Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

09.12.2011 | 08:00

Ich war drei Tage offline, die Welt will, dass ich darüber schreibe

Unser Kolumnist fragt sich, warum alle Bücher nur noch davon handeln, wie es Deutschen als Lehrer oder in Finnland ergeht.

Zu den schlimmsten Ideen des deutschen Buchhandels gehört es, die minderwertigen Titel am prominentesten zu platzieren. Wer durch das Erdgeschoss* einer Buchhandlung geht, fragt sich nicht, wann das Abendland untergehen wird, sondern, wann es untergegangen ist. Es ist dort neben dem neuen Roman von Frank Schätzing** und Axtmorden aus Skandinavien nur ein weiteres Genre vertreten: der Erfahrungsbericht.

Menschen schreiben darüber, dass sie bei den Hells Angels waren. Bei Quizshows. Ein halbes Jahr offline. Polnische Putzfrau in Deutschland. Kellner. Lehrer. Weiblicher ADAC-Engel. Morgens Polizist, abends Hooligan. Sanitäter. Oder einfach in einem anderen Land. „Die spinnen, die Finnen“ und „Finnen von Sinnen.“ Herzlichen Glückwunsch! Sie haben es geschafft, in ein anderes Land zu reisen. Bitte schreiben Sie doch unbedingt ein Buch darüber. Gerne auch mit „gnadenloser Selbstironie“. Niemals hätte Hape Kerkeling seine Erlebnisse auf dem Jakobsweg aufgeschrieben, wenn er gewusst hätte, welchen Trend er damit auslösen würde.

Diese Erlebnisaufsätze nehmen nicht deshalb die Hälfte einer Buchhandlung ein, weil sie einen literarischen Wert hätten. Das ist für eine Buchhandlung eine völlig irrelevante Kategorie. Sie verkaufen sich einfach nur wie bescheuert, weil sie die Bedürfnisse aller Beteiligten befriedigen. Der Autor kann das Erlebte ungeheuer aufwerten, wenn er es als Buch veröffentlicht. Der Verlag muss sich nicht mit durchgeknallten und sensiblen Schriftstellerseelen herumplagen, die immer noch vier Monate mehr Zeit wollen, sondern haben es mit bodenständigen Berufsgruppen und anspruchslosen Ghostwritern zu tun. Und der Leser erhält einen kurzweiligen Einblick in eine fremde Welt, der weder Verstand noch Weltbild strapaziert.

Die Buchbranche denkt aber bereits einen Schritt weiter. Weil bald alle Schaffner, Skilehrer und LKW-Fahrer ein Buch geschrieben haben, beginnen nun auch die Angehörigen der Betroffenen, ihre Erlebnisse für druckrelevant zu halten. Kürzlich stieß ich in einer Filiale auf das Buch „Lehrerkind – lebenslänglich Pausenhof“. Dort erzählte ein Bastian Bielendorfer mit gnadenloser Selbstironie usw. Bald also zu erwarten: „Kickerkind – lebenslänglich Abseits“. „Politikerblag – für immer Wahlkampf“. „Die spinnen, die Finnen, mein Sohn aber auch, denn er wohnt dort und schreibt ein Buch darüber“.

Ich werde auch ein Buch schreiben. Ein minderwertiges zwar, aber besser ein minderwertiges im Buchhandel, als ein großartiges in der Schublade. Meine Mutter ist Kindergärtnerin, und ich bin ihr Kind. Was bedeutet, dass ich eine Kindergärtnerin zur Mutter habe. Dass sie eine Kindergärtnerin ist, hat mich gar nicht so sehr geprägt, aber dafür gibt es in der Unterhaltungsliteratur ja das Mittel der Überspitzung. Immer schön an den Leser denken, damit der Leser nicht denken muss.

Einen Arbeitstitel habe ich bereits: „Lebenslänglich Urinale in 50 Zentimetern Höhe“. Das erste Kapitel handelt davon, dass meine Mutter es gar nicht gerne mag, dass ich sie Kindergärtnerin nenne. Korrekt heiße es Erzieherin. Und dann sage ich, dass das Wort Kindergärtnerin doch so schön sei, so poetisch. Erzieherin hingegen klinge eher nach Fräulein Rottenmeier. Daraufhin sagt meine Mutter, ich sei so ein Klugscheißer, ich müsse ein Lehrerkind sein. Nein, sage ich, dazu fehlt mir die gnadenlose Selbstironie.

__________________________________________

* Die Bestückung des Erdgeschosses in einer Buchhandlung sagt mehr über den Zustand der deutschen Kultur aus als ein Blick in die Fernsehzeitung. Nur, was im Erdgeschoss liegt, wird auch verkauft. Je schlimmer also die dortige Auswahl, desto schlimmer Deutschland. Die einzigen, die noch auf eine andere Etage fahren, sind Studenten. Weil sie müssen. Denn die wissenschaftlichen Bücher stehen stets in der obersten Etage.

** Ja, Frank Schätzing hat für seine Bücher ganz viel recherchiert und es ist alles so realistisch und so überhaupt nicht weit hergeholt bla bla bla wenn ich die Realität sehen will, gucke ich aus dem Fenster oder schaue mir die Zusammensetzung des Sortiments im Erdgeschoss einer Buchhandlung an.

 
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Kommentare
Ismene schrieb am 09.12.2011 um 08:14
Wunderbar!
isegrim schrieb am 09.12.2011 um 08:23
Vielen Dank, habe herzlich gelacht.
Ich musste feststellen, das ich nicht alleine bin. Da ich genau diesen Eindruck habe.
Ich lese in letzter Zeit nur noch "alte" Bücher die ich auch für 1 Euro bekomme, weil es aktuell überhaupt keine Alternative im Büchermarkt gibt.
Ich lese gerade Asimov, Heinlein, Dickens, Orwell und noch andere sehr, sehr gute Bücher von diesen Autoren oder aus diesem Genre.
Auch super ist Boulle Planet der Affen.
oder Michel Houellebecq Plattform .

Vielleicht werde ich mal ein Buch darüber schreiben, wo und wie ich an gute Bücher komme und über meinen Genuss, diese zu lesen.
Ismene schrieb am 09.12.2011 um 08:28
Ja, bitte. Ich werde das kaufen, wenn ich es finde (sicher nicht im Erdgeschoß, oder?).

;-)
Lord Helmchen schrieb am 09.12.2011 um 11:16
Hilfe, das stimmt! Wie grausam die Realität manchmal ist...
koslowski schrieb am 09.12.2011 um 13:05
Meine Töchter sind Lehrerkinder ( Vater + Mutter ). Es kommt erschwerend hinzu, dass sie in Bielefeld aufgewachsen sind und die hier ansässigen reformpädagogischen Schulen besucht haben. Diese Konstellation bietet beste Voraussetzungen für einen Bestseller für das Erdgeschoss. Ich werde den Töchtern ein gemeinsames Buchprojekt vorschlagen, mögliche Arbeitstitel: „Pestalozzi kam nur bis Bielefeld“ oder „Diesseits der Didaktik. Überleben in einem pädagogischen Biotop“ oder „Die eigenen Kinder sind der Ernstfall. Eine Lehrerfamilie packt aus“.
Ismene schrieb am 09.12.2011 um 13:19
Klingt prima.

Ich gehe schon lange mit einem Buchprojekt schwanger. Der Titel ist bestsellerverdächtig "Sich selbst bescheißen, aber richtig!", nur mit dem Inhalt hab ich noch meine liebe Mühe...
tlacuache schrieb am 09.12.2011 um 18:50
Ismene
"Sich selbst bescheißen, aber richtig!"

Ich hoffe du hast Dir das Copyright gesichert,
sonst findest nächsten Frühling eben jenen Titel im Erdgeschoss, aber Autor ist dann ein Nullefummel "der ist sowieso immer am Kuschel-Nuschel-Flusche" in den Kulturredaktionräumen...

koslowski
„Diesseits der Didaktik. Überleben in einem pädagogischen Biotop“, den kauf' ich mir auch, aber „Die eigenen Kinder sind der Ernstfall. Eine Lehrerfamilie packt aus“ kann man besser bei den Privatsendern promoten ;-)
Ismene schrieb am 09.12.2011 um 20:35
Danke für den Tipp!

Sollte es tatsächlich soweit kommen, schreibe ich einen Blog mit 13 Fortzsetzungen ... ;-)
Sebastian Dalkowski
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