Unser Kolumnist möchte herausfinden, warum ein Fußballer 17 Millionen Euro wert ist. Zum Beispiel Marco Reus.
Ich habe versucht, die Fußballberichterstattung zu retten. Es geschah in einem Zustand fortgeschrittener Arroganz. Ich... nun ja... also es ging daneben. Es mögen sich nun andere daran versuchen. Die Erkenntnisse, die mir mein Scheitern brachte, sollen ihnen ein kostenloser Ratgeber sein.
Es war vor einigen Tagen, da stand ich frierend am Rande eines Fußballplatzes. Es war das Trainingsgelände von Borussia Mönchengladbach, und ich wartete mit 15 anderen Zuschauern, überwiegend Rentner, dass die Spieler auf den Platz kamen. Um genauer zu sein: Ich wartete darauf, dass Marco Reus eintraf, die Wunderwaffe des Teams.
Es überraschte mich, dass Marco Reus nicht schwebte. Marco Reus lief auf den Trainingsplatz. Er setzte einen Fuß vor den anderen, wie es sonst nur Menschen tun. Er hat wie alle anderen zwei davon. Er trug eine lange enge schwarze Hose, darüber eine etwas weitere kurze schwarze Hose, eine graue Trainingsjacke, einen Pullover mit Rollkragen, schwarze Handschuhe, blau-weiße Fußballschuhe. Mit den anderen Profis von Borussia Mönchengladbach trottete er zur Mitte des Feldes, wo Trainer Lucien Favre gedachte, eine Ansprache zu halten. Es war zehn Uhr, ein Donnerstag, die Temperatur lag knapp über dem Gefrierpunkt. Es waren noch drei Tage bis zum nächsten Spiel.
Es gehört zu den unmöglichsten Aufgaben eines Reporters, irgendetwas von Belang über Fußball zu schreiben. Das hat gleich mehrere Gründe:
1. Das wichtigste kann sich der Leser auch selbst ansehen, das Spiel selbst. Im Stadion. Im Fernsehen. In der Sportschau. Die Berichterstattung verfolgt er dann bloß noch, um seine Beobachtungen bestätigt zu sehen. Tut sie das nicht, hat der Reporter selbstverständlich keine Ahnung.
2. Über keinen anderen Sport wird in Deutschland so viel berichtet wie über Fußball. Die öffentlich-rechtlichen Sender zeigen ja bloß andere Sportarten, weil ihnen die Rechte für noch mehr Fußballberichterstattung fehlen. Aber mal ehrlich: Wir waren doch alle froh, als die knapp vierwöchige Winterpause vorbei war. Diesen Skisprung- und Biathlon-Quatsch hat sich doch niemand mit Herzblut angesehen. Und mit niemand meine ich niemand. Und die Sportteile der Zeitungen sind Fußballberichterstattung plus ein bisschen Formel 1 und gelegentlich ausgedrücktem Bedauern, dass unser letzter Tennisspieler mal wieder im Achtelfinale der Australian Open ausgeschieden ist. Wie lässt sich angesichts dieses Überangebots noch etwas Neues in Sachen Fußball schreiben?
3. Hinzu ist in den vergangenen Jahren noch etwas anderes gekommen: Seitdem die Vereine um die Bedeutung der medialen Außendarstellung wissen, kontrollieren sie diese rigoros. Dazu gehört auch, dass Spieler geschult werden, wie sie in Interviews antworten sollen. Fußballer gehörten nie zu den großen Rhetorikern, das heißt, sie haben in den seltensten Fällen kluge Dinge gesagt, vor allem nicht unmittelbar nach dem Spiel. Sie wurden ja schließlich fürs Fußballspielen bezahlt, nicht fürs Reden. Der Reporter durfte aber auf Patzer oder Bemerkungen hoffen, die dem Fußball so rausrutschten und die zumindest Gefühle transportierten. Heute kann er das vergessen. Denn der Fußballer hat Satzbausteine auswendig gelernt: wichtig für die Mannschaft, konzentriere mich voll auf..., wir denken von Spiel zu Spiel, wir gucken nur auf uns, nicht auf den Gegner... und so weiter. Es lässt sich in jedem Interview, in jedem Sportschau-Spielbericht überprüfen. Alle Fußballer sind gleich langweilig. Sie spielen bloß bei unterschiedlichen Vereinen.
Marco Reus hat diese Sätze auch drauf. Er sagt sie besonders in diesen Tagen, in denen er ständig gefragt wird, ob der Trubel um ihn nicht seine Leistungen beeinträchtigen könne. Schließlich wechselt er im Sommer zu Borussia Dortmund. Dann helfen ihm diese Satzbausteine besonders, keine Dinge zu sagen, die er später einmal bereuen wird. Es ist also wenig erfolgversprechend, seine Interviews nach Aussagen zu durchsuchen, die über das Übliche hinausgehen. Lediglich in einem Interview mit Ran.de wagte er es zu sagen: „Wenn du Profi-Fußballer bist und erfolgreich sein willst, dann darfst du in einer solchen Situation nur auf dich selbst schauen.“ Fußballer sind egoistisch, aber sie versuchen immer so zu tun, als ginge es ihnen um die Mannschaft.
In solchen Situationen kommt einem Reporter schnell der Gedanke, über den Fußballspieler abseits des Platzes zu schreiben. Über Marco Reus, den Privatmenschen. In der Hoffnung, ihm so irgendwie näherzukommen. Marco Reus hat auf seiner Homepage einen Steckbrief veröffentlicht. Dort erfahren wir: Sein Vorbild ist Dirk Nowitzki. Sein Lieblingsessen ist Gulasch mit Kartoffelpüree und Rotkohl. Seine Lieblingsserie ist „Two And A Half Men“. Das lässt keine Rückschlüsse zu, außer dass Marco Reus nicht auf Kaviar steht. Und Rückschlüsse auf den Fußballer Reus lässt das schon gar nicht zu. Denn die Frage, um die sich Reporter doch am meisten kümmern sollten, lautet: Warum ist dieser Reus eigentlich 17 Millionen Euro wert? Sein Mitspieler Patrick Herrmann isst vermutlich auch gerne Gulasch, aber er ist nicht 17 Millionen wert.
Also dachte ich: Gehe ich doch mal zum Training. Der Trainingsplatz gehört zu den letzten Orten, an denen der Besucher noch relativ unreglementiert Zutritt hat. Ja, er darf nicht auf den Platz rennen und er darf auch nicht beim Abschlusstraining dabei sein, sonst aber ist er relativ frei in dem, was er tut, und er braucht nichtmal Eintritt zu bezahlen oder eine Akkreditierung vorweisen. In Mönchengladbach darf er sogar direkt am Trainingsgelände parken. Vielleicht, so hoffte ich, ließ sich dort mehr über Reus herausfinden.
Das war selbstverständlich eine völlige bescheuerte Idee, die auf dem Irrtum beruhte, beim Training fühle sich der Fußballer so unbeobachtet, dass er all seine Geheimnisse preisgab oder zumindest in der Nase popelte.
Meine mehr als dürren Erkenntnisse waren folgendermaßen:
Marco Reus friert leicht: Er trug als einer der wenigen einen Rollkragenpullover. Das Zupfen am Kragen gehörte zu seinen wichtigsten Tätigkeiten.
Marco Reus braucht Bälle: Überraschung. Natürlich braucht ein Fußballer Bälle. Marco Reus braucht sogar noch ein paar mehr. Gleich zu Beginn von Favres Ansprache schnappte er sich einen von ihnen und kickte ein wenig herum. Später berührte er jeden Ball, der auch nur in seine Nähe kam.
Marco Reus ist gerne albern: Er scheint ein besonderer Spaßvogel zu sein. Nicht nur dass er für den Außenstehenden ohne ersichtlichen Grund Laute wie “Uhuhuhuhu” ausstößt oder jubelnd die Arme hebt, als einem anderen Spieler ein Ball durchrutscht – er springt einem Mitspieler von hinten auf die Schulter oder schießt ihm auch gerne mal absichtlich in den Rücken, meint das aber nicht böse.
Marco Reus friert leicht. Marco Reus braucht Bälle. Marco Reus ist gerne albern. Das waren meine Erkenntnisse nach 75 Minuten Training. Großartig. Nichts davon gibt Aufschluss, warum er 17 Millionen Euro wert ist. Er hat ja auch bloß ganz normale Beine und Füße. Mit seiner Frisur würde er auf keiner Berufsschule auffallen. Ja, nun kommen die Einwände. Der Herr Reporter hätte sich Herrn Reus mal lieber in einem Bundesligaspiel ansehen sollen. Da zeige Wunderwaffe Reus schließlich wöchentlich, warum er so viel Geld kostet. Da stürmt er am Gegner vorbei. Da spielt er geniale Pässe. Da schlägt er Flanken. Da trifft er aus unmöglichen Positionen ins Tor. Und genau deshalb ist er 17 Millionen wert.
Das aber beantwortet ja nicht die eigentliche Frage, die dahinter steht: Wie bekommt Reus das eigentlich hin? Warum ist er in der Lage, solche Pässe zu spielen? Warum ist er in der Lage, aus unmöglichen Position zu treffen. Reporter können diese Frage nicht beantworten, weil sie nicht in den Spieler hineinschauen können. Die Neigung des Reporters, über Privates zu berichten, über Frisuren und Lieblingsessen, hat auch damit zu tun. Es liegt nicht bloß daran, dass der Leser so wahnsinnig scharf auf diese bunten Geschichten ist. Er hat sich bloß daran gewöhnt. Es liegt auch daran, dass der Reporter die eigentlichen Fragen nicht beantworten kann.
Allerdings kann der Spieler selbst die Fragen auch nicht beantworten. Davon zeugen ja solche Antworten wie „Da habe ich einfach den Fuß hingehalten und der Ball war drin“ oder „Ich hab mir einfach den Ball geschnappt und bin losgelaufen“. Diese Spitzenspieler zeichnet es ja gerade aus, dass ihre Genialität intuitiv ist, dass sie das Richtige tun, ohne zu wissen, warum sie es tun. Würden sie plötzlich in den entscheidenden Momenten anfangen, ihr Handeln zu reflektieren, wäre dies vermutlich das Ende ihrer Fähigkeiten. Dann wären sie wieder wie der Fahrschüler, der überlegen muss, wo nochmal der zweite Gang ist.
Das ist zum einen eine deprimierende Erkenntnis, weil wir so nie wissen werden, was das Genie wirklich zum Genie macht. Es ist aber auch gleichzeitig besser so, weil Erklärungen dazu neigen, Wunder zu banalisieren.
Gulasch, das kann nicht sein Ernst sein.