schlesak

Die Zwischenschaft

30.01.2010 | 18:01

DIE SECURITATE, ihre Foltermethoden, ihre Dissidenten und Informanten.

Dieter Schlesak
SECURITATE
Verweigerung und Todesangst

Die zwei Epochen der Securitate, ihre Foltermethoden, ihre Dissidenten und Informanten.
Persönliche Erfahrungen

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„Der zu Verhörende wurde mit dem Kopf nach unten aufgehängt… Mit einer Sonderzange wurden ihm die Fingernägel ausgerissen … Seine Fußsohlen wurden mit einer Stichflamme versengt … die Hoden wurden mit einem dicken Bleistift oder einer dünnen Weidenrute so lange geschlagen, bis das Opfer unter fürchterlichen Schreien in Ohnmacht fiel, und in vielen Fällen verstarb. (Methode des Securitate-Folterers Franţ Ţandără, der auch nasse Sandsäckchen zu Schlägen auf Rückgrat und Nieren benützte. Sein Bekenntnis erschien am 21. März in der Zeitschrift „Singur“ in Bukarest) …Schreckensschreie oder Stöhnen von nahen Verwandten wurden dem Opfer zu Gehör gebracht… Schläge mit einem Prügel auf den Kopf des Opfers … Tritte mit dem Stiefelabsatz in den Mund, die Zähne des zu Verhörenden … Hetzen eines Wolfshundes auf das nackt an einem Pfahl festgebundene Opfer … Isolierung des Gefangenen über Wochen und Monate in engsten Zellen, wo er nur stehen konnte …“
Die Quellen sind inzwischen weitgehend zugänglich, vor allem durch den offiziellen „Raport Final“, eine Art Schwarzbuch des rumänischen GULAG, erschienen im Humanitas Verlag, Bukarest 2007 . Die Aufzählung der Foltermethoden stammt aus diesem Bericht. Der ehemalige politische Häftling Cezar Zugravu zählt in seinem Bericht „Die Foltermethoden der Securitate“ einundvierzig „Methoden“ auf.

Es wird neuerdings zum Thema Securitate viel Unsinn geschrieben, noch mehr angegeben; man kann sich der vielen selbstgerechten Moralisten, Widerständler, Dissidenten und tapferen Autoren der späteren, der sanften Tauwetter - und Ceau
escu-Zeit kaum erwehren. Vergessen aber wird die Folter- und Schreckenszeit vor 1965 mit über zwei Millionen Opfern. Man muss dabei nicht auf die vielen Memoiren, etwa von N. Steinhardt, Lena Constante, auf das Buch über das furchtbare, jede Vorstellung überschreitende Folter-Experiment in den Zellen des Gefängnisses von Piteti in Südrumänien (im „Raport Final, S. 598-614), die Gefängnis-Romane von Paul Goma oder auf das Dokumentar-Buch über das Folterregime der stalinistischen Hölle, das 1959 auch fünf deutsche Schriftsteller (von Aichelburg, Bergel, Birkner, Scherg, Siegmund) traf, zurückgreifen. (Es ist deutsch 1993 im Verlag IKGS der Münchner Uni unter dem Titel: „Worte als Gefahr und Gefährdung“ erschienen). Wie sehr es dem Terror-Regime darum ging, jeden Glauben, jede Identität zu zerstören, die menschliche Würde mit Füßen zu treten, das Gewissen umzukehren, um ein negatives glaubensloses Hasssubjekt in seinen Zwangsdienst nehmen zu können, zeigt im unerträglichen Extrem die „Reeducare“ (Umschulung, Umerziehung) im Vernichtungsgefängnis Piteti: „Die delirierende Phantasie von Eugen Ţurcanu" – schreibt Virgil Ierunca, der das wohl wichtigste Buch zum „Phänomen Piteti“ 1991 in Bukarest veröffentlicht hat, „wurde vor allem dann entfesselt, wenn er es mit Studenten zu tun hatte, die an Gott glaubte
n und versuchten, ihren Glauben nicht zu widerrufen. So wurden diese jeden Morgen „getauft“, indem ihr Kopf in einen Kübel mit Fäkalien und Urin getaucht wurde, während die Umstehenden die Taufformeln psalmodieren mussten.“
Ein Blick in den außerordentlich akribisch und mit einer Überfülle an Dokumentar-Material belegten offiziellen „Raport Final“ über die rote Diktatur, wo auch diese Details ausführlich zitiert werden, genügt, um zu erkennen, wie relativ harmlos die siebziger und achtziger Jahre im Verhältnis zur stalinistischen Zeit der fünfziger und sechziger Jahre waren. Unter den vielen Folterberichten und Fällen aus dem rumänischen Gulag, gibt es im „Raport Final“ keinen einzigen aus der Ceau
escu-Zeit. Das gleiche gilt für die Untersuchungen der in Eu
ropa am meisten anerkannten Aufarbeitungsstelle der roten Verbrechen in Rumänien, die Gedenkstätte Sighet (Memorial-Sighet), von der bekanntesten rumänischen Lyrikerin Ana Blandiana und ihrem Ehemann Romulus Rusan begründet, dessen erschütternder Bericht, „Chronologie und Geografie der kommunistischen Unterdrückung in Rumänien,“ Fundaţia Academia Civică, 2008, kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist.
Ich habe diese Quellen, ohne die ein Verständnis der Securitate und ihrer Spitzel- und Folterwelt unmöglich ist, in keiner der inzwischen massenhaft erschienenen Artikel zum Nobelpreis 2009 an Herta Müller oder zum IM-Fall Werner Söllner gefunden. Auch nicht die beeindruckenden Augenzeugenberichte einer Zeitschrift des rumänischen Schriftstellerverbandes „Memoria“. Wichtig ist „Memoria“, vor allem Nr. 1/1990, weil sie Fakten aufklärt, die die Securitate-Verfolgung der Autoren in Rumänien betrifft; sie ist gleich nach dem Fall der Diktatur erschienen, sie zeichnet schlimmste Folterberichte auf, auch aus der Folterkammer „camera 4-spital“ Pite
ti, jener einmaligen Erfindung der Securitate, wo Häftlinge sich Tag und Nacht gegenseitig foltern mussten, einmalig in der ganzen Gulag-Geschichte.


