtermann sicher wieder gefallen, könnte man generell die Landtage und den Bundestag verkleinern, indem man Wahlkreise zusammenlegt. Es ist mir zum Beispiel schleierhaft warum Städte mehr als einen Wahlkreis brauchen. Stuttgart hat zum Beispiel 2, Berlin ganze 12.
Fritz Teich schrieb am 13.05.2010 um 01:42
Vielleicht befasst Du Dich mal mit dem Wahlrecht, wozu Wahlkreise usw. Sie sollen annaehernd gleich gross sein.
S.Heinel schrieb am 13.05.2010 um 11:17
Das Wahlkreise, nach der heutigen Gesetzesgrundlage (BWahlG §2, §3 und Anlage zu §2 Abs2) die gleiche Einwohnerzahl haben sollen (+- 15% immerhin), ist mir klar.

Diese Einteilung ist durchaus problematisch

Stichwort Gerrymandering


am Beispiel Stuttgart:

in der Landeshauptstadt gibt es zwei Wahlkreise. Nach dem gültigen Wahlgesetz ist es egal welche Ortsteile in Stuttgart zu einem Wahlkreis zusammengeführt werden.
Lediglich ein zusammenhängendes Gebiet und das Gleichgewicht der wahlberechtigten Einwohner müssen gegeben sein. Aber diese Regeln sagen nichts darüber aus, wie dann die Wähler in den beiden Wahlkreisen zusammengefasst sind.

Es wäre durchaus möglich Stuttgart also so einzuteilen, dass im Wahlkreis I die Opposition viel zu viele Stimmen erhält, die für den Gewinn des Wahlkreises nicht mehr nötig sind. Eine Hochburg ist also nicht per se etwas Gutes.
Den Wahlkreis II richtete man so ein, dass dort auf jeden Fall die Opposition nicht gewinnen kann. Damit verfallen wieder oppositionelle Stimmen.

Zurück zum Thema Zusammenlegung der Wahlkreise:

Wenn man die Wahlkreise in Städten zusammenlegte, muss man natürlich auch alle anderen Wahlkreise im Land zusammenlegen. Aber das habe ich ja auch nicht ausgeschlossen.

Zur Zeit liegt der Richtwert für die Einwohnerzahl eines Wahlkreises ungefähr bei 208.000 Einwohner. (62,2 Millionen wahlberechtigte Bürger / 299 Wahlkreise).
Was spricht also dagegen den Wert auf 400.000 nahezu zu verdoppeln? Das Resultat wäre eine Reduzierung der Wahlkreise auf 155.
S.Heinel schrieb am 13.05.2010 um 11:20
Da hat was mit den Links nicht geklappt.

Der erste Hyper sollte bei "§2 Abs2) aufhören:

www.gesetze-im-internet.de/bwahlg/

Der zweite "Stichwort Gerrymandering" umfassen:

de.wikipedia.org/wiki/Gerrymandering

Vielleicht kann die Edith da was machen.
claudia schrieb am 12.05.2010 um 15:16
Diskussionen über die Wahlbeteiligung habe ich schon öfter erlebt. Es ist schon eine Zeit her, dass die Zahl 70 eine Grenze war, unterhalb derer man irgendwas tun müsse, um mehr Leute zum Ankreuzen zu bewegen.
Jetzt wird überall der Vorschlag "Zusammenlegung der Termine" und Verlängerung der Regierungszeit auf 5 Jahre diskutiert. % statt 4 Jahre ist schon lange im Umlauf.
Woher kommt das überhaupt?
Natürlich wäre es für ein Bundesregierung einfacher, wenn gleichzeitig mit dem Bundestag auch alle Landtage gewählt werden. Dann hat man einen Bundesrat, der sich nicht verändert. Was werden die Gewählten damit tun, wenn sie solche Sicherheit bekommen? Wird dann eine Regierung nicht mehr den Schaden des Volkes mehren und Nutzen von ihm wenden? Nur weil sie keine Veränderungen im Bundesrat mit einkalkulieren muss?

---
Was wird durch eine Wahl entschieden?
Es wird das Personal gewählt, das dann unbeeinfusst von irgendwelchem Volkswillen über unsere Lebensbedingungen entscheidet.
Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass dort solche Personalentscheidungen nicht besonders wichtig sind. Das geht ganz undramatisch und still ab. Warum? Wichtiger sind Abstimmungen in Sachfragen, mit denen die Bürger sich in ihre Angelegenheiten einmischen. Und dabei ist die Beteiligung hoch niemand lamentiert über eine "Politkverdrossenheit", deren Ursachen so schwer erforschbar sind.

Das darf aber hier kein Thema sein, sonst kämen politikverdrossene noch auf unerwünschte Gedanken.
Alle Staatsgewalt geht von der Lobby aus. Das wissen wir und daran darf nicht gezweifelt werden. Lieber rätselt man alle paar Jahre über das unbekannte Wesen, den Wähler.
Und der sagt: "Ich habe die Erfahrung, dass die Lebensbedingungen seit 40 Jahren immer schlechter werden, völlig unabhängig von den Farbschattierungen einer Koalition. Und völlig unabhängig von Dingen, die man aus den wolkigen inhaltslosen Propagandasprüchen vor Wahlen herausinterpretieren möchte."

Ich bin sicher, dass bei Abstimmungen über Inhalte die Beteiligung höher wäre als bei der Wahl des Personales.

Das Vertrauen war schlecht, Kontrolle wäre besser.
Diese Erfahrung kann durch keine Änderung eines Wahlverfahrens eliminiert werden.

Warum kann man darüber nicht reden? Ist der Zensor im Kopf so mächtig? Lassen wir uns mit der Gestaltung der Oligarchiefestspiele, genannt "Wahl", zuviel Beschäftigungstherapie verordnen, damit wir nicht auf Gedanken kommen?

Die Frage beschäftigt mich sehr viel mehr als irgendwelche formalen Änderungen des Personalankreuzverfahrens.
claudia schrieb am 12.05.2010 um 15:20
Korrektur:
"% statt 4 Jahre" sollte heissen: "5 statt 4 Jahre"
Fritz Teich schrieb am 13.05.2010 um 01:47
<<
Ein Blick in die Schweiz
>>

und Inhalte ist allerdings eher beaengstigend. Obwohl es sich auch schon wieder etwas bessert. Zuerich hat eine sehr nette Buergermeisterin, es gibt scheinbar eine ernstzunehmende Bewegung gegen das Bankgeheimnis usw. Aber grundsaetzlich hast Du Recht. Man muss das alles etwas "entprollen".
claudia schrieb am 13.05.2010 um 05:32
„entprollen”:
In einer anderen Diskussion wurde die Forderung nach mehr „politischer Bildung” erhoben. Es würde dann für mehr Menschen das erbärmliche und jeden denkenden Menschen beleidigende Niveau sichtbar, das von den Werbeagenturen der Parteien als „Wahlpropaganda” serviert wird. Die Wahlbeteiligung sänke dann wahrscheinlich schneller unter 50 %.
Aber am Prinzip: „die Wahlbeteiligung bellt, der Lobbystaat zieht weiter” würde das wohl nicht viel ändern.

Denn die immer wieder mal durchs Land geisternde Fragen: „Sollte eine Wahlpflicht eingeführt werden?" oder „Zusammenlegung von Wahlterminen?" gehen zielgenau an der Ursache vorbei. Wer den Grund für die rückläufige Wahlbeteiligung wirklich erforschen wollte, müsste bei der Frage ansetzen: „Warum werden Bundesregierungen immer bei folgenden Landtagswahlen abgestraft?" Aber der Vorgang ist schon so selbstverständlich wie der Winter nach dem Herbst und wirft keine Fragen auf.

---
Inhalte beängstigen, wenn man weiss, dass man eigentlich keine Ahnung hat. Man überlässt dann gerne alles den "Experten", die schon irgendwie irgendwas machen werden.

Wissenslücken können durch Diskussionen gut eruiert werden, wenn man alles sagt was man denkt. Und wenn man die Lücken erkennt, können sie geschlossen werden.

Wenn aber mehr Wissen vorhanden ist das man nicht anwenden darf: Dann belastet das psychisch.
Man kann sich dann in Theoriegebäude flüchten, die keinen Bezug mehr zur realen Politik haben. Das Fundament besteht aus „man müsste” und „es sollte” und darin kann mensch sich frei bewegen, denn die Gedanken sind frei, auch im Kerker.

Oder man versucht, bestehende Machtverhältnisse durch „Verwissenschaftlichung” mental zu neutralisieren. Solange der Magen nicht zu laut knurrt, kann man stolz darauf sein, die Dinge zu durchschauen.

Oder man werkelt an einer Revolution ("Umwälzung", "Umdrehung", auch im Sinne einer Helix möglich). Das geht auch nicht ohne Analyse. Und gar nicht ohne Zielvorstellungen. Aber es geht.

Ich hoffe, meine Schreibe wirkt nicht zu abgehoben. Falls doch, liegt es an der Kurzfassung.

---
Zur Schweiz: Ich wohne dort nicht, hatte aber gelegentlich berufliche Kontakte zu schweizer Bürgern. Natürlich war ich neugierig und hab einige Fragen gestellt. Die Antworten ergaben, dass nicht alles so wunderschön ist, wie es von aussen aussieht. Aber ein Blick über die Grenze bedeutet ja nicht, dass man alles 1:1 kopieren muss. Man kann sich anregen lassen zu weiterführenden Plänen...
Cato42 schrieb am 13.05.2010 um 05:39
So lange es nicht ausschließlich Direktkandidaten gibt
und so lange Lobbyisten in den Ministerien Gesetze
schreiben, so lange es Überhangmandate gibt, so
lange die Politiker sich ihre Diäten selbst genehmigen ...
gehe ich nicht zur Wahl. Der Gang zur Wahlurne ist
ein AKT der SELBSTERNIEDRIGUNG.
SALUS PUBLICA SUPREMA LEX!
S.Heinel
Schreiben gegen die Ohnmacht, gegen geistige Übelkeit, gegen politische Verlogenheit. Schreiben für mehr Wahrheit in der Politik.
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