Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

12.02.2010 | 08:04

Trink doch einen mit

Ich treffe mich mit einem Freund, der meinen Namen trägt. Dieser Freund hat ein Alkoholproblem und heult rum, dass ihn keiner versteht. Ich bin empört und falle ihm dann in den Rücken.

Ich muss einen Misston auf der E-Gitarre der guten Laune spielen. Ich tue dies für einen Freund, der sich nicht traut. Schuld daran sind alle, die zur Gesellschaft gehören. Ich nenne diesen Freund S. Das ist der Buchstabe, mit dem auch mein Vorname beginnt.

Vor ein paar Wochen sagte S. zu mir: „Ich habe ein Alkoholproblem.“
„Du trinkst zuviel?“
„Ich trinke überhaupt nicht. Das ist das Problem.“
„Du siehst, mein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Erzähle mir mehr davon.“

Die Sache war die: Als mein Freund 14 wurde, fingen alle seine Freunde auf einer Party das Trinken an. Er war in dem Moment auf Toilette, als er zurückkam, konnte er sich nicht mehr dazu aufraffen mitzumachen. Die Zukunft war grau: Die Mädchen standen natürlich nicht auf ihn, weil er nicht trank, und immerzu musste er sein Glas bewachen, weil jemand was dazumischen wollte. Mein Freund ging dazu über, sich nur noch ungeöffnete Flaschen zu nehmen.

Er klagte weiter: „Und dann immer wieder diese Sprüche: ‚Ach komm, jetzt trink doch einen mit.’ Das geht jetzt schon zehn Jahre so und auf jeder Party ist es dasselbe. ‚Was, du trinkst nicht? Du musst gestört sein. Warum denn nicht?’ Ich bin ein psychisches Wrack, siehst du das denn nicht?“
Ich fand, er sah aus wie immer.
„Und was antwortest du auf die Frage?“
„Irgendwas mit ‚Warum trinkst du?’ Ich halte das nicht mehr aus, ich bin doch kein Wesen von einem anderen Planeten, oder?“

Ich spiele nun den Misston: Niemand darf in dieser Gesellschaft dafür geächtet werden, dass er seinen Körper nicht vergiften möchte. Es muss auch für ihn einen Platz geben in dieser Welt, die schließlich mit ganz anderen Menschen zurechtgekommen ist wie zum Beispiel Josef Stalin oder Michelle Hunziker. Ein Freund, der nicht trinkt, hat viele Vorteile: Er kann zum Beispiel immer fahren, vor allem von der Disco nach Hause, und wer ihm einen ausgeben muss, kommt sehr billig davon. Leitungswasser kostet nicht viel. Ich glaube nicht, dass Stalin einen nach der Disco nach hause gefahren hätte.

Das war der Misston. Nun falle ich meinem Freund S. in den Rücken. Vor ein paar Tagen guckten wir zusammen Fernsehen.
Ich sagte: „Nicht doch ein Schluck Bier?“
„Nein, danke. Ich habe meine Holunderbrause.“
„Ach komm, ein klitzekleines Schlückchen.“
„Nein, du weißt doch, warum nicht.“
„Warum denn nicht?“
„Warum denn?“
„Du willst doch nur etwas Besonderes sein. In deine Holunderbrause habe ich übrigens Wodka gemischt.“
„Ich weiß, ich habe sie ja längst durch eine neue Flasche ersetzt.“
„Du hast echt ein Alkoholproblem.“

Ich habe beschlossen, mich nicht mehr mit S. zu treffen. Er hat überhaupt gar kein Auto.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 12.02.2010 um 09:29
"Kein Alkohol ist auch keine Lösung"
misterl schrieb am 12.02.2010 um 10:41
Nach dem Satz wurde mir übel.

"Ich muss einen Misston auf der E-Gitarre der guten Laune spielen."

Blue Notes gehören zum Blues wie der Alkohol, Frauen wie Hunzinger (oder hübscher) und die verdammt miese Stimmung an einem Montag danach.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.02.2010 um 14:08
h.yuren schrieb am 12.02.2010 um 23:55
sebastian, mir kommt deine vorführung des abstinenten s. seltsam unwirklich vor, irgendwie gespenstisch, vor allem aber auch etwas albern angesichts der millionen schnapsleichen in diesem land, nicht nur in diesem.

der misston-abschnitt ist übrigens sehr gelungen als misston-abschnitt.

das ganze blog ist ein schlechter scherz.
Alien59 schrieb am 13.02.2010 um 06:38
Habe ich andersrum verstanden - als Selbstkritik an den Freund, der trotzdem weiter versucht, dem anderen Alkohol anzudrehen.

Daher gefiel mir der Artikel, weil ich dieses Generve kenne ...
Wolfram Heinrich schrieb am 13.02.2010 um 07:06
@Alien59
Daher gefiel mir der Artikel, weil ich dieses Generve kenne ...

Unter diesem Generve leiden nicht nur die eh schon immer Abstinenten ("Ich werde den Verdacht nicht los, daß Abstinenzler die Sachen nicht mögen, auf die sie verzichten." - DYLAN THOMAS), sondern auch - und vor allem - die Trockenen Alkoholiker. Bei denen ist das Generve oft viel hartnäckiger, denn man kennt sie noch von früher, als sie kräftig zugelangt haben.
Und Trockene Alkoholiker sind für ihre ehemaligen Saufkumpane eine große Gefahr. Trinker drücken sich ums Aufhören gerne mit der Floskel, daß dies eh keiner schaffe und jeder kennt mehrere Trinker, die aufgehört hatten und "jetzt wieder mehr saufen als zuvor". Dem will man vorbeugen und säuft weiter. Und nun kommt einer daher, der es aller Legende zum Trotz doch geschafft zu haben scheint. Den muß man wieder zum Saufen verleiden, schon zum eigenen psychischen Selbstschutz.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 13.02.2010 um 08:06
"verleiten" natürlich, nicht "verleiden".
Sebastian Dalkowski schrieb am 13.02.2010 um 08:38
Das ist schon zu 99,9 Prozent eine Kritik an Leuten, die einen ständig zum Trinken auffordern. Ich erfahre das ja selbst immer wieder. Schließlich bin ich ja S.
Wolfram Heinrich schrieb am 13.02.2010 um 09:44
@Sebastian Dalkowski
Das ist schon zu 99,9 Prozent eine Kritik an Leuten, die einen ständig zum Trinken auffordern.

Jou. Nix gegen Trinker, es gibt hochachtbare und sympathische Leute, die saufen wie Loch. Berufsbedingt (15 Jahre MPU-Gutachter) habe ich viele davon kennengelernt. Aber man sollte auch von einem Trinker Toleranz verlangen, wer nicht saufen will, der säuft halt nicht. Aber da spielt natürlich der von mir kurz angerissene psychologische Mechanismus beim Trinker mit. Die bloße Anwesenheit eines Nicht-Trinkers beim Trinken verschafft ihm ein ungutes Gefühl.

Ciao
Wolfram
Alien59 schrieb am 13.02.2010 um 09:52
Eiweih, Wolfram.
Da sitze ich, gucke mir ihren letzen Satz an und frage mich, ob Sie wissen, wie weise Sie sind.
Das ist vielleicht bei vielen Dingen eine Erklärung für unerklärliche Abneigungen, die bis zum Hass ausarten können. Da werde ich nochmal drüber nachdenken, vielleicht wirds ja mal ein eigener Text.
Wolfram Heinrich schrieb am 13.02.2010 um 10:08
@Alien59
Eiweih, Wolfram.
Da sitze ich, gucke mir ihren letzen Satz an und frage mich, ob Sie wissen, wie weise Sie sind.


Ich weiß es nicht: www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/weisheit--alter

Das ist vielleicht bei vielen Dingen eine Erklärung für unerklärliche Abneigungen, die bis zum Hass ausarten können. Da werde ich nochmal drüber nachdenken, vielleicht wirds ja mal ein eigener Text.

Es wäre die Mühe wert, wenn Sie diesen Text mal schrieben. Ich jedenfalls wäre neugierig drauf und hoffe, daß Sie mich dann über die geglückte Geburt informieren.

Ich glaube, der Ansatzpunkt für diese Art von Nachdenken ist das Axiom, daß nichts, aber auch ü - ber - hau - benz nichts einfach so passiert, auch beim Menschen. Noch das verrückteste Verhalten hat Ursachen und eine innere Logik.
Meine Berufserfahrung etwa hat mich gelehrt, daß Trunkenheitsfahrer betrunken fahren, weil sie rechnen und aus Erfahrungen lernen können.

Ciao
Wolfram
Sebastian Dalkowski schrieb am 13.02.2010 um 10:08
@Wolfram Heinrich: Warum das denn? Weil die dann sehen, dass es auch anders geht?
Wolfram Heinrich schrieb am 13.02.2010 um 10:36
@Sebastian Dalkowski
Warum das denn? Weil die dann sehen, dass es auch anders geht?

Es zahlt sich aus für sie. Ich habe eben einen Blogbeitrag dazu hier reingestellt, ein (fiktives) Interview mit einem Trunkenheitsfahrer.
www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/warum-ich-betrunken-fahre
Wenn Ihnen das zu oberflächlich ist, ich habe zum selben Thema auch etwas ausführlicher geschrieben:
www.theodor-rieh.de/heinrich/Betrunken.pdf

Ciao
Wolfram
Alien59 schrieb am 14.02.2010 um 11:53
Gesellschaftlicher Druck - politisch gewollt?

Die Drogenbeauftragte der derzeitigen deutschen Regierung:
Dyckmanns: Das sehe ich anders. Alkohol gehört zu unserer Kultur dazu. Es ist einfach üblich, zu einem schönen Essen einen guten Wein zu trinken. Wichtig wäre gerade für Eltern, den maßvollen Umgang mit Alkohol vorzuleben. Maßhalten ist doch viel schwieriger als die totale Abstinenz. In bestimmten Situationen sollte man allerdings komplett auf Alkohol verzichten, etwa wenn man sich ans Steuer setzt oder schwanger ist.
www.focus.de/politik/deutschland/gesundheitspolitik/drogenbeauftragte-alkohol-gehoert-dazu_aid_479317.html

Ähm ... ja ... na ja.
Sebastian Dalkowski
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