"Sieger gibt es nicht in der atemberaubenden juristischen Saga Strauss-Kahn.", heißt es in der Zeit. Dass es viele VerliererInnen gibt, ist unbestritten - doch es gibt auch diejenigen, die von der Affäre profitiert haben.
Bei den VerliererInnen ist zuallererst der Franzose selbst zu nennen, dessen Karriere als IWF-Chef zu Ende ist, und mit ihm die französische Sozialistische Partei, die ihren populärsten Kandidaten verliert; dann die Justiz und der Manhattener Oberstaatsanwalt Cyrus Vance, der die Anklage wieder zurückziehen musste, nachdem das Porzellan zerbrochen war; und nicht zuletzt Nafissatou Diallo, die am Ende als Lügnerin dasteht. Es lohnt ein Blick auf die, die vom vielen Rauch um nichts profitiert haben.
Abgesehen davon, dass es viele Schönheitsfehler bei der Geschichte gibt - die sofortige Verhaftung ohne genauere Überprüfung der Vorwürfe; der Zeitpunkt des Vorfalles; die Vorverurteilung der Medien; die lange Untersuchungshaft - lohnt ein Blick auf die Profiteure der Affäre. Und davon gibt es nicht wenige.
Denn folgenreicher als das Ausscheiden als aussichtsreicher Präsidenschaftskandidat ist seine Ersetzung durch die konservative französische Finanzministerin Christine Lagarde als IWF-Chefin. Zwar haben im Internationalen Währungsfonds die Regierungen der führenden Industrienationen das Sagen - dennoch kann die Führungsperson nicht wenig Einfluss auf die Institution und ihre Vorgangsweise ausüben. Strauss-Kahn hatte einen langsamen Reformprozess eingeleitet, der eine politische Öffnung sowie tendenzielle Abwendung vom neoliberalen Kurs beinhaltete.
Dominique Strauss-Kahn tried to shake up this institution. He brought in Olivier Blanchard from MIT, one of the world’s most prominent macroeconomists, as the IMF’s chief economist. He gave Blanchard a free rein, which he quickly used to harshly criticize the orthodoxy within the IMF.
Last fall, the IMF published a study in its World Economic Outlook that showed that fiscal austerity in the wake of the economic crisis would further contract demand and raise unemployment. This reversed the institution’s historic role; the IMF officially became a voice for expansion and employment rather than contraction and austerity.
Strauss-Kahn and the IMF - CounterPunch
Die Haltungen von Lagarde und Strauss-Kahn bezüglich der Institution sowie in der damals wie heute hochaktuellen Griechenland-Schuldenfrage könnten nicht verschiedener sein. Die Entlassung von Strauss Kahn markiert einen Wendepunkt in der Griechenland-Politik des IWF: "The Guardian has learned that the change in leadership at the top of the International Monetary Fund last month also brought an abrupt shift in IMF style and policy on Europe's bailout of Greece." (Guardian) Während für DSK ein Schuldenschnitt durchaus in Frage kam, stehen für Lagarde die Gläubiger im Vordergrund. Wie der Telegraph bemerkte, verlor Europa einen "Schlüsselverbündeten" bei den Gesprächen um eine Umstrukturierung der griechischen Schulden, also einer Beteiligung von Banken. DSK hatte dies einem weiteren mit Sparauflagen verbundenen Hilfspaket vorgezogen.
Economists said Mr Strauss-Kahn's absence could not have come at a more sensitive time. Concerns are growing that Greece will fail to hit IMF imposed targets to qualify for June's €3.3bn payment from last year's original €110bn bail-out. (...)
Mr Ward said Mr Strauss-Kahn, who has denied the sexual assault charges, had been "crucial" in securing US-backed funding of the rescue deals. "He has steam-rollered any opposition to the European bail-outs and has been a crucial figure," said Mr Ward. (...) US economist Nouriel Roubini said he had expected Mr Strauss-Kahn to back a rescheduling of interest payments on Greek debts rather than any further cash bail-out.
Unter der kommisarischen IWF-Leitung des Amerikaners John Lipsky (der als Investmentbanker unter anderem für JPMorgan tätig war) wurde ein zweites Bail-Out-Paket durchgedrückt - gegen den erheblichen Widerstand Deutschlands. Lipsky stellte ein Ultimatum und drohte mit der Einstellung der bereits zugesagten Hilfszahlungen, wie der Guardian Mitte Juni berichtet. Die politische Wende kam nach einem G8 Treffen in Frankreich - eine Woche nachdem Strauss Kahn zurückgetreten war. Zur Erinnerung: Am 14. Mai wurde Strauss Kahn verhaftet, vier Tage später trat er als IWF-Chef zurück. Lipsky leitete die Institution daraufhin bis zur Übernahme der Geschäftstätigkeiten durch Lagarde am 5. Juli.
Just as it was becoming clear that last year's 110bn (£97bn) rescue had failed and that a similar sum would be needed to forestall a Greek sovereign default and a calamitous impact on exposed European banks, the IMF presented the German government with an ultimatum: deliver iron-clad guarantees on a new Greek bailout and put a figure on the sums needed, or there will be no release of IMF funds for Greece next month, risking a default by Athens.
Der Guardian berichtet in einem anderen Artikel, dass die Merkel-Regierung daraufhin das erste Mal die Notwendigkeit eines neuen Kreditpaketes eingestanden hatte:
Germany was forced to agree to bail out Greece for the second time in a year under strong pressure from the International Monetary Fund following the resignation last month of its head, Dominique Strauss-Kahn, the Guardian has learned.
...
Privately, sources said that Lipsky challenged the Germans on the fringes of a G8 summit in France almost three weeks ago, and demanded that Berlin guarantee Greece's borrowing requirements and put a figure on the pledge. The IMF ultimatum came a week after Strauss-Kahn, a former French presidential contender, resigned as IMF chief following his New York arrest on charges he denies of attempted rape and sexual assault of a hotel chambermaid.
Berlin blinked, according to participants in the negotiations, and 10 days after the IMF challenge, the Merkel government admitted for the first time that Greece would need a new bailout. But it stoked further controversy by demanding that Greece's private creditors take losses on their loans.
Unter Lagarde wurde der neue Kurs des IWF weitergeführt - aus gutem Grund, ist die konservative Französin für ihre neoliberale Haltung bekann. Der Guardian schreibt:
Mike Whitney kommentierte die kurze Nachfolgedebatte dementsprechend bissig. Über Lagarde schreibt er auf GlobalResearch:
So, it looks like Wall Street may have found a replacement for the mercurial Strauss Kahn. There won't be any debt-restructuring, bondholders will be paid in full, and the dollar's dominant role as the world's reserve currency will go unchallenged. Lagarde just announced her candidacy this morning (May 25), but already she's won the approval of Washington, Wall Street, the big banks, and the EU heads of state. She's a shoo in.
Gründe für einen Wandel im IWF gab es genug, die richtigen Fragen gestellt hat jedoch kaum jemand (eine Ausnahme ist die WSWS: siehe hier und hier). Ob es sich nur um politischen Opportunismus handelte oder um eine gezielte Aktion, kann derzeit nicht geklärt werden. Die zweite Möglichkeit prinzipiell auszuschließen, wie es die meisten Medien taten, wäre jedoch ebenso unbegründet wie es die meisten Verschwörungstheorien sind. Manchmal reicht es einfach zu fragen: Cui bono?
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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