sputnik-suedstern

Seit 1968

04.09.2010 | 18:13

Der Mann von der Bank.

Der Mann ist reich. Gut, er arbeitet schließlich bei der Bank. Und er ist in einer Partei Mitglied. Außerdem ist er reich an Lebensjahren. Also, kein Jungspunt, der sich vielleicht noch die Hörner abstoßen müsste. Eher im gesetzten Alter. Da sind die meisten Altersgenossen reflektierter. Nicht reserviert, das ist zu viel. Dann ist man schon sehr alt, oder Mitglied im Vorstand einer Partei. Oder einer Bank.

Der Mann trägt Trenchcoat, das ist auffällig, besonders in den letzten Tagen, in denen er samt Regenschirm, viele Fotos von sich machen lässt. Diese Fotos erscheinen in Zeitungen und Zeitschriften. Eingepackt in Artikel, die sich mehr mit dem Mann selber als mit dem wirklichen Leben beschäftigen. Auch das ist auffällig, denn das steht in anderen Zeitungen, die vor allen Dingen über diese Zeitungen und diesen Mann schreiben. Derzeit.

Ob es sich bei den ganzen in Artikeln zusammengefassten Buchstaben und Worten um eine Werbekampagne handelt? Mhm, das könnte einem in den Sinn kommen. Wofür? Mode? Stil? Kann man Meinungen bewerben? - Oh ja, man kann. Beziehungsweise, genau darum geht es. Inklusive der Spekulationen darüber. Aber das steht woanders.

Ein Buch schreiben. Anno 2010 kein leichtes. Erstmal muss man es geschrieben haben, dann braucht man einen Verlag, der Sorge für die angepeilte Auflage und so lapidare Dinge wie eine ISBN-Nummer sorgt. Alles in allem ein noch viel komplizierterer Vorgang. Schließlich geht es um Geld. Ansonsten hätte der Mann auch ein Web-Tool für einen Blog selbst zusammenbasteln können. Gegebenenfalls nach einer kleinen Einführung, wie das am besten geht. Das darf nicht von jedem erwarten.

Blogger, also Netzschreiber, die dies für ihre Seele tun. Mehr affektiv, aber auch planvoll, selten ausdrücklich strategisch. Selten ist Geld mit im Spiel, noch seltener Reputation. Denn schließlich geht es um Öffentlichkeit. Und das Internet ist keine Öffentlichkeit, es sei denn, eine Institution profitiert davon oder bekundet Interesse. Dann stimmt das wieder, was wir gesellschaftlich als "Diskurs" begreifen, oder als "Diskrepanz" zwischen Privatem und Öffentlichem. Zwischen Informalität und Offizialität. Letzteres ist Ziel, ersteres die Realität.

Der Mann, er redet und andere schreiben über ihn und darüber was er selbst geschrieben hat. Es geht dabei um seine Meinung. Die, das wird hervorgehoben, ist (ihm) wichtig. Er redet nicht über seine Arbeit bei der Bank, er sagt nichts über seine Familie, sein Verhältnis zu seinen Eltern etwa oder zu seinen Kindern. Auch über seine Partei sagt er nichts. Klar, gehört nicht ihm, er ist nur Mitglied. Aber selbst darüber, über Freunde etwa, in der Partei, oder das Verständnis der Partei, historisch und tagesaktuell. Das Verhältnis, das sich daraus politisch, also parlamentarisch erklären ließe. Nein, das spielt keine Rolle.

Investigation, das scheint das Thema zu sein, das als Überschrift die Klammer bildet, bei dem ganzen Vertrag. Auch wenn es mit der Sache an sich nichts zu tun hat. Diskurs ist wahrscheinlich auch etwas anderes als bloße Meinungsäußerung und Populismus nicht das, noch von dem man sich bedient. Und Moral, bitteschön, das ist Privatsache. Eine Nachfrage beim Verfassungsschutz würde sich lohnen. Dem in Hamburg, mit den vier Buchstaben.

Draußen scheint die Sonne, deswegen wird der Mann seinen Regenschirm nicht brauchen. Einen schönen Tag noch. Wiedersehen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
poor on ruhr schrieb am 04.09.2010 um 20:46
Statement zu Sarrazin mal anders! Ist aber wichtig , weil es die Sichtweisen auf ihn vervollständigt! Danke!
sputnik-suedstern
Das bin ich. Freischaffend, publizierend und gestaltend in Kassel
Ort:
Kassel
Mitglied seit:
2 Jahre 39 Wochen
Zuletzt aktiv:
06.10.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 28
Kommentare: 84
Logbuch
01:17
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:13
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:12
miauxx hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:08
DrLecter hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG