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Schlesingers Blog

29.06.2009 | 14:34

Angela liebt Milton

Eine Krise hat schon immer den Charakter der Menschen gezeigt. Das gilt im Privaten wie in der hohen Politik.

Während sich Helmut Schmidt in der Hamburger Sturmflut als energisch zupackender Macher, und im Geiseldrama von Mogadischu als kühler, nervenstarker Krisenmanager zeigte, erweist sich Bundeskanzlerin Merkel in der nun fast schon ein Jahr andauernden  Malaise als Musterschülerin Helmut Kohls, die Probleme aussitzt und zur Stärkung der eigenen Position nutzt. Die Umfragen zur K-Frage bestätigen das in beängstigendem Maß.

Ihre bislang größte "Erfolgsstory" in der Krise ist die Abwrackprämie, die der vielzitierten systemrelevanten Automobilindustrie im nächsten Jahr voraussichtlich einige Kopfschmerzen bereiten wird.

Dann läßt es schon nach. Die zwei Konjunktur-Rettungspakete sind nicht nur bescheiden im Umfang, sondern überaus diffus in ihrer Verteilung. Wer derzeit Einblicke hat in Verwaltungsapparate von Behörden oder anderer bundesfinanzierter Einrichtungen, kann über die praktische Handhabung der Konjunkturpakete nur entgeistert den Kopf schütteln. Da die Zeit drängt, ist man inzwischen dazu übergegangen, das Geld einfach nur ausgeben zu lassen. Insbesondere hinsichtlich der Verwendung gelten faktisch kaum noch Regeln.

Dass die so aufgewendeten Milliarden zu einem wohl beachtlichen Teil nur für ein Strohfeuer herhalten, an dessen bald zurückbleibender fahler Asche man sich nicht lange wärmen kann, interessiert momentan niemand. Solange das Strohfeuer bis zu den Wahlen grell lodert, hat es seinen Zweck erfüllt. Nach mir die Sturmflut, eh, Sintflut.

Man hat die Meßlatte seiner Erwartungen an die Krisenbewältigung der Regierung schon so niedrig gelegt, dass man sich über die jüngsten Stellungnahmen von Frau Merkel beinahe freuen kann. Mit ihr gibt es keine Erhöhung der Mehrwertsteuer, ist aktuell zu hören. Der vom Schwaben Oettinger & Co. stammende Vorschlag mag auf den ersten Blick vernünftig erscheinen. Bund und Länder haben eine immense Verschuldung auf sich genommen, der man entgegentreten muss. Doch inmitten einer gebeutelten Wirtschaft nochmals die Steuern erhöhen zu wollen, hieße das Wirtschaftsleben weiter zu strangulieren.

Die Unternehmen würde eine Mehrwertsteuererhöhung im ersten Moment ohnehin nicht interessieren, da die Mehrwertsteuer im Zuge der Vorsteuer-Umsatzsteuer- Kette bis zum Verbraucher durchgereicht wird. Aber die paar Milliarden mehr, die der Staat durch eine Steuererhöhung einnehmen würde, müssten teuer bezahlt werden durch weiter nachlassende Kauflust. Doch gerade die chronisch schwache Binnennachfrage ist mitverantwortlich dafür, dass sich der Exportweltmeister Deutschland in der Weltwirtschaftskrise zwar noch nicht das Genick gebrochen hat, aber doch für längere Zeit bettlägerig sein dürfte.

OMEGA-3 FETTSÄURE IST DER SCHLÜSSEL

Oder war es Vitamin C? Wobenzym? Sie kennen diese fortgesetzte und überaus erfolgreiche Methode, singuläre Lösungen als allein selig machende Lösungen feilzubieten. Vorgestern galt in der Ernährungslehre Vitamin C als Wunderwaffe, gestern Omega-3 Fischölkapseln, und morgen wird garantiert eine andere Vitaminsau durchs Gesundheitsdorf getrieben. Statt sich gründlich mit Ernährungslehre auseinanderzusetzen, hechelt mann/frau jedem Pseudo-Gesundheitstipp in der Apother-Rundschau hinterher.

Das hier zugrunde liegende Prinzip gilt leider für all zu viele Lebensbereiche. Die Versuchung ist groß, komplexe Sachverhalte mit einfachen Rezepten bewältigen zu wollen. Die Omega-3-Fischölkapsel in Bezug auf unsere letzten sagen wir 15-20 Wirtschaftsjahre heißt Milton.

Der unlängst verstorbene Milton Friedman war und ist einer der einflussreichsten Ökonomen. Er trat gegen die Nachfrageorientierung von John Maynard Keynes an. Er sprach sich für maximale Freiheit wirtschaftlichen Handelns aus, womit die Forderung nach größtmöglicher staatlicher Zurückhaltung in Sachen Regulierung der Wirtschaft einherging.

Mit Beginn der Ära Kohl fand dieses Denken Eingang ins deutsche Wirtschaftsleben, hat sich vehement fortgesetzt in der rot-grünen Ära und ist die unverändert vorherrschende Haltung der Großen Koalition. Die beinahe vorhersehbare künftige Klientel-Koalition von Schwarz-Gelb wird daran nichts bis wenig ändern. 

Aber Wirtschaftsleben ist eine Form sozialen Lebens, und damit komplex. Komplexen Sachverhalten mit Einfachrezepten beikommen zu wollen, funktioniert wenigstens auf Dauer nicht. Man kann mit einiger Berechtigung sagen, dass Deutschland auch ohne die in den USA ausgelöste Wirtschaftskrise längst auf eine schräge Bahn geraten war.

Die Fixierung auf das Wohlergehen der Angebotsseite - also der Industrie - hat in den letzten beiden Jahrzehnten für massive Verschiebungen im sozialen Gefüge der Gesellschaft gesorgt.  Die Krise war nur der denkbar größte Katalysator, der die ökonomischen Fehlfunktionen bloßlegte.

Doch statt die Lage neu zu bedenken, gönnt sich die Regierung einen fachfremden  Wirtschaftsminister, der heilfroh sein wird, als adrett gebürsteter Handlungsreisender in Sachen Opel, Arcandor und Quelle unterwegs sein zu dürfen, ohne dass sich jemand darüber beklagt, er habe doch hoffentlich Besseres zu tun, als sich im Klein-Klein einzelner Unternehmensgeschicke zu verlieren. Denn dafür könnte er einen Staatssekretär abstellen oder einen Wirtschaftsberater beauftragen.

Ein Wirtschaftsminister, der sein Amt füllen will, müsste in der Krise den Ursachen nachgehen und ein Fundament legen, um künftiges Unheil abzuwehren. Doch so, wie Freiherr von und zu Guttenberg ein Familienunternehmen leitete, das offenbar aus nicht viel mehr als einem Scheinunternehmen bestand, handelt er nun in der Krise: Als Schein-Manager. Dem Publikum gefällts und in bayerischen Bierzelten wurde er gleich gefeiert für seine weisen Einzelfallentscheidungen.

GEBT IHNEN MUT

In die Diskussion um unsere Marktwirtschaft haben sich gefährliche Mißtöne eingeschlichen, weil schon wieder zu viele mit egalitären sozialistischen oder gleich kommunistischen Ideologien liebäugeln. Der von Helmut Kohl geschasste frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, der heute ATTAC angehört, wird nicht müde richtigerweise zu sagen, dass Kapitalismus ebenso falsch sei wie Kommunismus.

Die soziale Marktwirtschaft, die in der aktuellen Diskussion bisweilen zu Unrecht gescholten wird, ist laut Geißler gerade keine soziale Marktwirtschaft mehr. Sie ist weitgehend zum reinen Kapitalismus verkommen. Dessen Auswüchse könnten nun allenortens beobachtet werden. Sozialhilfesätze, die ihren Namen nicht verdienten, ABM-Maßnahmen, die einen Gutteil derer, die sie annehmen müssen, schlicht demütigen würden, Kinder und Jugendliche, die in Hartz-IV-Familien mit geradezu höhnisch anmutenden Versorgungssätzen an den immer breiter werdenden Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Ganze Generationen, poltert Geißler zurecht, würden damit stigmatisiert.

Deutschland - und einige andere europäische Länder wie Großbritannien - benötigen keine wirtschaftspolitische Revolution oder gar einen Systemwechsel, aber immerhin eine gründliche Justierung.

In der akuten Wirtschaftskrise bedeutet dies zweierlei.

1. Sofortmaßnahmen müssen danach ausgerichtet werden, dass sie zur umgehenden Nachfrageerhöhung führen. Das Drehen an der Steuerschraube ist daher gänzlich ungeeignet. Eine sofortige Erhöhung der Sozialhilfesätze ist hier schon eher wirksam, weil die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass das Geld sofort wieder ausgegeben wird - der in diesen Familien angestaute Bedarf an allen möglichen Dingen des Alltags, von der Waschmaschine bis zum neuen Schulranzen oder anständigen Turnschuhen ist zu groß, als dass ein Mehreinkommen fürs Sparen verwendet würde. Sparen in Zeiten drohender Deflation ist hochgradig kontraproduktiv. Das gilt für Bürger übrigens ebenso wie für die neuerdings wieder von Sparwut gepackten Länder und Gemeinden.

Weitere Sofortmaßnahmen dürfen nur nach dem Kriterium der Nachhaltigkeit bemessen werden, also etwa Bildung, Forschung, Umwelt. Strohfeuer wie Abwrackprämien nützen nicht nur wenig, sie schaden mittel- bis langfristig.

2. Sodann muss - in Absehung der aktuellen Krise - die Wirtschaftspolitik weg von der einseitigen Angebotspolitik und hin zur Nachfragepolitik. Der jahrzehntelange Raubbau an Löhnen und Gehältern hat die Binnennachfrage in gefährlichem Maß gedrosselt und Deutschland abhängig gemacht von seinen Exporten.

Ein solcher Wechsel würde erfordern: Eine politische Vision derjenigen, die "die Richtlinien der Politik bestimmt", Mut zur Umsetzung, und die personelle Ausstattung der Ministerien mit fachlich geeigneten Personen.

Statt dessen geben sich Propagandisten von Gewerkschaftsbossen bis hin zu Ministerpräsidenten applausheischenden Gedankenspielen hin, wie man dem einen oder anderen Millionär in die Taschen greifen könnte. Der eine möchte Spitzenfußballer schröpfen, der andere Show-Stars und der nächste die Ackermänner. Das ist das Prinzip Guttenberg: Immer schön kleinteilig. Nicht, dass man über einzelne Besteuerungen nicht reden könnte oder müsste. Sehr wohl. Doch die Reihenfolge ist verkehrt. Wer bei Sturm ein Zelt aufbauen will, schlägt auch zuerst die dicken Pflöcke ein,  und dann, zum Nachjustieren, die kleinen Häringe. Heiner Geißler und einige andere haben gezeigt, mit welchen dicken Pflöcken man anfangen muss.

Wie gerne würde man angesichts des Gegenteils solcher Politik aus dem Munde von und zu Guttenbergs einen Satz hören wie: „Ich bin nicht bereit, eine Politik zu unterstützen, die nach außen den Eindruck erweckt, die Regierung lebe nach dem Motto: Nach uns die Sintflut“. Und der dann zurücktritt.

Für diesen Satz des früheren Bundeswirtschafts- und Finanzministers Karl Schiller bedarf es allerdings Zivilcourage. Doch die dem Freiherrn unvermittelt in den Schoß gefallene Karriere lässt diese Vorstellung als höchst naive Option erscheinen. Denn: Eine Krise hat schon immer den Charakter der Menschen gezeigt. Das gilt im Privaten wie in der hohen Politik.

(Zeichnung: courtesy (c) Randall Stoltzfus)
(Photo: Milton Friedman, Wikipedia CC License)
(Photo: Homepage Heiner Geissler)

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 29.06.2009 um 15:06
"Der wahre Charakter in den Zeiten der Krise" ist ein Thema, welches gerade jetzt anschauliches Material bietet. Was zeigt uns der Kapitalismus und was zeigen seine Profiteure und Propagandisten für ein Gesicht?

Die Medien spielen in dieser Frage eine gewisse Rolle. Da es keine Rechenaufgabe mit einer einfachen richtigen oder falschen Lösung ist, spielt die Interpretation eine Rolle.

Momentan kann man schon vernehmen, wie "Die Krise" von ihren Ursachen losgelöst wird und in ein Stadium der Neuinterpretation tritt.

Kollege Bildungswirt ;) hat einen interessanten Artikel zum Thema verfasst.
Leitbild im 21. Jh: Homo symbolicus-ökologicus – Dämmerungen 2
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/leitbild-im-21-jh-homo-symbolicus-oekologicus--daemmerungen-2

Auch (Eigenwerbung) in meinem Artikel diskutierten wir weiter.
Der Kern des Kapitalismus
www.freitag.de/community/blogs/streifzug/der-kern-des-kapitalismus
outnumber schrieb am 29.06.2009 um 16:04
Lieber Schlesinger,

vielen Dank für diesen Artikel. Ich hab den mit Gewinn gelesen.
Sonst kann ich mich nur Streifzug anschließen.
schlesinger schrieb am 29.06.2009 um 20:41
Lieber Streifzug & outnumber: Hatte eben so viel dazu kommentiert, dass ich es wieder entnommen habe, um hoffentlich einen gesonderten Beitrag daraus machen zu können... Daher nicht nur danke für Anmerkungen & Hinweise, sondern auch für die Anregung!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.06.2009 um 12:37
Was den Charakter unserer "führenden" Politiker betrifft: volle Zustimmung. Zwei Aspekte kommen mir aber etwas zu kurz: 1.) Klientelpolitik und Stimmenfang - "falsche" Politik ist nicht nur eine Charakterfrage; 2.) Wer soll (langfristig) für die jetzt aufgehäuften Schulden aufkommen?
Zu 1.) Wenn CDU-Politiker für eine Mehrwertsteuererhöhung eintreten, dann doch sicher vor allem deshalb, um ihre eigene Klientel zu schonen. Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes könnten sie der hochgeschätzten "Mitte" der Gesellschaft dagegen kaum "verkaufen". Ausnahmen wie Wolfgang Böhmer, MP von Sachsen-Anhalt, der genau dies fordert, bestätigen die Regel. Am Ende setzt sich so gut wie nie die Vernunft durch, die Wählerstimmen kostet. Also wird es darauf hinauslaufen, dass die neue schwarz-gelbe Regierung die Sozialleistungen kürzt und die Mehrwertsteuer erhöht.
Meine Prognose: Der Mietzuschuss für ALG-II-Bezieher wird gekürzt. Die Begleitmusik wird lauten: "Wir", d.h. die "Mitte", können und wollen es uns nicht länger leisten, die "Luxuswohnungen" von Hartzlern zu finanzieren. In den Plattenbausiedlungen stehen genügend Wohnungen leer, sollen sie also dorthin ziehen. Die Mehrwertsteuer wird erst 2011 erhöht, auf 25 %, und der ermäßigte Satz wird abgeschafft. Begründung: bis 2011 ist die Krise ja vorbei. Bis dahin wird ein Nachfrageschub ausgelöst. Anschließend muss das Ganze bezahlt werden und die Mehrwertsteuer betrifft ja alle, ist also "sozial" und "gerecht".
2.) Nun stimmt es ja, dass irgendjemand das Ganze bezahlen muss, auch mögliche ALG-II-Erhöhungen. Ich finde, es stimmt auch, dass die Bezieher mittlerer Einkommen schon heute ganz schön ausgequetscht werden. Was von den neoliberalen Parteien gerne genutzt wird, um sie gegen die faulen Hartzler aufzuhetzen. Um diese Spaltung zu verhindern und gleichzeitig die Binnennachfrage anzukurbeln, wären daher Steuererhöhungen für die wirklich Reichen angezeigt. Denn auch die Mittelschicht könnte und würde durchaus mehr Geld ausgeben, wenn sie mehr hätte. Für diejenigen Leute, die ohnehin "schon alles haben" und ihr Geld daher in obskuren "Finanzprodukten" verbuddeln, wären Steuererhöhungen ganz gut. Für den Rest der Gesellschaft auch, da es dann weniger dieser Finanzprodukte gäbe, weniger Heuschrecken etc.
Daher bin ich der Meinung, dass eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes, der Erbschaftssteuer, eine Wiedereinführung der Vermögensteuer und eine höhere Besteuerung von Spekulationsgewinnen so bald wie möglich erfolgen sollten.
schlesinger schrieb am 01.07.2009 um 20:00
Danke an @derDonnerstag
Meine knappen Fußnoten zu Ihren Anmerkungen:
zu 1) Erhöhung des Spitzensteuersatzes? Hoffentlich nicht. Denn es geht längst nicht mehr um den Spitzensteuersatz, sondern um die Gesamt-Abgabenlast. (Spitzen-)Steuer plus Sozialabgaben belasten den leidlich gut verdienenden Angestellten mit seinen 60 Tsd. Euro im Jahr mit satten > 53 Prozent, womit Deutschland den Spitzenplatz in der Belastung innerhalb der OECD-Länder einnimmt.

