Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

21.12.2009 | 08:18

Moderne Zeiten: Outdoor-Jacken

Warum Mitteleuropäer sich so anziehen, als wollten sie zum Nordpol reisen

Es gibt Menschen, die brauchen eine Outdoor-Jacke. Dazu gehören Ranger im Yellowstone-Nationalpark, Lawinenhelfer in den Schweizer Alpen und Reinhold Messner.

Es gibt auch Menschen, die bloß fest davon überzeugt sind, dass sie eine Outdoor-Jacke brauchen. Dazu gehört der mitteleuropäische Stadtbewohner. Dieser trägt mit Begeisterung Jacken, in denen er neun Tage unter einer geschlossenen Schneedecke überleben und jenseits des Polarkreises einen kompletten Satz Autoreifen wechseln könnte. Ist er jung, trägt er eine Jacke von The North Face, ist er über 30, dann eine von Jack Wolfskin oder Wellensteyn.

Einige Stadtbewohner halten es tatsächlich für überlebenswichtig, eine Outdoor-Jacke zu besitzen. Diese Leute überprüfen auch jeden Tag, ob die Schneeketten funktionsfähig sind. Für gewöhnlich weiß der Stadtbewohner aber, dass er nicht jenseits des Polarkreises oder im Himalaja wohnt und durch den Schnee in seiner Stadt stets noch der Asphalt schimmert – wenn es überhaupt einmal schneit. Und die zahlreichen Taschen, die er "echt praktisch" findet, braucht er höchstens für seinen MP3-Spieler oder als Archiv für Kaugummipapier und Einkaufszettel.

Es geht ihm um etwas anderes. Der Träger einer Outdoor-Jacke will bloß das Gefühl haben, für alles gerüstet zu sein. Es beruhigt ihn zu wissen, dass er theoretisch auf der Stelle nach Lappland fliegen und dort aussteigen könnte, ohne zu frieren. Das ist für ihn Freiheit – theoretisch hinzugehen, wo er will. Auch wenn er damit nur das mulmige Gefühl bekämpft, als Stadtbewohner den Kontakt zur Natur zu verlieren. Seht her, sagt er mit seiner Outdoor-Jacke, wenn ich wollte, dann könnte ich mich sofort in die Wildnis stürzen. Damit täuscht er zugleich die Sportlichkeit vor, die er selbst gerne besäße.

Wenn er sich tatsächlich in die Wildnis stürzt, fährt er in ein deutsches Mittelgebirge wie das Sauerland oder die Eifel. Denn nur diesem Zweck dienen diese Hügelketten – um Leuten in Outdoor-Jacken vorzugaukeln, dass sie noch eine Verbindung zu Mutter Natur haben.

Ist es einmal wirklich kalt in der Stadt, sagt der Besitzer einer Outdoor-Jacke zu seinem Partner, dass sie nun unmöglich rausgehen könnten. Er schlägt stattdessen vor, Trivial Pursuit zu spielen oder die neue Staffel von Stromberg zu gucken. Dann macht er sich eine heiße Schokolade und umschließt die Tasse mit beiden Händen, um sich zu wärmen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 09:53
Oha, dass gefällt mir aber gar nicht...
Denn es gibt doch nix besseres als Funktionskleidung!
Bei uns im Norden & speziell auf der Insel wo ich üblicherweise zu Hause bin, braucht man Kleidung, welche 100% Wind- & Wasserfest ist.
"The North FAce" = eine amerkianische Firma. Sehr teuer. Wegen dem Zoll. Auch nicht so unbedingt mein Geschmack. Albern Poppig. Nicht alles ( fast nie ) 100% wasserfest.

"Wellenstyn"- Bei uns nur bedingt zu gebrauchen. Die Materialien sind nicht immer ( fast nie ) wirklich wasserfest. Aussderdem sind die Jacken ätzend kitschig.

Wenn ich dann in die Stadt komme, trage ich diese Jacken auch. Weil sie ideal sind. Leicht, pflegleicht, man friert nicht & man wird nicht nass.

Die Leute in ihren Stoffjäcken am Bus-Stop tun mir richtig leid. Einfach nicht das geeignete Material bei dem Wetter.

Zahnarzt-Ehefrauen aus den Vorstädten tragen gerne "Barbour". Reiter aber auch.

Z.Z. trage ich meinen langen, dunklen Anorak von:
Didriksons1913
www.didriksons.de/
Mit dem war ich auch schon in den Alpen.

Wenn es nicht so kalt ist, einen dkl. blauen ( Auf See gilt: Farbe egal. Hauptsache dkl. Blau! )von Aigle ( franz. Reitsportausrüster ):
aigle.com/#/de/accueil

Und ich habe noch ein sommerliches wetterfestes Jäckchen. Von Belstaff. Das tragen auch junge Leute. Wenn sie es bezahlen können. Oder Muttivatti.
www.belstaff.com/index.php?option=com_virtuemart&page=shop.browse&category_id=606&Itemid=468

Wenn es draussen trocken & kalt ist, dann kann man auch mal mit einem Tweed losstratzen. Der muss aber alt & getragen sein. So was findet man in Hamburg hier:

www.rudolf-beaufays.de/

Überhaupt ist der Besuch bei Herrn Beaufays immer eine Reise wert. Unglaubliche Klamotten & ein außergewöhnlicher Mann.

Viele Grüße aus Hamburg sende ich Dir!
MMeester schrieb am 21.12.2009 um 10:12
Was möchte mir der Autor mit diesem Artikel sagen?
Besitzt er etwa selbst keine "Outdoor-Jacke" und ist nun selbst der Verbindung zu "Mutter Natur" vollständig verlustig gegangen? Kommen nur die Harten in den Garten, die auch bei Sauwetter mit Stoffjäckchen und T-Shirt an der Bushaltestelle stehen, um den Umstehenden ungefragt mitzuteilen, daß es eigentlich nicht kalt sei? Ist der Autor, Gott bewahre, selbst einer von diesen Menschen?
Oder musste mal wieder gesagt werden, daß alle anderen eigentlich keinen Durchblick haben, und nur man selbst....aber das wollen wir ja nicht unterstellen....

So, dann werde ich mich mal in meine Outdoor-Kleidung werfen (ich nehme gerne Tips entgegen, wo man sonst noch warme, wind- und wasserdichte Kleidung bekommt, die nicht dem Outdoor-Segment zugerechnet wird), um mich dann in den Schnee zu begeben, mich freuend, daß sich meine Verbindung zu Mutter Natur nicht auch noch auf das Einnehmen der von ihr vorgegebenen Temperatur erstreckt.
Sebastian Dalkowski schrieb am 21.12.2009 um 10:16
Ich versuche nur, mich von meiner eigenen North-Face-Jacke zu distanzieren. Jetzt bei dem Schnee aber ziemlich schwierig.
MMeester schrieb am 21.12.2009 um 10:19
Wenn's gar zu schwierig wird: einfach mal bei Schnee ohne Jacke nach draußen gehen. Danach wird auch das Verhältnis zur eigenen Kleidung entspannter.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 10:23
<--- HAHAHAH
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 10:25
@ Sebastian

"von meiner eigenen North-Face-Jacke zu distanzieren"

Und ist die 100% wasserfest? Nur mal so. Interessehalber.
Sebastian Dalkowski schrieb am 21.12.2009 um 17:26
Bisher konnte ich das noch nicht überprüfen. So richtig stark geregnet hat es noch nicht, als ich mit der Jacke unterwegs war.
müslikind schrieb am 21.12.2009 um 12:43
Hm, also ich wäre froh, wenn meine Jacke die oben wiedergegebenen Werbeversprechen erfüllen würde. Neulich bin ich nämlich bei einem sintflutartigen Regenguss auf dem Fahrrad ziemlich nass geworden. Und auf der Demo im Kopenhagen habe ich mir den Hintern abegfroren, weil die innere Jacke nicht so weit runter reicht wie die äußere. Vielleicht fährst du nicht Fahrrad und gehst im Winter nicht zu Fuß und hast deshalb noch nicht wirklich überprüft, ob man in der Jacke unter einer Lawine überleben kann? Oder deine ist einfach besser als meine, kannst du mir vielleicht einen Tipp geben? Das einzige, was mich bisher wirklich warm gehalten hat, war mein isländischer Schneeanzug. Den hab ich aber dort gelassen, glaube damit fährt sich schlecht Fahrrad.
Muss chrisamar übrigens zustimmen: Beim Anblick der Outdoorjacken boykottierenden Teenager an der Bushaltestelle habe ich regelmäßig das Gefühl einer nahenden Blasenentzündung.
Finde jedenfalls, dass deine Empörung im Fall von Jeeps in der Stadt oder die jährliche Erneuerung und Erweiterung aller Elektronik-Spielzeuge wesentlich angebrachter wäre.
Bevor hier aber ein falscher Eindruck entsteht: Bin ein großer Fan deines Blogs!
Das Müslikind
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 12:55
@ müslikind

"Jeeps in der Stadt"
Oberpeinlich. Diese Leute, welche in ihren Zwittern aus Geländewagen & Wohnmobilen durch die Stadt reiten.
Das wäre mal ein Läster-Thread wert. Da hast Du recht.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 13:08
Wenn ich könnte...
ich würde so gerne eine Jacke machen. Natürlich Funktions-Kleidung. Prototyp hängt in meinem Schrank. Hund hat aber eine Tasche abgerissen.
Jedenfalls suche ich noch einen geeigneten Partner.
Falls das jezt mal einer der Brüder von z.B. "Drykorn" liest.
Sebastian Dalkowski schrieb am 21.12.2009 um 17:26
Aus den Jeeps könnte ich ja eine eigenen Folge machen. Die sind wirklich übel.
S.Heinel schrieb am 21.12.2009 um 19:51
Wenn das bei Ihnen so wie mit den Jacken ist, dann lieber nicht. Am Ende müssen sie zugeben, dass sie aus sentimentalen Gründen einen 20 Jahre alten Defender in der Garage stehen haben und ihn nur an trockenen Sommertagen benutzen können, weil er sonst nicht anspringt.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.12.2009 um 00:01
@ S.Heinel
HÄHÄHÄ

@ Sebastian
Ja. Mach mal was. Wird aber sehr schwierig. Es gibt viele Aufto-Freaks hier. Zu denen zähle ich mich leider auch...
Sebastian Dalkowski
28, freier Journalist
Mitglied seit:
2 Jahre 45 Wochen
Zuletzt aktiv:
10.02.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 179
Kommentare: 100
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
00:30
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:28
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:25
Zeitleser hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:18
Nashira hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:15
Nashira hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG