seriousguy47

Blog von seriousguy47

15.08.2011 | 17:50

London Riots 2011: Die Einschätzung von David Cameron.

Der Guardian berichtete heute Mittag vorab über eine später vom britischen Premierminister Cameron gehaltene Rede zu den jüngsten Unruhen und die Konsequenzen, die die Regierung daraus ziehen möchte.

www.guardian.co.uk/uk/2011/aug/15/david-cameron-riots-broken-society/

Interessant wären nun - neben dem hier auszugsweise zusammengefassten Inhalt - drei Fragen: Wich Cameron in der tatsächlich gehaltenen Rede von diesem Manuskript ab? Und falls ja, in welchen Punkten? Und was aus dieser Rede hielten die (deutschen) Medien für berichtenswert? Im SWR z.B. war vor allem die Rede von den disziplinierenden Maßnahmen.

Hier der Versuch einer Zusammenfassung des Guardian-Berichtes (!) in Deutsch:

In einer Rede am 15.08.2011 in einem Jugendzentrum in seinem Wahlkreis Witney in Oxfordshire , wo er die jüngsten Ausschreitungen als "Weckruf" für das Land bezeichnete, versprach der britische Premierminister David Cameron, seine Regierung werde bis spätestens zur nächsten Wahl dafür sorgen, dass sich "die Lebensbedingungen für die 120.000 am stärksten betroffenen Problemfamilien verbessern". Was er über die kaputte Gesellschaft gesagt habe [analysis] stehe wieder ganz oben auf seiner politischen Agenda.

Seine Minister würden den Sommer dazu nutzen,  sicherzustellen, dass ihre  Ministerien sich der Ursachen annehmen, die zu diesem kaputten Zustand Großbritanniens geführt haben.

Nach Einschätzung der Regierung seien es landesweit 120.000 Familien , die einen Großteil der Probleme in den Gemeinden verursachten und er wolle sich bei den Wahlen 2015 daran messen lassen, ob es der Regierung gelungen sei, die Lebensbedingungen dieser Familie zu verbessern.

Cameron bekräftigte seine Einschätzung, dass Großbritannien eine „zerbrochene“ Gesellschaft sei, aber schloss sich auch der Einschätzung von Oppositionsführer Ed Miliband an, der eine Verbindung zwischen den Unruhen und den jüngsten Skandalen bei den Banken, im Parlament und im Journalismus gezogen hatte, wobei seine Worte ziemlich genau denen denen des Labour-Führer entsprachen.

In der Bankenkrise, beim Abrechnungsbetrug von Abgeordneten und beim Abhör-Skandal in den Medien, habe man schlimmste Fälle von Gier, Verantwortungslosigkeit und Anspruchsdenken erlebt. Verantwortung und Verantwortungsgefühl müssten quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche wiederhergestellt werden.

Sehr frei übertragen sagte Cameron unter anderem: "Sind wir gewillt, uns dem allmählichen Zusammenbruch der Moral entgegen zu stellen, der über die letzten paar Generationen hinweg in Teilen unseres Landes stattgefunden hat?

Verantwortungslosigkeit. Egoismus. Ein Verhalten, als ob das eigene Tun keine Konsequenzen habe. Kinder ohne Väter. Schulen ohne Disziplin. Belohnung ohne Anstrengung. Straftaten, die nicht bestraft werden. Rechte, denen keine Pflichten gegenüber stehen. Gemeinschaften, die sich jeder Kontrolle entziehen. Einige der schlimmsten Aspekte der menschlichen Natur werden von einem Staat und seinen Einrichtungen hingenommen, mit Nachsicht behandelt - manchmal sogar durch Anreize gefördert -, der in Teilen buchstäblich ent-moralisiert ist.

Besitzen wir also die [nötige] Entschlossenheit, uns all dem zu stellen und es zum Besseren zu wenden? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die verantwortungsbewußte Mehrheit der Menschen in diesem Land nicht nur die Entschlossenheit dazu besitzt. Sie fordern sie auch lautstark von ihrer Regierung. Und ich versichere Ihnen, ich werde [in diesem Punkt]  nicht [gewogen und für] zu leicht befunden werden."

Cameron zähltel viele der Maßnahmen auf, die die Regierung bereits auf den Weg gebracht hat und von denen er hofft, dass sie dazu beitragen werden, die Bedingungen zu verbessern, unter denen Kinder aufwachsen, um so zukünftigen Unruhen den Boden zu entziehen.. Zusätzlich deutete er in vielen Bereichen weitergehende Maßnahmen seiner Minister an.

Die Regierung will zum Beispiel einen National Citizen Service einführen, in dem  allen 16-Jährigen [als eine Art sozialer "Initiatrion"] die Möglichkeit  zu gemeinnützigem Engagement angeboten werden soll: "Teamwork, Disziplin, Pflicht, Anstand: diese Worte mögen altmodisch klingen, aber sie sind Teil der Lösung für dieses sehr moderne Problem der entfremdeten, zornigen jungen Menschen."

In seinen Ausführungen zum Bildungssystem verwies Cameron auf die sogenannten City Academies *), die höhere Erwartungen an Disziplin und Lernerfolge hätten [als die üblichen innerstädtischen Comprehensive Schools]. "Wenn junge Menschen die Schule verlassen, ohne lesen und schreiben zu können, weshalb sollte dann diese Schule nicht direkt zur Verantwortung gezogen werden? Ja, diese Fragen werden in der Regierung bereits diskutiert, aber das, was letzte Woche passiert ist gibt ihnen eine neue Dringlichkeit - und wir müssen jetzt auch handeln."

Er beabsichtige, das Gesetz zur Sozialreform zu verschärfen, das sich gerade im parlamentarischen Prozess befindet. "... Ich möchte, dass wir prüfen, ob wir die Konditionen für diejenigen verschärfen können, die arbeitslos sind und [staatliche] Unterstützung erhalten ... und dass wir unsere Anstrengungen verstärken [speed up], um all diejenigen wieder in Arbeit zu bringen, die arbeitsfähig sind."

Innenministerin Theresa May werde am Dienstag im Einzelnen darlegen, wie die Regierung die Polizeiarbeit reformieren wolle , damit die Polizisten sich mit weniger Papierkram herumschlagen müssten und stattdessen mehr Zeit auf Streife sein könnten.

Probleme scheint Cameron mit den europäischen Rechtsstandards [law] zu haben, deren Umsetzung, seiner Meinung nach, allzu oft die britische Politik konterkarierten. Ein fehlgeleiteter Umgang mit den Menschenrechten habe die persönliche Verantwortlichkeit untergraben ["twisting and misrepresenting of human rights that has undermined personal responsibility"]. Eine  Gesundheits- und Sicherheitsmanie hätten die Bereitschaft der Menschen unterhöhlt, nach ihrem gesundem Menschenverstand zu handeln [ "obsession with health and safety that has eroded people's willingness to act according to common sense"].

Er habe seine Minister jetzt angewiesen, sicherzustellen, dass alle politischen Maßnahmen dazu beitragen,  den von ihm diagnostizierten moralischen Zusammenbruch zu heilen [ameliorate].

Bereits zu Beginn seiner Rede hatte Cameron seine Haltung zu den Unruhen deutlich gemacht: "Während wir den notwendigen Prozess des Untersuchens, Zuhörens und Lernens beginnen, will ich aber auch ganz klar festhalten [ let's be clear]: Bei diesen Unruhen ging es nicht um Probleme zwischen den unterschiedlichen Ethnien [race]: unter den Tätern wie den Opfern waren Weiße, Schwarze und Asiaten.

Bei diesen Unruhen ging es[ auch] nicht um die von der Regierung beschlossenen Kürzungen: Sie richteten sich gegen Geschäfte [high street stores] , nicht gegen das Parlament. Und bei diesen Ausschreitungen ging es nicht um Armut:. Eine solche Annahme ist eine Beleidigungen für die Millionen von Menschen, die, egal wie übel sie dran sind, nicht im Traum daran denken würden, anderen solches Leid zuzufügen. Nein, hier ging es [asoziales]Verhalten.

[Das waren] Menschen, die sich um den Unterschied zwischen Recht und Unrecht [right and wrong] nicht scheren. Menschen mit einem völlig verdrehten Moralkodex. Menschen, denen es vollkommen an Selbstbeherrschung fehlt.

Ich weiß natürlich, dass, sobald ich Worte wie "Benehmen" und "Moral" in den Mund nehme, die Leute fragen: Was gibt Politikern das Recht, uns Moralpredigten zu halten [lecture us]? Natürlich sind wir nicht perfekt. Aber Politiker, die davor zurückschrecken, in punkto [Sozial-]Verhalten [und] in punkto Moral die Wahrheit zu sagen, haben zu genau den gesellschaftlichen Problemen beigetragen, die wir [jetzt] um uns herum sehen."

