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Die Diskussionen zur Wirtschaftskrise werden zu einem Gutteil von gänzlich überflüssigen und wirkungslosen Betrachtungen zur Moral begleitet.
Die Gier der Banker / Manager / Politiker.
Ach. Als hätten diese Leute bloß vergessen, was Moral ist. Unfug. Moral ist zwar existent, aber sie ist statistisch "normalverteilt": Manche haben mehr, manche weniger davon abbekommen.
Einer hat nicht weniger Moral, weil er Banker ist. Aber der Anteil der Banker, die im Zuge der "Normalverteilung" einen geringeren Zuschlag an Moral bekommen haben, werden sich austoben, sobald es die Rahmenbedingungen zulassen. Dasselbe gilt für den Politiker, den Polizisten, den Soldaten, den Meister im Betrieb, den Abteilungsleiter bis hin zum Kassenangestellten der Bahn. Deren effektive Handlungsbedingungen lassen ihre (Un-)Moral zum Vorschein kommen oder halten sie im Zaum.
Reden ist Silber - regeln ist Gold
Als wäre je zu Menschenzeiten eine Änderung der moralischen Qualität dadurch erreicht worden, dass man Moral thematisierte. Moral ist - um eine willkürliche Zahl zu nennen - zu 90 Prozent naturgegeben und zu 10 Prozent gestaltbar.
Man kann das Thema von beliebig vielen Blickwinkeln betrachte: Es kommt immer dasselbe dabei heraus. Haben 2000 Jahre Christentum die menschliche Moral gehoben? Nein. Haben humanistische Appelle der Klassik oder des Humanismus die Moral verbessert? Nein. Hat es die Philosophie erreicht? Nein. Die Anrufung der Vernunft? Nein.
Die größten Ausfallerscheinungen in Sachen Moral sind immer dann aufgetreten (und werden es bis zum Ende aller Tage tun), wenn es einen Handlungsrahmen gab oder gibt, der die Ausfälle zugelassen oder gar befördert hat, sei dies nun eine christliche Weltanschauung, die zu den Kreuzzügen geführt hat; die stalinistischen Säuberungen; die nationalsozialistische Freigabe der Hetzjagd auf Juden; die Apartheitspolitik Südafrikas oder die der USA bis in die 60er etc.pp.
Der Staat und / oder die Gesellschaft haben sich dabei je Rahmenbedingungen gegeben, die solche Ausfallserscheinungen sanktionsfrei werden liessen oder honoriert haben.
Moral ist, um es abzukürzen, die konkrete Verhaltensweise angesichts bestimmter Rahmenbedingungen zulässigen Handelns. Je feiner und besser komponiert das Regelwerk zur Begrenzung - man könnte auch sagen: zur Befriedung - des Einzelnen, desto "höher" die resultierende Moral.
Darin liegt seit jeher die Herausforderung und das Dilemma der Demokratie: Das Austarieren von individueller Freiheit und nötiger Beschränkung.
Das wußten die Verfassungsväter der USA besser als alle anderen und komponierten daraus das System der checks und balances. Selbstverständlich: Keine Garantie für makelloses Gelingen. Aber vom Grundsatz her der bestmögliche Versuch.
Es sollte endlich Schluss sein mit dieser Augenwischerei, die mit der irreführenden Anrufung von "Moral" betrieben wird.
Man erstelle kluge Regelwerke (wozu zum Beispiel eine funktionierende Bankenausfsicht gehört und nicht - wie Günther Verheugen zurecht kritisierte - eine im weltweiten Vergleich überaus lasche BAFIN) und die Moral stellt sich von alleine wieder ein.
Das gilt für den Neokapitalismus insgesamt: Er war gekennzeichnet durch ein Übermaß an Freiheiten. Die aber hat schon immer ihre Kinder gefressen.
Zäumt die Gier, aber kommt ihr nicht mit der Moral!
Wie sagte Schopenhauer zurecht:
"Wenn Erziehung und Ermahnung irgend etwas bewirkten,
wie könnte dann ein Nero der Schüler Senecas seyn?"
Die Moralapostel von Berufs wegen, also die Kirchenleute, Politiker, Philosophen und Gutmenschen werden dieser Chimäre weiter mit Ausdauer nachjagen.
Fangt den Hut! Und sagt mir, wenn ihr sie gefunden habt, Eure herbeigeredete flächendeckende Moral.
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Leseempfehlungen:
Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral; Morgenröte
Zur Morallosigkeit der Moralisten
Das gute Leben - so billig
Nachtrag: Im Zuge von weiteren Recherchen, um auf Kommentare eingehen zu können, bin ich auf einen lesenswerten Vortrag des Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert zum Thema Moral & Wirtschaft aus dem Jahr 2008 gestossen. Der Sozialwissenschaftler Lammert hat seinen Vortrag um letzlich dieselbe Kernthese aufgebaut:
"Der Umgang mit moralischen Ansprüchen gegenüber kodifizierten Systemen ist eine besonders delikate Herausforderung. Ich bin, wie Oswald von Nell-Breuning, der nicht als bedeutender Unternehmer, sondern als bedeutender Sozialethiker in die Nachkriegsgeschichte eingegangen ist, der Überzeugung, dass man diejenigen politischen und ökonomischen Systeme allen anderen Varianten vorziehen sollte, die die geringsten Ansprüche an die individuelle Moral stellen.
Diese auf den ersten Blick verblüffende Auskunft, die man selbst auf den zweiten Blick für einen Anflug von Zynismus halten könnte, ist bei genauerem Hinsehen sehr gut durchdacht."
Bild: courtesy Randall Stoltzfus (Titel: Manicomio)
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Sehr erfrischender Artikel bei all dem Moralmief und Moralgeredemief der sich im Umfeld der Wirtschaftskrise ausbreitet.
Zwei Anmerkungen in ihrem Artikel lassen mich hoffen, dass Sie in der Beurteilung der Situation nicht gaenzlich von meiner eigenen abweichen. Ich zitiere: "Reden ist Silber - regeln ist Gold ... Das wußten die Verfassungsväter der USA besser als alle anderen" Beziehen Sie sich dabei auf Section 10 des 1. Artikels der amerikanischen Verfassung? www.constitution.org/constit_.htm "Article I, Section. 10. No State shall enter into any Treaty, Alliance, or Confederation; grant Letters of Marque and Reprisal; coin Money; emit Bills of Credit; make any Thing but gold and silver Coin a Tender in Payment of Debts; pass any Bill of Attainder, ex post facto Law, or Law impairing the Obligation of Contracts, or grant any Title of Nobility." Dann sind sie vielleicht einer Meinung mit mir, dass wir gerade die Konsequenzen eines vor nunmehr fast 100 Jahren begangenen und bis heute fortwaehrenden Verfassungsbruchs der USA zu spueren bekommen. Damals wurden die Selbstregelungskraefte eines auf der Realwirtschaft basierenden Geldsystems zugunsten eines durch interessierte Kreise beliebig manipulierbaren zentralen Planungssystems geopfert. Liege ich mit meiner Einschaetzung Ihrer Position richtig oder lese ich da nur was zwischen den Zeilen was Sie gar nicht gemeint hatten? Meine eigene Position bezueglich der aktuellen Krise habe ich in meinem ersten und bisher einzigen Blog-Beitrag in diesem Forum kund getan. (s. www.freitag.de/community/blogs/datmut/wege-aus-der-krise-hier-gehts-lang) |
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Lieber datmut, Sie haben zutreffend geahnt, dass Sie meine Darlegung in Blick auf die US Verfassung etwas weit interpretiert haben. Ich gebe gerne zu, dass ich mich in dem von Ihnen genannten Detail nicht auskenne. Übers Wochenende will ich aber einen Blick darauf werfen. Danke zunächst für Ihre ermunternde Einleitung!
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"Man erstelle kluge Regelwerke ... und die Moral stellt sich von alleine wieder ein."
Wer erstellt was für Regelwerke? Was sind "kluge" Regelwerke? Zu glauben es gäbe unabhängige Fachleute welche funktionierende Regeln erarbeiten die dann brav befolgt werden ist recht naiv. Da sind Philosophen und Gutmenschen um einiges realistischer. So kann man einfach sagen: "Fangt den Hut! Und sagt mir, wenn ihr sie gefunden habt, Eure herbeigeredeten flächendeckenden Regeln." |
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Sie scheinen den Kern des Beitrags verpasst zu haben, da Sie im Sinne eines gegenarguments schreiben:
"Zu glauben es gäbe unabhängige Fachleute welche funktionierende Regeln erarbeiten die dann brav befolgt werden ist recht naiv." Dieser Satz aber widerlegt nicht die Kernthese, sondern bestärkt sie. Warum? Weil aufgrund der "Normalverteilung" von Moral ein Moralappell an diejenigen nichts bewirkt, die (von Natur aus) wenig Moral haben. Genau das attestieren Sie zurecht mit dem genannten Satz: Setzen Sie "Moral" statt "Regeln" und der Satz gilt unverändert. Genau der mangelnden Erfolgsaussicht halber, dass Moral oder Regeln einfach nur befolgt würden, weil man an sie appelliert oder sie ausspricht, folgt der Verweis auf "kluge" Regelwerke, die sich durch das Prinzip von checks and balances auszeichnen. Diejenigen, die "genügend" Moral haben, bedürfen keiner checks, da sie die Regeln von sich aus befolgen, und diejenigen, die "wenig" Moral haben, unterliegen den checks, womit das System balanciert wird. Wie bereits gesagt: Im Menschlichen gibt es keine Erfolgsgarantien, aber das US Verfassungsprinzip der - ich erweitere das ursprüngliche Schlagwort - rules AND checks and balances ist "klüger" als alle Moralappelle oder nur auf dem Papier stehenden einseitig ausgesprochenen Regeln. Denn letzteres ist, wie Sie richtigerweise betonen - naiv. Insofern interpretiere ich Ihren Beitrag als Zustimmung, der eventuell aus einem Flüchtigkeitsfehler heraus zu einer ablehnenden Kritik geriet. |
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Weder Moral noch Regeln noch das Prinzip von rules and checks and balances funktionieren nachweislich in der Realität. Ebenso wenig gibt es eine nachweisbare Relation zwischen checks, Moral oder keiner Moral und balance. Gerade an der jetzigen Krise kann man sehen, dass es auf der anwendbaren Ebene keinerlei Möglichkeit der Kontrolle gibt. Es bleibt bei schönen Worten und hochgestochenen Begriffen.
Das ist kein Versehen oder Versagen. Es liegt darin begründet, dass es sich um zwei verschiedene Ebenen handelt. Vereinfacht kann man sagen dass sich die genannten Kontrollelemente (Moral, Regeln, rules and checks and balances) in einer zweidimensionalen Ebene befinden, während die Aktionen in einer dreidimensionalen Ebene stattfinden. Dort kann man zweidimensionale Hindernisse leicht umgehen. Und das in einer Art und Weise, die sich aus der zweidimensionalen Ebene nicht ableiten lässt. Wer sich die Krisen der letzten Jahrzehnte anschaut, findet immer wieder genau dieses Auseinanderdriften von erwünschter Einschränkung und praktizierter Überwindung. |
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Lieber Streifzug,
ich verstehe deine Einwände, auch die Frage nach den "klugen Regelwerken", vielleicht sogar die Aussichtslosigkeit auf derzeitige Realisierung. Sie wurde von Schlesinger nicht substanziell, sondern formell beantwortet.Gut, hier müßten viele Argumentationsschippen drauf gelegt werden. Da müßtest du auch mit ran. Welchen "Fang den Hut" und welches Spielebrett bevorzugst du? Wir sollten vor allem nicht Gräben vertiefen, wenn umgekehrt Brückenbau angesagt wäre. Ich halte Schlesingers Beitrag in der Sache für klug, polemisch gewürzt (über die Würzmischung kann man sicher geschmäcklerisch streiten) und in seiner "Moralkritik" - oder sagen wir besser: in dem zurzeit zur Schau getragenem Moralgesäusel in den Massenmedien - zutreffend. Vergleiche seinen qualifizierten Beitrag mal mit den organisierten Verdummungsprogrammen in den zahlreichen Talkshows. Freundliche Grüße vom Bildungswirt |
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Hallo Bildungswirt,
unterschiedliche Meinungen sind kein Beinbruch. Natürlich ist das mediale Moralgesäusel unerträglich und meist verlogen. Das Regelgefasel ist es aber nicht minder. Ich begründe meine Meinung. Was will man mehr in einem linksliberalen Forum :) Friede, Freude, Eierkuchen ist nicht mein Gebiet. Mit netten Worten und frühzeitiger Verbrüderung auf halbem Weg kommt man der massiv veröffentlichten Meinung nicht bei. Liebe Grüße Streifzug |
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Lieber Streifzug,
"Friede, Freude, Eierkuchen ist nicht mein Gebiet. Mit netten Worten und frühzeitiger Verbrüderung auf halbem Weg kommt man der massiv veröffentlichten Meinung nicht bei." 100%ige Zustimmung. (Einigen in der Community ist die Unerscheidung ad rem und ad personna nicht so ganz klar - kann bei verschiedenen Debatten leider immer wieder festgestellt werden.) "Unterschiedliche Meinungen sind kein Beinbruch." Unbenommen, nur soll es beim unverbindlichen Meinungsaustausch stehen bleiben? Doxa auf den Markt, schön, dass wir mal darüber geredt haben? Sind neue Erkenntnisse, neue Einsichten nur Chimären? Freundliche Grüße vom Bildungswirt |
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Vielen Dank, für diesen gelungenen Beitrag!
Der Moralbegriff ist inzwischen einer ähnlichen Inflation unterworfen, wie schon bald das Geld. |
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Ihrem Artikel kann ich nur teilweise zustimmen, obwohl auch ich nicht glaube, daß nur "die da oben" sich durch einen besonderen Mangel an Moral auszeichnen, nicht aber "der kleine Mann", der vor allem wegen seiner Machtlosigkeit nicht Ähnliches anstellen kann wie ein Bankchef oder Politiker...
Allerdings finde ich durchaus, daß Leute, die besondere Privilegien (viel Macht / viel Geld / "Chef sein") genießen, eben dafür auch besonderen Ansprüchen genügen sollten, die über das hinausgehen, was der harmlose, machtlose, geldlose "Otto Normalbürger" so als Durchschnitt aufweist. Die Betroffenen sahen das ja bisher auch so und fühlten sich als die "Elite", der die schönen Privilegien zustehen, da sie ja die "Leistungsträger" der Gesellschaft seien und "Werte schaffen". Jetzt verweisen sie lieber darauf, es hätten doch alle mitgemacht bei der großen Gier und Abzocke. Ganz sicher werden sie aber alle wieder zur "Elite" zurück kehren, sobald es wieder Millionengehälter zu verdienen gibt.... So weit so gut, jedoch denke ich, daß Sie in Ihrem Beitrag weniger von "Moral" als von fehlenden Regeln schreiben, bzw wie das Ausnutzen der Lücken im Regelwerk jetzt (fälschlich) als "Unmoral" gegeißelt wird. Wäre "Moral" nur der Rahmen, in dem sich alle bewegen können, wäre das eben keine "Moral", sondern schlicht das Regelwerk einer Gesellschaft. Dann könnte man sich tatsächlich das ganze Gerede von Moral sparen, sondern einfach die Gesetze befolgen. Ich finde, Sie sollten aber mehr klar stellen, daß Moral eben viel mehr ist, als nur Regeln befolgen, es ist das, was "man (nicht) tut", auch wenn einen eigentlich keine Regel oder keine Sanktion davon abhalten würden. Es ist also eher etwas Idealistisches, eine schwer faßbare Idee von dem was "gut und richtig" ist. Daraus ergibt sich ein wesentlicher Punkt in Ihrem Artikel, bei dem ich vehement widersprechen muß, der zumindest aber mißverständlich ist: Sie sagen, daß man sich bei - funktionierenden Regeln - die ganze "Moral" sparen kann, was auf die Wirtschaft bezogen vermutlich auch richtig ist, aber eben nicht allgemein. Würden sich nämlich die "Guten" immer nur an die gültigen Regeln halten, hätte es eben keinen Widerstand gegen Guantanamo gegeben. Moral ist eben, wenn Menschenrechtler gegen Guantanamo zu Felde ziehen, OBWOHL es "legal" war, ebenso wie die "Folter light" es war. Seien wir lieber froh um jeden Moralischen! Moral hatte und hat immer noch die ganz wichtige Funktion, ansonsten nicht kontrollierbare Macht in Grenzen zu halten. Warum gibt es in gefestigten Demokratien keinen Militärputsch, obwohl niemals vorher in der Geschichte so viel Vernichtungskraft in der Hand so Weniger konzentriert war? Nicht nur, weil Gesetze so etwas verbieten - das tun sie in den Bananenrepubliken auch - nein, es sind sich einfach alle einig, daß man "so etwas nicht tut" ! Demokratie wäre ohne "Moral" nicht denkbar. |
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@ EisenHertz: Vielen Dank für Ihre konstruktiven, kritischen Anmerkungen! Aufgrund der Zeichenbegrenzung werde ich meine Anmerkungen dazu auf mehrere Kommentare verteilen müssen.
- Zur besonderen Verantwortlichkeit der "Eliten" "Eigentlich" stimme ich Ihnen zu, aber nur aus einer Art Reflex heraus. Denn es wird sich - so meine Kernhypothese - nie etwas an der Normalverteilung von "Moral" (oder meinetwegen Anstand) ändern. Kein Auswahlverfahren der Welt wird dafür sorgen können, dass nur oder überwiegend nur die "Anständigeren" in die gewünschten Positionen kommen. Das aber wäre exakt die Voraussetzung dafür, dass sie ihren höheren Verantwortlichkeiten, die aus den größeren Konsequenzen ihres Tuns resultieren, de facto auch nachkommen. Daher teile ich zwar ihren Wunsch, erachte ihn aber leider als irrelevant in Bezug auf wirksame Handlungsempfehlungen. Die einzige Möglichkeit, die Verantwortung auch für diejenigen zu bewirken, die ihr nicht "von Natur aus" nachkommen, sehe ich daher in dem klugen Ansatz der checks and balances. Genau weil Madison & Co. die Fallstricke des menschlichen Charakters kannten und sich bewußt (!) nicht der Illusion hingaben, man könnte irgendetwas an der Bandbreite menschlicher Naturen - vom Engel bis zum Teufel - ändern, haben sie viel Energie darauf verwendet, dass sich die Menschen kraft gegenseitiger Beaufsichtigung im Zaum halten. Ein Gegenargument dazu ist gerade nicht, wie man leider allzu oft hört, der "Fall Bush" im Sinne von "Am Irakkrieg oder an Guantanamo könnt ihr sehen, wie wenig die checks and balances nutzen." Das Umgekehrte trifft zu: Gerade die unablässigen Bemühungen von Bush / Cheney, die checks immer mehr außer Kraft zu setzen (in Form von presidential orders, signing statements, Ausdehnung der Befugnisse kraft des verwaschenen Begriffs des "commander in chief" etc.pp) zeigen, wie "bedrohlich" dieses ausbalancierte System für diejenigen ist, die autonom oder gar diktatorisch herrschen wollen. Kurzum: Die Bush-Jahre sind der Beweis für die Richtigkeit der Grundprinzipien der US Verfassung (= Gewaltenteilung). |
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@ EisenHertz
(Teil II meiner Antwort) - Zu "Die Betroffenen sehen sich als Elite" Ich räume ein, dass ich hier möglicherweise ein anderes Verständnis von "Elite" habe. Ich denke bei Elite nicht in Kategorien von "gut" oder "edel" etc.pp., sondern eher an "produktiv" im weitesten Sinne (das gilt also auch für die nicht-ökonomischen Bereiche). Elite ist demnach der kenntnisreiche Ingenieur, der zudem noch den Mut und die Tatkraft hat, einen Betrieb aufzubauen, und damit Menschen in Lohn und Brot bringt. Auf der rein menschlichen oder meinetwegen charakterlichen Seite erwarte ich von ihm offen gesagt nicht, dass er etwas "Besseres" ist als der Durchschnitt seiner Mitarbeiter (wünschen ja, realistisch erwarten nein). Daher haben in der Krise "die da oben" (wir reden hoffentlich nur von den schwarzen Schafen und nicht von 100% der Manager, Banker, Unternehmer etc.) meines Erachtens de facto dasselbe getan wie jedermann auf der Straße: Sie haben versucht, ihre Position zu verbessern. Dass es beim einen um 100 Euro geht, die er bei der Steuererklärung erschleichen will (und ich kenne einige, die das versuchen und tun, und nicht nur 100 Euro...), und beim anderen um 100.000 Euro, ist offenkundig eine andere Quantität, aber ich kann keine andere Qualität hinsichtlich des Motivs oder eben der "Moral" erkennen. Hätte die Bafin (und viele weitere Instanzen von den Aufsichtsräten über Staatsanwaltschaften ...) ihre Aufgabe gewissenhafter wahrgenommen und sich nicht mehr und mehr in liberale, oder um genauer zu sein: in laissez-faire Verhaltensweisen begeben, wäre ein Gutteil der jetzigen Situation nicht existent. Die Eliten, so wie ich sie verstehe, hätten ihrer Aufgabe kraft guter Kenntnisse nachgehen könne, aber es wäre ihnen bei funktionierenden checks (Bafin nur als Beispiel) rechtzeitig auf die Finger geklopft worden. |
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@ EisenHertz
(Teil III) - Sie lesen meinen Beitrag so, als würde ich auf Moral verzichten wollen, da man ja die Regeln / Gesetze hätte Vielleicht habe ich mich ungenau ausgedrückt. Moral ist unverzichtbar. Ich setze sie gewissermaßen als gegeben voraus, aber eben nur im bereits erwähnten Sinne einer Gauss'schen Gleichverteilung. Was die Gesetze anbelangt: Sie ähneln den Moralappellen. Es sind Einbahnstraßen. Alle Gesetze und Regeln funktionieren nur so gut, wie man ihre Durchführung in einem angemessenem Rahmen überwacht. Das gilt fürs Kleine wie fürs Große. Der kleine Abteilungsleiter braucht nicht zu hoffen, seine Mitarbeiter würden immer alle Anweisungen oder Aufgaben befolgen, nur weil er sie einmal ausgesprochen hat. Ohne ein Maß an Aufsicht und Kontrolle geht es nicht. Auch hier erweist sich die Grundüberlegung der checks and balances als guter Rat. Da ich Ihrem Satz "Demokratie wäre ohne Moral nicht denkbar" vollkommen zustimmen kann, sehe ich die Möglichkeit einer Synthese: Man hat bei uns im Laufe vieler Jahre zu sehr auf eine Art "immanente Moral" vertraut. Als wären wir schon so perfekt, dass man immer mehr auf checks & balances verzichten könnte. Die aktuelle Lage zeigt, dass man mit diesem Vertrauen zu weit gegangen ist. So also kam ich zu dem Schluß, dass man es bei der Moral noch am ehesten mit einer Art festen Größe zu tun hat, während das ständig neue Austarieren der Regel- und Kontrollwerke zu kurz kam. Jetzt aber doch recht einseitig die Moral zu bemühen, scheint mir zu heißen, aufs falsche Pferd zu setzen. Nachjustiert werden muss weniger bei der Moral, als bei den Regularien und (wichtiger!) deren Überwachung. (Anmerkung zu Letzterem, nicht an Sie: Bevor die Begriffe checks and balances und der in diesem Sinn von mir gebrauchte Begriff "Überwachung" einen Pawlow'schen Reflex auslöst, bitte ich die mit dem Wortpaar "checks and balances" nicht vertrauten Leser herzlich, sich mit dem Kontext der Begründung der US Verfassung auseinanderzusetzen und die Begriffe nicht willkürlich und irreführend in aktuelle "Überwachungskontexte" zu pressen. Sehr zu empfehlen wäre eine kommentierte Ausgabe der "Federalist Papers"; auch die Lektüre von Montaigne oder La Rochefoucauld ist im weiteren Sinne geeignet). |
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Lieber Schlesinger,
erhellende Ausführungen. Es dürfte klar geworden sein, was Sie favorisieren.Wir sollten vielleicht anschließend a) über Interessen und Durchsetzungsmacht eines Checksystems (kluge Regelwerke und Kontrollausführungen) reden b) über tieferliegende erotische und thymotische Energien innerhalb der pulsierenden weltweiten Megamaschine, auch genannt: Kapitalismus. Gruß vom Bildungswirt |
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@ Bildungswirt
Ein Beitrag zu konkret ausformulierten checks and balances bezogen auf Finanzwirtschaft wäre ein sehr ambitionierter Versuch, dessen Kunst darin bestünde, dieses weite Feld konzentriert und fachlich versiert vorzutragen. Im Finanzmetier bin ich nicht firm, um in Vorlage gehen zu können. Machen Sie einen Versuch! Besonders neugierig bin ich auf die erotischen Energien... |
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Lieber Schlesinger,
zu einem "check and balance"- System wäre sicher ein neuer Beitrag fällig. Regelwerke werden auf politischen Märkten diskutiert. Inwieweit sie mit Macht und Durchsetzungswillen unterfüttert sind, ist eine andere Frage.Das aufgestaute "Zornkapital der Empörung und Vergeltung" lässt sich auch so - inklusiver einiger moralischer Stoßgebete - regulieren.Die Leute beruhigen sich wieder.Die Finanzmärkte besorgen das ihrige.Schauen sie allein die erotischen Energien, die von regelmäßigen Konsumräuschen ausgehen. Die Begierde der Objektlust, der Einverleibung, des Waren-Besitzes ist allgegenwärtig.Wäre es nur die Gier einiger Bänker und Zocker - ja dann - ist es aber nicht. Gruß BW |
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Auch Sie, schlesinger, jagen einem Hut nach, wenn Sie schreiben: "Das gilt für den Neokapitalismus insgesamt: Er war gekennzeichnet durch ein Übermaß an Freiheiten. Die aber hat schon immer ihre Kinder gefressen."
Das Übermaß an Freiheiten, dass Sie auszumachen glauben, war unauffindbar für Hartz-IV-Empfänger, unauffindbar für Arbeitnehmer, die inzwischen ihren Bossen tatsächlich Lohnverzicht vorschlagen, unauffindbar für die Kinder und Lehrer, die unter immer mieseren Bedingungen Schule machen müssen, um nur einige zu nennen. Was halten Sie weiter davon, wenn wir uns einigen, dass es nicht eine Moral sondern viele derselben gleichzeitig gibt. Dass manche Kriterien moralübergreifend sind, einige wesentliche aber inkompatibel, ließe sich erklären. Aber wenn Sie statt in Moral in Regeln eine Lösung sehen, kommen Sie eh nur vom Regen in die Traufe. Wer soll denn welche Regeln DURCHSETZEN. Und ist Moral nicht gerade das freiwillige Befolgen von Regeln, ohne selbige in Frage zu stellen? Das unfreiwillige Befolgen ließe sich erfahrungsgemäß aber nur über Polizei, Paragrafen, Strafandrohung sicherstellen. Also sind wir womöglich schon wieder bei der Machtfrage gelandet- mit unseren Regeln? Wer hat die Macht, Hartz-IV zu beenden, den Mindestlohn zum Gesetz zu erheben usw. usf.? Dieselben, die über Jahre gerade das verhindert haben. Was werden die wohl für eine Moral haben? Meine jedenfalls nicht! Dazu ein Zitat von Engels: "Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten. ... Eine über den Klassengegensätzen und über der Erinnerung an sie stehende, wirklich menschliche Moral wird erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, die den Klassengegensatz nicht nur überwunden, sondern auch für die Praxis des Lebens vergessen hat." Sollten wir also für die nächsten Wahlen die Parteien danach beurteilen, welche Regeln sie in der Vergangenheit gesetzt haben und welche Regeln sie ändern zu wollen vorgeben. |
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@ebsw
Leider muss ich die Antwort splitten, Teil I: Hier scheinen vorwiegend begriffliche Mißverständnisse vorzuliegen, aufgrund derer Sie eine vielleicht gar nicht vorhandene Differenz zwischen unseren Positionen ausmachen. Mein "Übermaß an Freiheit" im vorliegenden Kontext bezeichnet die gesellschaftliche Fahrlässigkeit, Regeln (egal, ob sie festgeschrieben sind: Gesetze, Verordnungen, meinetwegen auch Betriebsvereinbarungen, oder ob sie kraft ungeschriebener Übereinkunft gelten sollen) in zu geringem Maß oder gar nicht zu kontrollieren. Dazu fällt mir auf: Ich müsste direkt einmal in mich gehen, ob ich Leninist bin, denn "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser"... Konkret: Für Bankgeschäfte gibt es Regeln. Der Staat will sich vom Prinzip her (zurecht) nicht ausschliesslich darauf verlassen, dass alle Banken und alle Banker die Regeln von sich aus freiwillig und ohne Kontrollen einhalten. Dafür gibt es u.a. die Bafin. Nun hat aufgrund lascher Kontrollen exakt dieses laissez-faire, also dieses Übermaß an Freiheit der Akteure stattgefunden. In den USA wurden Fannie May und Freddy Mac kaum kontrolliert, zu welchen Modi sie millionenfach hochriskante Hauskredite vergaben. In Deutschland wurden deren Produkte in pakettierter Form gekauft, ohne dass sich die Bankenaufsicht - angesichts der riesigen Volumen - angemessen darum gekümmert hätte. |
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Teil II
Sie sehen: Während ich mit Übermaß an Freiheit im Sinne von Übermaß an mangelnder Kontrolle meinte, haben Sie es (vielleicht aufgrund zu unpräziser Darstellung meinerseits) als "Freiheit, sich ein anständiges Leven leisten zu können" gelesen. Dann kann man zu Ihren Schlüssen bzw. Gegendarstellungen gelangen, die ich gar nicht abweisen will. Sodann wollte ich gerade nicht "Regeln STATT Moral" setzen. Es geht mir vielmehr darum zu zeigen, dass man mutmaßlich wenig - ich formuliere salopp - an der "Moralschraube" drehen kann. Die derzeit allenorts zu hörenden Forderungen nach "moralisch besserem Verhalten" (so jüngst wieder Erzbischof Marx in einem Interview in der SZ) werden wenig bis nichts bewirken. Man redet nur dem Volk nach dem Mund, das solche Appelle gerne hört. Ich verkürze hier fast unzulässig: Wer unmoralisch ist, ist unmoralisch. Punkt. Kein Appell eines Erzbischofs wird daran etwas ändern. Wird aber einer mit mangelnder Moral hinsichtlich der für ihn geltenden Regeln in angemessenem Rahmen kontrolliert, werden die schlimmsten Auswüchse wohl verhindert. Die Bank, die sich unter einer angemessen Aufsicht der Bafin sieht, wird sich verkneifen, hochriskante Geschäfte abzuschliessen. Ich wähle nun bewußt "Bank" und nicht "Banler", weil mit den "checks" nicht Personenkontrolle oder gar Personenüberwachung gemeint ist, sondern Kontrolle von Prozessen. Die Prozesse der Banken - um bei diesem Beispiel zu bleiben - sind vernünftig zu kontrollieren, nicht etwa der Bankangestellte Hans Maier. Sie haben selbstverständlich recht, dass Moral unter anderem im freiwilligen Befolgen von Regeln besteht. Ich hoffte jedoch darlegen zu können, dass es zu allen Zeiten Akteure geben wird, die die Regeln dann nicht befolgen, wenn sie sich "völlig frei", also bar jeglicher Kontrolle fühlen. Bitte sehen Sie mir nach, dass ich nicht auf das Lenin-Zitat oder die Frage nach den Wahlen eingehen möchte: Nicht, weil das eine oder andere unwichtig wäre, sondern weil mein Thema damit ins politische und parteipolitische erweitert würde, was ich in diesem Kontext nicht möchte. Danke für Ihre konstruktiven Anmerkungen! |
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Die Erkenntnis einer Klassenmoral ist sicherlich von enormen Wert, dennoch ersetzt sie nicht die spezifischen Fragen nach dem Verhältnis bzw. der Balance zwischen individueller Freiheit und notwendiger Kooperation/Pflicht bzw. Gemeinschaft. Ein allzu ökonomistischer Marxismus, den ich Ihnen keineswegs unterstelle, verneint im übrigen den intrinsischen Faktor, also das Vorhandensein von Wertüberzeugungen bzw. hält ihn zumindest nicht für relevant, ganz ähnlich übrigens wie neoklassische Theorien, die den Homo Oeconomicus vergötzen. Ich halte dies für einen Fehler!
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lieber schlesinger, mir gefällt ihre rede von der gauss#schen verteilung oder streuung der moral. aber ich sehe ganz andere konsequenzen als regelwerke.
milgram hat im versuch bewiesen, dass es einen gewissen prozentsatz von widerstandsfähigen gibt. er kam unter den standardbedingungen auf etwa ein drittel dieser befehlsverweigerer, wo folter und mord angeordnet wurden. doch die leutchen waren für milgram so uninteressant wie für die gesellschaft. die menschen mit dem funktionierenden gewissen sind in der traditionellen gesellschaft nicht die elite. darum geht dauernd etwas schief. in den usa ebenso wie anderswo. in der schule hat gewonnen, wer sich geschickt durchschlägt, nicht aber, wer ein herz und ein hirn hat, das für den ernstfall gerüstet ist. der ernstfall ist hier und überall, ist jeden tag. eine gesellschaft mit zukunft braucht nicht nur bessere regeln, sie braucht auch bessere strukturen, und die standhaften mit dem zuverlässigen urteil müssten das vetorecht haben. moralisieren bringt gar nichts. in dem punkt bin ich einer meinung mit ihnen. |
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Sie schreiben: >die standhaften mit dem zuverlässigen urteil müssten das vetorecht haben< - gut und schön. Wer aber wählt die Standhaften aus, die das Veto-Recht haben sollen?
Etwa die Moral-Apostel, die aufgrund ihrer Moralität den besseren (weil das Gute anstrebend) Überblick haben? Oder ein Gremium der Ethik-Experten? Da hätten wir flugs die Oligarchie der Moralisten. Eine Elite der Guten. Brrr. Mich fröstelt bei der Vorstellung. |
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@ h.yuren
Das Milgram-Experiment ist sehr aufschlussreich in Bezug auf - wie Sie zurecht sagen - die Standhaftigkeit oder Nicht-Standhaftigkeit von Personen angesichts eigentlich irregulärer Zumutungen. Aus dem Blickwinkel meines Moral-Essays vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise sind die Akteure jedoch alles freiwillige Akteure. Niemand bei der HypoReal Estate oder andernorts wurde zum Abschluss hochriskanter Geschäfte wider besseren Wissens genötigt. Insofern sehe ich hier nicht ganz den Zusammenhang, aber vielleicht ist es schon zu spät und ich komme von einer sehr langen Wanderung zurück :-) Ihr Blick von den "Geschickten", die sich immer gegen die eigentlich Besseren durchschlagen, möchte ich nicht teilen. Keine Frage, dass es immer wieder vorkommt, aber daraus eine Regel zu machen, ginge für meinen Geschmack zu weit. Wenn Sie von den "besseren Strukturen" sprechen, erkenne ich darin eine Übereinstimmung mit meinen erwähnten "Prozessen" (bitte siehe Kommentar an @ebsw / Teil II): "Prozesse", die einer besseren Regelung bedürfen (Bsp.: Eine auf Dauer angelegte angemessene Bankenaufsicht wäre eine Struktur im klassischen Sinn der Defintion). Bei Ihrem Wunsch nach den Standhafteren und Zuverlässigeren klingt ein bisschen Aristoteles durch, der Aristokratie als die Herrschaft der Guten definiert hat. Bei der Idee mit dem Vetorecht ist mir offen gesagt nicht wohl zumute. Hier teile ich eher die Auffassung von I.D.A. Liszt, wenngleich ich es weniger pointiert formuliert hätte ;-) Danke für die Anregungen! |
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In meinem letzten Beitrag haben sich Fehler in Grammatik und Interpunktion eingeschlichen, bitte um Nachsicht, vielleicht ist zu viel frische Luft der Konzentration abträglich (Heute Wandern am "Wilden Kaiser", Österreich, sehr empfehlenswert). Andererseits riet schon Nietzsche: Traue keinem Gedanken, der nicht an der frischen Luft geboren ist!
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Lieber Schlesinger,
"Niemand bei der HypoReal Estate oder andernorts wurde zum Abschluss hochriskanter Geschäfte wider besseren Wissens genötigt." Ich habe meine Zweifel ob diese Behauptung einer Ueberpruefung in der Praxis standhaelt. Eine vom Chef angemahnte Eigenkapitalrendite von 25% ist eine klare Ansage (DB-Chef Ackermann). Die kann man nur mit hochriskanten Geschaeften und viel Glueck erzielen. Dass - wer dann entsprechend diesen Vorgaben handelt - wider besseren Wissens gehandelt hat ist anzunehmen. Andernfalls koennte es nur mangelnde Qualifikation gewesen sein. |
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Lieber datmut,
mit dem Hinweis auf eine Art "Zwangslage", die aufgrund harter "Zielvereinbarungen" entstehen könnte, haben Sie grundsätzlich recht! Reduziert man mein Beispiel - das eine Antwort auf das Milgram-Experiment sein sollte - auf das Führungspersonal, hat es vielleicht größere Berechtigung: "Niemand zwang Herrn Funke, riskante Geschäfte einzugehen". Aber auch mit Blick auf nachgeordnete Positionen in Banken, Versicherungen, Immobilienfonds etc.pp. dürfte die Aussicht auf Jahresend-Prämien und zusätzliche Provisionen den Leidensdruck in Bezug auf ambitionierte Zielvereinbarungen deutlich gelindert haben. So erhielten die Investmentbanker am Finanzplatz London noch mit Beginn der Krise sage und schreibe 14 Milliarden PFUND an Boni für 2007 ausgeschüttet: "City bonuses have increased by 30% to a record £14bn this year. The rise is twice as big as in 2006 and likely to exacerbate the widening gap between executive and shop-floor pay. The bonuses come against a background of record debt, rising bankruptcies and home repossessions." (Guardian). Ihren beiden guten Hinweisen auf Druck und eventuell mangelnde Qualifikation kann noch ein weiterer zur Seite gestellt werden, auf den ich kürzlich hingewiesen wurde: Routine. Die Finanzpakete werden / wurden gewissermassen am Fliessband geschnürt und durch den Verwertungsprozess geschleust, ohne dass sich der Einzelne in seinem Aufgabenbereich große Gedanken um eine eventuelles Gesamtergebnis gemacht hätte oder hätte machen können. Auch das scheint mir die Notwendigkeit gut überwachter Regularien zu bestätigen. |
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schrieb am
24.05.2009 um 16:22
Die Sache ist doch so alt schon.
Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen Und schrieen sich zu ihre Erfahrungen, Wie man schneller sägen könnte, und fuhren Mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen, Schüttelten die Köpfe beim Sägen und Sägten weiter. - Bertolt Brecht, Exil, III |
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@ebsw: Wie wahr , wie wahr, leider, danke für das schöne ausgegrabene Zitat!
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Schöner Beitrag - auch wenn ich die Leseempfehlung Sloterdijk möglicherweise auslassen werde - der mich an die Diskussion unter den verschiedenen Kommunitariern erinnert. Unsere Politiker benehmen sich wie verlogene Pfaffen - anstatt legislativ tätig zu werden, halten sie moralinsaure Sonntagsreden und kreieren in Krisenzeiten verfassungsrechtlich zweifelhafte Kommissionen, was aber, wie ich unsere Republik kenne, kein Nachspiel haben wird. Was fehlt ist eine ordnungspolitische Debatte linker Provenienz oder so etwas wie eine marxistische Staatstheorie, jedenfalls ist da Nachholbedarf!
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Danke sehr! Möchten Sie ein paar Worte zum Thema "Diskussionen unter den Kommunitariern" verlieren (auch wenn es vielleicht nicht ganz zum Thema passt)? Ich bin bei diesem Thema blank.
Grüsse! |
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lieber schlesinger, erst war es für Sie zu spät, dann für mich, denn mein 2. kommentar verschwand in den abgründen der apparatur.
Sie sagten, die akteure in den banken seien relativ frei gewesen, zumindest bei der berufswahl; die versuchspersonen im milgram-experiment nahmen auch freiwillig teil. was aber milgram nicht wahrhaben wollte, das war der anteil der hierarchie an der bereitschaft zum foltern. wie schwer es für hierarchen ist, den fehler im system zu erkennen, zeigt vielleicht auch obamas nachsicht gegenüber den folterern in us-gefängnissen. milgram hat die metamorphose der gewissen beim eintritt in eine organisation richtig erkannt und beschrieben. das ist schon seltsam, wenn er gleichzeitig die erbauer der pyramiden etc. verherrlicht. im alltag spricht man von betriebsblindheit. dann zu den guten und gerechten: ich denke dabei nicht an robbespierre oder les justes, auch nicht an moraltrompeter und ethikexperten. in der schule gehts um wissenschaftliche fächer und anderes. gewissensbildung überlässt man lieber den eltern und religionslehrern. mit dem bekannten ergebnis. es gibt keine das gewissen erforschende disziplin, die eigenständig wäre. was bei den gewissensprüfungen der kriegsdienstverweigerer geübt wurde, entbehrte der (wissenschaftlichen) basis. das weiß man. aber milgram hat doch bewiesen, dass es möglich ist, die spreu vom weizen zu trennen. nur die schulen tun es ihm nicht nach. keine wissenschaft geht dem problem nach, dass wir leute, ja , eine elite brauchen, auf die mensch sich verlassen kann. das traditionelle system liefert eine solche elite nicht. darum wundert es mich wenig, wenn mal hier oder da eine bank oder eine brücke zerbricht oder eine größere katasthrophe passiert. über dem obersten gericht und über den oberbefehlshabern ist luft. das ist für menschen zu wenig. mensch braucht gegenseitige kontrolle, nicht spitze türme ohne halt. netze braucht der mensch. Ihnen wünsche ich weiterhin frische gebirgsluft rundherum, wenn Sie noch alpin unterwegs sind. |
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Lieber h.yuren,
zweifellos ist das Milgram-Experiment aufschlussreich. Es liessen sich allerdings einige Einwände anführen, die gegen die Eignung einer Art von Milgram-Experiment zur Feststellung chrakterlicher / moralischer Qualitäten sprechen würden. Die Ausführungen von Hannah Arendt anlässlich des Prozesses gegen den "Logistiker" der Judenvernichtung Adolf Eichmann legen nahe, dass Eichmann - der auch von psychologischer Seite als erschreckend "normal" bezeichnet wurde - einen derartigen moralischen Gütetest bestanden hätte bzw. bestehen würde. Zugegeben: Das ist hypothetisch. Aufschlußreich scheint mir in diesem Kontext Schopenhauer zu sein, der den menschlichen Chrakter für strikt "empirisch" hält. Soll heißen: Der Charakter eines Menschen (einschliesslich seiner moralischen Qualitäten) lässt sich nie vollständig überblicken. Jede neue Situation beinhaltet potentiell eine vollständig andere Verhaltensweise des Individuums. Im Alltag fällt das insofern nicht auf, weil der Mensch sich zumeist in relativ gleichförmigen Verhältnissen bewegt. Wer aber immer unter ähnlichen Bedingungen agiert, wird weder von anderen, noch von sich selbst als "fragwürdig" erfahren. Man tendiert dazu, sich, seinen Charakter und seien Moral als etwas Festes zu sehen. Spannend und plausibel wird die Schopenhauer-These aber spätestens im Hinblick auf (stark) veränderte Umstände. So wurde der Biedermann und Vertreter einer Energiegesellschaft namens Eichmann zum Organisator des Massenmordes - und blieb doch er selbst. Daher kann ich Ihren Satz, dass der Mensch gegenseitige Kontrolle braucht, vollkommen bejahen. Danke für die Frischluftwünsche! Das ist einer der schönsten Vorzüge Münchens: So nahe an den Bergen zu sein. Beste Grüsse! |
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Jetzt hab ich 2 mal versucht hier einen Kommentar einzustellen und bekomme nur die Meldung "Neuer Kommentar wird bearbeitet".
