smittysue

smittysue

24.06.2009 | 23:14

Antwort auf Blogbeitrag von Jonathan Lütticken (Piratenschule)

Sehr geehrter Herr Lütticken

Ich beziehe mich auf Ihren heutigen Blogbeitrag www.freitag.de/community/blogs/jonathan-luetticken/piratenschule#article_action_box

Leider gibt es - gerade bei diesem Thema - in letzter Zeit immer wieder schlecht recherchierte und unsachlich aufgezogene Beiträge. Journalisten dürfte so etwas eigentlich nicht passieren. Bei einem Blogger, der ja ein wesentlicher Teil der sog. Internet Community ist, kann ich es schon gar nicht nachvollziehn, dass die Tragweite dieses Themas nicht erkannt wird.

Bei einem Schulaufsatz würden Sie vermutlich eine 6 erhalten -> Thema verfehlt.

Den rechtlichen Unterschied zwischen Löschen und Sperren hat Ihnen bereits Jan Jasper erklärt (meinen Dank an ihn an dieser Stelle!).

Sie haben das Beispiel „Lesen von Büchern verbieten -> verbrennen“ angeführt. Der Vergleich ist unpassend. Ich möchte Ihnen gerne einen anderen Vergleich darstellen:

1. Akt:
Sie entdecken in Ihrer Stadt ein Geschäft, das KiPo-Material verkauft. Dies melden Sie bei der Polizei, die aber nicht das Material vernichtet und den Laden dicht macht, sondern eine feste Wand davorstellt, die auf den ersten Blick, unüberwindbar erscheint.

2. Akt:
Wenn man sich ein klein wenig umsieht, entdeckt man bei der Wand eine Tür, die verschlossen ist. Der Verschluss ist so läppisch, dass man ihn aufbrechen kann, ohne ein Einbruchsprofi zu sein. Sobald man drinnen ist, hat man wieder das ganze verbotene Sortiment vor sich. Besser noch, durch die aufgestellten Wände weiß man sogar, dass sich dahinter entsprechendes Material befindet.

3. Akt:
Ein unbescholtener Bürger wird durch einen Vorwand dazu gebracht, sich vor die Wand des Ladens zu stellen. Schon wird ihm unterstellt, er wollte diesen Laden betreten, es drohen ihm strafrechtliche Konsequenzen, Rufmord, etc.

4. Akt:
Vor einem  Fotoladen, der Urlaubsbilder (mit Kindern am Strand) von unbescholtenen Familien entwickelt, wird eine Wand aufgestellt. Es folgen viele weitere Läden, die zu Unrecht eine Wand erhalten. Es gibt keine wirklichen Kontrollen darüber, welche Läden eine Wand erhalten. Zwar gibt es eine sog. Kontrollgruppe, da aber zwischenzeitlich so viele Läden eine Wand erhielten, ist es unmöglich alles „nachzukontrollieren“.

5. Akt:
Nach einigen Monaten werden Statistiken angeführt, die den angeblichen Erfolg der Wände dokumentieren. Dies wird von den Politikern zum Anlass genommen, auch andere Arten von Läden zu sperren, also Läden, die nichts mit KiPo zu tun haben, ein ganz anderes Sortiment führen. Das Gesetz ist ja vom Prinzip her schon mal da, man muss es nur erweitern. Die Techniken dafür sind bereits im Einsatz, können also sofort auch für weitere Zwecke genutzt werden. Worauf warten?

6. Akt:
Nach einiger Zeit stellt man Wände nicht mehr nur vor Läden, sondern auch vor andere Einrichtungen.

Die Sperrung verhindert nicht den schrecklichen Missbrauch von Kindern! Selbst das Löschen wird die Täter nicht davon abhalten, da Sie psychisch gestört und in den allermeisten Fällen nicht therapierbar sind.
Das Löschen der Seiten würde aber zumindest schon mal den wirklichen Tätern das „Sortiment“ entziehen. Dass zusätzlich in allen Richtungen (auch außerhalb des Internets) ermittelt werden muss, dafür aber ausreichend Personal fehlt, sagen sogar die LKAs. Die Aufstockung des Personals wäre eine effektive Maßnahme, nicht das Verhängen von Inhalten.

Frau von der Leyen hat Argumente angeführt, deren Widerlegung Sie hier nachlesen können:  netzpolitik.org/2009/die-dreizehn-luegen-der-zensursula/

Die Sperrung/Zensur von Seiten ist zum einen ein massiver Eingriff des Staates, unter anderem in den Bereich „Informationsfreiheit“. Dass ganz nebenbei sich plötzlich das BKA zum Richter aufspielen darf, ist eine weitere Ungeheuerlichkeit, die man in der heutigen Zeit in unserem Lande nicht mehr erwartet hätte. Zum anderen – und das ist ein ganz wesentlicher Punkt!! - öffnet das geplante Gesetz Tür und Tor für weitere Zensurmaßnahmen, die sich dann nicht mehr „nur“ auf KiPo-Seiten beziehen. In China ist es usus, dass der Staat zensiert und darüber regen wir uns alle auf. Dass bei uns der Staat nun auch als Zensor auftritt, wird von vielen nicht als solches wahrgenommen. Wäre ein Herr Schäuble mit dem Thema Zensur angetreten, hätten bei vielen die Alarmglocken geläutet. Da aber eine Frau von der Leyen mit einem hochsensiblen Thema antrat, wird leider nicht mehr hinterfragt. Hinzu kommt, dass nicht jeder Bürger aktiv im Internet ist und schon gar nicht die technischen Hintergründe kennt/versteht. Politiker verstehen sie im Übrigen auch nicht.

Ich bin entsetzt darüber, dass man in diesem unserem Lande tatsächlich nochmals mit Zensur konfrontiert wird. Was mich aber auch entsetzt, ist die unglaubliche Ignoranz der Politiker. Sämtliche faktischen Argumente wurden missachtet oder mit falschen, vermeintlichen Fakten widerlegt. Egal welcher Experte, egal welche Organisation versucht hat, mit Fakten zu argumentieren… es wurde ignoriert. Im Schnelldurchlauf wurde über den Gesetzesentwurf abgestimmt, wohlwissend, dass ob des Widerstandes Eile geboten ist. Frau von der Leyen will sich und Ihre Partei durch dieses Gesetz, rechtzeitig zur Bundestagswahl, aufhübschen. Das Thema Kinder/Schutz von Kindern, noch dazu Missbrauchsschutz, verleiht einen Heiligenschein. Ein Schelm, wer da böses vermutet.

Die von Ihnen als Intern-Community-Blase beleidigte Gegenbewegung hat von Anfang an vermutet, dass es nicht bei der Zensur von KiPo-Seiten bleiben wird. Leider wurden diese Vermutungen sogar schneller als erwartet bestätigt. Hier eine Liste der bisherigen Forderungen von Politikern (die Liste wird leider von Tag zu Tag länger): www.thomasmoehle.de/zensur/index.php/Forderungen_nach_weiteren_Sperren

Sie werfen der Internet Community (der Sie als Blogger angehören) eine defizitäre Argumentation vor. Dabei ist Ihr ganzer Beitrag eine einzige defizitäre Argumentation.

Wenn sich jemand mit einem Thema beschäftigt, sich dieses über Fakten erarbeitet und dann sauber argumentiert, ist es gut, wenn er seine (Gegen-)Meinung darüber kundtut.
Wenn man einfach seine eigene Meinung mit scheinbaren Argumenten zusammenbastelt, ist das schon fragwürdig.
Wenn man aber diese veröffentlicht und dabei auch noch eine sehr aktive Bewegung beleidigt, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, dann ist das anmaßend und genauso ignorant wie das Verhalten vieler Politiker.

Wenn Sie und Ihre Nachkommen auch in Zukunft Informationsfreiheit erfahren dürfen, die Einhaltung des Grundgesetzes als Normalität erleben und auch der Datenschutz gewahrt bleibt, dann erzählen Sie bitte zumindest Ihren Nachkommen, dass es Menschen gab, die sich für diese Rechte mit viel persönlichem Engagement eingesetzt haben... Menschen, die Sie fälschlicherweise als Internet-Community-Blase diskriminiert haben.

Wenn Sie sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen möchten, empfehle ich Ihnen als Einstieg die folgenden Seiten:
www.thomasmoehle.de/zensur/index.php/Hauptseite (Wiki)
ak-zensur.de/ (Arbeitskreis gegen Internet-Sperren und Zensur)

Sollten Sie darüber hinaus noch Informationen benötigen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit besten Grüßen
Susanna Schmidt

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Streifzug schrieb am 24.06.2009 um 23:29
Touchee
outa schrieb am 25.06.2009 um 00:49
Ich finde eher, dass diese Antwort ziemlich am Thema vorbei ist. Die zentralen Argumente (z.b. ob Löschen auch Zensur ist) wurden überhaupt nicht aufgegriffen, stattdessen stur die 0815-Argumentation runtergeleiert. Zudem hört es sich so an, als will die Autorin die Kritik aus Prinzip nicht gelten lassen und widerlegen müssen und generell liest sich der Beitrag relativ emotional.
Der Schluss mit den Links etc. ist dann an Polemik und Unsachlichkeit kaum zu überbieten. Als ob nicht jeder Blogger bereits mit den Standardargumenten der "Internet-Community" vertraut ist.

Man täte eigentlich gut daran, sich mit der Kritik von Jonathan Lütticken auseinanderzusetzen, es sind nämlich meines Erachtens viele diskussionswürdige Ansatzpunkte drin. Denn dass Blogger und Internetnutzer gerne Mal Argumente übernehmen, die zu ihrer Meinung passen, ohne sie zu hinterfragen, ist auch nichts Neues. Wir sind da auch nicht erhabener als z.b. Politiker.
smittysue schrieb am 25.06.2009 um 01:47
@outa
Auf das Argument Löschen/Zensur bin ich nicht näher eingegangen, da
1.) Jan Jasper den Unterschied schon erläutert hatte.
2.) ich genau dieses als Themaverfehlung ansehe, denn letztlich geht es den Gegner der Zensur (dazu zähle ich mich auch!) doch im wesentlich darum:

Man führt in einem freien, demokratischen Staat Zensur ein! VORERST "nur" im Bereich KiPo. Das Ganze mit fadenscheinigen Argumenten. Anstatt sich wirkungsvoll gegen den Missbrauch von Kindern einzusetzen (wie bereits in meinem Beitrag erwähnt), werden die Opfer von der Politik für ihren eigentlichen Zweck "missbraucht". Dieser eigentliche Zweck wird schon ansatzweise sichtbar, wenn man die täglich neuen Forderungen nach Zensuren in anderen Bereichen verfolgt.

Du schreibst, mein Beitrag lese sich emotional. Ok. Wenn Du absolute Sachlichkeit erwartest, warum fängst Du nicht bei Dir selbst an? Du kommentierst hier einen Blogbeitrag, somit unterstelle ich mal, dass Du Dich nicht das erste und einzige Mal im Netz bewegst, ergo auch ein Internetnutzer bist, also zu der Gruppe gehörst, die Du gerade mal pauschal und despektierlich abgeurteilt hast.

Schwerlich nachvollziehbar ist Deine Behauptung, der Schluss mit den Links wäre polemisch und unsachlich. Was ist daran polemisch, jemanden Infos zu diesem Thema an die Hand zu geben? Und vor alle, was ist daran unsachlich, wenn er durch diese links mehr Fakten erhält?

Dass ich Deiner Meinung nach aus Prinzip nicht die Kritik gelten lassen möchte, ist anmaßend, unfair und schlichtweg falsch.

Bei allen Kritikern höre ich kaum echte Argumente. Sie verzetteln sich gerne in Details (wie z.B. ob Löschen auch Zensur ist), die am eigentlichen Thema vorbeigehen.

Um es wieder an einem Vergleich festzumachen: Angenommen, man hätte vor, per Gesetz alle Männer zur Wehrpflicht zu zwingen (kein alternativer Zivildienst mehr). Und weiterhin angenommen, Du wärest dagegen, weil Du das mit Deiner persönlichen Einstellung nicht vertreten könntest. Wäre dann eine Diskussion für Dich relevant, die sich damit beschäftig, ob die Bundeswehrpflicht nun 1 oder 2 Jahre dauern solle? Für Dich wäre doch entscheidend, dass man Deine Rechte missachten würde. Alles andere wäre nebensächlich, hätte nichts mit dem eigentlichen Contra-Punkt zu tun.

Ich bin für jede Diskussion offen, auch mit Menschen, die sich nur am Rande mit dem Thema befasst haben. Aber dann dürfen diese auch nicht beleidigt und beleidigend reagieren, wenn man sie auf ihre fachlichen Defizite hinweist.

Das Suchen von Argumenten gegen die Gegner der Internetzensur bringt weder den Befürworten noch den Gegnern etwas in der Sache.

Viele der Gegner sind bereits sehr engagiert, nicht nur im Internet, sondern auch und vor allem außerhalb, um den Leuten die Gefahren der Zensur nahezubringen. Die Befürworter sieht man in Foren und Blogs, worin sie gegen die Internet Community wettern.

Schade, denn am Ende wollen wir doch alle weiterhin in einem freien Land leben!
doener schrieb am 25.06.2009 um 11:23
"Bei allen Kritikern höre ich kaum echte Argumente. Sie verzetteln sich gerne in Details (wie z.B. ob Löschen auch Zensur ist), die am eigentlichen Thema vorbeigehen."

Wenn man als Gegner der Zensur auftritt, ist es alles andere als bloß ein Detail, wenn die von einem selbst geforderten Maßnahmen ebenfalls eine Zensur darstellen. Sie mögen Zensur für sich anders definieren, z.B. als "willkürliche Zensur" oder "geheime Zensur", aber die juristische Definition von Zensur scheint Ihrer Definition nun einmal entgegen zu stehen. Überlegen Sie einmal, wie der Slogan "Löschen statt Sperren" auf Leute wirkt, denen die juristische Definition geläufig ist. "Wir sind gegen Zensur deshalb effektive Zensur (Löschen) statt ineffektiver Zensur (Sperren)".

Um so mehr ich darüber nachdenke, um so befremdlicher wird mir dieser Slogan. Er zeigt, bei Betrachtung ohne Vorwissen über die Unterschiede in der Durchführung (Details!), nicht den Mangel an Rechtsstaatlichkeit bei den Netzsperren auf, sondern fordert effektivere, radikalere Maßnahmen.

"Das Suchen von Argumenten gegen die Gegner der Internetzensur bringt weder den Befürworten noch den Gegnern etwas in der Sache."

Da bin ich ja erstmal sprachlos. Seine eigene Argumentation auf Schwachstellen zu untersuchen bringt niemandem etwas? Wie wollen Sie denn bitte Ihre Argumentation verbessern und ggf. unangreifbar machen? Immer nur warten, dass sie von jemandem aus dem gegnerischen Lager auseinander genommen werden und dann reagieren? Selbstreflektion und die Analyse der gegnerischen Position gehört zu den absoluten Grundlagen einer sinnvoll geführten Argumentation. Ich muss mit der Position der Gegner und ihren möglichen Argumenten vertraut sein, um meine Argumente entsprechend möglichst unangreifbar zu formulieren und mir Wege zu überlegen wie ich die gegnerischen Argumente widerlegen kann.
outa schrieb am 26.06.2009 um 00:46
@smittysue
Eins mal vorweg, ich denke, wir alle hier sind Gegner dieses Gesetzes, wir sind zu 90% auf einer Linie.

"Man führt in einem freien, demokratischen Staat Zensur ein!"
Das ist faktisch nicht richtig. Doener hat ja schon den Unterschied zwischen Vor- und Nachzensur erklärt. Außerdem gibt es ähnliche Verfahren schon seit einiger Zeit in anderen Bereichen, z.b. BPjM, die Tonträger etc. indiziert (was imo viel problematischer ist). Zur Zensur wird das Ganze erst dann, wenn auch unbescholtene Seiten auf der Sperrliste landen.

Dass sich dein Beitrag emotional und pauschal ablehnend liest, ist einfach mein Eindruck davon, sry. Der Schluss ist deshalb polemisch, weil du damit suggerierst, Jonathan Lütticken hätte sich nicht mit dem Thema beschäftigt.

"Bei allen Kritikern höre ich kaum echte Argumente. Sie verzetteln sich gerne in Details (wie z.B. ob Löschen auch Zensur ist), die am eigentlichen Thema vorbeigehen."
Siehe Doener. Es ist _kein_ Detail. Denn wenn man gleichzeitig für Löschen, aber gegen Zensur ist und Löschen aber evtl. auch als Zensur gesehen werden kann, wird unsere gesamte Argumentation ad absurdum geführt. Das muss man prüfen und ausdiskutieren und dann evtl. die Argumente anpassen. Und natürlich muss man auch Argumente gegen die eigene Position suchen/prüfen, Stichwort Selbstreflektion.

Der Schluss hört sich wieder so an, als würdest du uns unterstellen, eigentlich für das ganze Vorhaben zu sein ;) Egal. Wie gesagt, letztlich stehen wir auf derselben Seite, trotzdem schadet es nichts, mal seine eigene Position zu überprüfen.
Z.B. sich mal zu fragen, wieso man eigentlich gegen das Gesetz ist und was passieren müsste, damit man es befürworten würde. Sowohl das Löschen als auch das Blockieren strafrechtlich relevanter Inhalte KANN nicht als Zensur gesehen werden. Rechtlich nicht und gesellschaftlich schon gar nicht (gerade bei KiPo). Ich kann es schon verstehen, dass einige Politiker es befremdlich finden, dass von den Gegnern die ganze Zeit von "Zensurgesetz" geredet wird.
Hier ist wieder der Punkt, dass wir meistens schon drei Schritte zu weit sind und zuviel Vorwissen voraussetzen. Unsere eigentliche Sorge ist doch nicht das Sperren von KiPo an sich, sondern das Missbrauchspotenzial, das ja ohne Zweifel gegeben ist.

So, um mal zum Schluss zu kommen. Lüttickens zentraler Punkt ist doch, dass Löschen das gleiche Prinzip wie Sperren ist (Zugangserschwernis, wenn man so will) und dass das Zensurargument erst dann zum Tragen kommt, wenn es um die Ausweitung auf andere Inhalte geht. Das muss klar abgegrenzt sein und auch so rüberkommenm, tut es aber anscheinend im Moment nicht.
doener schrieb am 25.06.2009 um 01:10
[1/3]
*sigh*

So leid es mir tut, aber "Thema verfehlt" trifft eher auf Ihre Antwort zu. Herr Lütticken hat Defizite in der Argumentation aufgedeckt. Defizite im "Slogan" "Löschen statt Sperren" wurden übrigens auch schon im IRC Channel der Piratenpartei diskutiert, leider bisher wohl ohne Ergebnis. Statt sich mit seiner Argumentation auseinander zu setzen, wird ihm schlicht vorgeworfen nichts verstanden zu haben.

Nehmen wir zum Theme Zensur (einen Teil der) Definition aus der Wikipedia: "Zensur ist ein politisches Verfahren, um ... Gesetzen zuwiderlaufende Inhalte zu unterdrücken".

Desweiteren ist dort zu lesen: "Die Nachzensur ist Bestandteil auch jener Rechtssysteme, in denen Vorzensur laut Verfassung verboten ist. Jeder darf seine Meinung zum Ausdruck bringen, kann aber nachträglich zur Verantwortung gezogen werden, wenn er dabei gegen Gesetze verstößt. Die Konsequenzen können Einziehung und Indizierung des betreffenden Werkes oder Bestrafung der Person sein."

Was bedeuten nun Löschen und Sperren bezogen auf Kinderpornographie? Beide Maßnahmen sollen Gesetzen zuwiderlaufende Inhalte unterdrücken. Wobei die höhere Effektivität beim Unterdrücken ja gerade _für_ das Löschen angeführt wird. Nach dieser Definition muss also das Löschen also die effektivere Nachzensurmaßnahme betrachtet werden.

Im Sprachgebrauch der Gegner der Internetsperren wird Zensur auf den anderen Teil der Definition aus der Wikipedia reduziert, der da ist:
"Zensur ist ein politisches Verfahren, um ... unerwünschte Inhalte zu unterdrücken."

Diese Reduktion des Terms auf den gefährlichen Aspekt der Zensur kritisiert Herr Lütticken.
doener schrieb am 25.06.2009 um 01:11
[2/3]
Folgen wir seinem Text weiter, sehen wir zwei Aussagen:

1) Die Antwort sollte heißen: "Nein. Wir sind sehr wohl für eine Zensur von solchen Inhalten, sie sollte jedoch erstens rechtsstaatlich sein und zweitens technisch sinnvoll."

2) Der Versuch kinderpronografische Inhalte von Zensur zu schützen kann von der deutschen Bevölkerung nicht als ernstzunehmend wahrgenommen werden. Der Versuch technisch adäquate Zensur nach offen einsichtlichen und rechtsstaatlich sauberen Methoden gegen solche Materialien durchzusetzen, ist jedoch sicherlich auch einer breiten Masse vermittelbar.

Wenn man die Definition der Zensur aus der Wikipedia zugrunde legt, sind beide Aussagen zu vertreten.

Nr. 1) hatten wir bereits. Löschen ist Zensur. Der Punkt ist, dass das Löschen technisch sinnvoller ist (Inhalte sind "weg") und unter richterlicher Kontrolle erfolgen soll. (Ich bin schon beim "Einfach den Provider anschreiben" kritisch, weil dann kein Richter, sondern der Provider entscheidet was strafbar ist.)

Nr. 2) ist letztlich zu 1) äquivalent, es wird eine rechtsstaatliche, adäquate Zensur gefordert, sprich das Löschen unter richterlicher Kontrolle.

Was offenbar einige völlig übersehen haben: Herr Lütticken kritisiert die Form der Argumentation. Das heisst 1) und 2) sind letztlich schlicht Neuformulierungen der Aussagen der Netzsperrengegner in einer seiner Meinung nach besseren Form. Das heisst auch, dass wenn er dort beim Löschen von einer Zensur "nach offen einsichtlichen und rechtsstaatlich sauberen Methoden" spricht, impliziert dies meines Erachtens nach, dass er der ebenfalls der Ansicht ist, dass die beschlossenen Netzsperren dies eben gerade _nicht_ sind. Insofern erübrigt sich auch die Erklärung von Jan Jasper.

Dann der Vergleich mit der Bücherverbrennung. Meines Erachtens nach völlig korrekt. Die Netzsperren sollen verhindern/erschweren, dass eine Seite angesehen wird, das Löschen entfernt die Inhalte (digitale Verbrennung ;-)).
doener schrieb am 25.06.2009 um 01:12
[3/3]
Zum Schluss dann noch die "Blase". Herr Lütticken hat keineswegs eine Aussage dazu getroffen. Die Absatzüberschrift ist als Frage formuliert, und er folgert nur aus seinen Beobachtungen, dass es sich _vielleicht_ _doch_ um eine Blase handelt, weil er keinen kritischen, selbst-reflektierenden Dialog innerhalb der Community erkennen kann.

Und was soll ich sagen? Ihre Antwort bestätigt Herrn Lütticken voll und ganz. Statt sich mit _seinen_ Argumenten auseinander zu setzen und diese ggf. zu widerlegen, argumentieren sie gegen die Aussagen der Politiker, die die Sperren beschlossen haben. Dies zeugt von mangelndem Textverständnis und/oder dem Unwillen sich mit den Argumenten von vermeintlichen Gegnern auseinander zu setzen. Einen Recherchemangel kann man Ihnen ebenso vorwerfen, da sie sich offensichtlich auch nicht die Definition der Zensur in der Wikipedia durchgelesen haben, es hätte Ihrem Verständnis von Herrn Lüttickens Aussage gut getan (Quellenangaben zur zugrundegelegten Definition der Zensur fehlen leider, genau wie bei Ihnen, auch bei Herrn Lütticken, diese hätten der "Diskussion" sicher gut getan).

Statt Herrn Lüttickens hier Unwissenheit und eine Verteidigung der Netzsperren vorzuwerfen, sollte man ihm danken, dass er Schwächen, die seiner Meinung nach in der Gegenargumentation existieren, nicht nur aufzeigt, sondern auch Anregungen für eine bessere weil treffendere und ehrlichere Argumentation bringt. Nicht ganz so öffentlichkeitswirksam, aber ehrlich und sachlich. Und genau das wird doch immer der Politik vorgeworfen, dass sie primär öffentlichkeitswirksam arbeitet, und Ehrlichkeit und Sachlichkeit in den Hintergrund rücken.

Zu allerletzt dann meine 2 Cent zum Slogan "Löschen statt Sperren":
Die Bedeutung von "Löschen" in dem Sinne, dass es eine transparente, rechtsstaatliche Entfernung von Inhalten aus dem Netz darstellt, im Gegensatz zur Sperrung von Seiten die auf einer geheimen Liste stehen, dürfte einem Großteil der Bevölkerung schlicht nicht bekannt sein. Um den Slogan zu verstehen wird eine Menge Vorwissen vorausgesetzt, dass primär in der "Blase" existiert. Genauso wie das Wissen darüber, dass für die Sperren eine Infrastruktur errichtet wird, die sich natürlich missbrauchen lässt. Die breite Masse weiss nichts über die Funktionsweise des Netzes, und noch viel weniger über diese Unterschiede. Einen besseren Slogan habe ich nicht zu bieten, aber zumindest diese Denkanstöße. Wo sind die kreativen im Netz?
doener schrieb am 25.06.2009 um 01:21
Oh, d'oh.

"Herr Lütticken hat keineswegs eine Aussage dazu getroffen."

Natürlich hat er das, was ich meinte war:

Herr Lütticken hat keineswegs die These aufgestellt, dass es sich tatsächlich um eine Blase handelt. Vielmehr hat er seinen Eindruck dargestellt und die Existenz einer Blase als sich daraus ergebende Frage in den Raum gestellt.

Sein "vielleicht doch" kann man sogar so auslegen, dass er zuvor gar Gegner der These dieser Blase war(!), aber die seiner Meinung nach nicht erfolgte Weiterentwicklung der Argumentation der Gegner hat ihn seine Haltung überdenken lassen.
idiot2 schrieb am 28.06.2009 um 11:52
Möchte auch hier nochmal auf einen meiner Meinung nach entscheidenden Denkfehler in hinweisen:

Nur weil die Sperrung erst nach Einstellen der Internetseiten stattfindet, ist es keineswegs eine "Nachzensur". Vielmehr wirkt der zum "Sperrungs-check" nötige Zwischenschritt bei *jeder* Internetanfrage wie ein Zensor der jede Zeitung (Internetseite) überprüft, *bevor* sie den User erreicht.

Nochmal mein kleines Schema aus dem anderen Beitrag:

Statt: Anfrage ----> Info

Gibt es dann: Anfrage -> Check auf Sperre -> Info

Im Unterschied zu dieser pauschalen Zensur handelt es sich bei gezielter Löschung von einzelnen Seiten (und hoffentlich auch Ermittlungen gegen die Betreiber) um ganz normale Strafverfolgung (wie ja auch schon andere Kommentatoren angemerkt haben).
Jonathan Lütticken schrieb am 25.06.2009 um 09:37
Liebe Susanna Schmidt,

outa und doener haben hier schon genug zu meiner Verteidigung angebracht (DANKE!). Ich habe leider nicht das Gefühl, dass sie meinen Beitrag verstanden haben. Ich selbst habe die e-Petition unterstützt und bin ein Gegner des Gesetzes. Ich habe lediglich auf eine im Internet kursierende (und von Ihnen nun noch einmal wiederholte) Argumentation hingewiesen, die in ihrem zentralen Kern widersprüchlich und damit angreifbar ist.

Im zweiten Schritt habe ich bemängelt, dass die 'Internet-Community' oft leider nicht so offen für konstruktive Kritik zu sein scheint, wie sie (und ich) mir das wünschen würden. Ihre Replik auf meinen Beitrag kann ich nur als weiteres trauriges Beispiel nehmen.
kellerra schrieb am 26.06.2009 um 19:58
@smittysue+Jonathan Lütticken

Meint ihr nicht, dass das ganze Thema auf lange Sicht in Richtung:
Informationsanarchie ja oder nein hinausläuft?

Ich hoffe ja, das die Sperrgesetze demokratisch im Zaum gehalten
werden können. Dies kann aber auch schnell daneben gehen, siehe z. B. gerade Australien oder die Forderungen aus der CDU. Aber was wird passieren, wenn plötzlich verschlüsseltes P2P modern wird? Dann wird aus dem ganzen Diskurs nur noch eine Ja oder Nein Frage.
Bildungswirt schrieb am 25.06.2009 um 10:54
Klare Worte in der Community. Weiter so.
Gruß BW
Heinrich schrieb am 30.06.2009 um 18:55
Bei einem Schulaufsatz würden Sie vermutlich eine 6 erhalten -> Thema verfehlt."

Liebe Susanna, das hätte nicht sein müssen. Dieser Satz lässt Beispielhaft erkennen, wie angegriffen und emotional du dich gefühlt haben musst, als du den Artikel schriebst. Und genauso liest sich auch der Rest: Auf die Kernargumente wenig eingehend. Schade. Etwas durchatmen und mehr analytische Kühle hätte deiner bewundernswerten Leidenschaft hier gut getan.
smittysue
Geschäftsführerin der smittysue Fortune GmbH - Verlag für moderne Kommunikation.
Mitglied seit:
24.06.2009
Zuletzt aktiv:
25.06.2009
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 1
Kommentare: 2
Mein Projekt:
Logbuch
19:36
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:27
Anette Lack hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:24
leeelah hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:20
Anette Lack hat gerade einen Kommentar geschrieben.
19:13
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Fussballarena/Wahlkampfarena (community)
MIssbrauchsdebatte

portlet_missbrauch.png

Aktuelle Ausgabe bestellen
Freiwillige vor!

Ausgabe 11/10
18.03.2010

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 2.90 €

>> bestellen

probeabo260x120.jpg

smittysues Netzwerk
Schreiber
Leser

Buch der Woche

11bdw.png

WKA_Powerradio

WKA_portlet_powerradio.png

Freitag unterstuetzt

portlet_polit_camp01.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG