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Kommentare von hinten links

11.12.2009 | 11:25

Ein Beitrag (fast) ohne Minarette

Ich bin Agnostiker. Ich glaube, dass es Gott gibt. Ich glaube allerdings nicht, dass das sonderlich viel mit unserem irdischen Leben zu tun hat, und für mich ist das eine gute Sache. Ich bin großgeworden bei einer alleinerziehenden, feministischen katholischen Theologin, deren Welt- und Glaubensbild bei mir spätestens mit 16 den Eindruck einer fragmentierten Festplatte erweckte - es ist was da, aber es macht nicht wirklich Sinn und es ist schwer zu glauben, dass es mal zusammen passte. Meine eigene Sympathie für die Kirche ist spätestens bei meiner lächerlichen Erstkommunion gestorben, als unsere Erzieherinnen daran scheiterten, mir verständlich zu machen, was uns gegenseitig die Buchstaben unserer Vornamen auf den Rücken zu malen mit Glauben zu tun hat. Sympathisch sind mir Teile des säkulären Humanismus in den USA.

Ich möchte hier noch kurz darauf hinweisen, dass mein kommender Kommentar nicht in erster Linie als Metapher gemeint ist - er ist in erster Linie wahr. Und als mir die ersten der Gedanken kamen, die ich hier äußere, dachte ich, Minarette seien eine Art von Kaffeetischen.

Nun aber mein Punkt, und der  ist folgender: Ich finde Kirchenglocken unglaublich nervig. Ich lebe in Hörreichweite einer großen evangelischen Kirche und bei unglücklichen Windverhältnissen auch in Hörrichtung einer ziemlich hässlichen katholischen. Da ich zur Zeit auch unter der Woche regelmäßig ausschlafen kann, würde mich  wirklich interessieren, wer die Tradition begründet hat, Gottesdienste so absurd früh zu haben.

Eine Moschee haben wir nicht in der Gegend (oder zumindest wäre sie mir noch nie aufgefallen). Daran mag es liegen, dass ich mit Muezzinrufen kaum ein Problem habe. Ich finde sie ästhetisch ansprechend. Und sie verbreiten schönes Multi-Kulti-Flair.

Ich sage damit nichts über die Religionen an sich. Ich finde beide lächerlich und substanzlos. Ich habe genau das gleiche Problem mit dem Frauenbild eines konservativ interpretierten Koran, das jeder gebildete Sozialliberale haben sollte und ich halte nichts von Al-Qaida.

Ich habe allerdings ein wesentlich größeres Problem mit der katholischen Kirche. Ich sehe in ihr eine gefährliche Organisation, in der eine Gruppe gestörter Erzreaktionärer die Verbrechen einer für einen einfachen Zufall zu großen Zahl von Vergewaltigern, Kinderschändern und Holocaustleugnern deckt, während die liberal-bürgerliche Kirchenbasis um ihre Aufmerksamkeit bettelt und  in verschiedenen Hilfsorganisationen den Verbrechern das Image reinwäscht. Die katholische Kirche betreibt in ihren Hilfsorganisationen Ablasskauf mit dem Geld anderer Leute.

Mir ist auch klar, woher meine Weltsicht kommt. Der Islam wird für mich immer den Bonus kultureller Vielfalt haben, denn fremde Kulturen und speziell die arabische Welt faszinieren mich. Auf der anderen Seite fiel meine (deswegen nicht weniger berechtigte) Abneigung gegen die katholische Kirche in eine Zeit, in der es an meiner durchaus intelligenten und lieben Mutter zu wenig anderes zu kritisieren gab.

Um aber wieder auf den Punkt zu kommen: Mir kam nie der Gedanke, Kirchtürme verbieten zu wollen oder auch nur ein Problem mit ihnen zu haben. Man muss mit dem Lärm von Kirchenglocken genauso leben wie mir dem Baulärm, mit dem auf der anderen Straßenseite gerade ein Haus wärmekosteneffinzient gemacht wird.

Also was genau ist der objektive Unterschied zwischen meiner Meinung und der Abneigung gegenüber Muezzinrufen?

 
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