Wenn man dann diesem Ingenieur, Techniker, Informatiker, Architekten sagt, dass 10 Prozent der Bevölkerung über 60 Prozent des Volksvermögens verfügen, darf man nicht erwarten, dass er Verständnis dafür aufbringt, ihm 53 Prozent seines Einkommens zu nehmen.
Ihre Prognose, dass es einmal mehr an die Sozialhilfe geht, dürfte zutreffen und wäre eine Sauerei.

Zu 2) Wer die zusätzlichen Schulden finanzieren soll? Nun ja, ich würde hier für ein altes rechtsstaatliches Prinzip plädieren: dem Verursacherprinzip. Das Plädoyer dürfte allerdings vergebens sein.

Abschliessend: Ihren Forderungen nach den sonstigen Steuererhöhungen außer dem Spitzensteuersatz kann ich zustimmen, will aber nur anmerken, dass diese Steuern zwar wichtig sind mit Blick auf Steuergerechtigkeit, aber wenig Zugkraft haben zur Bewältigung der aktuellen Krise. Im übrigen werden die Betroffenen anhand des kompliziertesten Steuerrechts der Welt immer gute Möglichkeiten finden, sich diesen Steuern zu entziehen.

Daher kann ich Ihnen zwar weitgehend zustimmen, halte aber eine Umstellung der vorherrschenden Wirtschaftspolitik von Angebots- auf Nachfrageorientierung für das dringlichere Gebot der Stunde.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.07.2009 um 01:53
@schlesinger
Erst mal vielen Dank für die ausführliche Stellungnahme.
Ich bin, was den Spitzensteuersatz anbelangt, nicht sooo eindeutig festgelegt. Mag sein, dass es besser wäre, ihn - auch nach oben hin - weiter zu spreizen. Damit Leute, die man im normalen Sprachgebrauch nicht als "Spitzenverdiener" betrachten würde, nicht übermäßig belastet werden.
Das Verursacherprinzip befürworte ich ebenfalls. Und genauso natürlich Nachfrageorientierung. Um das Verursacherprinzip am besten zur Geltung zu bringen, wären vermutlich die anderen Steuerarten, über die wir uns im Prinzip einig sind, besser geeignet als eine Erhöhung der Einkommensteuer.
Ob diese wirklich so ineffektiv sind, wie Sie meinen, kann ich nicht 100-prozentig beurteilen. Allerdings meine ich, dass es ohnehin an der Zeit wäre, das komplizierteste Steuersystem der Welt zu vereinfachen. Und ich frage mich, wie es z.B. in Skandinavien funktioniert, dass trotz wesentlich höherer Steuersätze die Reichen nicht scharenweise auswandern.
Was ich damit sagen will: ich sehe durchaus das Problem, dass Steuern nur dann etwas bringen, wenn der Staat sie auch eintreiben kann. Den von rechter Seite reflexartig vorgebrachten Behauptungen, sie würden nichts bringen, weil die Reichen bzw. "die Leistungsträger" sich dem einfach entziehen würden, kann ich so jedenfalls nicht glauben. Es stimmt sicher zum Teil, aber eben nur zum Teil. Wenn staatlicherseits der Wille wirklich da wäre, könnte man ja z.B. Steuerschlupflöcher schließen, deutsche Banken sanktionieren, die ihre Kunden aktiv dabei unterstützen, ihr Geld auf Schwarzgeldkonten im Ausland anzulegen, oder einfach genügend Finanzbeamte anstellen und diese nicht bei ihrer Arbeit behindern.
Ok, leider - da scheinen wir uns auch einig zu sein - wird das alles so bald nicht passieren. Frühestens wohl - ansatzweise - nach der übernächsten Bundestagswahl.
schlesinger
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