Der stille Betrachter denkt sich: “Mann, leben wir heute in einer eitlen Gesellschaft.” Ist sie eitel, oder schon narzisstisch? Ist es überhaupt noch eine Gesellschaft oder ist es ein Haufen von Egomanen?
Jetzt nehmen wir einmal die Kolpingsfamilie als Beispiel. Eine soziale Einrichtung in der sich Menschen zum frewilligen Dienst an Menschen getroffen haben. Da gab es eine Suppe oder man hat für den guten Zweck auf dem Bauernmarkt Gebäck verkauft.
Heute gibt es ein soziales Netzwerk, aber Dienst am Menschen? Pustekuchen! Da posaunen die Ichs ihre Befindlichkeiten in das weite Web hinaus und schauen alle paar Minuten nach, ob nicht endlich einer Ihrer Jünger einen Kommentar zu Ihrem jüngst veröffentlichten Eintrag abgegeben hat. Jünger heißen natürlich Follower, weil Jünger klingt ja schon wieder zu sehr nach Kolping.
Wir sehen: Eine sehr egozentrische Sache, weil ich gebe preis und will gepriesen werden. Aber als kleines Dankeschön an die Gesellschaft bin ich vielleicht einer der 40.000 Follower von Sascha Lobo und preise den ein bisschen.
Überhaupt macht es mir Spaß, immer mehr Egoismus zu entdecken. Das ist ja nicht nur in sozialen Netzwerken so. Zum Schmunzeln ist die Geschichte, in der ein Bekannter seine Frau zum Hochzeitstag nach Hamburg eingeladen hat. Sie denkt sich natürlich wunderwas Romantisches und als sie dann dort sind erklärt er feierlich: “Ich laufe heute einen Marathon für Dich!” Ja, da ist ihr die Kinnlade schon heruntergefallen. Der kleine Egoist wollte natürlich nur ohne Ärger am Hochzeitstag nach Hamburg zum Marathonlaufen.
Und wo wir gerade beim Laufen als Ausdruck des Ichs sind - als Kind musste meine Mutter mich immer beinahe in die Strumpfhosen prügeln. Heute gehen erwachsene Männer freiwillig in Strumpfhosen Dauerlaufen. So ist das.
Vergleiche: Klaus Raab, der Freitag - “Über ich ist wir” [1]
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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