shiftlog

shift-log

31.03.2009 | 18:32

erlehmann - Szenario 2020 — Das mobile Internet

"Wo ist das nochmal ?" Per Jabber sende ich Tina den Wegpunkt, zusammen mit dem Link zur Veranstaltung: „Holofilmproduktion“ lautet der Titel des Seminars, für das wir uns per Webform angemeldet haben. Dann trage ich sie auf die Whitelist derer ein, die meinen aktuellen Aufenthaltsort einsehen können, zeitlich befristet für die nächsten vier Stunden. Sie tut Ähnliches, schließlich chatten wir noch ein paar Minuten, bevor ich meine WG in Friedrichshain verlasse.

Bezahlen muss keiner von uns beiden für den Traffic — das berliner Mesh-Net leitet die Datenpakete überall dorthin weiter, wo Router sind. Seit schwedische Hacker 2013 die Software als Erweiterung für die mobile Mozilla-Variante Fennec präsentierten, läuft das notwendige Programm auf jedem halbwegs neuen Handy, durch die hohe Bevölkerungsdichte umfasst die Wolke nahezu den ganzen Bereich innerhalb des Rings.

Was nicht auf diesem Weg vermittelt werden kann, wird verschlüsselt über Knoten mit Internetanbindung geroutet. Gut, so schnell wie eine direkte Funkanbindung bei einem kommerziellen Anbieter ist das Ganze kaum — aber für Chats, Web und kurze Multimedia-Clips reicht es. Und ganz nebenbei umgeht man mit diesem System die überall eingesetzten Netzfilter, die sämtliche Inhalte auf Pornografie, Urheberrechtsverletzungen und unerlaubte Werbung überprüfen. Fast jeder kennt einen, den es erwischt hat — und als vor Kurzem sogar im Senat Rechner mit illegalem Inhalt entdeckt wurden, erklärte man die Karriere der verantwortlichen CDU-Politikerin kurzerhand für beendet.

In der S-Bahn lese ich die Feeds, die sich in den letzten Stunden angestaut haben — Fefe verlinkt ein Blip einer Polizeidrohne, nach dem bei einer Demo in Bayern zwei Leute durch Taser starben, verschiedene kleinere Blogs berichten ebenfalls. In etwa einer Stunde wird das Thema die Tagesschau füllen, schätze ich. Ansonsten nicht viel Erwähnenswertes: Lobo von der SPD überlegt öffentlich, aus der Bundespolitik auf EU-Ebene zu wechseln, auf 4chan /tv/ erfahre ich von einer neuen Scifi-Serie aus China; per SSH starte ich den ByteTorrent-Client auf meinem Rootserver.

Am Alexanderplatz steigt eine Gruppe jugendlicher Emos zu. Alle haben sie einen dieser unverwechselbaren Buttons auf der Brust, die schon meine sechsjährige Nichte als iPhone Nano identifizieren könnte. Nachdem sie sich im Raum verteilen, geht das Surround-Konzert los, natürlich absichtlich übertrieben laut. Genervt greife ich nach meinem Fon; nach ein paar Tastendrücken ist Ruhe — immer noch beherrschen viele Geräte Wireless USB nur unzureichend. Bis die verwirrten Kids begreifen, was passiert ist und jeder von ihnen sich bemüht, den winzigen Reset-Knopf auf der Rückseite zu drücken, bin ich schon längst wieder draußen.

Während ich in die O’burger einbiege, schaue ich kurz nach Tina: Klar, sie verspätet sich, OSM zeigt ihr Icon noch etwa 1,5 Kilometer, ganze 12 Minuten entfernt. Genügend Zeit also für einen Döner, den ich drahtlos bezahle, mit 35 GoogleCredits.

Die gesamte Vision gibt es natürlich auch als Textdatei (3000 Zeichen, Unix-Zeilenumbrüche). Und wer sich wundert, warum ich auf einmal unter die Literaten gehe, klicke bitte hier.

Ehrlemann

 
Senden Bookmarken Drucken
shiftlog
Im shift-log berichten die Gewinner der Ausschreibung "Szenario 2020 – Das mobile Internet“ live und direkt von der re:publica.
Mitglied seit:
2 Jahre 47 Wochen
Zuletzt aktiv:
07.04.2009
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 24
Kommentare: 0
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
15:12
gweberbv hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:10
ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:10
seriousguy47 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:06
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:06
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Berlinale

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr
Liebeshandlung - Eugenides

Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG