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Blog von scm

04.03.2009 | 15:12

Warum die Jagd der Marine auf die somalischen Piraten vergebens ist

Neun somalische Piraten wurden von der Bundeswehr gefangen. Möglicherweise werden

sie nach Deutschland überstellt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,611125,00.html


Doch wer sind die Piraten überhaupt? Macht die Jagd auf sie überhaupt

Sinn? 


Der folgende Beitrag versucht diese Fragen zu beantworten:

“We got a black hawk down”. Es ist der 3.
Oktober 1993.
Ein Hubschrauber der

US-amerikanischen Armee wird über Mogadischu abgeschossen. Bei dem anschließenden
Rettungsversuch sterben 18 amerikanische Soldaten, ihre Leichen werden geschändet.  Wenige Tage später sagt der an den Kämpfen beteiligte Sergeant Kevin Cook der
New York Times: „Ich sehe nichts in diesem Land, was es wert wäre, dass unsere

Leute dafür sterben.“ Und er fügt hinzu: „Das ist ein afrikanisches Problem.

Sollen es Afrikaner lösen”. Die Regierung Clinton teilt diese Ansicht und

beordert ihre Truppen, die im Rahmen der UN-„Operation Hoffnung“ Somalia

stabilisieren sollten, zurück. Somalia versinkt in der Agonie.

Lange Zeit schaute die Welt auf Ex-Jugoslawien, auf

Afghanistan und den Irak. Doch seit einigen Wochen steht das Land am Horn von

Afrika wieder im medialen Rampenlicht, denn Piraten treiben dort ihr Unwesen. „Wir

betrachten uns als Helden“, sagt Asad 'Booyah' Abdulahi. Er ist einer der somalischen

Piraten, die seit Monaten Schiffe kapern und Lösegeld erpressen. 2008 waren es

insgesamt 30 Millionen Dollar. „Das Hijacking betrachten wir nicht als etwas

Kriminelles, sondern als einen Wegzoll“. Früher waren sie Fischer. Piraten

mussten sie werden, weil nach dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung im Jahr

1991, Trawler  der Industriestaaten

in den ungeschützten Hoheitsgewässern die Fischbestände ausplünderten. Andere

ausländische Schiffe verklappten an gleicher Stelle radioaktiven Müll. Einige

Piraten berichten von Auseinandersetzungen mit den Fangflotten, ihre Boote

seien zerstört worden. Es ist ein Kampf David gegen Goliath. Und wie im antiken

Mythos, ließ sich David etwas einfallen. Die tief im Wasser liegenden langsamen

Tanker und Containerschiffe sind einfache Ziele. Mit Speedbooten und RPGs

bringen sie die Schiffe in ihrer Gewalt. Die Entführungen verlaufen zumeist

friedlich. Die Crews sind nicht bewaffnet und die Motivation philippinischer

Seeleute, die millionenschwere Fracht mit ihrem

Leben zu verteidigen, ist gering. Der Autor John S. Burnett bezeichnet die

Schiffe als die „am niedrigsten hängenden Früchte des weltweiten maritimen

Handels“.


Sind die somalischen Piraten also moderne Robin

Hoods? „Wir gehören keiner Gruppe an, wir sind Männer, die sich für ihre

eigenen Interessen einsetzen. Und jeder von uns bekommt seinen fairen Anteil“,

sagt ein blau verhüllter Mann in einer Dokumentation von Spiegel TV. „Die Welt

muss Somalias Probleme zu Kenntnis nehmen und helfen, die Regierung wieder einzusetzen“,

fügt ein anderer hinzu. 


Doch ganz so einfach ist es nicht, weiß Andrew

Mwangura vom East African Seafarers' Assistance Programme im kenianischen

Mombasa. Ihn rufen die Redereien an, wenn sie etwas über ihre gekaperten

Schiffe und Besatzungen erfahren wollen. Er steht im Kontakt mit den Piraten.

Mwangura schätzt, dass es derzeit etwa 3.000 bewaffnete Piraten in der Region

gibt. Es sind keine einfachen Fischer, die sich und ihre Familie ernähren. Es

sind mehrere gut organisierte Clans. Die Aufteilung der Beute funktioniere etwa

so: 20 Prozent für die Bosse, die nach Einschätzung von Experten in Nairobi,

Dubai oder London sitzen. 20 Prozent als Investition für zukünftige Aktionen.

