schwarzbart

Schwarzbarts BordLog

12.01.2010 | 15:10

Niemand erwartet die Spanische Inquisition.

Wie auch? Die heisst ja nicht einmal so. Die heisst jetzt ArGE. Und sie kommt so unangemeldet, so aufdringlich und so mitleidslos über ihre Opfer, wie die oben genannte Folkloregruppe aus dem beliebten Urlaubsland. In Sachsen haben sie mit einem Akkuschrauber einem Menschen die Tür zu einem Raum seiner Wohnung zugeschraubt, weil die Wohnung zwar billig, aber "zu gross" war. Überall in Deutschland sind die ohnehin gebeutelten Kinder von Hartz-4-Empfämgern genötigt, in den Ferien nach Schwarzarbeit Ausschau zu halten, denn wenn sie wie ihre Klassenkameraden reguläre Ferienbeschäftigungen eingehen, um sich mal ein Fahrrad, ein LabTop oder ein Paar angesagter  Turnschuhe zu leisten (im Wortsinne), dann wird  ihr erarbeitetes Geld auf den Hartz-4-Satz ihrer "Anspruchsgemeinschaft" angerechnet, will sagen, was Junior verdient, wird Eltern abgezogen.

Nach SchröderMerkelWesterwelle und ihrem Hit von Hartz 4 und der Leistung, die sich lohnen müsse, ist der Sozialstaat in Deutschland nur noch als Karrikatur wahrnehmbar. Bestenfalls. Und dabei hat niemand auch nur leise den Diskurs begonnen über das eigentliche Problem: Das Ende der Arbeit ist nahe. Und zwar auch und gerade für die Niedriglöhner im Logistikbereich. Der Lagerarbeiter der Zukunft hat keinen Namen, sondern eine Inventarnummer, sein kleiner Bruder füllt die Regale im Supermarkt,  in den nur noch reinkommt, wer eine gültige Kreditkarte hat. Von der wird automatisch abgebucht, was beim Verlassen des Ladens im Korb liegt. Platzregen vor dem Supermarkt? Bierkiste zu schwer? Kein Problem, das Taxi kommt erstens schnell und zweitens ohne Fahrer aus. Und in diesem Stile könnte ich noch zwei bis drei Seiten füllen, nicht etwa mit 60er-Jahre SciFi, sondern vielmehr mit einer Beschreibung, der technischen Möglichkeiten von hier unf Jetzt. Gut, bis das alles so eingesetzt sein wird, werden noch ein paar Jahre vergehen. Aber es wird so kommen, ob wir wollen oder nicht.

Da kann man nicht zeitig genug anfangen, um diese technischen, produktiven Möglichkeiten herum eine neue Gesellschaftsordnung zu entwickeln, eine, die alle mitnimmt und in erträglicher Weise gerecht ist. Oder man wartet ab, weil man Freude hat an Volksaufständen und Bürgerkriegen. Noch ist Hartz-4 ein "Unterschichtenproblem". Noch. Und wer nicht weiss, was geschehen kann, wenn der Staat die Bürger verärgert, der werfe einen Blick auf das Frankreich von 1789. Mit den technischen Mitteln und Methoden des 21. Jahrhunderts ist der real existierende FeudalKapitalismus weder begründbar noch haltbar.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen und kostenlose Bildung für Alle! Das mit der Guillotine muss doch nun wirklich nicht nochmal sein.

 

 

 

 
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Kommentare
Hermanitou schrieb am 12.01.2010 um 15:28
Gut geschrieben. Trotzdem einige Anmerkungen:
"Das Ende der Arbeit ist nahe": Das ist so nicht ganz richtig, ich denke Du willst sagen, das Ende der bezahlten Arbeit ist nahe. Arbeit ist für die Meisten (ich nehme mich da nicht aus) mehr als nur ein Job, sondern auch sinnstiftend fürs Leben.
Wenn - was durchaus so sein kann - wie Du es beschreibst, die bezahlte Arbeit weniger wird, dann ist die ganze Entwicklung, die wir seit Jahren mangels organisierter Gegenwehr hinnehmen müssen, völlig falsch. Mir konnte noch keiner erklären, warum angesichts schrumpfender bez.Arbeitszeit die Leute mehr schaffen müsen und später in Rente gehen sollen. Richtig wäre eine ziemlich radikale Arbeitszeitverkürzung (25-30 Stunden) bei vollem Lohnausgleich und eine Rentenmöglichkeit lange vor 65.

Gruß
Hermanitou
quarktasche schrieb am 12.01.2010 um 15:50
Ein sehr guter Beitrag, danke!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.01.2010 um 15:58
Danke für die interessanten Einsichten. Die Geschichte mit dem Akkuschrauber ist neu für mich, aber man wundert sich ja inzwischen über (fast) gar nix mehr.
Dass Hartz IV ein Unterschichtenproblem ist, würde ich so allerdings nicht sagen. Ich glaube eher, das Problem ist, dass es als solches rüberkommt. Je mehr Menschen klar wird, dass der Fahrstuhl in die Unterschicht ganz unvermittelt auch für sie abfahren kann, umso größer wird die Zustimmung zu linken Gegenentwürfen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen.

@Hermanitou
Ich sehe das ähnlich wi Du, vollen Lohnausgleich halte ich aber für Wunschdenken. Unternehmer sind nicht per se Goldesel, eine Pleitewelle würde folgen und die Arbeitslosigkeit explodieren.
Lafontaine hat vor Jahren mal Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich gefordert. Das hielte ich eventuell für einen gangbaren Weg. Wer 30 statt 40 Stunden arbeitet, zahlt schließlich weniger Steuern und die Sozialabgaben würden auch sinken, sobald in Folge der Arbeitszeitverkürzung die Arbeitlosigkeit sinkt.
Hermanitou schrieb am 12.01.2010 um 16:04
hmmm.... ich denke,das mit dem Lohnausgleich ist schon möglich, wenn man gleichzeitig die Debatte über den Verbleib der Milliardengewinne der oberen Zehntausend (inclusive sämtlicher Ags, GmbHs...)führt.
Aber auf jeden Fall muss man erst mal das Maximale denken und schauen, was nachher dabei herauskommt :-)
schwarzbart schrieb am 12.01.2010 um 16:09
Die Fahrstuhlpassagiere sollen ja gerade mit der neuen Eigenbehalts-Regelung milde gestimmt werden. Da zeigt sich aber, daß nur 0,2% der Befallenen davon profitieren - Augenwischerei pur.
Die zugeschraubte Tür ist ein Einzelfall und bei aller Krassheit anekdotisch - das mit den Ferienjobs ist ein komplett unwürdiger Skandal.
Dave-Kay schrieb am 12.01.2010 um 15:59
Bravo Graubart!
Genau das ist der anstehende Verlauf. Wegfall der bezahlten Arbeit, weitere Aufrüstung des Kapitlaismus zur Verteidigung der eigenen Besitztümer, durch die Steigbügelhalter in der Politik und in nicht allzu ferner Zukunft ein hungerndes Volk, dass sich darauf besinnt, dass es ja eigentlich in der Mehrheit ist und nun nichts mehr zu verlieren hat.
Schön auch, nein eigentlich fatal, dass man das mittlerweile sagen darf, ohne als Spinner abgetan zu werden, denn es zeigt, dass die Konturen dieses Bildes deutlicher werden.
BGE JETZT!
Streifzug schrieb am 12.01.2010 um 16:55
Gerade auf die Guillotine freue ich mich am meisten.

schwarzbart schrieb am 12.01.2010 um 17:06
Zeigt meinen Kopf dem Volke. Er ist es wert.
Georges Danton
Joachim Petrick schrieb am 12.01.2010 um 17:48
Lieber schwarzbart ,
bei Deinem vortrefflich gelungenen Beitrag wächst gedungen das Grauen livehaft, als matt dahin schleichende Inventar Nummer, aus jeder Farbe der Regale.

Selbst die Einkaufswagen werden demnächst in den Einkaufshallen gespart.
Beim Verlassen des Supermarktes wird per Nacktscanner alles abgerechnet, was der, die, das dem Kunden am Leibe hängt und Kosten trägt.
Das Hartz IV ein Unterschichten Problem erster Güte sei, stimmt weder mit noch mitnichten.
Es fehlt uns an der Phantsie, das regierungsamtliche Wirtschaftverbrechen Hartz IV in seiner globalen Dimension auszuloten, das über Enteignung von Forderungseigentum(s. Paul Kirchhoff), Hartz IV Leistungsbezieher/innen in Privathaushalten, Unternehmen(Lohnsubvention von Aufstockern über die Hartz IV Gesetze nach Verbrauch des Restvermögens vor dem Schonvermögen) ungefragt zu Komplizen einer Schattenwirtchaft macht, die bisher von der WTO, Weltbank, IWF grobfahrlässig in ihrer asymmetrischen Wirkung global unbeachtet blieb.(Irrtum schützt aber bekanntlich in der Regel nicht vor Strafe!, oder?"

Ob sich das Bedingungslose Grundeinkommen (BE), über die Mehrwertsteuer finanziert, nicht nur als der noch gröbere Bruder von Hartz IV entpuppt, ist mehr als zu befürchten!, oder?.
tschüss
JP
schwarzbart
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