Was
für ein Spektakel! Die gesamte Welt blickte gestern nach Washington, wo
unter den hoffnungsvollen Blicken von fast zwei Millionen Amerikanern
der Messias der Neuzeit die Weltherrschaft übernahm. George W. Bush und
sein mächtiger Mentor Dick Cheney, der zur Feier des Tages im Rollstuhl
erschien und damit die Metamorphose zum ultimativen Bösewicht
abgeschlossen hat, sind nunmehr Geschichte. Nur diese – so will es Bush
– soll über sie richten. Die Geschichte wird richten – hart und ohne
Erbarmen. Bush wird als inkompetenter Stümper, Massenmörder und
Totengräber Amerikas und der westlichen Werte in die Geschichte
eingehen. Doch wie wird sich die Welt ohne ihren Lieblingsschurken
weiterdrehen? Wohl keine andere Persönlichkeit der jüngeren Geschichte
hat derart polarisiert wie George W. Bush. Gegen ihn zu sein, war nicht
nur ein politisches Statement, sondern ein sehr einfaches
Glaubensbekenntnis – wer Bush kritisiert hat, konnte sich des Beifalls
sicher sein und gehörte zu den Guten. Mit dem Ende der Ära Bush wird
der politische Dialog wieder komplexer und Inhalte rücken erneut in den
Mittelpunkt. Dies wird vielen nicht gefallen, die momentan noch ganz
besoffen sind vor Freude, dass Bush nunmehr Geschichte ist.
Sich
von George W. Bush zu distanzieren ist auch relativ einfach. Nun gut,
vielleicht nicht für den neue Vize Biden und die neue Außenministerin
Clinton. Beide sind in Fernsehaufnahmen einer „Address to the Nation“
zu sehen, bei der sie dem Präsidenten enthusiastisch Beifall klatschen.
Auf dieser Rede wurde die Nation auf den Irak-Krieg eingeschworen.
Opposition und auch innere Emigration sehen anders aus. Der neue
Präsident Obama kann hingegen dankbar sein, dass er die Gnade der
späten Geburt genießen kann – er klatschte nicht im Capitol, sondern
vor dem heimischen Fernsehgerät. Ein Großteil der Bush-Kritiker aus den
politischen Eliten diesseits und jenseits des Atlantik machte den Mund
auch erst auf, als das Kind offensichtlich in den Brunnen gefallen war.
Auch das amerikanische Volk, das nun nichts mehr von Dubya wissen will,
und ihm mit 29% Zustimmung eine Beliebtheit attestiert, die nur noch
von Naturkatastrophen unterboten wird, hat George W. Beelzebub dennoch
zwei mal ins Amt gewählt.
Auch
die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich wurden vor allem auf die
Person Adolf Hitler projiziert. Der Oberschurke, der ein ganzes Volk in
seinen Bann zog, lud – so die gefällige Geschichtsklitterung der jungen
Bundesrepublik – alle Schuld auf sich. Die jubelnden Massen waren
demnach nur Opfer. Auch den Amerikaner gefällt die Opferrolle gut. Wer
hätte denn wissen können, dass die Regierung Bush die „Beweise“ für den
Irak-Krieg nur erfunden hat? Wer wußte von Folter in Guantanamo und
anderswo? Die halbe Welt wußte davon, nur die Amerikaner wollten dies
nicht wahrhaben, sie wollten es nicht einmal wahrnehmen. Die düsteren
Seiten der eigenen Geschichte lassen sich viel leichter verarbeiten,
wenn man sie auf eine einzelne Person abwälzen kann. Was Hitler für die
Deutschen und seine Mitläufer, ist Bush für die Amerikaner und seine
Mitläufer – eine Projektionsfläche, auf der man seine eigene Schuld
abladen kann. Das ist sehr bequem.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen