Spiegelfechter

merkbeFREIt

07.02.2009 | 11:04

George W. Beelzebub

Was für ein Spektakel! Die gesamte Welt blickte gestern nach Washington, wo unter den hoffnungsvollen Blicken von fast zwei Millionen Amerikanern der Messias der Neuzeit die Weltherrschaft übernahm. George W. Bush und sein mächtiger Mentor Dick Cheney, der zur Feier des Tages im Rollstuhl erschien und damit die Metamorphose zum ultimativen Bösewicht abgeschlossen hat, sind nunmehr Geschichte. Nur diese – so will es Bush – soll über sie richten. Die Geschichte wird richten – hart und ohne Erbarmen. Bush wird als inkompetenter Stümper, Massenmörder und Totengräber Amerikas und der westlichen Werte in die Geschichte eingehen. Doch wie wird sich die Welt ohne ihren Lieblingsschurken weiterdrehen? Wohl keine andere Persönlichkeit der jüngeren Geschichte hat derart polarisiert wie George W. Bush. Gegen ihn zu sein, war nicht nur ein politisches Statement, sondern ein sehr einfaches Glaubensbekenntnis – wer Bush kritisiert hat, konnte sich des Beifalls sicher sein und gehörte zu den Guten. Mit dem Ende der Ära Bush wird der politische Dialog wieder komplexer und Inhalte rücken erneut in den Mittelpunkt. Dies wird vielen nicht gefallen, die momentan noch ganz besoffen sind vor Freude, dass Bush nunmehr Geschichte ist.

Wir haben einen Schuldigen!

Jedes Schulkind kennt die Antwort auf die komplexen Fragen der Welt: Wer ist verantwortlich für die Klimakatastrophe? George W. Bush! Wer ist schuld daran, dass es in Nahost keinen Frieden gibt? George W. Bush! Wer ist für die Finanzkrise verantwortlich? George W. Bush! Wer sorgte dafür, dass die westlichen Werte nur noch als Karikatur ihrer selbst wahrgenommen werden? George W. Bush! Bush der Jüngere erfüllte in den letzen Jahren die Aufgabe des prominenten Sündenbocks – einem biblischen Messias gleich, nahm er unfreiwillig die Sünden der Welt auf sich. Immer, wenn auf der Welt etwas grandios in die Hose ging und es Querverbindungen zur US-Politik gab, war der Schuldige schnell gefunden - George W. Bush, der in seinem letzten Amtsjahr eher ein schwarzes Loch für Antimaterie als ein Präsident war. Sogar seine Parteifreunde konnten im Kampf der Diadochen nur eine Chance haben, wenn sie sich möglichst unzweideutig vom Prinzen der Dunkelheit distanzierten.

Sich von George W. Bush zu distanzieren ist auch relativ einfach. Nun gut, vielleicht nicht für den neue Vize Biden und die neue Außenministerin Clinton. Beide sind in Fernsehaufnahmen einer „Address to the Nation“ zu sehen, bei der sie dem Präsidenten enthusiastisch Beifall klatschen. Auf dieser Rede wurde die Nation auf den Irak-Krieg eingeschworen. Opposition und auch innere Emigration sehen anders aus. Der neue Präsident Obama kann hingegen dankbar sein, dass er die Gnade der späten Geburt genießen kann – er klatschte nicht im Capitol, sondern vor dem heimischen Fernsehgerät. Ein Großteil der Bush-Kritiker aus den politischen Eliten diesseits und jenseits des Atlantik machte den Mund auch erst auf, als das Kind offensichtlich in den Brunnen gefallen war. Auch das amerikanische Volk, das nun nichts mehr von Dubya wissen will, und ihm mit 29% Zustimmung eine Beliebtheit attestiert, die nur noch von Naturkatastrophen unterboten wird, hat George W. Beelzebub dennoch zwei mal ins Amt gewählt.

Von Deutschland lernen heißt siegen lernen

Hitler-Vergleiche sind ein böses Fettnäpfchen, um das man lieber einen großen Bogen machen sollte. Justizministerin Däubler-Gmelin mußte einst den Hut nehmen, als sie Bush indirekt mit „Adolf Nazi“ verglich. Schaut man aber nicht auf die Person Bush, sondern auf die Projektionsfläche Bush, so ist ein Vergleich durchaus statthaft.

Auch die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich wurden vor allem auf die Person Adolf Hitler projiziert. Der Oberschurke, der ein ganzes Volk in seinen Bann zog, lud – so die gefällige Geschichtsklitterung der jungen Bundesrepublik – alle Schuld auf sich. Die jubelnden Massen waren demnach nur Opfer. Auch den Amerikaner gefällt die Opferrolle gut. Wer hätte denn wissen können, dass die Regierung Bush die „Beweise“ für den Irak-Krieg nur erfunden hat? Wer wußte von Folter in Guantanamo und anderswo? Die halbe Welt wußte davon, nur die Amerikaner wollten dies nicht wahrhaben, sie wollten es nicht einmal wahrnehmen. Die düsteren Seiten der eigenen Geschichte lassen sich viel leichter verarbeiten, wenn man sie auf eine einzelne Person abwälzen kann. Was Hitler für die Deutschen und seine Mitläufer, ist Bush für die Amerikaner und seine Mitläufer – eine Projektionsfläche, auf der man seine eigene Schuld abladen kann. Das ist sehr bequem.

Einzelfall Bush?

Bushs katastrophale Politik hat die USA in eine tiefe Krise gestürzt – aber ist sie historisch singulär? Bush hat den Afghanistan- und den Irak-Krieg aus politischen Erwägungen heraus geführt und die Welt belogen, um dies rechtfertigen zu können. Everybodys Darling John F. Kennedy hat aber auch bereits militärische Operationen jenseits der Legalität durchführen lassen (z.B. Schweinebucht) und hat aus politischen Erwägungen heraus die Krise in Vietnam zum Krieg eskalieren lassen. Lyndon B. Johnson begründete den Krieg mit dem berüchtigten Tonkin-Zwischenfall – einer Lüge, wie man heute weiß. Bush setzte auf Unilateralismus, als er den Irak ohne Zustimmung der UN überfiel. Auch Everybodys Darling Bill Clinton erklärte Jugoslawien den Krieg, ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates. In Deutschland mag dieser Völkerrechtsbruch gnädiger bewertet werden, da Deutschland damals selbst auf der Seite der Aggressoren stand – beim Irak-Krieg bewahrte nur die Kanzlerschaft Schröders das Land vor einer Teilnahme an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Angela Merkel war damals in ihrer Rolle als Oppositionsführerin nur all zu erpicht darauf, der Koalition der Willigen beizutreten. Bush galt als Verfechter des Neoliberalismus, und die Kredit- und Finanzkrise wird ihm ebenfalls angelastet. Man sollte allerdings nicht vergessen, dass die Entwicklungen, die zur Finanzkrise führten, keineswegs von George W. Bush ausgelöst wurden, sondern in ihrem Kern auf die marktliberale Politik der Reagan-Ära zurückgehen und auch Everbodys Darling Bill Clinton kräftig am Liberalisierungsrad drehte.

All dies wird aber in den USA – und auch in Europa – nicht so gern gehört, da es viel einfacher ist, die Person George W. Bush für alle Sünden der Vergangenheit verantwortlich zu machen und die Geschichte zu verklären. Ansonsten bestünde die Gefahr, zu entdecken, dass man sich selbst die Hände schmutzig gemacht hat. Nun, da der universelle „Schmutzmagnet“ in Rente gegangen ist, wird einiges schwieriger. Frau Merkel wird ihren zu Unrecht verliehenen Ruf als „Klimakanzlerin“ wohl bald abgeben dürfen, wenn sie nicht mehr jedes Scheitern auf George W. Bush schieben kann, und auch die Öffentlichkeit erkennt, dass sie selbst auch nur eine Erfüllungsgehilfin der Lobbyinteressen aus der deutschen Automobilwirtschaft ist.

Besonders spannend wird die Entwicklung der „liberalen“ und „progressiven“ Strömungen in den USA werden. Bislang war man im Widerstand gegen den übermächtigen Gegner George W. Bush vereint, nun aber muss man Farbe bekennen und nicht nur sagen, was man nicht will, sondern auch sagen, was man will. Dabei wird es ohne Zweifel zu Rissen in der bisher relativ homogenen „linken“ Szene Amerikas kommen. Obama war bislang nur die Antipode zu Bush – nämlich ebenfalls eine Projektionsfläche. Dass Obama die Hoffnungen, die in ihn gesetzt werden, nicht erfüllen kann, ist offensichtlich. Er steht erst einmal nur für eine Rückkehr zur Normalität. Die Weltlichkeit der quasi-spirituellen Projektionsfläche Obama wird daher für viele Anhänger eine große Enttäuschung darstellen. Wenn Bush das omnipotente Böse darstellte, stellte Obama als Projektionsfläche die Antipode zu Bush – also das omnipotente Gute – dar. Ähnliches konnte man in Deutschland mit dem Regierungswechsel von Kohl zu Schröder, und in Großbritannien mit dem Wechsel von den Tories zu Labour beobachten. In beiden Ländern erwachte ein Großteil der Sympathisanten nach den Siegesfeiern mit einem schweren Kater. In Großbritannien wird von den „Progessiven“ immer noch die Person Margaret Thatcher für einen Großteil der Fehler im Lande verantwortlich gemacht – ob auch George W. Bush 20 Jahre lang als leibhaftiger Beelzebub taugt?
 
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