Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

19.02.2010 | 08:04

Guido und ich und eine recht unattraktive Japanerin

Ich bekomme eine E-Mail von einem Musiker, der sich nicht mehr rasiert. Daraufhin fällt mir ein, wie ich Deutschland zur Vollbeschäftigung führen kann.

Guido und ich saßen in dem Hotelzimmer in Tokio und warteten auf die Prostituierte. Seit einer halben Stunde ließ sie sich nicht blicken. Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her.

„Und wenn das alles Blödsinn ist?“, fragte ich.
„Quatsch“, sagte Guido, „es wird so sein, wie wir vermuten.“
„Aber es kann auch alles ein dummer Zufall sein.“
„Nein. Mach dir mal keinen Kopf.“

Die Tür öffnete sich, eine Frau trat ein.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie.

                                                            *****

Alles hatte so begonnen: Vor zwei Tagen bekam ich eine Pressemitteilung, die das neue Album des Berliner Liedermachers Maximilian Hecker ankündigte. Es stand dort auch die Geschichte, dass er ein Erweckungserlebnis hatte. Er war in einer tiefen Sinnkrise, als er in Tokio eine Prostituierte traf. Danach, so heißt es in der E-Mail, hörte er auf, sich zu rasieren und für Frauen zu interessieren. Außerdem trug er nur noch Jogginghosen.

Aus dem Text ging nicht hervor, weshalb ein Treffen mit einer japanischen Prostituierten zwangsläufig dazu führt, dass jemand mit der Außenwelt völlig abschließt. Was bitteschön hatte sie ihm gesagt? Immer wieder ließ ich es mir durch den Kopf gehen: Jogginghose, wilder Bartwuchs, Abkehr von der Umwelt – eigentlich genau wie mein Freund Guido und ich uns einen Hartz-IV-Empfänger vorstellten. Billiges Dosenbier trank er sicher auch. Maximilian Hecker musste durch die Begegnung mit der Frau zum Arbeitslosen geworden sein. Warum auch immer.

Plötzlich hatte ich einen schrecklichen Verdacht. Ich rief Guido an.
„Ich habe die Lösung, wie wir die ganzen Arbeitslosen loswerden“, sagte ich.
„Und die wäre?“
„Das erzähle ich dir auf dem Flug.“
„Auf welchem Flug?“
„Auf dem Flug nach Tokio.“

                                                             *****

„Also meine Herren, was kann ich für Sie tun?“
Die Prostituierte setzte sich aufs Bett und sah uns an.
„Wir möchten mit Ihnen sprechen“, sagte ich.
„Sprechen? Ja, ja.“
„Doch, wirklich.“
„Um was geht es denn?“
„Ich will es kurz machen: Wir haben den begründeten Verdacht, dass Sie deutsche Touristen zu Hartz-IV-Empfängern machen. Wie auch immer Sie das hin bekommen.“
„Das stimmt“, sagte sie.
„Sie geben es also zu?“
„Sicher, das ist nichts, wofür ich mich schämen müsste.“
„Und wie machen Sie das?“
„Ach, das ist ganz einfach. Ich flüstere ihnen ins Ohr: Hör auf zu arbeiten.“
„So einfach?“
„Ja. Und ich mache das nicht nur mit Touristen. Ich schreibe auch E-Mails oder telefoniere in Ihr Land.“
„Sie sind also an den ganzen Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern in Deutschland schuld?“, fragte Guido.
„Zum größten Teil schon.“
„Und nicht fehlende oder schlecht bezahlte Arbeitsplätze?“
„Sicher nicht.“
„Warum machen Sie das?“
„Jeder Mensch braucht ein Hobby, das ihn ausfüllt.“
„Und Ihres ist es, Deutsche zu trägen Sozialschmarotzern zu machen?“, fragte Guido.
„Das sagte ich doch schon.“
„Machen Sie das auch mit Frauen?“
„Ja, allein der Abwechslung wegen.“
„Sie sind doch krank.“
„Das sind wir alle.“

Guido räusperte sich.
„Wir möchten Ihnen ein Angebot machen“, sagte er.
„Aha.“
„Wenn Sie Leuten ins Ohr flüstern können, dass sie aufhören sollen zu arbeiten, können Sie Arbeitslosen sicher auch sagen, dass sie wieder arbeiten sollen, oder?“
„Klar. Nichts leichter als das.“
„Dann kommen Sie mit uns und machen Deutschland wieder zum Land der fleißigen Handwerker.“
„Das könnte ich machen.“
„Aber?“
„Es gibt nur einen Haken.“
„Nun machen Sie es nicht so spannend.“
„Ich habe Sie angelogen. Ich flüstere niemandem ins Ohr, dass er arbeitslos werden soll. Ich habe es einmal probiert, es hat aber nicht geklappt.“
„Jetzt reden Sie doch nicht so“, sagte Guido, „mit Herrn Hecker hat es doch auch geklappt.“
„Dem habe ich lediglich gesagt, dass japanische Frauen auf Bartwuchs und Jogginghose stehen, weil japanische Männer immer so rasiert sind und Anzüge tragen.“
„Ich glaube Ihnen kein Wort.“
„Merken Sie nicht, wie blödsinnig das alles klingt, Herr Westerwelle? Japanische Prostituierte führt Deutschland zur Vollbeschäftigung, indem sie Menschen ins Ohr flüstert.
“ „Klingt gar nicht blödsinnig.“
„Ich bitte Sie. Ihr Plan funktioniert nicht.“
„Wie wir das Sozialschmarotzertum in unserem Land erfolgreich bekämpfen, bestimme noch immer ich.“
„Als Außenminister?“
„Als FDP-Leitfigur. Und nun kommen Sie gefälligst mit. Wenn ich sage, das funktioniert, dann funktioniert das. Manchmal muss sich die Realität eben der Theorie anpassen.“
„Aber…“
„Nichts aber.“
„Bezahlen Sie mich dafür?“
„Ihnen wird es an nichts fehlen.“
„Na gut.“
„Wir müssten dann aber sofort los.“
„Soll ich mich nicht noch schminken?“
„Nein, je ungeschminkter desto besser.“
„Wie Sie meinen.“
„Können Sie mir noch einen Gefallen tun?“, fragte Guido.
„Was denn?“
„Flüstern Sie mir ins Ohr: Sie werden Kanzler.“

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 19.02.2010 um 15:23
Dann musste Guido also Japanisch lernen. Das erklärt einiges.
Sebastian Dalkowski schrieb am 19.02.2010 um 15:39
Nein, das war eine Prostuierte, die sich ausschließlich auf deutsche Kunden spezialisiert hatte. Die sprach fließend Deutsch.
Sebastian Dalkowski
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