Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

21.10.2011 | 10:48

Als ich einmal eine Steinsuppe aß

Unser Kolumnist findet einen Satz, dessen Schönheit ihn umhaut. Außerdem erfindet er eine italienische Holzspeise.

Ein Freund und ich haben uns gestritten, wie das neue Album von Coldplay, „Mylo Xyloto“ zu finden sei. Er sagte: Ne, ne, ne, dieser Bombast, dieser theoretische Unterbau. Von wegen „Wir haben uns von Der Weißen Rose und der amerikanischen Fernsehserie The Wire inspirieren lassen und der Albumtitel solle mit Bedeutung gefüllt werden“. Ich sagte bloß: Na und?

Ich habe einen Satz gefunden. Er ist so schön. Er lautet: „Rund 200 Kinder saßen gebannt auf ihren Stühlen in Borussias Business Lounge, als Sportdirektor Max Eberl die Geschichte ‚Die Steinsuppe‘ vorlas.“ Der Fußballbundesligaverein Borussia Mönchengladbach hat den Satz am 14. Oktober auf seinem Facebook-Pinnwand gepostet. Wer sich ihn häufiger durchliest, so wie ich es getan habe, für den verwandelt sich der Satz in Poesie. Business Lounge. Sportdirektor. Die Steinsuppe. Alles in einem Satz.

Wenn ich nun auf die Idee käme, den Satz bei Facebook zu teilen, weiß ich, dass er vielen meiner Freunde gefallen wird. Vielleicht aus unterschiedlichen Gründen, aber da bin ich nicht pingelig. Gefällt mir. Gefällt mir. Gefällt mir. Ich spüre geradezu, dass dieser Satz das Zeug hat, zu einem kleinen Viral-Hit zu werden so wie diese Youtube-Videos, in denen Kinder betrunken sind oder Fußballspieler den Ball übers leere Tor schießen. Es wird mehrere Zeitungsartikel geben über den Hype, und Max Eberl wird gefragt, warum er sich gerade „Die Steinsuppe“ ausgesucht habe, das sei ja nun doch nicht das erste Kinderbuch, das einem einfalle. Es könnte auch sein, dass Menschen sich beim Lesen aus „Die Steinsuppe“ filmen lassen und das Video ins Internet stellen.

Doch es wird so enden, wie mit jedem Internet-Hype. Nach zwei Wochen werden sich alle fragen, warum sie sich je dafür interessiert haben, dann steht der Satz rum wie ein neues Album von Haddaway im Plattenladen. Alle jagen dem nächsten Trend hinterher.

Aber ich will das nicht. Ich will nicht, dass mein Internethype dasselbe Schicksal erleidet wie die Internethypes zuvor. Das ertrage ich nicht. Die Kinder, die Lounge, der Sportdirektor, die Steinsuppe. Das hat das Zeug zu einem Klassiker. Seht es doch ein.

Ich muss es einfacher größer aufziehen. Nicht 1000 denken, sondern 1.000.000. The sky is not the limit, höchstens eine Zwischenstation. Ich muss den Satz in die Welt tragen. „Rund 200 Kinder saßen gebannt auf ihren Stühlen in Borussias Business Lounge, als Sportdirektor Max Eberl die Geschichte ‚Die Steinsuppe‘ vorlas.“ Ich werde ihn auf Tassen drucken, auf T-Shirts, ich werde CDs einspielen, auf denen Prominente diesen Satz vorlesen, ich werde davon dann ungefähr ein Viertel spenden. Irgendwas in Afrika. Dann werde ich den Satz in riesigen Buchstäben auf die zentralen Plätze dieser Welt pinseln. Roter Platz. Times Square. Vorm Brandenburger Tor. In einem Flugzeug werde ich über diese Plätze fliegen, Fotos machen und diese dann als Bildband veröffentlichen. Dann müsste Max Eberl ein bisschen für Klatsch sorgen. Mal die Ehefrau vom Trainer küssen, etwas aus seiner Jugend gestehen, sich von der Polizei mit Tempo 130 in einer 50er-Zone blitzen lassen. Dann steht in der Zeitung „Der Star aus dem Satz mit der Steinsuppe wurde am Donnerstagabend betrunken in seinem Auto aufgegriffen, nachdem er…“

Und wenn ich aus diesem Satz wirklich nichts mehr rausholen kann, dann schmücke ich ihn einfach etwas aus. Zum Beispiel „Rund 200 kluge coole Kids saßen gebannt wie am Heiligen Abend auf ihren handwerklich solide geschnitzten Stühlen in Borussias formidabler Business Lounge, als der weise und kugelrunde Sportdirektor und Ex-Fußballprofi Max Eberl die unglaublich spannende und aufregende Geschichte „Die Steinsuppe“ vorlas. Oder ich schreibe gleich einen neuen Satz wie diesen: „Rund 200 Kinder saßen gebannt auf ihren Stühlen in Bayerns Business Lounge, als Ehrenpräsident Franz Beckenbauer die Geschichte ‚Die Holzlasagne‘ vorlas.“ Oder ich schaffe gleich einen völlig neuartigen Satz, dessen Bedeutung sich erst mit den Jahren erschließt: „My loto xylo ot myl xyl lotox.“

 
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Kommentare
Martina schrieb am 28.10.2011 um 13:49
ich habe tränen gelacht (in einem sehr stillen großraumbüro) - und an max goldt und seine zentralmassiv-kirsch-torte gedacht... herrlich!
Sebastian Dalkowski
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