In „Memoria“ wird auch der vielen Toten und Verschwundenen gedacht, sogar eine Suchliste wird veröffentlicht. Doch kein einziger Bericht oder Fakt stammt aus der Tauwetter-Zeit Ceauescus. Und die Aufarbeitungs-Moral heutzutage ist in den meisten Fällen nichts als ein Mäntelchen, das sich alle, auch jene, die keine Ahnung vom Stoff haben, umhängen. Und die sich ausschließlich mit der Ceauescu-Zeit beschäftigen, die im Verhältnis harmloser, dafür aber sehr viel bunter und „medien-gerechter“ ist.
Es gibt nur eine Ausnahme, die kurze Analyse des Literaturkritikers Gerhardt Csejka, der objektiv und präzise die ganze kommunistische Epoche ins Blickfeld rückt und nicht nur den harmloseren Tauwetter-Ausschnitt, dabei auch dem Rufmord-Opfer Werner Söllner gerecht wird. Csejka schreibt über die „Zäsur“, die das „Tauwetter“ der Ceauescu-Zeit ab 1965 charakterisiert: „Zu den kulturpolitisch relevanten Folgen dieser Zäsur gehörte eine deutliche Reduktion der Angst, sich mit einem falschen Wort um Kopf und Kragen zu reden (oder zu schreiben). Auch der Gedanke an die ständige Präsenz der Securitate-Lauscher war in der Folgezeit weit weniger verhaltensbestimmend als in der Zeit davor.“ Csejka, der selbst Mitglied der „Aktionsgruppe Banat“ war, ist Jahrgang 45, er hat die Zeit des fürchterlichen rumänischen Gulag noch am eigenen Leib miterlebt, die fast zehn Jahre Jüngeren der „Aktionsgruppe“ hatten keine Erinnerung daran. Nirgends sonst wird der Folterepoche der Stalinzeit vor Ceauescu und der wirklichen Opfer gedacht, jener in den Untersuchungs- und Foltergefängnissen Ermordeten, der in den Securitate-Kellern oder in den Lagern am „Kanal“ und im Donaudelta Umgekommenen.
Es gab freilich auch in der Ceauescu-Zeit Einzelfälle von Morden, doch beschränkte sich die Securitate auf diese, die massenhaften Verhaftungen, die oben beschriebenen Foltermethoden, und den physischen Genozid gab es nicht mehr, unter Ceauescu gab es wenige Prozesse; dazu gehört etwa der Prozess gegen Widerständler und ganze Gruppen und „Rädelsführer“ von Arbeiteraufständen, etwa in Kronstadt, oder gegen die freie Gewerkschaft SLOMR mit etwa 2000 Mitgliedern. All das war auch ein Resultat der größeren Freiheitsmöglichkeiten, undenkbar in der Gulag-Zeit. Es gab also nicht nur den Literatenwiderstand der „Aktionsgruppe Banat“ (der als Randerscheinung in den Quellen kaum, meist gr keine Erwähnung findet!), da sie nur im Alleingang wirkte und keinerlei Verbindung oder gar Solidarität mit den realen sozialen Aktionen zeigte. Was heute zu heftigen Reaktionen und sogar Angriffen, etwa des Bürgerrechtlers Paul Goma oder des SLOMR-Mitbegründers Carl Gibson gegen die Aktionsgruppe geführt hat. Beide Kontrahenten Goma und Gibson, saßen jahrelang im Gefängnis, Goma auch in der Gulag- und Folterzeit. Was man von den Banater Literaten nicht behaupten kann. Sie unterstützten diese Initiativen nicht, wussten vielleicht gar nicht von ihnen. Goma, der „rumänische Solschenizyn“ hat sie in einem Artikel auf seiner Webseite (Fragment de jurnal, 9 octombrie 2009) heftig attackiert, und spricht etwa der neuen Nobelpreisträgerin jeden Anspruch auf Dissidenz ab. Die „Aktionsgruppe“ habe sich 1977, als Goma sich der tschechischen Charta zur Verteidigung der Menschenrechte anschloss, selbst eine Charta gründete, geschwiegen. Und Carl Gibson hat die Banater Literaten in seinem Buch „Symphonie der Freiheit“ (Dettelbach, 2008) ebenfalls heftig angegriffen.

Die Methoden des kommunistischen Königs Ceau
escu waren andere als bisher, persönliche Racheakte einer les majestatis: er ließ auch Gegner der deutschen Minderheit einfach ermorden, so wurde Georg Horn 1987 von
Securitateleuten vor der Deutschen Botschaft in Bukarest erschlagen, und Roland Kirsch wurde noch 1989 in seiner Temeswarer Wohnung ermordet.
Die Morde waren freilich auch zur allgemeinen Einschüchterung und als "Exempel" gedacht, wie andere Morde auch. Sie sollten weiter die Schreckenserinnerung an die Zeit vor 1965 aufrechterhalten, und diese Traumata lebten vor allem in den Älteren weiter, ließen sie weniger mutig sein, als die Jüngeren, auch die jungen Literaten, die unbelastet davon waren und sich so freier und verwegener bewegen konnten! Und diese Verwegenheit war ein Produkt eben dieser neuen freieren Zeit.

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In der gegenwärtigen Pressekampagne geht es jedoch nicht um Todesfälle, sondern vor allem um eine späte „Dissidenz“ (Luxusdissidenz?), um Verhöre und Verfolgungen, Drohungen und Erfindungen der Securitate, die auch diffamierte, ja, dazu, etwa im Falle von Herta Müller, diese zur IM stiliserte, um mit allen Mitteln einzuschüchtern und zu entwürdigen (Müller hat ausführlich in der ZEIT darüber berichtet)es ging also um Traumata und um den Seelenschmerz von AutorInnen in einer Zeit, da es die wirklichen Schrecken gar nicht mehr gab. Es geht vor allem um diese literarische Dissidenz dieser jungen und weniger von Schreckenserinnerungen belasteten Autoren in der Tauwetterperiode des „dynastischen Kommunismus“ nach 1965, die nun die ganze Aufmerksamkeit und das Medienecho allein auf sich lenkt. Zu bedenken ist auch, dass die Alltagsangst im Ceau
escustaat samt den drei F (foame, frig, frică, Hunger, Kält
e, Angst) für die gesamte Bevölkerung, nicht nur für die Literaten galt; der oberste Bonze, der Herr der eigenen Eitelkeit mit Zepter und unsichtbarer Partei-Krone setzte Angst als Regimekitt ein, die ebenfalls alle täglich erfuhren. Die Securitate jener Zeit war so nur eine Angst- und keine Foltersecuritate, sie diente als Angstproduzent und Herrschafts-Instrument der Partei, und war kein Vernichtungsinstrument mehr; in dieser gewandelten Form freilich, war sie besonders wichtig. Es ging nach 1964/65 nicht um Gefängnis, Lager und Folter, die in einem geheimen Partei-Dokument von 1967 als Verhörmethode sogar kritisiert und als abgeschafft betrachtet wurden, sondern es ging nur noch um psychischen Terror (hinter dem aber kein fürchterliche Gulag und kein mögliches Verschwinden stand wie in der Zeit vorher! Und das wusste jeder!), es ging nur um Einschüchterung als „Prophylaxe“, um das Entstehen von Widerstand und politischer „Delinquenz“ von vorneherein zu verhindern! Außerdem musste ja in der lächerlichen Zepterwelt des kommunistischen Dynasten, die diplomatische Außenwelt (auch nach einigen internationalen Abkommen und der Aufnahme des Landes in die UNO) eine gute Figur machen, um Gelder und Ehren zu ergattern; alles im Dienste der regierenden Familie. Die Dissidenz jener Jahre spiegelt dann auch diese clownartige, doch sinistre Theaterwelt der Macht wider, und war nicht die tödliche Dissidenz der endfünfziger Jahre, wo es sogar noch bewaffnete Partisanen in den Karpaten gab (bis 1961).

Doch zurück zum heutigen Echo im westdeutschen Medienbetrieb 2009 auf den Literaturwiderstand der ehemals jungen rumäniendeutschen Autoren in jener finsteren Theaterwelt der Ceau
escu-Zeit: Nicht einmal des eigentlichen Opfers aus der „Aktionsgruppe“, William Totok, wird gedach
t, der 1975 acht Monate Haft erleiden musste - einzig publizistische Entlarvung aus dem Westen erzwang seine Freilassung. (Diese publizistische Aktion setzte mit Recht auf die Eitelkeit der Parteikönige („dynastischer Kommunismus“), auf deren Sorge um ihren Ruf und die Gelder aus dem Westen. Es gab damals in der Tauwetter- und Öffnungszeit diese schöne Macht der Westmedien, um gefährdete Kollegen zu schützen! Ich darf darauf hinweisen, dass ich selbst mit einem Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ und einer Sendung im hr daran beteiligt war.) Und der Autor Helmuth Frauendorfer, der auch bei der Securitate „unterschrieb“, aber dann unter Risiko die Mitarbeit verweigerte, erhält als Opfer kaum Aufmerksamkeit. Wichtiger sind jetzt andere, eben die Literaturdissidenten, die dazu noch vom roten Regime gepäppelt wurden (Herta Müller nahm mit Dank den Preis des kommunistischen Jugendverbandes an!) oder Parteimitglieder waren, sogar veröffentlichen und in den Westen reisen durften.

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Im Dezember 2009 wird, ebenfalls mit bereitwilliger und naiver West-Medienhilfe, (es ist erstaunlich, wie wenig Ostdeutschland da mithält) nicht nur der wirklichen Opfer nicht gedacht, sondern es werden neue Opfer produziert, die als Täter vorgestellt - denn zum Guten gehört ja das Böse – jene Diktaturzeit anschaulich und fast greifbar machen. Vor allem diese mutige und hochmoralische Leid- und Widerstandsgröße ist es, die weltweit Bewunderung erweckt, bei mir Bewunderung auch für das taktische Geschick und die Art, wie man aus Wenigem viel machen kann. All dieses verhilft dazu, dass man die Securitate neu auferstehen lassen kann, da sie ja als Werk- und Lebensthema weiter gebraucht wird. Vorzeigbare Täter sind willkommen. Dabei geht es wohlgemerkt nicht um die kriminellen Zuträger und Denunzianten aus der Folterzeit, die Menschenleben auf dem Gewissen haben, sondern es geht ausschließlich um Täter aus der Theaterwelt des kommunistischen Königs, um mehr oder weniger harmlose und schwach gewordene Opfer der Hauptideologie der Securitate jener Zeit: der Einschüchterung!

Ich spreche hier vor allem vom Fall Werner Söllner, der inzwischen – was er mit seinen Gedichten und seiner Dinescu-Übersetzung so nicht schaffen konnte – nun auch Literaturfremden als IM-Bösewicht präsentiert, medienbekannt wird wie ein bunter Hund.
Es mag sein, dass diese ganze emotionsgeladene Kampagne in Interviews und Beiträgen Material liefert, wo Augenzeugen im Lebens- und Erinnerungsvergleich beim Umgang mit ihren eigenen Securitate-Akten wertvolle eigene Erfahrungen beitragen; ja, all das kann die Grundlage und der Anstoß für spätere ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen sein, doch die Securitate-Akten dürfen niemals als Quelle von Tatsachen oder gar von Wahrheitsbehauptungen wie in den erwähnten Artikeln, eingesetzt werden! Zur Zeit aber ist alles vorbelastet und, wäre es ein Straf-Prozess, müssten die Zeugen wegen „Befangenheit“ abgelehnt werden.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass die wirklichen Täter, Folterknechte, deren Namen sogar bekannt sind, „Führungsoffiziere“, soweit noch am Leben, frei herumlaufen, ihre Pensionen als „Staatsbeamte“ genießen, während ihre durch Angstmethoden angeheuerten Opfer im „freien Europa“ nun zur Verantwortung gezogen, riskieren, dass ihre Karrieren und ihr Berufsleben, ja, ihr Leben zerstört wird; einige Selbstmorde wurden bekannt. In Ostdeutschland genau so wie in Rumänien oder in den ehemaligen Satellitenstaaten bis hin zu Russland, wurden die eigentlich Schuldigen nie bestraft, nur ihre Opfer! Und man könnte nun fast von umgekehrten Parteifunktionären sprechen bei all diesen Denunziationen, die nicht nur andere Kollegen-Karrieren, sondern auch Leben zerstören.
Wir wissen, dass der Kollege Werner Söllner bei einer Tagung am 8. Dezember 2009 in München zum späten Thema „Securitate“, seine Zuträgertätigkeit und Mitarbeit offenbarte, sich dazu entschloss, eher entschließen musste! Und zerknirscht dann auch Interviews gab und in einem beeindruckenden Auftritt in 3sat bekannte, dass er zwar nach 30 Jahren nicht mehr genau wisse, was er wirklich getan habe, doch durch einen ungeheuren Angstdruck, dem er nicht lange widerstehen konnte, sondern – er bezichtigte sich selbst – Charakterschwäche gezeigt habe, im Dienste des Geheimdienstes Gedichte und andere Texte von Kollegen, darunter auch Texte von Richard Wagner, Herta Müller, Johann Lippet, Gerhart Ortinau, William Totok u.a., „interpretiert“ und nach „systemfeindlichen Inhalten“ ausgeforscht habe. Er sollte also dem berühmten „Versteckspiel in der Metapher“ auf der Spur sein, was fast ein Hohn für die rumäniendeutsche Literatur jener Zeit (1971-75, aber auch für meine Zeit nach 1964-1968) war, eine kleine Literatur, die damit groß geworden war, indem sie ihre Sprache unter solchen Gefahren geschärft hatte, und so Werte schaffen konnte, die sie dann bis zum Nobelpreis hinauf katapultierten. (Der Preis ist nicht nur für literarische Werte, die ja in hohem Maße da sind, wenn auch angezweifelt, so etwa von Iris Radisch in der ZEIT ("Kitsch oder Weltliteratur? 20.August 2009), sondern auch für einen „mutigen Widerstand“ gegen die Diktatur und nun stellvertretend für alle Dissidenten in welchem Regime auch immer, verliehen worden).

Das Gegenteil von der nun in den Himmel gehobenen Kollegin Müller ist Werner Söllner, kein schlechterer Autor, aber einer, der ins Inferno der Ächtung verstoßen wurde. Bittere und zerknirschte Bekenntnisse hat er, der sensible Lyriker und gewissenhafte Mensch, den ich als aufrichtigen, ausgewogenen und sehr leidensfähigen Schriftsteller kenne, selbst unter Schock geliefert. Denn seine Akte lag auf dem Tisch oder zumindest in den Köpfen der Teilnehmer, so dass er in Vorausverteidigung sozusagen gezwungen war, diese „mutige“ Tat zu begehen, seine „Jugendsünde“ (er war Student und 20 Jahre alt), seine geheimdienstphilologische Tätigkeit unter dem Decknamen „Walter“ zu gestehen. Es war eine gefährliche Offenbarung, deren Folgen ihm sicher klar waren. Vor allem ein negatives Image als Autor und Poet, der seinen Namen in die finsterste Ecke verbannt, sehen muss. Seine Fürsprecher, Eva Demski, Gerhard Mahlberg (im hr), Gerhardt Csejka, vor allem aber Michael Markel, der schon bei der Tagung sagte, dass Söllners „Interpretationen“ ihn vor Schlimmem bewahrt, ja, ihn gerettet haben, wurden jedoch sofort von Richard Wagner im Blog der „Achse des Guten“ attackiert und Söllner an den Pranger, ja an die Wand gestellt. (Vor allem auch in der FAZ vom 16.Dezember 2009).

Man darf freilich nicht vergessen, dass der Fall im Securitate-Schriftstellerbereich symptomatisch ist, dass solche geheimdienstlichen Text- „Deutungen“ auch im Falle der fünf deutschen Schriftsteller (Bergel, Scherg, Siegmund, von Aichelburg, Birkner) 1958-1959, also in der härtesten Zeit, eine große Rolle gespielt haben. Immer ging es um diese literaturversteckte interlineare „Tat“, die ein verstecktes “feindliches“, ja „regimefeindliches“ Denken offenbarte, bis hin zum angeblich „umstürzerischen“ Bewusstsein. Das vom Regime am meisten verfolgte, gefürchtete wilde Tier, war der Wahrheitsträger Sprache, und damit in erster Reihe Literatur und Witz! (Beim 1959 verurteilten rumäniendeutschen Autor Hans Bergel war es etwa schon das von „Geheimdienstphilologen“ aufgedeckte Gegensatzpaar „Fürst und Lautenschläger“, Dichter contra Diktatur, das ihm zum Verhängnis wurde!)

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Doch zurück zum unglücklichen Werner Söllner: Auch wenn alles wahr wäre, was gegen ihn vorgebracht wird, darunter „Tatsachen“, diese „Entlarvung“ hätte 1975 geschehen müssen, als sie noch geholfen hätte, das war damals aber unmöglich. So bleibt die Frage offen, wem hilft sie heute, und wozu das alles? Aufarbeitung? Wahrheit? Oder Rache, gekoppelt mit den Vorteilen des hellen Rampenlichts?
Allerdings, auch wenn wir vom wirklich wahrheitsmäßig Authentischen und der Substanz ausgehen, und diese „Aufarbeitung“ als wichtiges historisches Pensum ansehen, bleibt die Frage: Wer kann, wer darf da anklagen, und mit welchem Beweismaterial. Nun ergibt sich auch hier eine unangenehme Tatsache: Jene, die anklagen, haben möglicherweise kein Recht, kein Mandat dazu, denn einige haben selbst, zumindest als Parteimitglieder bis 1985 mit dem Regime kollaboriert. Und die Partei war es doch, die der Securitate die Aufträge gab (Die Securitate:Directia Generala a Securităţii), als Parteiinstrument wurde vom Sekretariat des Zentralkomitees der RAP (PMR ) am 10. Juli 1948 durch das „Dekret“ Nr. 221 gegründet, und ihre Terror- „Aufgaben“ festgelegt, die sich im Wesentlichen bis 1989 nicht verändert haben. Doch darf man nicht vergessen, dass die Beziehung Partei-Securitate sich veränderte. Und dass die Partei eher schwächer, die Securitate stärker wurde.

Viele Autoren, auch in Ostdeutschland, waren vorher: 1960 „Überzeugte“, wie wir das nannten! Und ich nehme mich nicht aus!) Doch Söllner im Jahre 1974?! Er war weder im Gefängnis, noch drohte es ihm, als Drohung brachte „Hertza“, sein "Führungsoffizier", nur die Exmatrikulierung von der Uni ins „freundschaftliche“ Gespräch. Nicht nur Herta Müller verweigerte sich in jenen Jahren, sie sagt, sie habe aber der Verweigerung ihrer Mitarbeit wegen ihren Job als Übersetzerin verloren; Helmuth Frauendorfer, Mitglied der Gruppe, der nach eignem Bekenntnis (Interview mit Helmuth Frauendorfer: In den Fängen der rumänischen Securitate, Stern.de, 17.12.2009), zuerst sogar „unterschrieben“ hatte, dann aber jede Mitarbeit verweigerte und alles sogar „dekonspirierte“, Kollegen offengelegt hatte, was einer strafwürdigen Tat gleichkam, er hatte keine Folgen zu erleiden! Und mir ging es in den viel härteren Zeiten um 1960, als Redakteur der „Neuen Literatur“ in Bukarest, genau so, ich verlor ebenfalls - als ich die Mitarbeit verweigerte - meinen Posten nicht, sondern wurde nur weiter verfolgt und bedroht! Ich hatte seltsamerweise das gleiche Argument, die Mitarbeit zu verweigern, wie Herta Müller: ihr „Charakter“ mache sie zu solchen „Diensten“ ungeeignet. Ich hatte das gleiche Argument – 1960 als mir das drohte, was Schlattner geschah! Ich wurde nicht entlassen! Hatte ich es meinem guten Chef, Emmerich Stoffel, Mitglied des ZK, zu verdanken, oder war ich viel zu harmlos und mit wenigen Möglichkeiten, Berichte zu schreiben!? Aber - ich war ja nicht nur in einer Fabrik Übersetzer, sondern immerhin Redakteur der „Neuen Literatur“, einer Enklave im Regime, die besonders scharf beobachtet wurde! (Für Lyrik verantwortlich, der ähnliches, auch in jener viel gefährlicheren Zeit! schon damals betrieb: Versteckspiel in der Metapher! Und es auch von meinen Kollegen, denen ich ihre Gedichte in der Zeitschrift veröffentlichte, verlangte! - Gab es denn keine Wanzen in meinem Redaktionszimmer? Ich war verrückt mutig damals. Dass mir nicht mehr geschah, war ein großes Wunder! Es waren wohl nicht nur die evangelischen Schutzengel aus Siebenbürgen, die mir geholfen haben, nachdem ich mich einigen meiner Kollegen offenbart hatte, also voller weiterer Angst auch Strafwürdiges tat, nämlich „dekonspirierte“. Doch weder Müller, Frauendorfer, noch ich sollten uns auf unsere Verweigerung etwas einbilden! Es gab einige, die es taten, ich kenne auch einige Fälle aus jener harten Zeit.
Doch gab es nicht nur eine Minderheit unter den Rumäniendeutschen, sondern es gab mehr Landsleute als bekannt, die versuchten, auf ihre Art leise und unbemerkt dem Regime zu trotzen, es gab sie in allen Bereichen, nicht nur in der Literatur, sogar die Kirche (und da bin ich mit der Haltung von Kollegin Herta Müller, die auch die Evangelische Kirche Siebenbürgens der Securitate-Mitarbeit verdächtigt, ganz und gar nicht einverstanden!), Lehrer, aber auch viele Leute in den Betrieben, Hochschullehrer, Journalisten, Kritiker, Bauern, Angestellte, Beamte, Autoren, Fernsehleute etc.etc. trotzten mit Taktiken der Idiotie des Systems trotzten! Und es gab auch bei Zensur-Mitarbeitern „Interpretationen“, die Gedichte und Menschen retteten.

Schon aus Fairness muss dieser Vernichtungsaktion gegen Wderner Söllner entgegengetreten werden. Nicht Gerhard Mahlberg, nicht Eva Demski, sondern Gerhardt Csejka zitiere ich dazu (Büßen für die Schurken. IM ja, Spitzel nein? Der Tagesspiegel, 12.12.2009.) Csejka ist da völlig unverdächtig , da er selbst zur „Aktionsgruppe“ gehört hat, deren Texte Söllner im Auftrag der Securitate deuten musste, und dieses ist eigentlich sein einziges „Delikt“: „Ehe keine Kopie der (handschriftlichen?) Originalberichte von Werner Söllner vorliegt, lässt sich nicht darüber urteilen, ob er jemandem zum Schaden oder (wie offenbar im Fall des Klausenburger Germanisten Michael Markel) zu dessen Gunsten berichtet hat… Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat…Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten. Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss.“
Dazu aber sehr viel schwerwiegender noch: Die anderen IMs, die wirklich Menschenver-nichtendes betrieben haben, oder etwa Söllners "Führungsoffiziere" ebenso, genießen einen unverdienten Ruhestand im Osten oder Westen und würden über all diese Auseinandersetzungen unter „verrückten Schriftstellern“ nur höhnisch lachen.

Gekürzt aus: Dieter Schlesak, „SECURITATE, Augenzeugenberichte, Dokumente und persönliche Erfahrun-gen“ in Vorbereitung als Parallelerscheinung zum Dokumentarroman „Capesius, der Auschwitzapotheker, 2006, 2.Aufl. 2009

 
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Kommentare
Carl Gibson schrieb am 05.02.2010 um 12:04
Der Lyriker und Essayist Dieter Schlesak hat hier einen profunden Bericht zur Securitate-Thematik vorgelegt, Thesen für eine ganze Konferenz! Nach meiner Auffassung liegt hier das Beste vor, was in den letzten Jahren überhaupt zu diesem kontrovers diskutierten Sujet geschrieben wurde. Man beachte die "Insider-Perspektive" des Kennners der Materie. Hier schriebt einer, der etwas zur "Sache" beizutragen hat - und hier schreibt vor allem einer, der die berüchigte Securitate- der Ceausescu-Diktatur nicht vom "Hörensagen" her kennt, sondern aus eigener Anschauung, gar aus der direkten Konfrontation mit dem Repressionsapparat einer roten Diktatur, der die Befehle der Kommunistischen Partei gnadenlos ausführte. Die "Securitate",nach der Revolution 1989 in SRI umbenannt, war genauso "Schild und Schwert" der Partei wie die Staatssicherheit Erich Mielkes in der ehemaligen DDR. Sie war allerdings kein "monolitischer Block", kein Staat im Staat, wie von einigen Belletristen suggeriert, die gern einen Bogen um die KP und ihre Verantwortung machen, nein, Securitate und Rumänische Kommunistische Partei waren miteinander verzahnt und bestens verbunden wie die Hände im SED-Symbol.
Dieter Schlesak war selbst ein "Opfer", doch immer noch viel besser dran als Eginald Schlattner oder der Expressionist Ion Caraion, die - nach mehrjähriger Gefängnishaft - zum Pakt mit dem Teufel gezwungen worden waren. Ion Caraion und Eginald Schlattnner machten mit und willigten ein, für die Securitate literarische Texte von Kollegen zu interpretieren, nach verbotenen, verborgenen Metaphern zu suchen, weil es um ihr Leben ging, weil sie die nackte Existenz retten mussten. Schwächere Charaktere - wie der Lyriker Werner Söllnner, (IM "Walter") gaben dem Securitate-Druck nach, weil sich sich unter den Bedingungen des real existeierenden Sozialismus entfalten wollten, weil sie studieren wollten! "Mappe oder Steinbruch" - das waren die Alternativen im real existierenden Sozialismus.
Dieter Schlesak, der die stalinistische Nachkriegszeit zwischen 1945 und 1965 (Ceausescus Machtantritt)selbst bewusst erlebt hat, kennt die Nötigungsmechanismen der Securitate und ihre vielfachen Methoden, Druck auszuüben, um zu ihren Zwecken zu gelangen. Weil er den Terror nicht mehr ertragen konnte, setzte er sich um 1968/69 im Westen ab und leistet seit diesem Zeitpunkt wertvolle Aufklärungsarbeit. Dank seiner Intervention bei der Frankfurter Rundschau und bei "Le Monde" in Paris kam seinerzeit Aktionsgruppen Banat-Mitglied William Totok frei, ebenso Totoks Bruder Gunter, nachdem beide - wegen "antisozialistischer Propaganda" verurteilt - schon längere Zeit im Gefängnis zugebracht hatten. Die "Solidarität" der Dichter untereinander war damals noch kein leerer Wahn - aber auch heute bricht Dieter Schlesak eine Lanze für Werner Söllner, dessen literarische Leistung er nicht unter Herta Müllers schmalem Oeuvre ansiedelt. Die Verstrickung in die Schuld ist komplex im ehemaligen Ostblock - und sie geht oft auf psychologische Ursachen zurück, weniger auf moralisches Versagen.
Was Dieter Schlesaks Essay besonders wertvoll macht ist die hier sehr subtil und doch dezidiert ausgesprochene Kritik des Siebenbürger Sachsen aus Schäßburg an der von den Medien gehätschelten und überaus protegierten Kollegion aus dem Banat Herta Müller. Bisher wurde weitgehend unkritisch über Herta Müller berichtet, auch über die Art ihres ehemaligen Gatten Richard Wagner, Kollegen wie Werner Söllner öffentlich fertig zu machen. Schlesak hat auf seine konziliante, versöhnliche Art trotzdem sehr viel Kritik zwischen den Zeilen formuliert, gerade an Herta Müller - man sollte genau lesen, um die Tragweite zu erkennen, die da ausgesagt ist.
Herta Müller ist die bekannteste Protagonistin des Securitate-Sujets in der Literatur, die eine historische Realität, ein Phänomen des Grauens, zum Mythos gemacht hat. Sie redet über die "Securitate", ohne sie zu kennen, ohne ernsthaft in Berührung mit ihr gekommen zu sein - und stilisiert sich dabei in eine weitgehed irreale Opferrolle hinein, die dazu geführt hat, dass Herta Müller von den weitgehend desinformierten Journalisten- und Kritiker-Kreisen als "Dissidentin" wahrgenommmen wir, gar als "antikommunistische" Widerständlerin.
Wen kümmert die Echtheit dieses Bildes? Bisher wurde die angebliche Dissidenz der Herta Müller noch nicht hinterfragt, ebenso wenig wie die moralische Integrität der Autorin, die doch weite Strecken des Weges mit den Kommunisten mitlief und mitpaktierte. Die Diskussion darüber kommt noch! Hoffentlich. Doch eher in der Forschung als in der Presse, die aus welchen Gründen auch immer, einen Bogen um die Materie macht, gar kritische Diskussionen darüber willkürlich abgwürgt - wie in DIE ZEIT im Juli 2009, als Zweifel an der Selbstapologie von Herta Müller öffentlich aufkamen. Wessen Securitate-"Akte" ist echt , welche Akte ist gefälscht? Welcher Dossier nach der Machart Stalins "belastet" - und welcher "entlastet". Sogar das Fernsehen ließ sich einspannen, um einen noch zu begründenden Verfolgungsmythos von Herta Müller zu zementieren, wobei andere potentielle IMs der Securiate denunziatorisch an der Pranger gestellt wurden.
Das in ihren Werken entwickelte "Securitate"-Bild von Herta Müller entspricht nicht der Realität, sondern ist "Fiktion" - "erfundene Wahrnehmung", ein Phantasieprodukt, das die gewichtige Frage aufwirft, ob und wann Herta Müller zwischen "Fiktion" und "Realität" unterscheidet.
Kann sie das? Will sie das? Oder vermischt sie beides, um die Leserschaft in einer Ambivalenz zu belassen, in einem Missverständnis, das ihr Image als Dissidentin aufrecht erhält? Was in einem Roman wie "Herztier" ausgesagt ist, kann natürlich als Fiktion betrachtet werden - auch die dämonisierte Securitate. Was dann aber im Interview zur rumänischen Aktualität und Geschichte von Müller ausgesagt wird, das muss "echt" sein, authentisch und wahr. So wird das erwartet, wenn sie sich - scheinbar kritisch - zur Ceausescu-Diktatur äußert.
Doch was lesen wir aus der angeblichen Feder von Herta Müller in DIE ZEIT?
Sie schildert dort eine Szene, wo Securitate-Schergen sie in den Dreck stoßen und Unbeteiligte dabei zusehen, ohne einzuschreiten. Der Ort der Handlung: Die Bahnhofshalle in Poiana Brasov, auf 1000 Meter Höhe neben Kronstadt in Siebenbürgen in einen Höhenluftkurort! Die Pointe dabei: Dort oben in der Schulerau existiert überhaupt kein Bahnhof. Herta Müller hat ihn erfunden! Oder nicht? Als das Detail kritischen Lesern auffiel, hieß es, die ZEIT –Redaktion um Ijoma Mangold (ZDF-Vorleser) hätte diesen ominösen Bahnhof erfunden und in den Text hineingemogelt! So? Also schreibt Ijoma Mangold die Berichte seiner Autoren, die dann sogar darauf verzichten, das Konstrukt freizugeben? Die potentiell volksverhetzende Zwischenüberschrift „Die Verleumdung gehört zum Brauchtum der Banater Schwaben“ wurde ebenfalls der ZEIT-Redaktion zugeordnet. Merkwürdig, das Ganze! Aber Herta Müller steigert den abstrusen Securitate-Mythos noch weiter in dem gleichen Artikel, indem sie über eine anstehende Verhaftung durch den Geheimdienst berichtet. Nach ihrer Aussage wehrte sie die drohende Verhaftung mit den Worte ab:
„Ohne Haftbefehl gehe ich nicht mit“.
Großartig und grotesk! Dann wäre wohl die bitterböse „Securitate“ der erste Geheimdienst einer Diktatur, der nach einem Haftbefehl fragt, der sich um Recht und Gesetz schert!
Einfach lächerlich das Ganze – nur niemand fragt nach. Kein deutscher Journalist nahm Anstoß an solchen Nonsensgeschichten – und Herta Müller ging ihren Weg, gehätschelt und protegiert – bis zum Nobelpreis. Es wäre wünscheswert gewesen, wenn Dieter Schlesak sein Securiate-Projekt schon früher in Angriff genommen und den oben veröffentlichten Beitrag in dieser einamligen Differenziertheit an die Öffentlichkeit gebracht hätte. Dann gäbe es bestimmt einen anderen Nobelpresiträger für Literatur im Jahr 2009. Auch Auflärung ist eine Timing-Sache. Bisher kamen nur Pseudo-Verfolgte der Securitate zu Wort. Echte Dissidenten, authetische Widerständler aus der Zelle, die gegen den Kommunismus ankämpften, als Herta Müller und Richard Wagner noch mit den roten Wölfen heulten, wurden noch nicht gehört. Es wir Zeit für mehr Zeitkritik gerade aus der Sicht der Zeit-Zeugen wie Dieter Schlesak. Er weiß viel – er soll weiter reden und aufkären. Carl Gibson, ehemaliger Bürgerrechtler und politischer Häftling.
schlesak
Eine Preisrede. Dieter Schlesak ist ein ungeheuer vielseitiger Poet und Schriftsteller, ein poeta doctus. Er schreibt, wie von Furien getrieben, das Leben, den Tod, die Liebe, die Welt im Grossen und im Kleinen zu erfassen. Er ist neugierig, skeptisch, voller Zweifel und voller Enthusiasmus.
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