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Guter Journalismus braucht Ressourcen: Nachwuchsjournalisten protestieren mit einer Online-Petition gegen den Sparkurs der Verleger.
Nachwuchsjournalisten haben auch etwas zu Ihrer eigenen Zukunft zu sagen, die gerade an anderer Stelle entschieden werden soll: Bei den Tarifverhandlungen für Tageszeitungen. Wer in Zukunft als Journalist bei einer Zeitung eingestellt wird, soll nach den Plänen der Verleger bis zu 30 Prozent weniger verdienen als bisher. Schüler von zwölf deutschen Journalistenschulen haben einen offenen Brief an die Zeitungsverleger geschrieben. Hier geht es direkt zur Online-Petition. Interessant auch die Pro- und Contra-Debatte.
Und hier der Brieftext im Original:
An: die Zeitungsverleger in Deutschland
Sehr geehrte Zeitungsverleger in Deutschland,
wir sind der Journalistennachwuchs in Deutschland. Sie haben vielleicht schon einmal von uns gehört. Sie sind gerade dabei, über unsere Zukunft zu entscheiden. Mit einem Billiglohn wollen Sie unsere Berufsaussichten kaputt sparen. Auch wenn Sie oft etwas anderes behaupten, Sie gefährden dabei auch die Zukunft des Journalismus.
Journalismus ist schon jetzt für viele ein zunehmend unattraktiver Beruf. An den Universitäten und Journalistenschulen erfahren junge Journalisten früh, wie schlecht die Arbeitsbedingungen im Medienbereich geworden sind. Viele von uns erleben, wie Freunde sich vom Journalismus abwenden. Sie gehen lieber in die PR oder suchen sich andere Jobs mit besseren Zukunftsaussichten. Die Verlage werden schon bald Probleme bekommen, noch genug gute Bewerber zu finden. Sehr geehrte Verleger, ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie in Begriff sind, mit Ihrer Honorar- und Lohnpolitik viele sehr gute Leute vom Journalismus abzubringen? Wer möchte am Ende noch für Sie arbeiten, wenn Sie nun die Löhne nochmals drastisch kürzen?
Bei allem Respekt: Wir glauben, dass derzeit von den Universitäten und Journalistenschulen der am besten ausgebildete Journalistennachwuchs kommt, den es in Deutschland jemals gab. Viele von uns arbeiten seit Jahren zielstrebig auf einen Beruf als Reporter oder Redakteur hin. Wir haben schlecht bezahlte Praktika in Ihren Verlagen gemacht und jahrelang für Zeilengeld gearbeitet. Wir haben studiert, kennen uns in Spezialgebieten in Politik, Wirtschaft oder Kultur aus, haben Auslandserfahrung, sprechen mehrere Sprachen. Wir können schreiben, Videos drehen, kennen uns mit den Techniken des Web 2.0 aus. Wir sollen in den Verlagen Wochenenddienste schieben, Abendtermine wahrnehmen, uns tief in gesellschaftliche Probleme einarbeiten und Überstunden machen, die wir natürlich niemals bezahlt bekommen. Und jetzt soll auch noch das Einstiegsgehalt für junge Journalisten um 30 Prozent gekürzt werden?
Wir sind Idealisten. Wir lieben diesen Beruf. Und wir glauben, dass Medien eine wichtige Rolle in der Demokratie spielen. Aber wissen Sie was? Wenn Sie die Löhne so drastisch senken, geben Sie uns das Gefühl, dass Sie nicht mehr so recht an den Journalismus glauben. Es wirkt auf uns, als wären Zeitungen für Sie nur noch Spekulationsobjekte, die bis zum endgültigen Zusammenbruch des Geschäftsmodells eine größtmögliche Rendite abwerfen sollen. Aber Journalismus hat eine Aufgabe. Was wäre sonst mit der vierten Gewalt? Wer soll für Ihre Leser das Wichtige vom Unwichtigen trennen können, gesellschaftliche Entwicklungen einordnen und erklären?
Sie sprechen gerne vom Qualitätsjournalismus. Für Qualität braucht man gute motivierte Journalistinnen und Journalisten. Leser kaufen Medienprodukte, weil sie dort sorgfältig recherchierte Nachrichten und Geschichten erwarten. Wir glauben an die Zukunft des professionellen Journalismus. Doch wie wollen Sie sich, sehr geehrte Verleger, am Markt behaupten, wenn Sie gleichzeitig Redaktionsbudgets kürzen, Stellen streichen und das Lohnniveau absenken? Ist es nicht so, dass ein Unternehmer in eine Sache investiert, an die er glaubt? Auswahl, Analyse, Einordnung, Sachverstand in Spezialgebieten, das sind die Stärken des anspruchsvollen Journalismus. Das sind Zeit- und arbeitsintensive Qualitätsfaktoren. Im Billig-Journalismus wird es genau daran fehlen.
Wir danken den vielen Kollegen bei vielen Zeitungen, die in den letzten Wochen deutlich gemacht haben, dass sie an eine Zukunft für den Journalismus glauben. Sie haben sich mit ihren Aufrufen und Streiks auch für unsere Zukunft eingesetzt.
Sehr geehrte Verleger, zeigen Sie, dass auch Sie an den Journalistennachwuchs und die Zukunft des Journalismus glauben. Wir fordern Sie auf, die Pläne für ein neues Tarifwerk zu verwerfen. Wer guten Nachwuchs möchte, muss auch faire und angemessene Bezahlung bieten. Das erwarten wir.
München, den 02. Juli 2011
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Ich finde, Sie sollten noch einige Sachen lernen, Sonja Peteranderl. Ihr Anliegen ist zwar gerecht, aber Ihre Argumente... hm.
"Bei allem Respekt: Wir glauben, dass derzeit von den Universitäten und Journalistenschulen der am besten ausgebildete Journalistennachwuchs kommt, den es in Deutschland jemals gab." Nee, echt? Haben Sie Ihre Genialität patentiert oder überlegen Sie noch? "Viele von uns arbeiten seit Jahren zielstrebig auf einen Beruf als Reporter oder Redakteur hin." Klar, Ihr seid die ersten, die so etwas tun. Vorher ist keiner dazu gekommen. "Wir können schreiben, Videos drehen, kennen uns mit den Techniken des Web 2.0 aus." Das alles können auch Schüler machen oder z.B. unbezahlte Blogger, die aus ganz anderen Branchen kommen. Ich hoffe, Sie kommen jetzt nicht auf Behauptung, dass ALLE gelernte Journalisten besser als ALLE ungelernte Blogger schreiben? Und im Übrigen haben auch die Journalisten aus vorigen Generationen die Techniken beherrscht, die damals zeitgemäß waren, z.B. Fotografieren. Es ist also nicht Neues, dass Sie moderne Geräten benutzen, wie z.B. Computer. Es sind nur die Geräte anders, aber die journalistische Fähigkeiten nicht. Sie schreiben "Wir sind Idealisten" und stellen gleichzeitig Forderungen nach mehr Geld für Eure Arbeit, und begründen diese Forderungen gerade damit, dass Ihr Idealisten seid. Das ist Absurd. Die Forderung nach mehr Geld ist zwar in Ordnung, aber was hat es damit zu tun, dass Ihr Idealisten seid bzw. sich dafür haltet? Idealisten arbeiten nicht fürs Geld sondern für die Idee. Das ist zum einen. Und zum anderen, die Verleger, die Ihr anspricht, sind MIT SICHERHEIT keine Idealisten... glaubt Ihr tatsächlich, dass man sie mit solchen Argumenten überzeugen kann? "Und wir glauben, dass Medien eine wichtige Rolle in der Demokratie spielen." Was für eine Demokratie? "Leser kaufen Medienprodukte, weil sie dort sorgfältig recherchierte Nachrichten und Geschichten erwarten." Aber ja. Genau deswegen kaufen die meisten Leser BILD, BRAVO und irgendwelche Frauen- bzw. Männerzeitschriften. Weil sie da "sorgfältig recherchierte Nachrichten und Geschichten" erwarten. "Auswahl, Analyse, Einordnung, Sachverstand in Spezialgebieten, das sind die Stärken des anspruchsvollen Journalismus. Das sind Zeit- und arbeitsintensive Qualitätsfaktoren. Im Billig-Journalismus wird es genau daran fehlen." Warum? Ihr seid doch Idealisten und die Arbeitszeit ist sowieso nach Vertrag geregelt, d.h. ob Ihr 30 % Lohn mehr oder weniger bekommen, die Arbeitszeit bleibt gleich. Und Eure Bildung ist doch prima, wie es hier behauptet wird. Warum wird dann Journalismus nicht mehr so qualitativ? Nein, im Ernst: Idealismus als Marktkriterium? Je idealistischer, desto besser bezahlt? Der Gedanke hat was in sich. Innovativ ist es auf jeden Fall. Die Sache ist nur, dass die absolute Mehrheit der Verleger keine Idealisten brauchen, sondern genau den Gegenteil davon. Aber Ihr werdet Euch schon anpassen. Wenn ihr das, was hier stattfindet, als Demokratie bezeichnet, dann seid Ihr schon mal auf dem besten Wege, sich anzupassen... |
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Auseinandersetzung mit Argumenten ist immer gut, daher erstmal: vielen Dank! Teilweise mögen Sie recht haben, teilweise lässt sich über die Argumente in dem Brief ebenso wie über Ihre Argumentation sicher streiten. Ich habe leider in diesem Moment keine Zeit, mich damit detaillierter auseinanderzusetzen, hoffe aber, dies bald nachholen zu können.
Ganz kurz: Ich glaube, dass die Petition ganz grundsätzlich eine gute und wichtige Sache ist, vor allem der öffentlichen Diskussion wert ist (ob sie Wirkung zeigt, sei dahingestellt) und habe sie deshalb an dieser Stelle verbreitet. Weder der Brieftext, noch die Petition sind allerdings von mir - ich dachte, das würde deutlich werden, unter anderem durch die Kennzeichnung: "Und hier der Brieftext im Original:" (siehe oben). Ihre Contra-Argumente können Sie also, wenn Sie Lust haben, auch direkt an die Verfasser richten (Link siehe oben). Schöne Grüße, Sonja |
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"Nein, im Ernst: Idealismus als Marktkriterium? Je idealistischer, desto besser bezahlt?"
Das ist mal eine Idee! |
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"Nein, im Ernst: Idealismus als Marktkriterium? Je idealistischer, desto besser bezahlt?"
Das ist mal eine Idee! |
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schrieb am
09.07.2011 um 13:36
@Sonja Peteranderl schrieb am 09.07.2011 um 13:22
"Weder der Brieftext, noch die Petition sind allerdings von mir - ich dachte, das würde deutlich werden, unter anderem durch die Kennzeichnung: "Und hier der Brieftext im Original:"" Ich weiß, daher habe ich ja auch in Plural geschrieben. Ich bin aber davon ausgegangen, dass Sie die Thesen des Textes teilen und unterstützen, zumal Sie ja diese Petition hier eingestellt haben. War aber auch nicht als Angriff gemeint... ein bisschen hohgezogen habe ich schon, aber als angehende Journalisten muss man schon bereit sein, damit umgehen zu können ;) :) Schöne Grüße Lara |
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schrieb am
09.07.2011 um 13:38
@abghoul schrieb am 09.07.2011 um 13:23
Du warst so lange nicht da und das ist SO gemein!!!! Ist Dir was passiert? |
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Naja, "Real Life" halt, frei nach dem Motto "Irgendwas ist immer"
Ich meld mich aber hiermit offiziel als wieder zurück! OnTopic: Eigentlich gefällt mir der idealistische Ansatz, nur sind die Verleger da vielleicht die falschen Adressaten. Andererseits würde mir wohl eine perfekt an die Verleger adressierte Petition sehr übel aufstossen und mich nicht zum schmunzeln bringen. Verdammt zweischneidiges Schwert das... |
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schrieb am
09.07.2011 um 14:38
Du stehst jetzt unter (moralischem) Vertrag und darfst nicht mehr weg... ;))))
Um Verleger ging es mir auch nicht, denn die meisten von denen würden sie ja sowieso nur ein Argument begrüßen, und zwar "Befehl mir, mein Herr!". Ich glaube, da gibt es überhaupt keine vernünftige Thesen, die an denen ankommen würden. Aber öffentlicher Protest ist schon mal ein Argument in sich... d.h. Zeichen setzen, Grenzen setzen, widersetzen. Nur, ich fand, dass in dieser Petition so ziemlich viele innere Widersprüche gibt, und, na ja, für angehende Journalisten, die ihre Ausbildung (fast?) hinter sich haben, Praktiken gemacht haben etc., sind die Formulierungen ziemlich naiv... eigentlich sollten sie besser wissen, in welcher Welt sie leben und in welchen Beruf sie einsteigen. Dass ich hochgezogen habe, war nicht böse gemeint... meine Tochter hat gestern auch gemurkst, dass ich ihr die Ohren ziehe, während sie mir über Liebeskummer berichtet... aber diese Teenis mit Liebeskummer sind etwas an sich Besonderes, ich konnte mich einfach nicht zurückhalten, ich dachte, ich werde vom Lachen gleich unter den Tisch fallen... na ja, nach dem die kleine Makake das ganze Feuer ausgespuckt hat, fing sie auch an zu kichern und war mit dem Leben so ziemlich zufrieden... also halb so wild. |
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jaja,.. dafür ganz umsonst eine von abghoulies bösen Weisheiten:
"Das Leid anderer, ein Quell unendlicher Freude" Womit wir auch wieder bei den Journalisten wären ;) |
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schrieb am
09.07.2011 um 15:17
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Lieber Sonja Peteranderl,
nicht nur habe ich die Petition unterschrieben. Ich finde es darüberhinaus traurig, dass statt des Anliegens der sog. Vierten Gewalt andere, nennen wir sie subjektive Sichten auf irgendwelche feuilletonistische Themen, Relevanz in der vorliegenden Publikationsplattform erhalten haben. Damit reduziert sich jene Gewalt auf die der Brötchengeber, die sich zudem (und damit nenne ich nicht nur die AGB des vorliegenden Forums, sondern eine mittlerweile gängige Praxis aller größeren Verlage) sämtliche Verwertungsrechte an Artikeln sichern, die gelegentlich als bezahlte Inserts in strategisch parallel ausgerichteten Publikationen erscheinen. Das ist bei Freitag zwar noch nicht der Fall gewesen, aber wer weiß das schon für die Zukunft. Von dem Traum an Gewinnmargen vor der sog. Finanzkrisen und dem daraus folgenden Zusammenbruch des Werbemarktes will sich die Verlegerschaft hierzulande einfach nicht trennen. Der Hebel wird also dort angesetzt, wo anscheinend die leichtesten Gewichte der Ausbalancierung sitzen. Dass der Nachwuchs sich dagegen wehrt, ist ein sehr gutes Zeichen! Beste Grüße, e2m |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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