30 Prozent für die Kämpfer auf dem Schiff und 30 Prozent für Regierungsbeamte.

Die erfolgreichen Beutezüge haben sogar dazu geführt, dass die Konflikte

zwischen den Clans kleiner wurden. Und die somalische Küstenökonomie wird durch

die Piraten belebt. Eine regelrechte Zulieferindustrie ist – mangels

Alternative – entstanden.


Für die Reedereien der Industriestaaten, und

letztlich die Konsumenten bedeuten die Überfälle einen erheblichen Anstieg der

Kosten, durch das Lösegeld und gestiegene Versicherungsprämien. Die Antwort der

Industriestaaten ist eine militärische. Mittlerweile schützt eine Flotte von

mindestens 14 Schiffen aus den USA, China, Indien, Russland und der Europäischen

Union den wichtigsten Seeweg zwischen Europa und Asien. Eine bisher ungesehene

Koalition der etablierten und aufstrebenden Mächte. Wie sieht ihre Bilanz aus?

Seit Beginn des Jahres wurden drei Schiffe entführt, zwölf weitere Angriffe

scheiterten, teilweise durch Eingreifen der Kriegsschiffe. In Jahr 2008 wurden

bei 111 Angriffen, 42 Schiffe gekidnappt. Ein wirklicher Rückgang kann also

bisher nicht festgestellt werden. Das gesamte Einsatzgebiet ist ungefähr

achtmal so groß wie die Bundesrepublik und schwer zu kontrollieren.
Dennoch sagte Kay-Achim Schönbach, Kommandant der

deutschen Fregatte Mecklenburg-Vorpommern, die seit Ende 2008 am Horn von Afrika

im Einsatz ist: „Es ist zweifelsohne eine erfolgreiche Mission, auch wenn das

jetzt mit Blick auf die Longchamp scheinbar anders aussieht“. Der Flüssiggastanker

der deutschen Rederei Bernhard Schulte war Ende Januar trotz Schutzmaßnahmen

entführt worden. Schönbach zufolge wird die Militärpräsenz die Übergriffe durch

Piraten weiter einschränken. „Einen hundertprozentigen Schutz wird es nie geben“,

räumte aber er ein. Admiral Philip

Jones,
Oberbefehlshaber der EU-Mission Atalanta stellte fest, „die

Piraten lernen schnell und werden zweifellos neue Taktiken anwenden. Wir müssen

unsere Operation auch auf die nächste Stufe bringen.“ Bei der Entführung der

Longchamp hätten sehr viele Schiffe in Schwärmen angegriffen, so etwas habe man

bislang nicht erlebt. Mitte Januar sei es Piraten sogar gelungen, sich in den

Server zu hacken, über den sich Handelsschiffe über sichere Fahrtrouten am Horn

von Afrika informieren können, bestätigte Roland Vogler-Wander vom Einsatzführungskommando

der Bundeswehr in Potsdam. Sicher ist, die Piraten werden nicht aufgeben, ihr

Geschäft ist geradezu alternativlos, sie haben Geld, Waffen und des nötige Know

how.  Früher oder später wird es

daher eine Eskalation geben, warnt der Schifffahrtsexperte Jim Wilson. Was,

wenn ein Kreuzfahrtschiff mit hunderten Passagieren gekapert werden sollte?


Experten

sind sich einig, eine wirkliche Lösung des Problems liegt nicht auf dem Wasser,

sondern an Land. Der Afrika-Experte Roger Middleton vom Londoner Think Thank

Chatham House schreibt in einer Studie: „Die wirksamsten Waffen gegen Piraterie

sind Frieden und ökonomische Perspektiven in Somalia“. Wie sieht es damit aus?


Am 31. Januar wählte das somalische Parlament – aus

Sicherheitsgründen im benachbarten Djibuti – den gemäßigten Islamisten Scheich

Scharif Ahmed zum neuen Präsidenten des Landes. Die Wahl ist Teil eines

UN-Friedensplans. Unmittelbar nach seiner Vereidigung erklärte Ahmed den Kampf gegen die Piraten zu einer zentralen Aufgabe.

Zunächst jedoch will er das Land einen.
„Ich strecke die Hand allen

somalischen bewaffneten Gruppen aus“. Allerdings kontrollieren diese Gruppen

große Teile des Landes. Ob und wann sie sich auf eine Zusammenarbeit mit der

Regierung einlassen ist ungewiss. Für die Einigung Somalias mag die Ankündigung

Ahmeds ein Anfang sein. Dass der neue Präsident tatsächlich etwas gegen die

Piraterie tun kann, scheint zum jetzigen Zeitpunkt aber äußerst

unwahrscheinlich.
 
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