Bine

Insight Südafrika

22.02.2010 | 14:32

Probiers mal mit Gelassenheit

 

Als ich gestern Abend eine SMS von meiner Freundin Sofie bekomme, falle ich zunächst meinen Mitbewohnern um den Hals: “We got the tickets! All of them!” Keine zehn Minuten später summt mein Handy erneut, SMS von Thea: “By the way, we got tickets for the stadium.”

Nun sitzen wir da, mit heiβ begehrten Eintrittskarten für die Spiele Kamerun-Dänemark, Mexiko-Frankreich und Portugal-Elfenbeinküste. Für letzteres haben wir jeweils zwei Tickets, weil sowohl Thea als auch Sofie sich hierfür beworben haben. Wir freuen uns, aber mit so vielen Karten hatten wir nicht gerechnet. Schon gar nicht mit zu vielen.

Die Rede ist natürlich von der Fuβballweltmeisterschaft 2010. Sofie, Thea und ich studieren für ein Semester an der University of Cape Town. Dass in diesen Zeitraum ausgerechnet die WM fällt, ist bei meinen beiden norwegischen Freundinnen Zufall, bei mir schon eher ein biβchen kalkuliert.

Ich spiele selbst Fuβball und habe die WM in Deutschland vor vier Jahren in sehr guter Erinnerung. Nach anfänglicher Skepsis in Bezug auf Horden von Touristen, die in meiner Heimatstadt Berlin auch ohne WM ganzjährlich anzutreffen sind war ich mindestens genauso traurig wie alle anderen, dass das Sommermärchen ein Ende hatte.

In Südafrika sind die Vorbereitungen in vollem Gange, von Hektik und Hetze ist allerdings nichts zu spüren. Man nimmt es gelassen, dass einige Straβen noch nicht fertig gebaut sind oder der Transport von einer Stadt zur nächsten nicht vollständig geklärt ist. In der Kapstädter Innenstadt ragt ein Stück Autobahn in den Himmel und endet aprupt nach einer Kurve. Wir haben alle ein wenig Angst, dass ein betrunkener Autofahrer mal aus Versehen falsch abbiegt, denn eine Absperrung existiert nicht.

Gelassenheit ist aber sowieso eine südafrikanische Eigenschaft, wenn man dies so sagen kann. Das fängt an beim Tempo der Fuβgänger, von denen es wohl nie jemand eilig hat und geht weiter über die Kassiererin im Supermarkt, die die lange Schlange gar nicht zu sehen scheint bis zum Busfahrer des Shuttle-Busses, mit dem wir zur Uni und wieder zurükfahren. Er singt, summt und strahlt vor sich hin, während er in halsbrecherischem Tempo um die Ecke auf die dreispurige Straβe biegt, dass einem ganz warm ums Herz wird. Ob von der Geschwindigkeit oder vom Gesang, man weiβ es nicht so genau.

Gelassenheit ist auch eine nachvollziehbare Reaktion auf all den Pessimismus, der dem Land insbesondere von ausländischen Medien, aber auch von der eigenen, vorwiegend von der weiβen Bevölkerung entgegengebracht wird. Ob all die Kritik berechtigt ist wird sich sicherlich erst nach der WM sagen laβen können. Ein biβchen mehr Vertrauen kann man dem (eigenen) Land aber schon entgegenbringen. Die Stadien sind fertig gebaut und ein paar Monate Zeit sind ja noch.

Viel spannender sind die langfristigen Auswirkungen. Wird Südafrika von dieser WM profitieren können? Wie regelmäβig werden die zwölf neuen Stadien genutzt werden? Wie teuer wird dessen Instandhaltung? Wie wird das Feedback im eigenen Land sein, was sagen die Angereisten aus anderen Ländern?

Ich belege ein Seminar zu dieser Thematik. Unser Dozent ist die wandelnde Kompetenz in Person und noch sind wir ganz am Anfang. Ich werde weiter hier darüber berichten. Unsere nächste Sitzung ist morgen früh.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Bine
Südafrika hat mehr zu bieten als eine hohe Kriminalitäts- und Aidsrate. Auch ist das Land mehr als nur der Ausrichter einer WM. Einblicke einer Studentin in das Kapstädter alltägliche Leben.
Mitglied seit:
2 Jahre 13 Wochen
Zuletzt aktiv:
18.03.2010
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 2
Kommentare: 0
Mein Projekt:
Logbuch
13:10
doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
13:06
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
13:06
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:50
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:50
Querdenker hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG