Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

15.07.2011 | 08:09

Hermann, warum hast du mich verlassen?

Unser Kolumnist denkt darüber nach, warum ein wichtiger Politiker von der CDU ihrem gemeinsamen Heimatort bereits als Kind den Rücken gekehrt hat. Außerdem fragt er sich, ob es das Wort “christlichistisch” gibt?

Diese Kolumne handelt von einem Mann, den niemand kennt. Deshalb stelle ich ihn vor: Hermann Gröhe ist Generalsekretär der CDU, er ist 50 Jahre alt und Vater von vier Kindern. Das Besondere an Hermann Gröhe ist, dass er in dem Ort geboren wurde, in dem ich aufwuchs, einer Gemeinde am Niederrhein. Ab sofort nenne ich ihn deshalb einfach Hermann. Allerdings machte Hermann sein Abitur an einem Gymnasium in Neuss. Das heißt, irgendwann zwischen Geburt und Abi-Ball muss er Uedem verlassen haben.

Nun suche ich nach den Gründen, weshalb er meiner ach schönen Heimat den Rücken kehrte. Klar, dort war nichts los, und der letzte Bus fuhr noch vor der Tagesschau, aber ich schätze den Hermann nicht so ein, dass er jeden Abend in die Disco wollte, um auf heiße Rhythmen zu tanzen.

Um herauszufinden, warum er ging, habe ich einige seiner Interviews gelesen. Er gibt recht viele Interviews. Offenbar läuft das in den Zeitungsredaktionen so, dass der Chef fragt „Und, wenn könnten wir mal wieder interviewen?“ und dann überlegen alle angestrengt und einer sagt dann nach zehn Minuten „Wir könnten mit Hermann Gröhe sprechen.“ Und alle dann so: „Gute Idee.“ So ungefähr geht ja glaube ich Journalismus 2011. Dass einer in der Konferenz einen mittelmäßigen Vorschlag macht, und weil dann niemandem ein besserer einfällt, reden sich alle ein, dass das ein ganz toller Vorschlag war.

Also, Hermann, warum hast du mich verlassen?

Ich lese da zum Beispiel im Offenburger Tageblatt den nicht so rasend originellen Satz von ihm: „Eine EU-Mitgliedschaft ist kein Freifahrtschein.“ Das geht immer, so wie: „Nicht alles auf einmal essen.“ Dann sagt er noch: „Natürlich, Griechenland und seinen Bürgern steht ein durchaus schmerzhafter Prozess bevor. Aber nur so wird das Land wieder auf die Beine kommen.“ Ich habe eher selten erlebt, dass das Zufügen von Schmerzen irgendjemandem wieder auf die Beine hilft, also so von wegen „Sie haben Probleme beim Gehen? Dann empfehle ich Ihnen, jetzt mit nackten Füßen durch diesen Dornenbusch zu laufen“. Aber es wird schon seine Richtigkeit haben, Hermann ist schließlich aus meiner Heimat, da muss er einigermaßen intelligent sein. Das Interview hilft mir aber auch nicht weiter, in unserem Ort gibt es ja nicht mal einen griechischen Imbiss, mit dessen Besitzer sich der Hermann vielleicht hätte anlegen können, um daraufhin verärgert umzuziehen. „Also diese Griechen, mit ihrer Faulenzerei machen die echt das Dorf kaputt.“

Dann lese ich in demselben Beitrag: „Wer jetzt wieder in linke Reflexe verfällt und die Parole ‚Mehr Geld für alle‘ brüllt, der hat wirklich nichts begriffen.“ Denn natürlich muss man brüllen, so vermute ich, „Mehr Geld für ein paar“, aber das sind nun wieder nur meine linken Reflexe, ich habe also nichts begriffen. Der Antwort auf die Frage, warum der Hermann es in meiner Heimat nicht aushielt, komme ich damit aber nicht näher. Den links war der Ort nie, dort regiert die CDU seit 1283, damals wurde sie noch von Gott auserwählt.

Ah, da habe ich was entdeckt. „Die CDU ist die Partei der inneren Sicherheit“, sagt er in einer Pressemitteilung. Das ist doch mal eine Zuschreibung. Nicht die Partei der Ideen. Nicht der Zukunft. Nicht der Steuersenkung. Nein, die Partei der inneren Sicherheit. Ein Titel, den man sich erstmal freiwillig geben muss. Ich habe den Verdacht, dass mit ebendieser inneren Sicherheit irgendwas nicht gestimmt hat in meinem Provinznest. Jetzt erinnere ich mich auch daran, dass meine Mutter mir immer von dem Drogennest in meiner Heimat erzählt hat. Das war eine Disco, zu der auch immer viele in der Nähe stationierte Engländer kamen. Die tranken dann Alkohol und prügelten sich. Möglich, dass auch Hermann dort in eine Schlägerei geriet und dann beschloss, diesen Ort der inneren Unsicherheit für immer zu verlassen.

Aber in Hermanns Ausführungen geht es eher um die Gefahren des islamistischen Terrorismus. Er sagt dort: „Nur mit einer Kultur des Hinsehens und nicht des Wegschauens können wir im Kampf gegen islamistische Propaganda erfolgreich sein.“ Ich finde das ja schon toll, dass es ein Adjektiv gibt für Leute, die Vorbehalte gegenüber dem Islam haben, aber wissen, dass sie das besser nicht sagen, und deshalb haben sie den Begriff „islamistisch“ erfunden. „Nein, nein, ich habe doch gar nichts gegen den Islam, nur gegen den Islamismus.“ Als ob da nicht das Wort Islam drinstecke. Gibt es eigentlich das Adjektiv „christlichistisch“?

Ich erinnere mich daran, dass in meinem Heimatort viele Türken leben, tendenziell gläubige, und sie spielten auch in meiner Fußballmannschaft. Einige von ihnen waren wirklich nicht nett, und ich dachte Dinge, mit der ich bei der Taz nicht hätte punkten können. Heute schäme ich mich selbstverständlich dafür. Vielleicht hat der Hermann ja auch Fußball gespielt und es waren Türken in seinem Team und er hatte ähnliche Gedanken wie ich. Vielleicht waren sie ja auch besser als er und er durfte deshalb nie von Anfang an spielen, sondern wurde höchstens eingewechselt, vielleicht hatte er auch Angst, dass aus dem Islam Islamismus wird und floh deshalb. Vielleicht hat er sich mit den Türken in der Drogenhölle geprügelt. Eines davon muss der Grund sein, weshalb er ging. Er hatte da einfach seine Prinzipien.

Kürzlich habe ich gelesen, dass Hermann Gröhe bereits mit zwei Jahren umgezogen ist. Ich war mit zwei Jahren politisch noch nicht so festgelegt.

 
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Kommentare
koslowski schrieb am 15.07.2011 um 11:39
Wahrscheinlich war Hermann ein Kind, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Nun ist er ein Generalsekretär. Wär er doch in Uedem geblieben.
Vaustein schrieb am 15.07.2011 um 12:54
Dem Hermann tat das Weggehen aus Uedem gar nicht gut. Man sieht das richtig gut. Seit er weg ist wurden seine Lippen immer dünner. ,-))
Sebastian Dalkowski schrieb am 15.07.2011 um 13:32
Ich lade übrigens sehr zum Uedemer Brunnenfest ein an diesem Wochenende. Am Samstagabend gibt es Live-Musik auf dem Marktplatz, am Sonntag einen Trödelmarkt. Und jetzt der Kracher: Für das leibliche Wohl ist gesorgt.
weinsztein schrieb am 18.07.2011 um 05:39
Uedem ist ein ganz bezaubernder Ort am linken Niederrhein, nicht weit jener kulinarischen Hochburg Landhaus Köpp entlegen, wo der Magier von Niedermörmter waltet, der Sternekoch Jürgen Köpp, (Hallo Jürgen!), einer meiner Lieblinge.

Hermann Gröhe ahnt nicht mal, was ihm entging, als er sich mit zwei Jahren zum Umzug entschloss.
Weg von Uedem, jener Hochburg talentierter Journalisten.
Sebastian Dalkowski
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