seriousguy47

Blog von seriousguy47

04.02.2012 | 01:17

OB-Wahl Stuttgart: S21-Postdemokratie oder grüner Neustart?

Die Frage an die Stuttgarter Bürger ist formuliert: Schwarz-Gelb-Rote Postdemokratie oder ein grüner Neuanfang. Bleibt abzuwarten, ob diese Frage im Herbst auch tatsächlich gestellt wird. Oder ob die Gremien, die konkurrierenden Parteien und die Medien den grünen Kandidaten vorher so gründlich schreddern, wie dies die charakterlosen Firmen tun, die sich im barbarischen Auftrag der Bahn an den Stuttgarter Bäumen vergreifen und die Stadt verwüsten.

Dürfen die Bürger aber am Ende tatsächlich genau darüber entscheiden, dann werden wir im Herbst eine ähnliche Situation haben wie nach den Verwüstungen des Krieges: es wird zu entscheiden sein, wem die zerstörte Stadt gehört, wer sie wieder aufbauen und die Schäden reparieren soll und wie dies geschehen soll.  Im Moment lassen sich die Alternativen wohl am ehesten an einem Weiter-So-Sebastian-Turner festmachen, für den bezeichnend ist, dass er CDU-Politik vertritt, ohne sich als Parteimitglied dazu zu bekennen (Ehrlichkeit und Transparenz der Marke Wulff und Guttenberg lassen grüßen). Und der als Werbemann genau das verkörpert, was die derzeitige Ent-Demokratisierung begleitet: vernebelnde „Kommunikation“ von oben, statt Mitbestimmung von unten. Betrieben hat er dies schon bei der S21-Propaganda („Das neue Herz Europas“). Und schließlich deutet einiges darauf hin, dass er direkt schwarzer Verfilzung mit dem CDU-Kreisvorsitzenden Stefan Kaufmann entspringt. Der war nämlich „wissenschaftlicher Mitarbeiter bei George Turner an der Universität Hohenheim“. Und der ist Turners Vater.

de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Kaufmann_%28Politiker%29

Als Alternative könnte Fritz Kuhn stehen, ein altgedienter grüner Hase, der für die bei der S21-Barbarei so schmerzlich vermisste bürgerliche Zivilisiertheit und Kultur steht. Von dem man zumindest erwarten könnte, dass er in der Lage ist, die Notwendigkeit eines langen Prozesses zu einem lebenswerten Stuttgart zu sehen und sich mit den Bürgern auf den notwendigen Weg dorthin zu machen. Und von dem man erwarten kann, dass er fähig zu ideologiefreier Rationalität ist.

Für mich persönlich ist er im Übrigen der einzige Grüne, bei dem ich mir im Moment überhaupt denken kann, meinen Schwur „Nie wieder Grün“ noch einmal zu brechen.

Bleibt die Frage, ob ich mit meiner letzten Polemik gegen die SPD auf ein ordentlich inszeniertes Schmierentheater hereingefallen bin. Irgendwie passt das ja alles. Zuerst löcken die Grünen ein bisschen gegen Bahn und SPD, ohne dass dabei auch nur irgendetwas für die Bewahrung des Bonatzbaus, des Parks oder des Mineralwassers herauskommen würde. Wohlfeile Geschäftigkeit also. Dann betätigt sich Boris Palmer als Partnerschaftsberater in der Ehekrise zwischen Stuttgarter Widerstand und Grünen. Darauf folgt dann eine (Entlastungs-?)Attacke der SPD plus Hofberichterstattung gegen die Grünen. Und auf dem Höhepunkt des Getöses erscheint am Horizont die reinweiße Lichtgestalt Kuhn. Fehlt nur noch der Schwan.

Und damit wäre ich bei meiner Warnung an die Mitstreiter. „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam' und Art“ , heißt es in Wagners Lohengrin. In unserem Fall heißt dies wohl: Augen zu und durch mit Kuhn. Mit ihm kann es wenigstens nicht noch schlimmer werden. Beim Rest droht uns der totale Schredder.

Mal sehen, wie lange ich mit dieser schnell formulierten Position durchhalte. Abraham Lincoln meinte jedenfalls: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“
de.wikipedia.org/wiki/Lohengrin
www.zitate-online.de/sprueche/historische-personen/231/willst-du-den-charakter-eines-menschen-erkennen.html

Weitere Links zum Text:
www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ob-wahl-in-stuttgart-wer-ohne-waffen-kommt-wird-empfangen.3278592d-2a3c-46f7-9419-46ef1acd62ba.html

de.wikipedia.org/wiki/Sebastian_Turner

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kommentar-zur-kandidatur-ein-schwergewicht-fuer-stuttgart.b603c3a9-1e0a-41ae-8b76-e4edcf147897.html

de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Kuhn

www.freitag.de/community/blogs/seriousguy47/s21-spd-fordert-mehr-regierungskriminalitaet-eine-polemik

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kommentar-zu-stuttgart-21-unverstaendlich.8d44a04a-0e36-4fdb-ac3b-627b0b776b4c.html

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.streit-um-stuttgart-21-spd-wirft-gruenen-doppeltes-spiel-vor.2abbd5db-dc44-4c50-ac6e-8a8cc22a389a.html

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgart-21-verzoegert-sich-regierung:-bahn-hat-allein-schuld.b6de1051-1cc5-4b14-b626-55fa86a82a6a.html

https://www.facebook.com/ob.boris.palmer/posts/338225316217007

 
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Kommentare
mcmac schrieb am 04.02.2012 um 12:44
Mal so ganz unreflektiert und aus der la main heraus: Der Alte Fritz als Stuttgarter OB-Kandidat erinnert mich ein bisschen an Renate Künast for President in Berlin; vermutlich wird es ähnlich ausgehen. Leider (oder es müsste ganz schnell spür- und sichtbar werden, was Fritz Kuhn mit Stuttgart zu tun hat). Denn ein grüner OB wäre, egal wie man jetzt zu dieser Farbe steht, ein gewisser Fortschritt für diese Stadt (und auch das Land "Ländle"), zumindest ein Zeichen aber. Immerhin ist dieser Posten, nach dem MP, das einflussreichste politische Amt, welches in B/W vergeben werden kann.
seriousguy47 schrieb am 04.02.2012 um 14:15
Der Vergleich mit Berlin stimmt insofern nicht, als KEINER der bisher zur Debatte stehenden Kandidaten etwas mit Stuttgart zu tun hat. War übrigens bei Schuster und Rommel nicht anders - außer ihrer tiefen Verankerung im Stuttgarter Filz natürlich (Netzwerk Mayer-Vorfelder?). Hier scheint bislang das PARTEIBUCH das entscheidende Kriterium gewesen zu sein. Und das hatte schwarz zu sein.

Dabei scheint es ein stillschweigendes Übereinkommen der Schwarzen mit den Bürgern gegeben zu haben: OB-Kandidaten waren immer solche, die für die Landespolitik zu liberal waren. Dem entsprechen auch die aktuellen CDU-Kandidaten, insbesondere Oettinger-Freund Renner, der ja als Sozialminister zurücktreten musste, weil er sei Gosch net halta wollt:

"Andreas Renner, CDU, zum damaligen Zeitpunkt Sozialminister in Baden-Württemberg, trat bei der Homosexuellen-Parade Christopher Street Day als Schirmherr auf. Er schrieb ein Grußwort und sprach bei der Eröffnungsgala. Am 12. Juli 2005 bei einem offiziellen Treffen der CDU-Fraktion mit den Kirchen kam es darüber zu einem heftigen Disput zwischen dem katholischen Weihbischof Thomas Maria Renz und Andreas Renner, der harsch kritisiert wurde.
Als sich Gebhard Fürst, katholischer Bischof von Rottenburg-Stuttgart, einschaltete, soll Renner gesagt haben: "Halten Sie sich da raus, fangen Sie doch erst einmal damit an, Kinder zu zeugen." Andere Quellen zitieren Renner mit: "Fangen Sie doch erst einmal damit an, Kinder zu zeugen!" Renner wiederum hat in Erinnerung: "Lassen sie erst einmal zu, dass ihre Priester Kinder zeugen......Der Tübinger Theologen Albert Biesinger vermutete die Urheber für die Hetze gegen Renner in politischen Kreisen, wahrscheinlich sogar in Renners eigener Partei, der CDU. Das wird untermauert, da der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag, Seimetz, den Rücktritt des Ministers fordert. Der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe im Bundestag, Brunnhuber, äußerte: „Ich rate Andreas Renner, einmal darüber nachzudenken, was er seinem Ministerpräsidenten und seinen Wählern zumutet.”

F.A.Z., 27.01.2006, Nr. 23, Seite 3, zitiert nach:
www.cras-legam.de/aff/HHZAFF01.htm

news.gay-web.de/njus/id333

Der Mann ist also geradezu idealtypisch für eine Kandidatur in Stuttgart prädestiniert. Turner dadurch, dass er CDU zwar macht, aber nicht ist (wie der erste OB Klett).

Gegen solche CDU-Kandidaten hatte die SPD nie wirklich eine Chance, weil zum roten "Makel" oft noch der kleinbürgerlich-spießige Sozen-Mief kam, was vor allem das Bildungsbürgertum abstieß. Und so gesehen hatten/ haben eigentlich nur die Grünen die Chance zur ernsthaften Konkurrenz.

Mit Kuhn stünden sie jetzt erstmals tatsächlich - und themenunabhängig - auf Augenhöhe zur CDU - bei ungewissem Ausgang natürlich. Ohne ihn aber wäre der Ausgang klar gewesen. Wenn der Stuttgarter Widerstand nun geschlossen gegen CDUSPDFDP antritt, sind ja 40 Prozent schon mal gesetzt......

Übrigens: in der ursprüchlichen Fassung meiner Anti-SPD-Attacke hatte ich eine Botschaft an die Linke, Uli Maurer als Kandidaten ins Rennen zu schicken. Der Text ging dann aber leider während eines automatischen Updates verloren...???????.....Und dann stand schon der Kuhn auf der Matte und ging in die zweite Fassung ein......
seriousguy47 schrieb am 04.02.2012 um 14:22
Apropos Arnulf Klett:

"Als kommissarisches Stadtoberhaupt wurde Klett 1945 von den Franzosen eingesetzt und später von den Amerikanern in seinem Amt bestätigt. Dann wurde er von Stuttgarts Bürgern zunächst für zwei Jahre, dann für sechs und schließlich noch für zweimal zwölf Jahre zum Oberbürgermeister gewählt. Seine Wahlsiege waren nie glänzend, und seine starke Stellung als Vorsitzender des Stuttgarter Gemeinderats wurde wiederholt kritisiert. Aber der zeitweise mehr als schwache Gemeinderat brauchte diese starke Hand, diesen starken Oberbürgermeister, der ihn vorantrieb, der ein Projekt nach dem anderen ins Visier nahm und auch verwirklichte..."

www.von-zeit-zu-zeit.de/index.php?template=thema&theme_id=165

.....kommt einem irgendwie bekannt vor.....und sieht man Stuttgart irgendwie an......?!
seriousguy47 schrieb am 04.02.2012 um 14:30
Apropos Klett (2):

"Die Wohnmaschine

Arnulf Klett, Oberbürgermeister der 600 000 - Seelen - Metropole Stuttgart, will sich ein Denkmal setzen, das seinesgleichen in Europa nicht hat: Es soll 650 Meter lang und 50 Meter hoch werden und - im Gegensatz zu gewöhnlichen Denkmälern - im Innern nicht nur begehbar, sondern auch bewohnbar sein. Zur dauernden Erinnerung an sein bisher schon an zweifelhaften Denkwürdigkeiten nicht gerade armes Stadtregiment will der 54jährige OB nämlich einen Mammut-Wohnblock errichten lassen, der vor allem einen Vorzug vor anderen Blöcken haben soll: der größte des Kontinents zu sein.

Mit solcher Denkmalssehnsucht erklärt jedenfalls die "Stuttgarter Zeitung" das jüngste Vorhaben des seit jeher baufreudigen Stadtoberhauptes: "Was er (Klett) für das Projekt ins Feld führt, ist so abgestanden, daß man es nur mit Grausen hören kann, und Stück für Stück längst als unrichtig erwiesen ... Der Oberbürgermeister ... will Europas größtes Wohnhaus bauen; was kümmert ihn, wie man sich darin befindet......."

www.spiegel.de/spiegel/print/d-42625293.html

...Das berichtete der SPIEGEL am 22.04.1959, als der SPIEGEL noch der SPIEGEL und die Stuttgarter Zeitung noch eine Zeitung war.....Nur Stuttgart war auch damals schon auf dem Weg in die Scheiße.....Und deshalb meine ich, dass wir nach der S21-Verwüstung wieder da stehen werden, wo wir nach dem Krieg standden. Und deshalb brauchen wir diesmal einen, der es - hoffentlich - ganz anders macht.....
mcmac schrieb am 04.02.2012 um 20:45
*****
lg
hjmueller schrieb am 04.02.2012 um 22:45
Kann leider nicht verstehen, dass man wegen eines Grünen sein Gelübde, "nie wieder Grün", bricht. Auch Kuhn ist ein Realo, der dafür war, dass die Bahn privatisiert wird. Grüne waren auch für die Privatisierung der Krankenhäuser in Dresden. Bitte, bitte, nicht immer dieses alte Argument bemühen, das kleinere Übel zu wählen. Damit sind wir dort hingekommen, wo wir heute stehen.
hjmueller schrieb am 04.02.2012 um 22:47
Übrigens, auch Fritz Kuhn steht für Hartz IV, Agenda 2010, Bankenderegulierungen und sonstigen Sauereien der Schröder/Fischer Ära.
seriousguy47 schrieb am 05.02.2012 um 01:27
Lieber hjmueller,
ob Kuhn hinter all dem steht, wofür er nach Ihrer Meinung steht, werden wir wohl nie erfahren. Dass das ganze System korrupt und kriminell ist, ist ohnehin meine feste Überzeugung. Die Frage ist also: was folgern wir daraus? Kollektiven Selbstmord? Schockstarre? Nur noch die Kriminellen wählen, die es am dreistesten treiben?

Ich stelle Kuhn keinen persönlichen Blankoscheck aus, auch wenn man das aus meinem Beitrag herauslesen kann. Natürlich erwarte ich von ihm ein gerüttelt Maß an Selbstkritik und Einsicht.

Aber wenn ich davon ausgehe, dass der Stuttgarter Stadtkern bis Oktober verwüstet sein wird - die Bahn will ja jetzt auch noch die alte Bahndirektion absprachewidrig abreißen -, dann sehe ich in der Tat eine Zäsur wie die nach dem Zweiten Weltkrieg. Und dann ist das Einzige, was mir als Chance für einen anderen Neuanfang einfällt in der Tat der Kandidat Kuhn.

Ich widerspreche Ihnen nicht: wir haben keine wirkliche Chance. Aber nutzen müssen wir sie eben trotzdem - und wenn auch nur deshalb, um uns hinterher keine Vorwürfe machen zu müssen.
seriousguy47
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