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Schlesingers Blog

28.05.2011 | 16:12

Ägypten öffnet Grenze zu Gaza - Israel nervös, Hamas unter Druck

Gaza kann aufatmen.

Grenzübergang Rafah

 

Nach vier langen Jahren der vollständigen Abriegelung durch Israel und Mubaraks Ägypten ist das für Gaza die lange ersehnte gute Nachricht: Die neue ägyptische Regierung hat den Grenzübergang Rafah ab dem heutigen Samstag geöffnet.

Die Grenze darf von Gaza aus von allen Frauen sowie von Männern bis 18 und über 40 passiert werden. Männer im Alter zwischen 18 und 40 benötigen ein Visa. Das soll offenbar ein Sicherheits-Feigenblatt sein, um zu signalisieren, dass man keine volljährigen Hamas-Aktivisten durchlassen möchte.

Diese geringfügige Beschränkung dürfte nichts daran ändern, dass sich die Wirtschaft von Gaza kräftig erholen wird, sobald der grenzüberschreitende Handel in Schwung kommt.

Keine Frage, dass Israel die Grenzöffnung besorgt beobachtet. Anfang des Jahres habe ich versucht, die möglichen Reaktionen Israels auf die Grenzöffnung zu skizzieren. In jenem Essay war ich eher pessimistisch, was den Umgang Israels mit der neuen Lage anbelangt.

Nach der jüngsten Rede des israelischen Premiers Netanjahu vor dem US Kongress, die als fulminanter Sieg für ihn und Israels Rechte anzusehen ist, könnte man zum Schluß kommen, dass sich die Perspektive für einen friedlichen Umgang mit der von Ägypten nun durchbrochenen Blockade verschlechtert hat.

Das muss nicht sein.

Ägypten steht unter Beobachtung -- und Hamas unter Druck

Selbstverständlich weiß auch das neue Ägypten, wie kritisch es von Israel beobachtet wird - und damit von den USA - , was das neue Verhältnis zu Gaza anbelangt.

Was gut ist für Gaza, muss noch lange nicht gut sein für Hamas. So schlimm die Blockade für die Bevölkerung von Gaza war, so gut war sie für Hamas, da sie in die Lage versetzt wurde die Zügel fest in der Hand zu halten.

Jede Öffnung ist tendentiell schlecht für totalitäre Regimes. Das gilt für den Iran ebenso wie für Syrien, Libyen oder eben für Hamas im Gazastreifen.

Die USA, der Westen und die Weltbank haben Ägypten umfangreiche Unterstützung für den Demokratisierungsprozeß zugesagt. Das wird Ägypten unter keinen Umständen gefährden wollen durch einen allzu laxen Umgang mit dem Grenzverkehr nach und von Gaza.

Das weiß auch Hamas. Wenn sie klug ist, wird sie gerade nicht versuchen, den öffentlichen Grenzübergang für den Waffenschmuggel zu nutzen, sondern weiterhin die mehr als zahlreichen Tunnel dafür verwenden. Würden die Ägypter den Rafah-Übergang wegen Waffenschmuggels wieder schliessen, wird die Bevölkerung von Gaza Hamas die Schuld geben. Diesem Risiko wird sich Hamas nicht aussetzen wollen.

Auch eine wirtschaftliche Erholung wäre nichts, was Hamas einen Vorteil beschert. Die Grenzöffnung war gerade nicht ihr Verdienst, sondern das einer demokratischen, eher säkular gestimmten arabischen Freiheitsbewegung. Mit all dem kann Hamas nicht wirklich etwas anfangen. Mehr noch: Je mehr Demokratisierungseuphorie von Ägypten nach Gaza schwappt, desto schlechter für Hamas.

Insofern könnte Israel dem Geschehen fürs erste positiv gegenüber stehen.

Mehr noch: Wäre Israel klug, würde es die Öffnung sogar begrüssen. Dann stünde es als Freund der Demokratisierung da. Es hätte einen Vertrauensvorschuss gezeigt.

Geht alles gut, weil die Welt infolge der Öffnung sieht, dass sich Gaza erholt und Hamas geschwächt wird, wäre allen gedient - außer Hamas oder dem Islamischen Jihad.

Insofern wäre es kein Wunder, wenn just die radikalen Kräfte in Gaza in der nächsten Zeit wieder verstärkt versuchen würden militärische Gewalt anzuwenden.

Nach der Testosteron-geschwängerten Rede Netanjahus im Kongress und seinen darin geäußerten Attacken auf die seiner meinung nach stets unfriedlichen Palästinensern sieht der worst case so aus: Hamas schießt ein paar Raketen ab, Israel schlägt hart zurück und nimmt den Vorfall zum Anlass, die Rafah-Grenze “von innen” zu schliessen, indem es die sogenannte Philadelphia-Route in Gaza  besetzt.

Dann wären Hamas und Israel wieder einig in dem, was beide vielleicht am besten beherrschen: Gewalt.

Die vorherige Variante wäre besser.

( Photo: Wikipedia CC Lizenz )

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 28.05.2011 um 17:06
Eine gute Botschaft, denke ich,
vielen Dank dafür!
Fro schrieb am 28.05.2011 um 17:17
Ich hoffe, die Hamas und die Israelische Regierung nehmen Ihren Artikel zur Kenntnis und lassen sich davon inspirieren. Für die Gewaltsuchenden sollte man vielleicht eine attraktive Alternative finden. ;-)
Fro schrieb am 28.05.2011 um 17:19
....eine attraktive Jobalternative.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.05.2011 um 19:15
naja, es waren die Reps, die mit der Einladung von Netanjahu Obama ein's auswischen wollten... Bedenklicher ist der Rücktritt von Mitchel der sicher einer der besten Unterhändler seit Jahrzehnten war. Ihre Einschätzung in Bezug auf die Folgen der Grenzöffnung für die Hamas teile ich voll, auch die Hoffnung Israel könnte der Öffnung nicht nur zustimmen, sonder sogar befürworten.

Die Hamas sollte sich besser ihrer Verantwortung widmen, schließlich wurde sie "demokratisch" gewählt. Dazu passt keine Waffenschmuggelei; die muss aufhören und Hamas muss dafür auch Beweise liefern. Das ist besser für die Zukunft von Hamas, - wenn sie denn überhaupt eine haben wird. Mit der Forderung "zurück zu den Grenzen von 1967" kommt schleichend Artikel 49 der Genfer 4. Konvention auf den Verhandlungstisch und die Hamas würde nur alles verderben wenn sie sich mit Quassam's an den Verhandlungen beteiligt...
Alien59 schrieb am 29.05.2011 um 12:19
Ich warte noch ab.
In einem Punt hat sich die Euphorie bereits gelegt.
Sie schreiben: "Die Grenze darf von Gaza aus von allen Frauen sowie von Männern bis 18 und über 40 passiert werden. Männer im Alter zwischen 18 und 40 benötigen ein Visa." Das scheint sich unterdessen als Missverständnis herauszustellen - alle brauchen Visa für ein anderes Land, auch für Ägypten, wie ich höre. Nur wird bei Männern zwischen 18 und 40 noch eine gesonderte Sicherheitsüberprüfung gefordert.
Das mit den Visa ist tückischer, als es sich im ersten Moment anhört. Erstens braucht man dazu einen Pass - die können nur auf der Westbank ausgestellt werden und sind seit langem ein Streitpunkt - und zweitens eine Möglichkeit, das Visum einzuholen. Also, so einfach mal in Ä. einkaufen wird sobald wohl nichts, jedenfalls nicht für jede/n.

Alles andere ist derzeit Spekulation ....
schlesinger schrieb am 29.05.2011 um 13:03
@Alien59
Von einer Visapflicht habe ich bislang nichts gehoert, kann es aber auch nicht ausschliessen. Was die Bewegungsfreiheit anbelangt, wird sich das normalisieren. Am wichtigsten sind fuers erste nicht private Reisen oder shoppen gehen in Kairo, sondern ein erleichterter Gueterverkehr. Das sollte sich rasch verbessern, unabhaengig von Privatreiseverkehr, insbesondere nach der juengsten Versoehnung der beiden Fraktionen Fatah und Hamas. Das Wichtigste ist, dass keine aeusseren Vorkommnisse die Perspektive zunichte machen.
Alien59 schrieb am 29.05.2011 um 14:38
Das mit dem Shoppen war ja nicht wirklich ernst gemeint....

Erleichterter Güterverkehr - nein, dafür ist Rafah nicht ganz die richtige Adresse:
"First, what exactly is the Rafah Crossing? Rafah is a Palestinian town in the Gaza Strip which straddles the border with Egypt. A terminal at the border exists to facilitate the travel of people across the border, but Rafah is not designed as a crossing for supplies. The opening of Rafah, while it may allow for people in Gaza to exit (with the permission of Egypt still required of course), has little effect on the actual quantity of goods coming in and out of Gaza."

blog.thejerusalemfund.org/2011/05/what-opening-rafah-means-doesnt-mean.html

Der gesamte Artikel ist sehr interessant und mit etlichen Infos ausgestattet.
Tatsache ist, dass Gaza seinen Flughafen braucht, den Hafen - und ungehinderten Zugang dazu - und noch etliches andere.
Die Öffnung Rafahs ist insoweit wichtig, weil es das Gefängnis-Gefühl reduziert, und der Eindruck des auch von Ägypten im Stich gelassen zu werden.
Ob Rafah offen bleibt, wird sich zeigen - ich traue Tantawi & Co. nicht so ganz. Schließlich hatte diese Regierung angekündigt, sich an alle internationalen Abkommen halten zu wollen.

Die israelische Regierung und ihre Anhänger schäumen.
Richard der Hayek schrieb am 29.05.2011 um 14:52
Ich bin ein Anhänger der israelischen Regierung, aber schaumgebremst.

Schadenfreude hat auch was für sich, gell ?
Richard der Hayek schrieb am 29.05.2011 um 14:54
Um Bezug auf einen Ihrer Blogs zu nehmen: kontrolliert die islamische Welt auch die westliche Reaktion auf die Öffnung in Ägypten ?
Bestehen hier auch Verhaltensvorschriften, oder kann man das kommentarlos zu Kenntnis nehmen ?

schönen Gruss
rdh
schlesinger schrieb am 29.05.2011 um 21:18
@Alien59
"Rafah .... has little effect on the actual quantity of goods coming in and out of Gaza"
Ich weiß nicht auf was der Autor seine Wertung stützt. Er verwendet auch eine letztlich unbrauchbare Statistik. Was ist der Sinn einer Angabe x Prozent gingen über den Grenzpunkt Kerem Shalom, wenn Rafah geschlossen war? Mit Verlaub: Das ist unsinnige Zahlenhuberei. Ein Grenzübergang ist zunächst ein Grenzübergang. Bislang gelangte alles (wenige) durch von Israel kontrollierten Übergänge. Nun gibt es einen weiteren. Wäre Rafah eine Brücke über einFluss und ein Schild würde besagen "Max. 0.75 to" dann gäbe es eine ernste Beschränkung. Das gibt es m.E. nicht. Über jede noch so kleine Landesgrenze einer Landstrasse können Zehntonner rollen (wenn man sie lässt). Dass damit "die" Blockade nicht beendet ist - darüber muss man nicht reden. Aber es könnte im besten Fall eine spürbare Erleichterung sein.
Alien59 schrieb am 01.06.2011 um 06:06
Ich habe ein wenig mit meiner Antwort gewartet, um zu sehen, was ich noch erfahren kann und wie sich die Sache entwickelt.
Ich denke, dies fasst es gut zusammen:
"But with access STILL limited to Palestinians in Israeli controlled population registry, the so-called re-opening of Rafah Crossing is simply return to status quo of years past. Only Palestinians listed in the Israeli-controlled Palestinian population registry, carrying an Israeli-approved Gaza ID card, or hawia, can use Rafah Crossing. And those who do cross are still subject to arbitrary security screenings and possible denial of entry-or exit.

Translation: Palestinians from the West Bank or East Jerusalem-even those with hawiat, Palestinians in refugees camps outside the Occupied Palestinian territories, “Filisteeniyit il-dakhil” aka 1948 Palestinians, or Palestinians abroad, are all still not allowed passage to Gaza through Rafah. This includes Palestinian families where one spouse possesses an ID, but the other does not, such as my own family, OR internally displaced Palestinians who live in Gaza but whose IDs were never approved by Israeli authorities (who are not allowed to exit). They number in the tens of thousands.

Additionally, according to the NGO Gisha, the expansion does not appear to include passage of goods, which are restricted to the Israeli-controlled crossings and subject to prohibitions on construction materials and export.

It also warrants reminding that while one border has been open, Gaza remains under tight maritime and aerial siege, and continues to be closed off to the rest of the Occupied Palestinians territories in the West Bank and East Jerusalem, Palestine's cultural, economic, and academic capitals. Israel has a legal obligation to permit passage of people and goods between Gaza and the West Bank, recognized as a single territorial unit.

In addition, the deadly buffer zone along Gaza’s coastal borders, which juts up to 2km inland, preventing farmer’s from accessing their farm land, 1/3 of which exists in this zone, is still in place.

The collective result: development, prosperity, and possibility are stifled, as aid dependence rises. We should be under no illusions to the contrary. Gaza is still occupied, is still besieged.

Should be be thankful Rafah’s closure has eased? Absolutely. Should we be complacent, or simply settle for what we have? Absolutely not."
imeu.net/news/article0020990.shtml
Also kein Güterverkehr, Personenverkehr auch nur eingeschränkt. Unter Öffnung stelle ich mir etwas anderes vor.
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