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Schlesingers Blog

13.01.2012 | 11:40

US-Soldaten urinieren auf tote Taliban: Empörend?

Das Pentagon ist “schockiert”. Für den SPIEGEL ist ein ein “Skandalvideo”. Für die Süddeutsche sind es “schockierende Bilder”. Der Tagesspiegel spricht von einem “Schockvideo” und der WELT ist es ein “Ekelvideo”.

Tut mir leid, aber ich bin kein bisschen empört.

Dass ein paar amerikanische Soldaten offenbar auf tote afghanische Rebellen gepinkelt haben – wie ein weltweit zu sehendes Video zeigt – ist keine schöne Sache.

Niederbrennen ist ok, auf Tote pissen nicht.Aber Moment, da war doch was… Richtig: Krieg!

Sie wissen schon, Krieg, das ist zum Beispiel der Einschlag einer 155mm-Granate in eine Gruppe feindlicher Soldaten, wobei von der Gruppe nichts größeres übrig bleibt als bestenfalls 1 Pfund-Brocken.

Bei denen, die in solchen Gemetzeln dabei waren oder sind, gelten im übrigen andere Gesetzmäßigkeiten als in unserem Alltag.

Das Adrenalin kommt aus den Ohren heraus. Man braucht unbedingt ein Ventil. Nicht alle haben sich im Griff. Ist letztlich nur eine Frage der statistischen Normalverteilung, wer dabei über die Stränge schlägt, plündert oder mordet, durchdreht,  oder sich schließlich selbst die Kugel gibt.*

Im russischen Afghanistankrieg haben Taliban manchem gefangenen Russen die Haut vom Leib gezogen. Als im Zweiten Weltkrieg russische Soldaten erstmals auf deutschen Boden kamen, haben Massenvergewaltigungen stattgefunden, bei denen Frauen lebendig gekreuzigt wurden. Kein Wunder, haben doch die Kultur-Deutschen in Russland unendlich schlimmer gewütet als die Mongolen. Japanische Soldaten haben bei der Eroberung von Südchina… aber lassen wir das, diese Liste ist unendlich lang, und es gibt keine Heiligen dabei.

Daher verstehen die gar nichts, die annehmen, man wäre im Krieg nur Zivilist mit anderer Kleiderordnung. Man macht seinen Job und bleibt anständig.

So zu tun, als könnte man einen Krieg “human” halten, ist von vornherein eine abstruse Vorstellung. Jede Nation die in den Krieg zieht oder hinein gezogen wird muss aus der Natur der Sache heraus zwingend damit rechnen, dass es zu mehr oder weniger grausamen Begleiterscheinungen kommt.

Aber: Das Grausame sind nicht diese Begleiterscheinungen wie etwa das machohafte Präsentieren von Totenschädeln, so wie es vor nicht allzu langer Zeit eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan gemacht haben, sondern der Krieg an sich. Es gibt keine "moralische Armee".

In der Bombennacht von Dresden (14./15. Februar 1945) wurden 650.000 Brandbomben abgeworfen. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden 40.000 Menschen weggebrannt. Die Deutsche Wehrmacht hat die russische Stadt Leningrad 900 Tage lang belagert. Abgesehen von den Folgen des permanenten Beschusses hat die Bevölkerung zuletzt auch ihre Pferde, Hunde und Toten gefressen.

Solange man der offiziellen Lesart folgt, ein Krieg könne grundsätzlich etwas Humanes sein, hat man sich schon einer schönfärberischen Illusion ergeben. Als Folgefehler kommt dann konsequenterweise die Empörung über einzelne “Entgleisungen”.

Dieser Zusammenhang ist schockierend, nicht das “Schockvideo”.

FUCK: Colonel Kurtz hatte recht

Sie erinnern sich an Apocalypse Now? Der abtrünnige US Colonel Walter E. Kurtz – grandios gespielt von Marlon Brando – räsoniert über die Scheinheiligkeit, die inmitten des großen Schlachtens herrscht:

Wir erlauben unseren jungen Soldaten unsere Feinde mit Napalm zu verbrennen,
aber unsere Kommandeure verbieten ihnen,
das Wort “Fuck” auf die Flügel ihrer Bomber zu schreiben,
weil das unanständig ist!**

Können Sie sich erinnern, wann in unseren Nachrichten mit Empörung darüber berichtet wurde, dass irakische oder afghanische Kämpfer oder Zivilisten durch eine übermächtige Kriegsmaschinerie auf beliebige Weise pulverisiert, zerstampft, verbrannt, zerschossen wurden?

Ja, beim allierten Bombenangriff auf die entführten NATO-Tanklaster, bei denen auf Befehl des deutschen Oberst Klein Dutzende afghanische Zivilisten ums Leben kamen, gab es tatsächlich einmal einen Aufschrei. Das war es dann im Großen und Ganzen. Der Rest fällt unter “Kollateralschäden” (das ist so etwas wie “Pech”).

Nun aber haben wir endlich wieder einen echten Fall für Empörung: Pissen auf Tote!

Ja, empöre sich wer kann.

---------------------------------

* Suizidrate unter US Veteranen (Irak, Afghanistan) Anfang 2010: Durschnittlich 950 Selbstmordversuche pro Monat, 18 erfolgte Selbstmorde pro Tag.

** We train young men to drop fire on people. But their commanders won’t allow them to write “fuck” on their airplanes because it’s obscene!

Photo: US Army (Public Domain, via Wikiquote)

 
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Kommentare
Gustlik schrieb am 13.01.2012 um 12:04
Nein. Über Hundehaufen auf den Wiesen empören wir uns mehr.
Alien59 schrieb am 13.01.2012 um 12:25
Einerseits - ja.
Andererseits: auch wenn die Frage der Ehre im Krieg schon lange nicht mehr gestellt wird, ist diese Form der Leichenschändung eine solche Demütigung der gegnerischen Seite, dass der daraus entstehende Hass größer ist als der aus "nur" Töten. Krieg ist eine Sache - das hier schreit nach Rache. Frag die Afghanen.
schlesinger schrieb am 13.01.2012 um 12:35
@Alien59 keine Frage, dass der Vorgang als Demütigung gesehen wird und der Ruf nach Vergeltung oder was auch immer laut wird. Auch das nur ein weiterer Hinweis auf die Irrationalität bei allen Beteiligten. Auch der "Jung-Taliban" hat sich bestimmt andere Vorstellungen vom Heiligen Krieg gemacht, als das, was er dann inmitten seiner eher unheiligen Kriegerkameraden miterleben darf. Aber die "Ehre", die auf allen seiten so hoch gehalten wird! Tucholsky zitierte in der Weltbühne einmal einen Professor Gumbel, der vom Schlachtfeld zurecht als dem "Feld der Unehre" sprach. Das hat damals einen gehörigen Aufruhr verusacht.
Alien59 schrieb am 13.01.2012 um 12:50
Schlesinger, dann habe ich mich nicht veständlich genug ausgedrückt.
Gerade das Urinieren ist im islamischen Kulturkreis noch weit schlimmer, als im Westen. Das ist nicht irgendeine Demütigung. Auch wenn es dir als "irrational" erscheint - ohne das Wissen um den Stellenwert kann man die Wirkung dieser Videos kaum einschätzen.
schlesinger schrieb am 13.01.2012 um 13:14
@Alien59 Kann alles sein. Mir ging es aber nicht um die Wirkung des Vorgangs bzw. des Videos bei den Afghanen, sondern nur um den "Empörungsappell" bei uns... Allerdings verstehe ich nicht die Betonung auf "nicht irgendeine Demütigung". Schlimmer als Vergewaltigung, Finger als Trophäe abschneiden? Womit ich zur zentralen These zurückkomme: Wer die Bestie Krieg entfesselt, bekommt all-inclusive. Und sollte sich sich US-Pinkelpause bei den Afghanen stärker einprägen als so mancher F-16-Angriff zeigt das nur, dass sie genauso meschugge ticken wie die meisten bei uns.
Alien59 schrieb am 13.01.2012 um 13:34
Grade meinen Mann gefragt, zumal der mich nach dem Bericht fragte. Er teilt meine Meinung. Aber irgendwie scheine ich die nicht richtig rüberzubringen.

Versuchen wirs andersrum: wenn du hier mit einem Stein nach jemandem wirfst, tut das weh und gibt sicher eine Gegenreaktion. Nimm einen Schuh, und du beleidigst deinen Gegner noch zusätzlich.

Vergewaltigung - das ist eher mit vergleichbarer Beleidigung verbunden. Finger als Trophäe abschneiden - ist eher eine andere Liga, fies, verächtlich, aber nicht im selben Maße ein Angriff auf die Ehre.
schlesinger schrieb am 13.01.2012 um 14:14
doch, ist rübergekommen, und ich kann gegen die de facto vorhandenen Empfindungen auch gar nicht argumentieren. Ich stelle nur in Abrede, dass es im Krieg um so etwas (vorsätzlich?) Irreführendes wie "Ehre" gehen kann, weil damit das an sich wesentlich Grausamere, der Krieg an sich, relativiert wird.

Medial betrachtet ist es so: das massive "Weihnachtsbombardement" über Hanoi 1972 mit unzähligen Toten etc.pp. war "1" Medienereignis. Die pinkelnden US Marines sind auch "1" Ereignis. Psychologisch dürfte das zweite Ereignis stärker haften bleiben. Das nenne ich Wahnsinn.

Nur insofern sehe ich, dass eine Empörung wie die aktuelle etwas Gutes hat: Wenn schon nicht der tägliche Wahnsinn am Pranger steht, so doch zumindest einzelne Aktionen, selbst wenn das innerhalb des Kriegsgeschehens nur die Spitze des Eisbergs ist.
Alien59 schrieb am 13.01.2012 um 18:42
Und dann gibts noch die, die sowas gut finden:
www.digitaljournal.com/article/317838
schlesinger schrieb am 13.01.2012 um 22:47
Natürlich! Das meine ich wörtlich. Unter 7 Milliarden muss es zwangsläufig welche geben die so etwas gut finden. In diesem Fall die Tea-Party-Aktivistin Pamela Geller. Ihr Spruch ist wirklich zitierenswert:

"I love these Marines. Perhaps this is the infidel interpretation of the Islamic ritual of washing and preparing the body for burial."

Read more: www.digitaljournal.com/article/317838#ixzz1jNS05YHR
Alien59 schrieb am 14.01.2012 um 08:06
Die Dame ist so ungefähr das Ekelhafteste, was die amerikanische Islamophobie-Szene derzeit zu bieten hat, ich weiß.
Aber man sollte einfach sehen, wo die Marines den theoretischen Unterbau finden. Und die Claque.
miauxx schrieb am 14.01.2012 um 11:35
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Danke für die klaren Worte!
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