Der Kommentar erscheint aber nicht. Was ist da los? |
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Lieber schlesinger,
“Ich gebe gerne zu, dass ich mich in dem von Ihnen genannten Detail nicht auskenne. Übers Wochenende will ich aber einen Blick darauf werfen.“ Ich habe natuerlich vollstes Verstaendnis dafuer, dass eine schoene Bergtour allemal erbaulicher ist als derartigen Recherchen nachzugehen. Trotzdem wollte ich Sie noch einmal an diese Absichtserklaerung erinnern. Gerade die Beurteilung durch einen Historiker wuerde mich in diesem Zusammenhang naemlich brennend interessieren. Mit meiner Bemerkung: „Dann sind sie vielleicht einer Meinung mit mir, dass wir gerade die Konsequenzen eines vor nunmehr fast 100 Jahren begangenen und bis heute fortwaehrenden Verfassungsbruchs der USA zu spueren bekommen.“ Bezog ich mich natuerlich auf die Gruendung der FED im Jahre 1913. Falls Sie es schon vermutet haben sollten, so bestaetige ich hiermit gerne, dass es mir in erster Linie darum geht die Diskussion von der rein intellektuellen Ebene – so erfrischend und erbaulich zu lesen die Dialoge auf dieser Ebene auch immer sein moegen – in die banaleren Gefielde der praktischen Umsetzbarkeit umzuleiten. Zu diesem Zweck greife ich ihre weiter oben gemachte Anmerkung auf: „Ein Beitrag zu konkret ausformulierten checks and balances bezogen auf Finanzwirtschaft wäre ein sehr ambitionierter Versuch, dessen Kunst darin bestünde, dieses weite Feld konzentriert und fachlich versiert vorzutragen. Im Finanzmetier bin ich nicht firm, um in Vorlage gehen zu können.“ Nun fehlt auch mir die entsprechende Ausbildung im Finanzmetier. Andererseits bin ich seit vielen Jahren interessierter und faszinierter Beobachter desselben. Im Laufe der Jahre habe ich dabei mehr und mehr den Eindruck bekommen dass es um die sogenannten Finanzexperten ganz schlecht bestellt ist. Mit deren Beurteilung der wirtschaftlichen Situation konnte ich in den seltensten Faellen uebereinstimmen. Einen Kollaps unseres Waehrungssystems erwarte ich nun schon seit vielen Jahren. Die immense beispiellose Verschuldung saemtlicher Sektoren (staatlich, kommunal, privat) in grossen Teilen der OECD – allen voran in den USA – scheint mir schon seit langem ein sicherer Weg in den Abrund zu sein. Von Seiten der sogenannten Finanzexperten waren in dieser Hinsicht kaum warnende Stimmen zu vernehmen, wenn man mal von ein paar Aussenseitern absieht, die von den etablierten Experten als notorische Untergangspropheten abgekanzelt wurden. Insbesondere die Maechtigsten in diesem Spiel – Herr Bernanke und vorher Herr Greenspan – schienen und scheinen mir geradezu mit Blindheit geschlagen. |
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... Derartige Ueberlegungen bestaerken mich in der Ansicht, dass man fuer den von ihnen so genannten ambitionierten Versuch leichten Herzens auf die Vorlage aus dem Kreis der Finanzexperten verzichten kann. Da scheint mir eine weit verbreitete Blindheit und ideologische Verblendung vorzuherrschen die wenig Anlass zu der Hoffnung gibt, dass von dieser Seite viel brauchbares zu erwarten waere. Insbesondere scheint mir beim Gros dieser Experten eine starke Indoktrinierung vorzuherrschen die unvertraeglich mit dem gesunden Menschenverstand ist. Ohne jetzt eine Diskussion darueber ausloesen zu wollen was man denn nun unter gesundem Menschenverstand zu verstehen habe moechte ich deswegen anregen, dass wir den ambitionierten Versuch allein mit diesem Ruestzeug wagen sollten.
Was halten Sie davon? Falls Sie diesen Versuch nicht schon im Ansatz verwerfen bin ich gerne bereit mit Ueberlegungen grundsaetzlicher Art in Vorlage zu gehen – es sei denn, Sie kommen mir zuvor. ;-) Ich hab natuerlich schon eine gewisse Vorstellung wohin es damit gehen soll. Aber mir liegt mehr daran dies diskutierend zu erarbeiten. Mir schwebt dabei ein oekonomisches System vor das dem von Ihnen am Schluss ihres Blogs formulierten Grundsatz ziemlich nahe kommt: „...diejenigen politischen und ökonomischen Systeme allen anderen Varianten vorziehen sollte, die die geringsten Ansprüche an die individuelle Moral stellen.“ |
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Lieber datmut,
danke für Ihre Ermunterung, den Ball nochmals aufzugreifen. Ich wünschte, jemand der von Haus aus mehr Expertise zu diesem Thema mitbringt, würde Ihren Vorschlag aufgreifen, wobei ich mich dann punktuell gerne einbringen würde! Fürs kommende Wochenende möchte ich einen Beitrag zur gestrigen Podiumsdiskussion mit Alfred Grosser zum Thema "Das Verhältnis Europas und Deutschlands zu Israel" schreiben, das mich auch einige Zeit kosten wird. Ich bitte daher um Nachsicht! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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