SiebzehnterJuni

gegen Rassisten - 24 h täglich

07.01.2012 | 06:43

Vom Umgang mit Rechtsradikalen in einer 7.Klasse

 



 
Fußballweltmeisterschaft, 17.Juni, Physikunterricht 7.Klasse. Henri schleppt eine 2 mal 4 Meter große deutsche Flagge in den Physiksaal, sie soll an der Wand hinter der letzten Bank befestigt werden.
Heute spielt Deutschland!
Ich bedanke mich für die große Ehre, die man mir zu meinem Geburtstag erweist. (Keiner hatte Ahnung von meinem Geburtstag!)
Henri: aber das ist doch, weil w i r  heute abend spielen. Ich: damit alle die Fahne besser sehen können, bitte das Ding hier hinter dem Pult anbringen. So kann ich dann auch unterrichten.
Die Fahne wandert hinter meinen  Rücken.
Henri scheint verblüfft, dass es keinen Ärger als Konsequenz dieser Aktion gegeben hat. Henri schleudert oft rechts-nationale, rassistische Sprüche in den Raum. Der Mehrheit der Klasse und mir geht das heftig auf den Geist, aber irgendwie mag ich Henri.

Henri darf auch als einziger seine Baseball-Kappe bei mir im Unterricht tragen – Vorgabe: immer mit Kappe, nie ohne Kappe!

Ich werde 14 Tage krank!

Danach erster Unterricht in Henris Klasse. Ich: Henri, Du hast mir die ganze Zeit echt gefehlt, besonders Deine Sprüche regen mich immer so auf, dass ich keinen Kaffee brauche, bin sofort hellwach!

Henri kommt nach der Stunde zu mir. Henri: wirklich, Herr L., ich habe Ihnen gefehlt? Ja, sage ich! Du hast mir gefehlt!
Henri geht mit einem Strahlen über beide Backen.

Zeugniskonferenz. KollegInnen kennen die unsäglichen Sprüche von Henri! Irgendwie – so mein Eindruck – will man ihn loshaben.
Seine Versetzung ist plötzlich gefährdet. Ich spüre, man will Henri über die Noten rausschmeißen. Wie in der Konferenz über Henri gesprochen wird, ist einfach unerträglich, grenzt an Hetze.

Plötzlich spüre ich Mitgefühl mit Henri. Ich lasse mir von ihm einige der letzten Klassenarbeiten der anderen Fächer zeigen.  Ich finde einige unverzeihliche, notenrelevante Korrekturfehler.

Ich gebe Henri durch ein Referat die Chance, von 3 auf 2 in Physik zu kommen. Nach einer Woche (!!!) spricht Henri 30 Minuten frei – mit 10 Stichworten auf einer Karteikarte.

Henri beantwortet sämtliche Nachfragen der KlassenkameradInnen fehlerlos. Eine glatte 1!

Ich bin fassungslos und sprachlos, was der kleine Mann kann! So erhält Henri im Zeugnis eine 2 und kann damit eine 5 in einem anderen Fach ausgleichen.

Aber: angesichts dieses Vorgangs liefert eine  Kollegin
in einem anderen Fach das „Aus“ für Henri.

Henri muss die Schule verlassen.

Henri ist Sohn eines alleinerziehenden Vaters, Handwerksmeisters, mit Glatze und rechtsradikalem Weltbild.

Wo Henri wohl heute gelandet ist?

Es ist zum Heulen.

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 07.01.2012 um 06:59
Ich verstehe die Trauer des Pädagogen. Unfaire Behandlung ist wirklich kein Mittel, um damit umzugehen.

Aber wo landet er, wenn er auf der Schule bleibt? Bei uns, Abi-Jahrgang 1978, waren allein in meiner Klasse drei Jungen, die seit Jahren immer haarscharf an Ärger wegen rechter Sprüche bis hin zum Hitlergruß vorbeischrammten. Ihnen passierte nichts (gehe davon aus, dass sie in der Gesamtkonferenz noch genug Rückhalt bei einigen bräunlichen Pädagogen hatten).
Der eine, hochintelligent, der seine angebliche politische Einstellung meiner Meinung nach nur vorzeigte, um seine Eltern zu ärgern, kriegte nicht viel auf die Beine - ich traf ihn beim 20. Abi-Treffen als versoffenen Versicherungsvertreter.
Der zweite, auch nicht dumm, war der ideologischste. Ob das von zu Hause kam, habe ich nie erfahren. Er war gut Freund mit ein paar Lehrern, die auch in der Richtung einen Ruf hatten. Zusammen mit seinem getreuen Adlatus, dem dritten, der mit seiner Hilfe grad so durchrutschte, ging er nach dem Abi - zur Polizei.

An die musste ich letztens öfter denken.
SiebzehnterJuni schrieb am 07.01.2012 um 07:15
@Alien59
"...Zusammen mit seinem getreuen Adlatus, dem dritten, der mit seiner Hilfe grad so durchrutschte, ging er nach dem Abi - zur Polizei.

An die musste ich letztens öfter denken..."

Ja, wie viele Rechtsradikale bei der Polizei sind, würde mich auch interessieren. In Berlin Köpenick wurde ja 1993 mal ein Komplott der Rechten mit der Polizei gegen Autonome aufgedeckt.

Aber: ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass die menschliche Nähe, das Zuhören, Gerechtigkeit im Unterricht und bei Noten nach geduldigem Warten zu Veränderungen geführt hat. Es muss nur früh genug sein. Man muss aber auch konsequent und sogar manchmal richtig hart sein.
Alien59 schrieb am 07.01.2012 um 14:04
Rechtsradikal müssen sie ja gar nicht sein. Aber nachdem ich beruflich öfter mit Polizisten zu tun hatte, konnte ich nur feststellen, dass die beiden Kollegen bei ihrer Berufswahl wohl den richtigen Riecher gehabt haben dürften.

Dabei, keiner der drei hat es wirklich schwer gehabt in unserer Schule. Mit zwei, drei jüngeren, "roten" Lehrern haben sie sich gerne gefetzt - aber die waren eigentlich sehr fair. Der angeblich röteste von allen gab dem einen immer noch ein "sehr gut" - wegen Informationstiefe und Argumentationstechnik. Was mehr hätte man ihnen tun können? Gegenwind gabs dabei genug.

Deine Kollegen finde ich allerdings - na ja, das schreib ich lieber nicht. Sehr kontraproduktiv.
tlacuache schrieb am 07.01.2012 um 07:38
Das ist "ein" Systemfehler:
Lehrer wie Sie koennen nicht die soziale Schieflage der Eltern auffangen, wenn ebensolche zu 100% ig nur damit beschaeftigt sind, den Geldbeutel aufzufuellen um Six-Pack's, Kabelfernsehen und Neuwagen zu finanzieren, egal ob sie
Hartz IV - Empfaenger oder Facharbeiter sind.

Ebenso ist es ein "anderer" Systemfehler, wenn ihre Kollegin laut
"Mainstream - correctness" keine Chance ebendiesem Schüler lässt, bevor er in den Untergrund nach Zwickau abtaucht, um dann seine Physiktalente am Bombenbasteln auszuleben...
Da gibt es dann Anerkennung von andere Seite...
Und darum geht es, um Anerkennung, wir wollen alle geliebt werden...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 07.01.2012 um 20:29
Lieber Friedrich,

ich freue mich, dass Du wieder schreibst, wieder dabei bist!
Was soll ich sagen, echte Zuwendung versetzt Berge. Das ist auch mein Credo!
Mein Verhältnis zu Lehrern zur Schule ist denkbar schlecht! Dabei war ich keine "schlechte" Schülerin.
Mit tut das alles sehr leid, auch für Dich!

Salut
Helena
Ehemaliger Nutzer schrieb am 07.01.2012 um 20:29
Mir
SiebzehnterJuni schrieb am 07.01.2012 um 20:46
Helena, Dir ein gutes Neues Jahr und danke für Deine Zeilen.

Das Verhältnis zu Lehrern war bei mir auch nicht gut. Aber heute ist eine ganz andere Situation - insbesondere in Klassen, die wie bei mir nur 40 % "BIO-Deutsche" haben. Die anderen, deren Eltern aus Pakistan, Indien, Polen etc. kommen, haben Eltern im Bankenviertel von Frankfurt arbeiten und Akademiker sind. Es gibt fast in jeder Klasse vier bis fünf Gruppen bis hin zu fundamentalistischen Protestanten. Gemeinsamkeiten kann man dadurch erzeugen, dass man aus heiterem Himmel einen nicht angekündigten Text schreibt. Dann hat man allen gegen sich und die Klassengemeinschaft ist hergestellt. Und das mache ich manchmal - kostet Nerven,kostet Korrekturzeit, hat aber eine sinnstiftende Wirkung!
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