schwarzbart

Schwarzbarts BordLog

09.09.2009 | 10:18

Majji-MAjji - Grundeinkommen mal anders rum

Es gab eine Zeit, so vor 120 Jahren, da hiess Tansania noch Tanganjika und war eine deutsche Kolonie. Und wie's in Kolonien so zugeht, trafen deutsche Unternehmer Vorbereitungen, dortselbst tüchtig Geld zu scheffeln. Zu diesem edlen Zwecke begründeten sie Plantagen, für Kaffee und Kakao und was sonst noch zum Schiffstransport taugte. Und als die Plantagen begründet waren, machten sie sich auf die Suche nach Arbeitern.
Es gab aber keine. Die Begründung war so einfach wie niederschmetternd: Die Leute brauchten einfach kein Geld. Sie hatten ihre Hütten, sie hatten Ackerfläche und alles weitere wurde solide subsidarisch getauscht. Wozu also Geld?
Diese Frage beantworteten die Verwaltungsbeamten Allerhöchstdesselben in Berlin und Tanganjika* so:
Es wurde eine Hüttensteuer eingeführt, die mit Geld zu bezahlen war und zwar ausschlieeslich mit Geld. Da waren die freien Menschen von Tanganjika in die Lohnsklaverei gezwungen, denn wer nicht zahlte, wurde verhaftet, gefoltert und am Ende zur Zwangsarbeit verurteilt. Um den Druck noch weiter zu erhöhen, wurde die Hüttensteuer durch eine allgemeine Kopfsteuer ersetzt und wie durch Zauberhand erschienen ausreichend Bewerber für die verhasste, unfreie Plantagenarbeit.
Am Ende kam's zum grossen Majji-Majji-Aufstand, einem tragischen Unterfangen, weil die lokalen Schamanen, von europäischer Physik zur Gänze unbeleckt, einen Zauber aussprachen, der die Kugeln der Kolonialherren in Wassertropfen verwandeln sollte. Als der Rauch sich legte, waren viele Menschen tot, die Kolonialisten sassen fest im Sattel und die Schamanen hatten ein Glaubwürdigkeitsproblem.

So darf man sich das genaue Gegenteil von bedingungslosem Bürgergeld vorstellen: Eine Zwangssteuer, die in Zwangsarbeit mündet. Weil aber die Menschen in Deutschland überwiegend weder eine Hütte noch Ackerland besitzen, reicht zur Enteignung der Rechte an der eigenen Person Hartz 4.
Der Kapitalismus ist keine Marktwirtschaft. Er bedient sich Sklaven, die Geschäfte, die stattfinden, sind keine Geschäfte zwischen Freien und Gleichen sondern Lohnsklaverei statt Leibeigenschaft. Leibeigenschaft ist abgeschafft, denn sie war dem Kapitalisten zu viel Verantwortung. Man konnte sein Eigentum doch nicht einfach verhungern lassen...
Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen gelangen wir zu einer sozialen und freien Marktwirtschaft ohne Sklaven. Wer in einer solchen Gesellschaft eine Arbeit zu vergeben hat, kann nicht darauf bauen, dass die Menschen gezwungen sind, für jeden Preis ihre Freiheit zu verkaufen. Er muss einen fairen Preis anbieten.
Bedingungsloses Grundeinkommen ist die conditio sine qua non einer modernen, freien Gesellschaft.

*An der inneren Einstellung von Staats- und anderen Verwaltungsbeamten scheint sich seitdem nur wenig geändert zu haben...

 
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Kommentare
I.D.A. Liszt schrieb am 20.09.2009 um 01:03
He Schwarzbart,

Deinen Blogbeitrag im gedruckten Freitag fand ich ausgesprochen witzig. Genau so funktioniert unser Wirtschaftssystem nun schon seit über hundert Jahren. Wenn die Leute sich nicht freiwillig daran beteiligen, werden sie eben in eine wirtschaftliche Notlage gebracht, im Zweifel auch mit Waffengewalt. Dein Beispiel aus Tansania illustriert das wunderbar.
Ein bedingungsloses Grundeinkommmen wäre natürlich ein großartiger Schritt hin zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft.

Auf dem Weg dahin könnte ich mir allerdings auch solche banalen Möglichkeiten wie Stärkung der Arbeitnehmerrechte und Förderung des genossenschaftlichen Wirtschaftens innerhalb der Marktwirtschaft vorstellen.

Beides schließt natürlich das Ziel eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht aus. Und die Einführung eines bedingungslosen würde sicher die Arbeitnehmerrechte auf quasi 'natürlichem Weg' stärken und eine genossenschaftlich verfasste Marktwirtschaft fördern.

Das mit den Rückschlüssen auf Deinen Nick ist mir aber irgendwie schleierhaft. Das ist doch wohl kein Hinweis auf Deine politschen Präferenzen, oder? ;-)

Viele Grüße,
I.D.A. Liszt
Anette Lack schrieb am 20.09.2009 um 09:31
Danke, Schwarzbart! Dein Beitrag trifft ES und meine Meinung haargenau.

"Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen gelangen wir zu einer sozialen und freien Marktwirtschaft ohne Sklaven."

Unterstützt durch den ersten Artikel unseres Grundgesetzes, dem ich mich gerade wieder ausgiebig widme(n muss): "Die Würde des Menschen ist unantastbar" (!). Mangelnder Mindestlohn und Hartz IV resp. Ein-Euro-Job) bringen Menschen oft in Situationen, die damit unvereinbar sind: Häufiger Arbeitsplatz-Wechsel etc., Image innerhalb ihrer Arbeitsstelle etc. Prospekte werden hier in HH übrigens schon für 2,50 Euro pro Stunde von Erwachsenen ausgetragen. Und die Jobs sind heiss begehrt!

Allein die Bezeichnung "Hartz-IV-Empfänger" (steht gern in Zeitungs-Artikeln, die das Klischee noch unterstützen sollen: "Der Hartz-VI-Empfänger gestand:.." "lebte sein Jahren in..." etc.) ist mit Art. 1 unvereinbar.

"Wer in einer solchen Gesellschaft eine Arbeit zu vergeben hat, kann nicht darauf bauen, dass die Menschen gezwungen sind, für jeden Preis ihre Freiheit zu verkaufen."

Das hat auch noch eine ethische Seite: "Eigentum verpflichtet" - zu sozialer Verantwortung und bis zu einem gewissen Grad zum Teilen - durch dieses bedingungsloses Grundeinkommen nämlich. Der Gedanke muss wieder stärker publik gemacht werden.

Ist es nicht unglaublich, dass Guido Westerwelle in seiner Wahlkampfrede zum Thema Mindestlohn tatsächlich noch sagte, überhaupt sagen durfte: "Es muss einen Unterschied geben zwischen denen, die morgens aufstehen und denen, die liegenbleiben"? Übrigens auch faktisch falsch. Ich vermute, dass auch Menschen ohne entlohnte Arbeit irgendwann am Tag aufstehen.

Liebe Wähler: Bitte macht Guido am Sonntag arbeitslos, damit er sich davon selbst davon überzeugen kann....

Herzliche Grüße, Anna
Anette Lack schrieb am 20.09.2009 um 09:34
Sorry, lieber I.D.A. Liszt; das steht als Kommentar zu Deinem Kommentar, ist verrutscht...
schwarzbart
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