sockiedolly

Blog von sockiedolly

17.01.2010 | 20:34

62 Stunden

Das Wetter winterlich grau. Die Bürotür war schon am Freitagnachmittag ins Schloß gefallen. Die Sachen aus der Reinigung holen und ein Gang durch den Supermarkt, einschließlich Superstau an der Kasse lassen die Zeit vergehen.
Doch dann ist sie da, diese erste von 62 Stunden.
Es ist Freitagabend 18 Uhr. Die Wohnungstür öffnen, Schuhe im Flur abstreifen, Einkaufstüten auf den Küchentisch hieven. Mantel in den Flur hängen, auf dem Rückweg schon mal den Laptop anschalten und dann die Büroklamotten gegen Jeans und T-Shirt tauschen. Mit nackten Füssen in die Küche tappen, Einkäufe in Kühl- und anderen Schränken verstauen, Schnittchen machen, die Wasserflasche aus dem Kühlschrank holen und dann, während Krümel auf dem Schreibtischen landen, mal nach E-Mails schauen. AOL hätte jetzt vierzehn Mal hintereinander gesagt „Sie haben Post“ und dabei dreizehn Mal gelogen. Außer den Spam-Mails nur eine kurze von D. mit Dank für die Grüsse zum Jahreswechsel. Der Wetterbericht verrät, es bleibt auch an diesem Wochenende naß und kalt. Die Nachrichtenseiten bieten auch nicht viel lesenswertes, die Webseite der örtlichen Tageszeitung erstrahlt in untertanenhaften Vorfreudeberichten auf den Semperopernball.
Später verhelfen dann der Fernseher und eine Flasche Rotwein zum Schlaf.
Kein Wecker beendet diesen am Samstagmorgen, wie sonst an den Wochentagen. Für einen Blick auf grauen Himmel und die an der raumhohen Fensterfront schmelzenden Schneeflocken ist es auch um elf Uhr noch früh genug.
Kaffee machen, dann an den Computer schleichen und die über Nacht angesammelten sechs, sieben Spam-Mails löschen. Wetterbericht und news-Seiten bieten das gleiche trostlose Bild, wie gestern abend. Nach Besuch im Bad und noch mehr Kaffee stellt sich dann so um 13:00 Uhr entgültig die Frage „was tun“. Keinerlei aus dem Büro mitgenommene Arbeit versteckt sich in der Aktentasche. In der ToDo-Liste stapeln sich nur noch Einträge, die gelangweiltes Gähnen oder Mißmut hervorrufen. Oder beides.
Freunde und Verwandte sind weit weg. Das Beziehungsgeflecht beginnt sich durch die Reduzierung auf E-Mail und gelegentliche Telefonate spürbar zu lockern.
Aber dieser Job war doch zu verlockend. Und er ist ja auch toll und sorgt schon dadurch für angespannte Aktivität, spätes Heimkommen in der Woche und kaum Zeit und Kraft für anderes. Von Montagmorgen bis Freitagnachmittag. Dann beginnen die 62 Stunden wieder.
Die Kollegen im Büro? Sind ja ganz nett, aber irgendwie will man die abends und am Wochenende nicht auch noch unbedingt sehen. Die meisten verschwinden nach Feierabend ohnehin in ihrer Vorortreihenhausfamilienidylle.
Ein Blick zum Fenster macht mutlos. Wirklich kein Wetter für einen Spaziergang. War da nicht diese Ausstellung eröffnet worden? Vielleicht findet sich ja ein Gespräch. Einmal googlen und einen Blick auf die Uhr später weiß man, daß die Ausstellung samstags schon um 16:00 Uhr schliesst und man selbst bei einem Blitzstart nur noch rechtzeitig käme, um das Abschließen der Türe zu besichtigen.
Ins Kino? Warum aber einen Film ansehen, über den man danach mit keinem reden kann. Oder warum den Zehner für die Kinokarte locker machen für einen Action-Reisser, den einem das Privatfernsehen genauso bietet.
Die Kneipe an der Ecke? Einfache, nette Typen, aber am Samstagabend brüllt dort der Großbildfernseher nur Fussball aus sich heraus. Wenn man Fussball, WM-Spiele auf dem sommerlichen Freisitz mal ausgenommen, nicht mag, auch nicht das ideale Programm.
Irgendwann bemerkt der Magen das zwischen mittäglichem Frühstück und jetzt ausgefallene Mittagessen und meldet sich. Hervorkramen der Einkäufe, Pizza in den Ofen und ein Glas Rotwein. Danach abwaschen? Abwaschen steht noch weiter oben auf der Liste der ungeliebten Dinge, als Fussball. Warum auch, am Montag kommt doch eh die Putzfrau.
Irgendwann folgen weitere Rotweingläser und lullt das Fernsehprogramm mit seinen Flachheiten ein.
Auch am Sonntagmorgen ruft kein Wecker zu hecktischer Aktivität. Nach den spätmorgendlichen Routinen bleibt ein Becher Kaffee und ein Blick auf die Fensterfront. Noch immer tauen Schneeflocken darauf, noch immer ist der Himmel dahinter grau, noch immer verlockt nichts dazu, die Wohnung zu verlassen.
Gedanken trieseln durch den Kopf.
Wie lernt man jemanden kennen, wenn man noch niemanden kennt. Wo findet man Freunde, wenn sich das Umfeld in belangslosen Bekanntschaften erschöpft. Nett zu ihrer Zeit, aber nicht über ihren jeweiligen Rahmen hinaus.
Man ist doch sicher nicht allein in dieser Situation. Da draussen in dieser Großstadt muss es doch hunderte, tausende andere geben, die jetzt ebenfalls allein diesen grauen Himmel anstarren. Wie findet man die? Alle, die man so sieht, scheinen immer mit irgendetwas beschäftigt zu sein, irgendwohin zu wollen. Wo sind die, die nicht von Vollzeitjob und Familienbande zu 130% ihrer Zeit belegt werden?
Der Kaffee ist alle, das Wetter immer noch nicht besser, aber die Verrnunft regt sich und murmelt etwas von „frischer Luft“.
Und war da nicht dieses Eckcafe, das mit „großer Raucherlongue“ warb. Unter tropfenden Altbaudächern wird durch pappigen schmutzigen Schnee gestapft. Im Cafe kreischt und tobt ein dutzend Kinder um die Wette. Bei den gleichfalls anwesenden Eltern kommen einem irgendwie die Etiketten „öko“ und „alternativ“ in den Sinn.
Die Raucherlongue entpuppt sich als Nebenzimmer dessen Möblierung wohl aus den Wohnzimmern verschiedener Omas stammt und und die nur eines eint. Nichts passt zueinander. Die Größe des Milchkaffees ist in Ordnung. Die gedruckte Wochenendausgabe der örtlichen Tageszeitung erstrahlt in Promi-Berichten vom Semperopernball. Zwischen irgendwie grau wirkenden, zerflederten Ausgaben von Zeit, Süddeutscher und weiteren der örtlichen Tageszeitung sticht ein quietschbuntes Exemplar von NEON hervor. Beim Blättern stellt man fest, daß man dem gefühlten Alter der Leser dieser Zeitschrift irgendwie entwachsen ist. Der Blick bleibt hängen. An einem Artikel über Einsamkeit. Über Menschen, die durchaus einen großen Bekanntenkreis haben, aber keine wirklichen Freunde. Man hat es immer gewusst. Aber einen Weg zueinander weisst auch der Artikel nicht.
Einen weiteren Milchkaffee später ist es draussen winterlich dunkel. Nach dem Heimstapfen durch den im milden Licht der Straßenlampen nicht ganz so häßlich wirkenden Schnee beschäftigt man sich mit dem Abendessen, folgen Rotwein und Fernseher. Dann versinken die letzten der 62 Stunden von Freitag 18:00 bis Montag 08:00 Uhr gnädig im Schlaf.

 
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Kommentare
Dreizehn schrieb am 17.01.2010 um 21:46
Die Zeilen hinterlassen nachhaltige Wirkung. Ich weiß nicht, wie's anderen geht, hier gibt's ja auch lustige Winkel, ist auch nix gegen zu sagen.

So ist wohl das Leben in diesen Tagen, und es gehört Mut dazu, das aufzuschreiben - dass es sensationell wäre, wird niemand behaupten.

Aber auch alles ist durchökonomisiert und wir wissen gar nicht, wie sehr wir diese Strukturen verinnerlicht haben: das Denken in Kategorien von Macht und Herrschaft, von Geltung, von "Ökonomie der Aufmerksamkeit" usw. usf. Viele praktizieren das auch während der 62 Stunden, auch im Urlaub und kriegen da ein ganzes Leben mit durchgeblättert.

Wer nach was anderem sucht, der schreibt eben solche Texte auf. So würd ich das verstehen, danke auch.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 17.01.2010 um 22:04
Gefällt mir gut, der Text und die Gefühle, die du beschreibst - dieses, was fang ich mit der Zeit an, und bin ich wirklich so allein - kenne ich von der Zeit, als ich neu in der Stadt war. Nicht leicht.
So ein Wochenende kann lang sein, und ist doch am Montag viel zu schnell vorbeigegangen.

Da kommt es vor, dass man richtig erleichtert ist, morgens wieder zur Arbeit zu können.

Was bedeutet sockiedolly?

LG Feli
Alien59 schrieb am 18.01.2010 um 09:37
So unterschiedlich kann man Leben empfinden. Bei mir war das Abschließen der Bürotür am Freitag immer mit dem Gefühl von "Freiheit, na endlich" verbunden - und ich genoss diese 62 Stunden, nach Möglichkeit ganz für mich, jedes Telefonklingeln fand ich störend.

Aber gut geschrieben, danke fürs Lesevergnügen.
Magda schrieb am 18.01.2010 um 13:23
Das einzige, was ich zu maulen habe, ist das zu wenig Absätze drin sind.

Ich mache bei längeren Texten auch manchmal Zwischenzeilen.

Ansonsten - gut und einfach erzählt, diese sehr schöne, aber auch bedrückliche Lebensbeschreibung. Mir war sonderbar zumute. Ich erinnerte mich an Zeiten - das ist viele Jahre her - als es mir genau so ging. Ab Freitag abend war ich einsam. Manchmal habe ich das Haus überhaupt nicht verlassen. Und gelebt habe ich mit dem Fernsehprogramm. Serienhelden waren meine Freunde. Eigentlich schrecklich. Allerdings waren zu "meinen" Zeiten die Gelegenheiten, in eine Kneipe zu kommen, noch viel geringer, für eine Frau ohnehin.

Aber bei Ihnen ist es ja ein bisschen anders: Sie haben viele Freunde und Bekannte an einem anderen Ort und sind nun durch die Arbeit vereinsamt. Das wird sich doch noch ändern, vielleicht nicht gleich.

Bitte von mir: Weiter erzählen, denn nicht nur ich finde sowas interessant, wie die Kommentare ja zeigen.
Dreizehn schrieb am 21.01.2010 um 19:38
..ganz ehrlich, ich finde diesen Text von Dir völlig überzeugend. Und ich verstehe gar nicht, weshalb Du, anstatt dass Du so weitermachst, da vorne - wenn Du mir diese Formulierung bitte mal nicht übelnimmst - einfach so abdrehst. Richtig schade. Aber so isses wohl. Grüße von Dreizehn
sockiedolly
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