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Bei Schneefall ereilen selbst den gemeinen Gorilla zuweilen seltsame Ereignisse. Daher belieben wir heute nicht zu Scherzen, sondern übermitteln diese Nachricht aus dem Reich der Toten und Totgeglaubten.
Eine Geschichte von "Postmortem".

Das Zeittor In Berlin ist Berlinale, in Köln Karneval und in MeckPomm die Hölle los, die Schneehölle. Wäre ich ein Inuit, könnte ich es sicher schöner beschreiben. Die sollen ja viel mehr Vokabeln dafür haben. Fräulein Smilla, Ihr wisst schon. Die Milchsuppe da draußen fasziniert aber auch den indigenen Uckermärker. Flaches Land, oben alles hellgrau, unten alles hellgrau, neblig, milchig, unscharf. Nur ein paar dunkelgraublassbräunliche Einsprengsel, dürres Gezweig, Mistelbüschel, Schilfrohr, Trockenunkraut. Und es schneit und schneit. Man sieht keine Flocken. Es scheint eher, als fiele der Nebel als Feinstaub auf die Erde. Was heißt fallen, er wird beinahe waagerecht übers Land geblasen. Der Wetterbericht nennt das neuerdings Schneefegen. Das Zeug bleibt nur dort liegen, wo sich ein wenig Windschatten findet. Würden die Ingenieure der Autoindustrie wenigstens im Winter die Eisenbahn benutzen, könnten sie sich teure Windkanalstudien sparen. Die Abrisskanten der Schneewehen an den Böschungen beidseits der Gleise sehen haargenau so aus wie heutzutage die an den Autohecks. Der Intercity ist pünktlich um 7:01 h in Erfurt gestartet und fährt an jedem Bahnhof genauso fahrplangerecht ein wie aus: Halle, Bitterfeld, Gesundbrunnen, Eberswalde, Prenzlau. Um mich herum wird mit Blackberrys telefoniert, mit iPods Musik gehört und mit UMTS-Sticks im Internet gesurft. Einige Mitreisende unterhalten sich auch. Man scheint in Ferienstimmung zu sein. Dieses Gefühl hab ich immer, wenn ich in Richtung Ostsee unterwegs bin. Vorfreude auf C., U. und den kleinen Mann, der mal Adamski war. Semestertreffen in Binz. Und bevor ich da oben ankomme, kann ich ein paar Blicke auf die alte Heimat werfen. Der Zug zieht mit 150 km/h wie ein heißes Messer durch die Butter seine Bahn durch die Landschaft. Die Federung und die Heizung funktionieren einwandfrei. Nein, ich wünsche keinen Kaffee! Ein junger Typ unter Kopfhörern lässt mich an seinem Dubstep teilhaben. Es gibt schlimmeres. Aber die junge Frau auf der anderen Seite hat Led Zeppelin auf ihrem iPod. Find ich cool. Hey, hey, baby, when you walk that way / watch your honey drip, can’t keep away. Hölzerne Telefonmasten mit Drähten, die um Porzellanpuppen gewunden sind, Rehe in Mulden geduckt, ein paar Krähen, ein gewundenes stahlgraues Band mit einem Schwan darauf, das ist die Ücker, dahinten der Hügel, auf dem damals noch die Ruine einer Bockwindmühle stand. Längst habe ich meinen ‚Freitag’ weggelegt und schaue auf das, was auch der alte Fontane schon gesehen haben mag. Pasewalk - hier fährt der Zug zwar pünktlich ein - aber nicht mehr raus. Mir fällt das erst auf, als die Dame mit dem angenehmen Timbre und der schlechten Englisch-Phonetik freudig erregt davon spricht, dass unser Zug nicht weiter-, sondern in 3 ½ Stunden fahrplanmäßig nach Erfurt zurückfahren wird. Wegen erhöhten Schneeaufkommens – ihre Worte, nicht meine – sei die Strecke nach Stralsund ab sofort nicht mehr befahrbar. Auch Schienenersatzverkehr könne nicht angeboten werden. Sie empfehle allen Reisenden, „an ihren Ausgangsort zurückzukehren.“ Nein, es gibt keinen Aufschrei, es wird gekichert, man zückt die Telefone. Was ich in wenigen Minuten alles aus dem Leben wildfremder Leute erfahre, würde für etliche Blogbeiträge reichen. Meine heiter-melancholische Stimmung scheint mit Fatalismus einherzugehen. Ich werfe meine Klamotten über und melde mich bei der Zugbegleiterin zu einer Wanderung in die Stadt ab. „Wat wollnse denn da, hier is doch nüscht!“ „Hier vielleicht nicht, aber hier,“ sag ich und tippe an meine Stirn. Sie grinst unsicher, vielleicht hat sie nicht verstanden, was ich meine. Ich gehe über den Vorplatz. Drei Menschen, ein Auto, kein Bus. Das Bahnhofs-Hotel, einst das 1. oder 2. Haus von insgesamt 2 Häusern am Platz, ist eine eingezäunte Ruine, der Schriftzug noch erkennbar, der schöne Balkon mit dem Jugendstilgitter aber kurz vor’m Absturz. Die Schneelast wird von Minute zu Minute größer. Kaum Leute auf der Straße, ein, zwei Kapuzenjungs und eine Kopftuchfrau. Ein Auto rollt langsam vorbei. Jemand hat den Ton abgestellt. Ich fühle mich, als hätte ich Wasser in den Ohren. Der Film läuft im Graustufenmodus. Ich rutsche aus und sitze in der Watte. Ein rabenschwarzes Tier steht vor mir. Black Dog und ich, eine Begegnung auf Augenhöhe. Ich fletsche nicht die Zähne, und er auch nicht. Sieht mich nur an, aus schwarzen Augen, als studiere er mich. Ich sage nichts, und er auch nicht. Komisch, dass ich keine Angst habe. Als ich mich umständlich aufgerappelt habe, ist er verschwunden. Kein Herrchen, kein Frauchen und auch sonst keine Menschenseele zu sehen. Plötzlich habe ich das Gefühl, vom Wege abgekommen zu sein. Hier is nüscht, kein Geldautomat, kein Restaurant. Aber da vorn schippt jemand Schnee, eine zierliche Person mit einer riesigen Schaufel. Als ich vor ihr stehe, kriege ich den Mund nicht auf. Es ist Petra! So brünett wie Claudia Cardinale, mit dem Leberfleck von Norma Jeane Baker, unsere Klassenschönheit! Der letzte Tag der letzten Sommerferien, die Nacht war es eigentlich, fällt mir sofort wieder ein. Es war die allerletzte Gelegenheit, immerhin nicht auch verpasst, wie alle anderen zuvor. Als wir uns das nächste Mal sahen, war sie schon schwanger. Nicht wegen mir. Ich stehe und glotze, unfähig, einen Ton herauszubringen. Sie ist keinen Tag gealtert! Der Hund, denke ich, Black Dog! Ich bin auf Zeitreise. 1978, der Katastrophenwinter! Und wie komme ich jetzt zurück?! Die süße 16jährige nimmt die Headphones herunter. „Is watt?“ „Äh, Verzeihung, heißt Ihre Mutter zufälligerweise Petra?“ „Nee, meine Oma! Jeht dir dat wat an, Opa?“ Oma? Mit 17 Mutter, mit 34 Großmutter, mit 50 ne 16jährige Enkelin? Das soll’s geben. Ich staune immer noch und bemerke den Streifenwagen erst, als er neben uns hält. „Allett okeeh, Vanessa?“ „Ja, ja, Onkel Jürgen.“ Eine ziemlich rundliche, vermummte Frau verlässt das Haus. „Oma, der Typ hier will wat von dir.“ Vanessa kriegt sich nicht ein vor Lachen. Die Frau guckt mich an, ich gucke sie an. Schwarze Augen, wie Vanessa, wie der Hund. Sie sagt nichts, und ich sage nichts. Mir fällt ein, dass ich unrasiert bin und Ohrenschützer trage. „’tschuldigung, sie hat mich an jemanden erinnert.“ murmele ich. „War wohl ne Verwechslung.“ Ich gehe, rutsche aus und sitze in der Watte. Rappele mich wieder hoch, gehe weiter. Vanessa, Petra und Onkel Jürgen schauen mir nach. Das Kaufhaus, wo wir damals nach Jeans anstanden, heißt jetzt Woolworth. Ich atme auf. Die Zeitreise ist vorbei. Beim Türken haben sie keinen Ayran, dafür Lübzer Pils. Während ich esse, sagt ein kleines Kind zu seiner Mutter 12 Mal den Satz:“Mamma, jehn wa jezzu Wollwohr?“ Als ich am Abend wieder in Erfurt aus dem Zug steige, wird mir per Lausprecher erklärt, dass alle Züge Richtung Suhl wegen „erhöhten Schneeaufkommens“ ausfallen.

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Schöne Geschichte für alte Knaben.
Dazu ein Pasewalk on the wild side. Könnte petrazeitlich passen. |
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Hallo born2bmild, bist Du Pasewalker?
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beetobee,
meinste dit? |
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Meine Herren, was ist das für ein Video-Vandalismus unter diesem besinnlichen Text.
Das ist falsch. |
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@goedzak
Nein, Deppenwolf. @luggi Unterschied? @Wintergorilla Ich bereue und korrigiere: |
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@b2b
Größe? Nee, dein Video wurde eine Weile in meinem Browser nicht angezeigt. Da dachte ich, dass der object-tag nicht funktionieren würde. Kannst du aber bei der Kommentarleitung als löschfähig melden. |
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@luggi
Dein Format ist besser zu laden. Bitte erklär mir mal, wie ich die Größe verringern kann |
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@ born2bmild
Deppenwolf? Schließt sich da aus? Kann ein Pase-Walker kein Deppenwolf sein? |
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@b2b
neben der Zeile zum einbetten ist ein Zahnrad (Button); da drauf klicken und du bekommst die Konfigurationsmöglichkeiten für Größe und Rahmenfarben; je nachdem, was du anklickst, verändert sich der Einbetten-Code; nach Änderung mark-copy-paste; die Größe kann nachträglich im Editfenster bearbeitet werden; musst aber auf Proportionalität achten; macht sich am besten mit Taschenrechner; z.B. 320 minus 20% und 265 minus 20%; wenn das Bildmaterial Mist ist und nur der Ton ist von Interesse, dann machst du Höhe=0 |
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@luggi
Vielen Dank für die Hilfe! @goedzak Die Perle Pasewalk kenne ich nicht. Und bin als Deppenwolf einzig. |
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die geschichte gefällt mir, sehr atmosphärisch, und ich fühlte mich auch sofort an diesen winter ende 70er erinnert, als wir (ohne ipod und mobiltelefon) in schönebeck (bei magdeburg) festsaßen, aber da funktionierte die berüchtigte mitropa noch, die bahnhofsgaststätte, man trank grog und schloß bekanntschaften ...
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Ich stand am 31. Dezember 1978 vormittags geschlagene 2 Stunden bei Frost und Schneesturm am damals noch existenten Triebwagenhaltepunkt Grünberg, in der verzweifelten Hoffnung, die Ferkeltaxe käme durch ein Wunder doch noch, und ich könnte Silvester mit Kumpels in Berlin verbringen. War natürlich ne Illusion. Was blieb: Die Neunte im DFF angucken...
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Ich schließe mich meiner vorschreiberin, jayne, an.:-)) So Reminiszenzen, gut erzählt, das "liest sich" einfach.
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Dito. Schöne Bilder, Erinnerungen - ja, auch an diesen Wahnsinnswinter 78-/79.
Und an die Uckermark, wenn auch später. |
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Ich hab den Beitrag in den Schaukasten gestellt.
Viele Grüße, Tessa |
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Wir bedanken uns im Namen des Autoren und werden versuchen das Lob weiterzugeben.
Bei einem der Esel aus dem Streichelzoo soll es sich um ein Medium handeln, wir werden den mal zu einer Séance einladen. |
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Eine Geschichte, die irgendwie unter die Hut geht.
Daran sieht man, daß Zittore einen wesentlich größeren Wert haben als die immer gern in modischen Mündern geführten "Zeitfenster". |
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@I.D.A. Liszt
Eine Geschichte, die irgendwie unter die Hut geht. Ob das sein muß, daß du mich derart wirrst, ver-? Erst dachte ich, der Kommentar ist von "Ich" (wegen dem Hut), dann fiel mir der Grammatikfehler auf (die Hut) und dann erst ist mir klargeworden, daß auf deiner Tastatur das "a" klemmt. Übrigens klemmt bei dir auch das "e" - "Zittore". Da dachte ich auch erst, es handele sich um einen Begriff aus dem Italienischen... Ciao Wolfram |
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schrieb am
17.02.2010 um 17:19
"Zittore" ist sehr, sehr schön. Sollte man ins Italienische schmuggeln.
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schrieb am
17.02.2010 um 17:24
Klemmt die Tastatur /
so kann ich nix dafur. |
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Q Wolfram Heinrich:
Irgendwann kaufe ich mir eine neue Tastatur. Versprochen! Großes Indianer-Ehrenwort! Es gefällt mir auch nicht, wenn ich so verklemmt erscheine ... |
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@Rainer Kühn
Der Text ist lang! Das macht keinen Spaß. Ob das Amüsement nicht vielleicht auch vom Inhalt abhängt? Ciao Wolfram |
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Der Text ist lang,
das macht Spaß (34 Jahre lang!) Hoffentlich findest Du noch öfter solche Tore:-)) |
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Lieber postmortem;
danke fürs Hin-Schauen und Erzählen, für die Bilder, die präzise Sprache und den feinen Humor... Ich habe den Blog mit großem Vergnügen gelesen. Und: Er erinnerte mich an jemanden, der hier mal schrieb und jetzt fehlt... Vielleicht hat er ja auch seinen Enkel geschickt? Anette |
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Totgeglaubte leben vielleicht auch einfach länger. Oder öfter.
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Wie eine Katze, neun Leben oder so?
Oder es gibt die Gnade der Wieder-Geburt :D |
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Wenn man dem Namen ("pränatal") glaubt, scheint sie ja schon stattgefunden zu haben. ;)
Och, nur neun Leben? In Pasewalk scheint man nicht oft genug vorbei kommen zu können... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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