Politiker müssten die jahrzehntelangen Erosion der sozialen Werte mutiger benennen (angehen) [address] und nicht länger einen „moralischen Relativismus“ pflegen..

Zwar habe es auch lokale Auslöser für die Unruhen gegeben, die meisten Ausschreitungen aber gingen auf "Kriminalität" und "Gleichgültigkeit gegenüber dem zurück, was richtig und falsch sei". 

"Seit Jahrzehnten schwelende soziale Probleme sind uns um die Ohren geflogen [have exploded in our face]. Jetzt erwarten die Menschen, dass wir uns dieser Probleme annehmen und sie bewältigen, genauso wie sie erwartet haben, dass wir den Kriminellen auf unseren Straßen mit Stärke begegnen. Unsere Sicherheitsmaßnahmen müssen durch soziale Maßnahmen ergänzt werden [be matched]. Wir müssen den Kampf gegen die Einstellungen und gegen die [gesellschaftspolitischen] Vorstellungen [assumptions] aufnehmen, die Teile unserer Gesellschaft in diesen schockierende Zustand gebracht haben.

.....

[Bereits] in meinem [aller]ersten [öffentlichen] Auftritt [act] als konservativer Parteichef habe ich  zu erkennen gegeben [signalled], dass meine oberste Priorität der Wiederherstellung unserer kaputten Gesellschaft gilt - diese leidenschaftliche Überzeugung [passion] habe ich  heute stärker denn je."


*) news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/education/925378.stm

Hinweis:

Übersetzungen macht man (hoffentlich!) nicht einfach so. Übersetzen ist eine Disziplin für sich und erfordert eine hohe Fähigkeit, etwas aus einer Fremdsprache so in die eigene Sprache zu transferieren, dass der Inhalt korrekt erhalten bleibt, die fremde Abstammung aber  nicht mehr erkennbar ist.

Ein Problem (unter vielen) besteht darin, dass man in einer Fremdsprache einzelne Worte und Formulierungen immer mit all den Konnotationen versteht, die man dazu kennt. Bei Übersetzungen muss man sich dann aber oft für eine davon entscheiden. Dies ist hier z.B. bei Worten wie „suggest“, „address“, "law" usw. der Fall.

Profis mit Erfahrung können Politikerphrasen wohl reflexartig von einer Sprache in die andere transferieren. Ich muss da leider passen - nicht zuletzt, weil mir diese Phrasen zutiefst zuwider sind.

Ich bin in diesem Metier nicht ausgebildet. Dem enstprechend klingt meine Übertragung nicht nur sehr nach Besinnungsaufsatz, sondern ist auch inhaltlich mit entsprechender Vorsicht zu genießen und Gegenchecks im englischen Original sind zu empfehlen. Außerdem erkläre ich hiermit feierlich, dass die wörtlichen Übertragungen NICHT ZITIERFÄHIG sind! Wer zitieren möchte, muss sich also selbst an einer eigenverantworteten Übertragung versuchen. Auf meinen Text darf dabei selbstverständlich zurückgegriffen werden.

Für die Überarbeitung habe ich einige Stellen im Originalmanuskript gegengecheckt, dessen Lektüre ohnehin zu empfehlen ist, da es sehr viel  aussagekräftiger ist als die Zusammenfassnung des Guardian.

seriousguy

Update 16.8.2011, 16:40 Uhr

Camerons vollständige Rede  (10 Seiten) ist hier nachzulesen:

www.number10.gov.uk/news/pms-speech-on-the-fightback-after-the-riots/

Überarbeitet am 17.08.2011, 09:oo Uhr.

 
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Kommentare
abghoul schrieb am 15.08.2011 um 18:28
Das höhrte sich anfangs beinahe noch nett an, was der Cameron da von sich gegeben hat.
Gegen Ende fings dann aber mit dem bitterschmecken an.
Das wird noch rauher werden, in naher Zukunft, sacht mir mein Magen.

P.S.
Decend translation and summary seriousguy47, no need to worry.
seriousguy47 schrieb am 15.08.2011 um 19:06
@ abghoul

Mir ging es bei der Lektüre ebenso. Aber die "milden" Flötentöne sind doch neu, deshalb schien mir ein Hinweis auf diese Rede sinnvoll.

Was die Übersetzung betrifft, so bin ich da hinterher immer in einem Zustand, in dem ich nicht mehr weiß, was nun deutsch und was englisch ist.....Ein Gefühl, sprachlich plötzlich ohne Boden unter den Füßen "dazustehen". Deshalb schien es mir angebracht, per Sicherheitshinweisen, ein Netz einzuziehen. Und jetzt versuche ich, wieder in die deutsche Sprache zurückzufinden......
abghoul schrieb am 15.08.2011 um 19:29
Gehts dir auch so?
Manchmal muss ich echt erst im (zugegebenermaßen geistigem) Deutschvokabelbuch nachsehn wenn mich wer anspricht nachdem ich länger was auf Englisch gelesen oder geschrieben hab.
Beginnste halt an in der akuten Sprache zu denken.
Atmung Schnittstelle zwischen Geist-Körper hilft da meist, zumindest bei mir.(Zigarette)

Was die milden Töne vom Cameron angeht, wenn der Vorhat die Bürgerrechte stark zu reduzieren, braucht der vielleicht eine blumige Verpackung dafür.
shalako schrieb am 15.08.2011 um 18:49
"11. Der Fisch stinkt vom Kopf her
Vor 30 Jahren gab es eine Premierministerin, die laut proklamierte: "There is no society - there are only individuals". Und eine entsprechend knallharte Politik der Entsolidarisierung Großbritanniens in Angriff nahm, getreu der Ideologie ihrer Gurus Von Hayek und Friedmann. Die nachfolgenden Regierungen folgten diesem Kurs...

Und nun, eine Generation später, nachdem Großbritannien erfolgreich genau jene asozialen Egoisten gezüchtet hat, wie Thatcher sie nach ihrem eigenen Vorbild wollte, stellt die Elite der nicht vorhandenen Gesellschaft auf einmal fest: Nee, so war das aber nicht gedacht! Ausplündern ganzer Volkswirtschaften über die Finanzmärkte, das ist in Ordnung. Aber wenn das "Pack" plötzlich anfängt, dasselbe im Kleinen mit seinen primitiven Mitteln in der Nachbarschaft zu tun - das geht gar nicht!

Es ist eine merkwürdige Einäugigkeit über Formen von Gewalt.

Diese Riots sind kriminelle Plünder- und Zerstörungsorgien. Der entfesselte Finanzmarkt treibt Krieg mit "finanziellen Massenvernichtungswaffen" (Warren Buffet) und hinterlässt ungleich größere Verwüstungen.
Wo ist der Unterschied?
Der Wirtschaftskrieg zur Ausplünderung anderer wird von den Eliten geführt, die sich dafür die Gesetze haben anpassen lassen - zur Legalisierung ihrer Plünderungen und Verwüstungen.

Der Fisch stink vom Kopf her. Wer die Ursachen der Plünderungen bekämpfen will, muss konsequent sein und bei ALLEN diesen Formen von Plünderungen und Verwüstungen durchgreifen.

MfG, Ijon Tichy"

Quelle:
www.zeit.de/politik/ausland/2011-08/cameron-krawalle-moral?commentstart=9#comments
seriousguy47 schrieb am 15.08.2011 um 19:01
@ shalako

Der Fisch stinkt zweifellos vom Kopf her, und die Hayekschen Variationen reichen ja von Chile bis GB. Bemerkenswert aber ist, dass nun - dem Murdoch-Skandal sei Dank - selbst Teile der konservativen Edelfedern kritisch werden - und das wollte Cameron wohl aufnehmen, um es sich mit denen nicht zu verscherzen, nachdem er Murdoch so plötzlich aus dem gemeinsamen Bett werfen musste.

Man muss nun sehen, wie die Medien, Labour und die Liberaldemokraten sich verhalten. Und ob das bloß wieder das übliche Hysterie- und Buß-Ritual war, das dann wieder folgenlos verpufft. Oder ob man sich nun tatsächlich auch mal um eine Reparatur des Sozialsystems und um die Regulierung der Finanzindustrie kümmert.
j-ap schrieb am 15.08.2011 um 20:06
Durch Ihre Übersetzung, seriousguy, an der es überhaupt gar nichts auszusetzen gibt, zeigt sich sehr schön, warum die Rede in UK nicht nur anders klingt als in Deutschland, sondern sie auch etwas durchaus anderes bedeutet: Das liegt am Begriff des common sense; und der ist hier sowohl die Leistung als auch der Mangel der Übersetzung (was, wie schon gesagt, nicht an Ihnen liegt).

Gruß!
mcmac schrieb am 16.08.2011 um 03:43
"Gemeiner Sinn" und "gesunder Menschenverstand" sind kulturell wohl gleich (gut) gemeint; Wasserwerfer in GB einzusetzen, bedenkt man dort. In Stuttgart erwägt man, sie wieder einzusetzen. Bedenken allerorten - einmal gemein, einmal gesund. Woran man (möglicherweise und u.a.) sehen kann: Gut gemeint ist nicht (immer) gut gemacht. -Gut' Nacht.
seriousguy47 schrieb am 17.08.2011 um 17:36
Lieber j-ap,

verstehe mal wieder nicht ganz, was genau gemeint ist.....

Richtig ist auf jeden Fall der Verweis auf die Unterschiede in Klang und Bedeutung. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass die Grundlage im Guardian nun nicht wirklich hilfreich war, da ich beim Übersetzen zwischen zwei Autoren hing, von denen ich nicht weiß, ob sie überhaupt dieselbe Sprache sprechen (wiederum in Klang, Wortwahl und Bedeutung). Ich hätte auf das Original warten sollen. Da ließe sich Ihre These besser überprüfen/ belegen:

www.number10.gov.uk/news/pms-speech-on-the-fightback-after-the-riots/

Gruß!
seriousguy47 schrieb am 17.08.2011 um 18:04
Liebe mcmac,

haben Sie sich da im Netz der sprachlichen Interferenzen zwischen Deutsch und Englisch verfangen?????

"Common sense" heißt ja eigentlich nur so viel wie "alltagstauglich". Also der englische Kreisverkehr wäre eine optimale verkehrliche Lösung für viele Kreuzungen im Sinne von "common sense". Manche kompliziert verschaltete und genial ingenieursmäßig ertüftelte Ampelschalte bei uns ist das Gegenteil davon. Oder aktuell: K21 ist "common sense", S21 (genialer?/ profigesteuerter) Schwachsinn.

Das deutsche Wort "gemein" hat eine dem englischen "common" entsprechende (historische) Bedeutung, wenn man auch dies historisierend verwendet, z.B. bei "common man". Da könnte es dann den niederen Stand bezeichnen, auch das, was man sonst damit verbinden kann: vulgär, gewöhnlich minderwertig etc.

Was ich nun in Ihrem Kommentar mitschwingen höre (????), wäre die hauptächliche Bedeutung von "gemein" im Sinne von "mean" etc.???

Zu den Wasserwerfern: jetzt rast gerade die englische Jusitz und ich hoffe, dass diese konservativ-faschistoiden Böcke demnächst in der Revision die Leviten gelesen bekommen. Aber man muss ja beachten, was dem vorausging, nämlich 5 Tote und jede Menge materieller Schaden von der gesellschaftlichen Mitte abwärts (ca. 200 Mio?). Und da beginnt man in England erst zu überlegen, ob man die 6(?) Wasserwerfer im Lande vielleicht demnächst einsetzt.

In Stuttgart wurden sie bereits ohne wirklichen Grund und RECHTSWIDRIG gegen Kinder und Rentner eingesetzt. Und die Stuttgarter Justiz rast wegen NICHTS. Da scheint mir doch eine große Distanz in Sachen Zivilisation vorzuliegen. In London hätte bei solchen bürgerlichen Demos mit Sicherheit niemand sein Augenlicht verloren.

Was dort jetzt beantwortet werden wird - z.B. durch die Möglichkeit von Ausgangssperren im Wiederholungsfall???? - ist eine Reaktion auf lokal und zeitlich eingegrenzte bürgerkriegsähnliche Zustände.

Bei uns setzt man ganz selbstverständlich darauf, dass solche selbst im schlimmsten Fall nicht einsetzen und stört sich schon daran, dass Leute "auf den falschen Bäumen sitzen" wie es im U-Ausschuß (?) so schön zynisch hieß......
mcmac schrieb am 16.08.2011 um 03:47
Beim Lesen der Übersetzung musste ich (und irgendwann tauchte es natürlich auch auf, dies' Thema) immer an diese Riesenschweinerei mit dem Murdoch-Konzern denken. -Vom Saulus zum Paulus?... -Erzähl's, Cameron, Murdochs toter Großmutter, falls er eine hatte.
I.D.A. Liszt schrieb am 16.08.2011 um 15:13
Ein guter Beitrag. Dankesehr!

Ich möchte hier nicht viele Worte machen, sondern zur Illustration ein Musikvideo einstellen - obwohl das Video wenig hergibt. Man sollte aber mal auf den Text zwischen 2:45 und 3:45 achten.



Mr Camerons Worte ähneln ein wenig ein wenig an die Aussage des dort Interviewten, nicht so sehr in ihrer hysterischen Dimension (ich weiß leider nicht, wie er sich tatsächlich angehört hat...), sondern im Gedankengang.

Today, institutions fundamental to the British system of government are under attack: The public schools, the House of Lords, the Church of England, the holy institution of marriage, even our magnificent police force are no longer safe from those who would undermine our society, and it's about time we said enough is enough and so return to the traditional British values of dicipline, obedience, morality and fredom.

Freedom from the reds and the blacks and the criminals,
prostitutes, pansies and punks,
football hooligans, juvenile delinquents,
lesbians and left-wing scum,
freedom from the niggers and the pakis and the unions,
freedom from the gypsies and the jews,
freedom from the long haired lie-abouts and students,
freedom from the likes of you!


Das richtete sich an ein anderes Publikum zu einer anderen Zeit. Doch man sieht, daß sich zwischen 1978 und 2011 eigentlich nicht viel verändert hat...
seriousguy47 schrieb am 16.08.2011 um 16:33
@ I.D.A Liszt

Prima Text. zeigt schön den Kern (damaligen?) konservativen Denkens und könnte zumindest erklären, weshalb die Dinge sich nicht verändert haben und heute so sind wie sie sind. Könnte aber auch sein, dass manche heute immer noch so denken - und entsprechend (nicht) handeln....
I.D.A. Liszt schrieb am 17.08.2011 um 23:14
Ja, ich glaube, sie sie denken immer noch und immer wieder so.

Die Polizei hat eigentlich alles richtig gemacht, und statt der grundlegenden britischen Institutionen sind es nun die aufrechten, unbescholtenen und steuerzahlenden Bürger, deren Häuser und Geschäfte geplündert und in Brand gesetzt wurden.

Und die Bösen sind die ungebildeten Jugendlichen der Unterschicht, die so schlecht erzogen sind, und die kriminellen Banden.

To wit: The reds and the balcks and the criminals...
I.D.A. Liszt schrieb am 17.08.2011 um 23:15
blacks
seriousguy47 schrieb am 18.08.2011 um 13:16
@ I.D.A.Liszt

"blacks"

"Historian David Starkey has told BBC's Newsnight ''the whites have become black'' in a discussion on the England riots with author and broadcaster Dreda Say Mitchell and the author of Chavs, Owen Jones.

He also hit out at what he called the ''destructive, nihilistic gangster culture'' which he said ''has become the fashion''.

BBC iPlayer - Newsnight 12-08-2011
seriousguy47 schrieb am 18.08.2011 um 13:20
Link wurde leider nicht übernommen.

www.bbc.co.uk/news/uk-14513517
I.D.A. Liszt schrieb am 18.08.2011 um 18:25
Ja, ich hab's neulich auch dort gesehen.

Jetzt wollen Weiße schwarz werden, und dazu noch Gangster...

Schlimm, diese Rassenvermischung, nicht wahr? Alles war viel besser, als die Weißen am liebsten unter sich blieben (so vor 60 Jahren und mehr). Da konnten sie der Welt noch zeigen, was für eine herr(enmensch)liche Kultur sie auf die Beine stellten.

Bei BBC gab es auch einen Beitrag, in dem zwei riot girls interviewt wurden. Leider finde ich den Beitrag nicht mehr. Er war sehr kurz und präzise, und man kann eine Menge aus deren Aussagen ersehen. 'It's against the rich.' Und auf die Nachfrage, warum sie denn Geschäfte in ihrem eigenen, armen Viertel attackierten: 'Shop owners are rich, ain't they?' So ähnlich jedenfalls.

M.E. zeigt das genau, woher diese Aufstände rühren. Ich glaube sogar, daß dahinter eine Art politischen Bewußtseins steht, nur können die Akteure es nicht so elegant formulieren, daß es in den bürgerlichen Medien adäquat behandelt wird. In diesen knappen Antworten scheint mir das ganze Ausmaß der allgemeinen Umverteilung von unten nach oben zusammengefaßt zu sein. Und die Aufständischen und Plünderer wissen sehr wohl, wer die Nutznießer sind.
seriousguy47
Nicht so wichtig.
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