Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

17.06.2011 | 08:00

Treffen sich zwei Nerdbrillen im Wattenmeer

Unser Kolumnist will Jungschriftsteller werden und dafür auf eine Insel mit nur einem Bankautomaten fahren.

Ich muss jetzt endlich einen Roman schreiben. Einen, der auch veröffentlicht wird. Ich bin fast 30. Wenn ich nicht bald einen Roman schreibe, werde ich nie in einer Zeitung Jungschriftsteller genannt werden. Ich will aber Jungschriftsteller genannt werden, um mich darüber aufzuregen. Jungschriftsteller ist ein bescheuertes Wort. So wie Wahlberliner.

Auf Arte haben sie einen Dokumentarfilm über das Leben im Winter auf der Hallig Langeneß gezeigt. Eine Hallig ist eine Insel ohne Deich im nordfriesischen Wattenmeer. Deshalb ist dort ständig Land unter, und die Menschen haben ihre Häuser auf künstliche Hügel gebaut, den Warften. Langeneß ist zehn Kilometer lang, einen Kilometer breit, hat 100 Einwohner, den Tante-Emma-Laden von Frau Kuhnke, eine Bank, zwei Hotels, ein paar Ferienwohnungen und Gaststätten und vier öffentliche Briefkästen. Im Winter treiben sich dort aber keine Touristen herum, schließlich ist es dann selbst zum Spazierengehen zu kalt und windig. Sogar das Vieh ist auf dem Festland. Die Einwohner hocken in ihren Häusern.

Im nächsten Winter werde ich nach Langeneß fahren, mir eine Ferienwohnung mieten und meinen Roman schreiben. Wenn um mich herum alles Ödnis ist, lenkt mich nichts von den Vorgängen in meinem Kopf ab. Um sieben Uhr stehe ich auf, spaziere eine Stunde gegen den eisigen Wind, kaufe auf dem Rückweg Brot, Käse und Milch im Tante-Emma-Laden und frühstücke in meiner Wohnung mit Blick auf die Nordsee. Dann setze ich mich an den einfachen Holztisch im Wohnzimmer, schreibe, bis es dunkel wird, während ich immer wieder dieselbe Schallplatte von Bob Dylan höre, bereite mir ein schlichtes, aber kräftiges Abendessen aus Kartoffeln, Eiern und Speck zu und schaue mir einen amerikanischen Low-Budget-Film auf meinem Laptop an. Das tosende Meer trägt mich in den Schlaf. Nach acht Wochen ist mein Roman fertig.

Es gibt aber ein Problem. Auch andere Jungschriftsteller werden die Dokumentation auf Arte gesehen und dieselbe Idee wie ich gehabt haben. Wenn ich also morgens gegen den eisigen Wind spaziere, kommen wir wahrscheinlich ständig Leute in Duffle Coats und Nerdbrillen entgegen, die so wie ich auf den Boden gucken, um nicht grüßen zu müssen. Im Tante-Emma-Laden ist das Brot ausverkauft und die Milch auch (Frau Kuhnke: „Das war ein Ansturm heute“) und ich muss hungrig schreiben. Deshalb gehe ich abends in eine der Gaststätten, die voll ist mit Jungschriftstellern, die ebenfalls zu spät im Tante-Emma-Laden waren, und alle schreiben sie irgendwelche Beobachtungen in ihre Blöcke. Dann gehen sie nach Hause und gucken amerikanische Low-Budget-Filme.

Hinzu kommt ein zweites Problem. Schriftsteller schöpfen am liebsten aus sich selbst, gerade die jungen. Natürlich werde ich versuchen, einen Roman zu schreiben, der nichts damit zu tun hat, dass ich gerade auf Langeneß sitze. Er könnte in der Sahara spielen, und die Erzählerin wäre eine alte Frau. Aber am Ende wird es doch um einen Typen gehen, der nach Langeneß fährt, um seinen ersten Roman zu schreiben. Den anderen Jungschriftstellern wird es genauso ergehen. Was bedeutet, dass die großen deutschen Verlage ungefähr zur selben Zeit 50 Manuskripte erhalten werden, die von einem Typen handeln, der auf Langeneß seinen ersten Roman schreiben will. Und im Vorjahr war das auch schon so, weil da der NDR eine Doku gezeigt hat. Und davor auch. Die eine Lektorin sagt zur anderen: „Du, die Jungschriftsteller waren wieder auf Langeneß.“

Wie soll ich mich da abheben? Neben Langeneß liegt Oland. Oland ist nur zwei Quadratkilometer groß, hat 30 Einwohner und keinen Bankautomaten.

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 17.06.2011 um 08:48
Du,
es riecht nach Jungschriftsteller, ich ahne und vermute, wie letztes Jahr, die stehen auch dieses Jahr wieder im Nordsee Wind
Popkontext schrieb am 17.06.2011 um 12:14
Schön! Danke.
Katharina Schmitz schrieb am 17.06.2011 um 14:32
sehr amüsant!
Katharina Schmitz schrieb am 17.06.2011 um 14:32
sehr amüsant!
GeroSteiner schrieb am 18.06.2011 um 00:27
Die Hallig Hooge ist da gaaanz anders. Nicht hoog und kaum Hall. Da schreibt sich der Roman fast von allein, schwimmt aber bei der ersten Sturmflut... Ach was.

kay.kloetzer schrieb am 18.06.2011 um 04:07
also ich fand den text schon an dieser stelle gut: "Jungschriftsteller ist ein bescheuertes Wort. So wie Wahlberliner."
trotzdem gibt es ein problem. in erster ehe habe ich zwei sommer auf langeneß verbracht. damals gab es nur ein hotel. wir wohnten aber 1. beim post-schiffer fietje und 2. bei der buchhändlerin doris. dort ist wirklich nichts, gar nichts. trotzdem habe ich in keines der acht mitgeführten bücher reingeschaut. na gut, vielleicht in eins. aber schreiben? vergiss es! vielleicht ein gedicht, das handelt von bergen und stress und konsum. alles was echt ist, würde wie kitsch klingen. zum beispiel der filmabend, der in der kirche veranstaltet wurde. gedreht auf der hallig kannte den film doch niemand, weil in den 60ern noch kein strom anlag. oder der alte mann vom chiemsee, der dort sein leben beschloss, weil es für die lungen besser war - auf dem dachboden bis zum schluss das faltboot vom chiemsee. oder die kaufmannsfrau, die gegen ihre insel-migräne seidentücher bemalte - und einen kleinen clown: bunt und traurig. oder doris, die am besten rückwärts fahren konnte, weil das einspurig am meisten gefragt war. oder die bendixens, die am äußersten ende wohnten, wo nie ein tagestourist hinkam. und die nur eines hassten: touristen.
und dort soll es jetzt nerdbrillen geben? die welt wäre aus den fugen!
bilderstuermer schrieb am 18.06.2011 um 08:12
Ein schöner Text, der mich sehr an mich erinnert.
Benannt zu werden und nichts damit anfangen zu können. Ich will mich kreativ ausdrücken und mein eigenes Ding machen, wobei nicht wirklich auffallen soll dass es nur aus mir heraus ist und ich daran schon verzweifle es dann doch nicht anders machen zu können, wie alle die Anderen in unserer Gesellschaft, die versuche sich abzuheben und dann doch wieder in den gleichen Kategorien landen.
Was haben Künstler und Verbrecher gemeinsam. Die Wahren benennen sich niemals selbst, sondern werden auf Grund der ihrer Werke/Taten von der Gesellschaft in die dafür vorgesehene Kategorie gesteckt.
Sebastian Dalkowski
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