Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

28.12.2010 | 07:42

Wenn das ein Roman wäre, würde er gut ausgehen

Die California Wives aus Chicago machen Musik für alle, die sich bei Konzerten nicht schämen, in ihre T-Shirts zu schwitzen.

Ich war bei den reichen Leuten. Also ich bin an ihren Häusern vorbeigelaufen und den heruntergelassenen Rollläden. Vorbeigejoggt. Immer die Beethovenstraße auf und ab. Das ist dort, wo bei uns die Anwälte und Architekten wohnen. Die Grundstücke hatten sie mit gusseisernen Verteidigungsanlagen gesichert. Ich wollte zu ihnen gehen und sagen, dass sie nicht in Kapstadt oder Bagdad wohnen, sondern bloß in Mönchengladbach. Dann hätten sie vermutlich geantwortet „Sicher ist sicher“. So gehen sie eben mit ihrem Reichtum um.

Ich hatte einen MP3-Spieler dabei, auf dem ich immer wieder die Affair EP der California Wives hörte. Der vielleicht gar nicht so gute Gag ist, dass die California Wives weder aus California sind noch wives, sondern vier Typen aus Chicago. Die Stadt, der nach dem Niedergang der Chicago Bulls nur die Schlachthöfe bleiben und die Tatsache, dass Barack Obama dort gewohnt hat.

Die Entstehungsgeschichte der Band klingt wie der Anfang eines Romans, der später mit Michael Cera verfilmt wird. 2008 hingen die Freunde Dan Zima, Joe O'Connor und Hans Michel nach dem College wieder zuhause bei ihren Eltern in River Forest rum, einem mäßig aufregenden Vorort von Chicago. Da es ihrem Alter nicht angemessen war, jeden Abend mit ihren Eltern „Wer wird Millionär?“ zu gucken und Leberwurstbrote zu essen, fuhren sie zu den Clubs der Stadt. Das muss gut ausgehen haben, wie sie in der Bahn saßen auf einem Viererplatz, Bier aus braunen Plastiktüten tranken und sich überlegten, wer es wagen sollte, endlich das Mädchen anzusprechen, das in dieser einen Bar immer so gutaussehend hinterm Tresen stand.

Bei ihren Ausflügen trafen sie ständig auf einen Freund. Der wohnte mit einem Typen namens Jayson zusammen, Jayson Kramer. Es war so, dass Dan, Joe und Hans zusammen in der Band „Javier And The Bear“ spielten, das aber nicht so lief, wie sich sich das vorstellten. Möglicherweise lag das auch an dem bescheuerten Namen, der eher vermuten ließ, dass sie Rockmusik für Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren machten auf Sommerfesten von Republikanerkindergärten. Sie gründeten also eine neue Band mit einem noch bescheuerteren Namen, die California Wives. Vor dem zweiten Konzert Anfang 2009 stieg Jayson als Sänger und Gitarrist ein.

Die Affair EP ist das Ergebnis von vier Monaten in einem richtigen Studio. Das ist wichtig für die Musik der Band, die Indie-Rock und Elektronik ungefähr in dem Verhältnis mischt wie New Order nach ihrem Comeback. Und auch ungefähr genauso toll. Das sind fünf Songs, die mal ganz nahe an Death Cab For Cutie liegen, bevor kleine Mädchen auf ihre Musik standen, und mal bei Jesus And The Mary Chain und The Radio Dept, den traurigsten Schweden der Welt. Fünf Songs, die einen an Vorbands denken lassen, die die Hauptband übertrumpfen. An verschwitzte „I Love New York“-T-Shirts und alte Vans. Fünf Songs, die als Ganzes geboren worden sein müssen. Als siamesische Fünflinge. Was allerdings keine so schöne Vorstellung ist.

Vielleicht reicht es auch, sich den letzten Song anzuhören, Photolights, auf Minute 3:58 zu warten und sich dann 39 Sekunden zu fragen: Was soll da noch kommen? Was soll da noch kommen? Was soll da noch kommen? Was soll da noch kommen?

Hier kann man sich die Affair EP kostenlos im Stream anhören.

 
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