25.08.2010 | 12:43

Die Zahl der Neo-Nazi-Aktivitäten im Internet ist stark angestiegen

 Wer immer noch glaubt, in Deutschland seien Neo-Nazis eine so winzige Minderheit, dass ihr Einfluss auf die Gesellschaft getrost vernachlässigt werden dürfte, dem empfehle ich etwas genauer hinzusehen.

Nicht nur hat sich die Optik der Neo-Nazis geändert (Kapuzen-Pullis, Sonnenbrillen und Che Guevara T-Shirts! werden bei Neo-Nazi-Umzügen inzwischen ganz selbstverständlich benutzt), auch die Verwendung von, einst geschmähten, Anglizismen im Internet-Auftritt gehört heute zum "modernen" Neo-Nazi.

Die Gründung von Neo-Nazi-Communitys im Internet hat sich lt. „jugendschutz.net“ 2009 gegenüber dem Vorjahr auf 90, etwa verdreifacht. Gleichzeitig machen sich Neo-Nazis, weitgehend unerkannt, in „Sozialen-Internetnetzwerken“ (z.B. „schülerVZ“ oder „Schueler.CC“), „Video-Plattformen im Internet“ (z.B. „YouTube“) und bei „Twitter“ breit.

Bei der Verbreitung brauner Hasslieder wird immer häufiger das Internet benutzt (Textprobe: „Jud, du hast das Land gestohlen, gib es wieder her, muss dich erst der Deutsche holen mit dem Schießgewehr“).

„(…) In anderen Liedern wird dazu aufgerufen Schwarze und Linke aufzuhängen. Zielgruppe der Nazis: Kinder von 3 – 8 Jahren (…) Mehr als 1.870 deutschsprachige Internetseiten mit rechtsextremem Inhalt zählte „jugendschutz.net“ 2009. Das waren zehn Prozent mehr als im Vorjahr, wie die zentrale Netz-Kontrollstelle der Länder am Dienstag mitteilte (Quelle: „Neonazis entdecken Hass 2.0“, ‚taz’ 24.08.2010, Link:  www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/neonazis-und-ihr-hass-20/  )

Wenn sich Neo-Nazis aber inzwischen geschickt dem Mainstream, in Vokabular und Outfit anpassen, wie sind sie dann überhaupt noch zu erkennen?

Das Netz gegen Nazis bietet in einem Beitrag über „Rechtsextreme Sprachcodes“ dazu Anhaltspunkte, Link:  www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextreme-sprachcodes-1144

Hinzu kommen „Indizien“, wie eine pauschale und undifferenzierte USA-Kritik oder …, wenn von westlichen Demokratien (z.B. in Deutschland) die Rede ist, von einem „System“ zu sprechen, das bekämpft wird. Außerdem wird bewusst an vorhandene Ängste und Vorurteile appelliert, indem Hass gegen Minderheiten, wie Migranten, Juden oder Schwule geschürt wird.

Eines der größten deutschen Neo-Nazi-Foren („Thiazi“) fordert seine User außerdem regelmäßig dazu auf, sich in laufende Forums-Diskussionen (z.B. bei „ZEIT-ONLINE“ oder "der Freitag") einzuloggen, um dort Stimmung gegen linke und liberale Positionen zu machen.

Die Methode ist weitgehend immer die gleiche ...

a)  sich einloggen, zunächst unauffällig verhalten und mit kleinen "Gefälligkeiten" und "Freundlichkeiten" das Vertrauen der Community erschleichen,

b)  allmählich beginnen Naziverbrechen (z.B. Holocaust) zu relativieren und damit zu verharmlosen, indem beispielsweise dem Holocaust der Mord an den amerikanischen Indianern gegenüber gestellt wird ("... lasst uns über DIESEN Völkermord reden ..."),

c)  Geschichtsklitterung betreiben, indem Nazi-Verbrechen, als "Notwehr gegen äußere Feinde" dargestellt werden und schamlos Begriffe verfälscht werden ("Bomben-Holocaust auf Dresden" etc.),

d)  auf Nachfragen irrtitierter Mitforisten nach der eigenen politischen Position, erklären "man sei weder rechts noch links, sondern 'objektiv' ... und das alte Schema von 'rechts und links' gälte es zu überwinden, weil es heute nicht mehr wichtig sei ..."

e)  Jetzt ist der Neo-Nazi bereits ein wenig im "feindlichen" Internet-Forum etabliert und er kann es wagen gelegentlich den einen oder anderen Link zu einer rechtsextremen Website zu posten und Zitate von rechtsextremen Ideologen in seine Kommentare einzubauen (Gewöhnungseffekt für die Community).

f)  Bemerkt ein Mitforist, dass es sich bei Zitaten oder Links um eindeutig braune Ideologie handelt, stellt sich das Neo-Nazi U-Boot unwissend und behauptet, den oder die Autoren, zu denen er verlinkt hat, gar nicht richtig zu kennen oder sie nur als Teil einer, "ansonsten ganz neutralen", Internet-Seite erwähnt zu haben.

g)  Werden jetzt mehrere andere Foristen auf die braunen Umtriebe ihres "Kollegen" aufmerksam, verwahrt der sich gegen angeblich "persönliche Anfeindungen" etc. und behauptet "es werde eine Kampagne gegen ihn geführt".

h)  Ist der Neo-Nazi enttarnt, versucht er die verbleibende Zeit bis zu seiner Sperrung zu nutzen, um noch schnell massiv Propaganda gegen Juden (stellvertretend Israel), DIE LINKE. und Schwule in seinen Kommentaren (seltener schreibt er eigene Blogs, weil die zu viel Aufmerksamkeit erregen und ihn schnell in Erklärungsnot und Argumentationsengpässe bringen könnten) unterzubringen.

i)  Schwule sind die "natürlichen" Feinde der Neo-Nazis. Wie Juden und viele andere, für Nazis mißliebige, Bevölkerungsgruppen, wurden Schwule vom NS-Regime in KZs gesteckt. Hitler und seine Schergen wollten auch die Schwulen ausrotten, weil sie ihnen das Lebensrecht absprachen.  Beispiel:  „Der Elsässer Pierre Seel war 17 als ihn die Gestapo wegen seiner Homosexualität verhaftete. Im Konzentrationslager musste er der Hinrichtung seines Freundes zuschauen. Die Häftlinge waren angetreten, es lief Musik. Man entkleidete den jungen Mann, stülpte ihm einen Eimer über den Kopf. Dann hetzte die SS Schäferhunde auf ihn, die ihn zu Tode bissen und zerrissen“, Süddeutsche Zeitung 28.05.2008

Diese Homophobie (Schwulenfeindlichkeit de.wikipedia.org/wiki/Homophobie ) ist 1:1 bei den heutigen Neo-Nazis wiederzufinden:

"(...) "Er (Klaus Wowereit, schwuler Berliner Bürgerermeister, SPD) gehört genauso aus dem Roten Rathaus verbannt, wie die Schwulenparaden aus der Stadt" (...) "Berlin darf nicht Sodom und Gomorrha werden (...)  dass die deutsche Hauptstadt "leider zur Zeit von Schwulen und Sozialisten regiert wird (...)"  Quelle: www.queer.de/detail.php?article_id=13965

Beispiel für homophobes Wahlplakat der rechtsextremen NPD:

 

Und ..., Rechtsextreme "begnügen sich" nicht mit "Volksverhetzung, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie", sondern sie morden auch regelmäßig:

Liste von Todesopfern rechtsextremer Gewalt in Deutschland:

bit.ly/piT0W

bit.ly/kVxLzk

bit.ly/osIG9b

Also, "lustig" ist das ganze schon lange nicht mehr und zum "Wegschauen" ist es längst einmal wieder zu spät.

Quellen und weiterführende Links:

www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextremismus-im-internet-soziale-netzwerke-beliebt-und-es-gibt-sogar-93-nazi-eigene-9271

www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/neonazis-und-ihr-hass-20/

www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextreme-sprachcodes-1144

www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextreme-symbole-codes-und-erkennungszeichen-0913

community.zeit.de/user/corina-wagner/beitrag/2009/06/27/fauns-abschied-dvuparteiangeh%C3%B6rige-bei-wwwzeitde-als-user-ange

www.freitag.de/politik/1148-im-braunen-netz

www.freitag.de/community/blogs/merdeister/nazis-im-anschlag---eine-kleine-youtube-schau

 

 

 
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Kommentare
jayne schrieb am 25.08.2010 um 13:00
danke für artikel und links, und ich finde es richtig, sich dafür zu sensibilisieren, ehe es mal wieder zu spät ist ...
Knüppel schrieb am 25.08.2010 um 13:06
@jayne
Dank zurück.

Das sehe ich auch so, erlebe aber immer wieder die Reaktion "... wenn man sie einfach nicht beachtet, ihnen kein Forum bietet, dann verschwinden sie von selbst ...".

Wenn wir wegsehen, haben sie die Möglichkeit sich, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, immer stärker zu etablieren, bis sie irgendwann wieder "gesellschaftsfähig" erscheinen.
jayne schrieb am 25.08.2010 um 13:13
eben, so ist es, in mv geben sie sich z.b. sozial, kümmern sich um familien, veranstalten kleine bürgerfeste, und da sickert ihre ideologie ein resp. trifft verschiedentlich auf "fruchtbaren" boden ...
Knüppel schrieb am 25.08.2010 um 13:40
Ja, Beispiele dieser "schleichenden Ideologisierung" mit braunem Gedanken'gut" hat u.a. die "taz" in den letzten Monaten immer wieder öffentlich gemacht: "Sind doch unsere Jungs, die sprechen doch nur aus, was wir alle denken und ... sie kümmern sich so rührend um Jugendliche und Senioren ..."
Ja, so fängt das immer an.
mh schrieb am 25.08.2010 um 13:29
über 13 mio deutschen domains stehen 1.870 deutschsprachige internetseiten gegenüber. das sind weniger als 0,014%. aber immerhin 10% mehr als im jahr zuvor.

mfg
mh
Knüppel schrieb am 25.08.2010 um 13:37
"Relativierung" kommt häufig einer Verharmlosung gleich ...
Für mich sind das genau 1.870 rechtsextreme Internetseiten zuviel.
mh schrieb am 25.08.2010 um 14:44
dass es 1.870 zu viel sind, würde ich auch nicht bestreiten. nur wo sich die nazis da im web 2.0 breit machen und in unser aller leben einschleichen ... das ist dann schon wieder panikmache.

weißt du was ich in all den vielen jahren des politischen internets immer als konstante nehmen konnte?

egal wie eine diskussion geführt wird, sie ändert keine politischen meinungen sondern festigt sie eher.

mfg
mh
Knüppel schrieb am 25.08.2010 um 15:15
@mh

"(...) egal wie eine diskussion geführt wird, sie ändert keine politischen meinungen sondern festigt sie eher ..."

Impliziert was? "Jeder Internet-Beitrag, egal über welches Thema, ist völlig überflüssig ... ?"
mh schrieb am 25.08.2010 um 15:56
das zum einen und stimmungsmache ist kontraproduktiv, da fronten festigend.

das wachstum durch erhöhte aufmerksamkeit, in der internetökonomie, ist zu 95% wachstum durch erreichen von überzeugten und 5% sind gegner.

mfg
mh
Knüppel schrieb am 25.08.2010 um 13:45
mahung schrieb am 25.08.2010 um 13:57
@SexPower

recht hast du. darauf hingewiesen werden muss, auch wenn es laut mh weniger als 0,014% deutschsprachiger webseiten sind, die solche inhalte transportieren. allerdings sollten wir den alltagsrassismus, gegen schwache und arme, gegen migranten etc. nicht vergessen, nur weil er vom establishment vorgetragen wird. sarrazin, westerwelle, peter hahne usw. sind hier nur einige stichworte. diese klientel würde sich immer angeekelt über die primitiven rechten schläger äußern, dennoch hegen und pflegen sie ähnliche ressentiments. nur besser formuliert, wenn auch häufig in einer zynisch-perfiden sprache - höchst indirekt.

so oder so. den anfängen ist zu wehren. das gilt immer!!! danke für deinen blog.
Knüppel schrieb am 25.08.2010 um 14:10
@mahung
"(...) allerdings sollten wir den alltagsrassismus, gegen schwache und arme, gegen migranten etc. nicht vergessen, nur weil er vom establishment vorgetragen wird. sarrazin, westerwelle, peter hahne usw. sind hier nur einige stichworte ..."

Das beurteile ich auch so und kann mir oft einen gewissen Ekel gegenüber denjenigen, die "fahrlässig" oder auch ganz bewußt mit rechtsextremem Vocabular agieren, um im nächsten Augenblick jede Nähe zu Neo-Nazis empört zurückzuweisen, nicht verkneifen.

Gern verlinke ich, in diesem Zusammenhang, noch einmal hierzu:
www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/ak-hitler-macht-einen-rueckzieher/
Knüppel schrieb am 25.08.2010 um 14:12
Knüppel
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