Annette Simon: Versuch, mir und anderen die ostdeutsche Moral zu erklären/ Edion psychosozial /S.72
„...Man musste wahrscheinlich etwas offen Konfrontatives tun, um auch die Angst als offenkundige Größe zu erleben. Ich bin deswegen heute misstrauisch Leuten gegenüber, die noch heute sagen, sie hätten zu DDR-Zeiten nie Angst gehabt. Entweder waren sie auf der machtgeschützten Seite oder sie schützen sich bis heute davor, sich dieser Angst zuzuwenden oder sie haben eben nie etwas getan, dass sie mit der Macht in Konfrontation hätte bringen können.
Das für mich besonders Nachdenkenswerte besteht nun darin, dass diese partielle Blindheit aus Selbstschutz natürlich auch in andere Bereiche des Lebens hineinwucherte, was im Beruf des Psychiaters und des Psychotherapeuten besonders nachteilig zu Buche schlägt. Mit dieser Blindheit im Beruf meine ich so etwas wie Unsensibilität an entscheidenden Stellen, ein Nicht-Fühlen und Nichthinsehen, gerade dort, wo es dringend geboten wäre.
Paul Parin spricht im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus von der teilweisen Blindheit der Menschen, die einerseits die Machthaber vor durchdringenden Blicken schützte und andererseits die Menschen davor bewahrte, sich im Rückblick selbst als Mittäter zu erkennen.
Einige von uns sind mit dieser Blindheit bis auf den heutigen Tag geschlagen.
Ich möchte folgende These wagen: Unter den Deutschen gibt es so etwas wie eine Tradition oder sogar Kultur der Unterdrückung von Angst. Diese wird in der Erziehung untermauert und erzeugt dann eine Seelenblindheit, die von Generation zu Generation - mindestens in diesem Jahrhundert-weitergereicht wurde und wird. Der gleiche Prozess spielt sich in der beruflichen Tradition ab.
Ich möchte dies anhand meiner eigenen beruflichen Entwicklung aufzeigen. Als Psychologe, Psychotherapeut und Psychiater arbeitet man in ganz besonderer Weise an einer Schnittstelle in der Gesellschaft. Daraus ergibt sich für die therapeutischen Arbeit eine besondere Verantwortung und ein besonderer Anspruch an mich selbst: Neben meiner therapeutischen Qualifikation habe ich auch über die krankmachenden Bedingungen in der Gesellschaft nachzudenken, sowie über die Traditionen und die blinden Flecken meines Fachgebietes. Wie bin ich diesen Ansprüchen gerecht geworden?...“