sputnik-suedstern

Seit 1968

14.11.2009 | 19:58

Die Unis brennen ...

Es ist erstaunlich Mitglied einer Hochschule zu sein, die sich aus personellen und organisatorischen Gründen derzeit nicht direkt an den Protestaktionen beteiligt. Und da sitzt man im dunklen Hinterland und überall auf der Karte von Mitteleuropa tauchen rote Lichter auf: Besetzt! Aber auch die weitere Form der Vernetzung läuft beachtenswert, wenn man sich bei der freien Enzyklopädie weiter durchklickt.

Dabei finden allerorten auch in Kassel Diskussionen statt, oder auch im persönlichen Austausch, wie ich bei einem Besuch in Berlin feststellen konnte. Die Frage, die sich nun im Rahmen der Proteste 2009 stellt: Werden wir Studierenden gehört und ist es nicht wieder das, inzwischen etablierte, Bildungsbürgertum, das sich aus lauter Sorge um die eigene Substanz, von den notwendigen Diskursen fern hält. So geschehen in den vergangenen Jahren, wo entweder der mediale Livestream über die Weltwirtschaftskrisen oder kulturelle Grossereignisse von documenta 12 über die Fussball-WM bis Peking 2008 die Energien im intellektuellen Vakuum zerplatzen ließen. 

Warum scheint es wirklich so schwer zu sein, die aktuellen Proteste gegen die wirklich (!) schwerwiegenden Umbrüche im Bildungsystem aufzugreifen. Sind die Proteste an den Hochschulen nicht letztlich Ausdruck dafür, das die Krise eine Allgemeine ist, zu der die Studentenproteste nichts als einen weiteren Missing-Link darstellen!?

Als direkt Involvierter kann ich sagen, das es eine Entscheidung ist zwischen geradlinigem Studieren und nebenbei die Lauscher und ab und zu den Mund aufzustellen. Bachelor/Master hat in letzter Konsequenz nichts an deutschen Hochschulen verloren. Diese Studienordnungen gehören wieder abgeschafft und zurückgelegt in die muffige Kiste der akademischen Zaubereien.

Was die Bundesrepublik mit der Einführung dieser Studienordnungen verloren hat ist ein gewachsenes System an Hochschulentwicklung, das einen unangefochtenen, hohen Stand genoss und eine weltweite Reputation. Die wenigsten der Studierenden verstehen, warum sie dieses System nun aufgesetzt bekommen. Es ist schlimmer als Friss oder Stirb. Es ist beides.

Und dennoch: Diejenigen, die als Ehemalige heute in der Gesellschaft und ihren Institutionen verwachsen sind, waren und bleiben die stummen Profiteure. Lehrer, Ärzte, Professoren, Juristen, Neue Unternehmer. Von ihnen war und ist nichts zu erwarten. Was zählt ist der eigene Erfolg und das Schaffen für das persönliche Weiterkommen. Gut, wenn man als Sohn oder Tochter aus diesem Hause stammt. Die Vision vom Eliten-Bilden hat durchweg durch den gesamtgesellschaftlichen Apparat funktioniert und ist angekommen.

Deutschland als Ort des Widerstands hingegen ist eine Mähr, die genau einmal funktioniert hat. Und diese Auszeichnung geht an eine quantitative Minderheit in dieser Republik. 

Was verloren geht durch diesen "dünnbeseiteten Intellektualismus" und diese "kulturgesellschaftliche Passivität" die in Fernsehprogrammen und auf Titelblättern zum Ausdruck kommt, ist eine Kontinuität in der (selbst-)kritischen Diskursführung. Wenn ich gefragt würde, welche gesellschaftliche Debatte tatsächlich in der jüngeren Vergangenheit geführt wurde, könnte ich nur antworten: Abwrackprämie. Alle brennenden Punkte in der Alltagspolitik: Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur und, ja, und: Verteidigung laufen als "ach, tja"-Gespräche in Yuppie-Kreisen oder in der Mühle der tagespolitischen Propaganda aus Bundespresseamt und angehängtem Rundfunk.

Bildung ist in der rohstoffarmen Bundesrepublik das einzige Exportgut. Das haben viele schlaue Köpfe an anderer Stelle bewiesen. Wer einen wirklichen gesellschaftlichen Utopismus möchte, der muss zuerst beginnen die Effizienzlüge aus geistigen Bereichen zu entfernen und die Taktgeber in den Gremien vor den Kadi zu ziehen. Der Wert, der an geistigem Eigentum durch Pisa-Studie und Bildungsreformen inzwischen vernichtet wurde, bleibt sonst unwiederbringlich verloren.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
poor on ruhr schrieb am 14.11.2009 um 21:28
Lieber sputmik-suedstern,

ein beeindruckender Blog. Ich habe es gelesen und möchte eigentlich nur meine vollste Sympathie und Solidarität bekunden. In Essen habe ich auf der Arbeit so eine Art campus-Radio mit ganz viel Musik und einem kleinen Programm, von den Streikenden gestaltet, gehört. Ich bin überrascht, dass das Feedback in den sonstigen Medien gegenüber dem Anliegen der Studierenden aber enttäuschend gering ist.
Auch das mit der Abwrackprämie und die anderen Sachen, die Du geschrieben hast: -Ich kann Dir nur sagen, dass ich finde, dass Du mit allem recht hast.

Herzliche Grüße

por
poor on ruhr schrieb am 14.11.2009 um 22:31
"Alle brennenden Punkte in der Alltagspolitik: Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur und, ja, und: Verteidigung laufen als "ach, tja"-Gespräche in Yuppie-Kreisen oder in der Mühle der tagespolitischen Propaganda aus Bundespresseamt und angehängtem Rundfunk."
In meinen Augen ziemlich perfekt ausgedrückt wie eigentlich der ganze Blog.
"Warum scheint es wirklich so schwer zu sein, die aktuellen Proteste gegen die wirklich (!) schwerwiegenden Umbrüche im Bildungsystem aufzugreifen. Sind die Proteste an den Hochschulen nicht letztlich Ausdruck dafür, das die Krise eine Allgemeine ist, zu der die Studentenproteste nichts als einen weiteren Missing-Link darstellen!?"
Eine hammermäßig gute Frage, die von etablierten Kreise vielleicht auch als gefährlich eingestuft werden dürfte und daher zu der festgestellten Schwerfälligkeit des Aufgreifens der aktuellen Proteste im Bildungssystem führt, dabei ist das wirklich Gefährliche das Laufenlassen, so als ob nichts gewesen wäre.
"Die wenigsten der Studierenden verstehen, warum sie dieses System nun aufgesetzt bekommen. Es ist schlimmer als Friss oder Stirb. Es ist beides."
Bittere Feststellung! Als älterer Mann tut es mir regelrecht weh, so etwas von einem jungen Studierenden zu hören, aber das wirklich Schlimme ist, dass Du damit recht hast!

por
sputnik-suedstern schrieb am 15.11.2009 um 10:17
lieber poor on the ruhr,

freut mich, das ich dich "erreicht" habe. Es ist oft eine bittere Erfahrung seine eigene Machtlosigkeit festzustellen. Ich glaube, den meisten Studierenden geht es genau so. Nur sie halten den Mund dabei.
poor on ruhr schrieb am 15.11.2009 um 21:04
Das mit dem Mund halten, bei den anderen Studierenden von denen Du wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit glaubst, das es Ihnen genauso wie Dir ergeht, finde ich sehr schade!
merdeister schrieb am 15.11.2009 um 12:18
In Aachen wird der Protest unmöglich gemacht, indem diejenigen denen der Protest gilt ihn vereinnahmen.
Hier sieht man Herrn Pinkwart im Interview (gegen Ende) und denkt nur: WHAT?

www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2009/11/13/lokalzeit_aachen.xml
poor on ruhr schrieb am 15.11.2009 um 21:12
Lieber merdmeister,

das mit dem Pinkwart ist wirklich unglaublich und auch schon ziemlich dreist und unverschämt von ihm, finde ich.
Ich habe gerade beim Abspielen auch gedacht, dass ich mich verhört habe. Ja so ist das mit den Neoliberalen.
Bildung wird zur Ware und der Markt absorbiert alles, sogar einen berechtigten Studierenden-Streik!
Das wäre toll, wenn Ihr Euch das nicht gefallen lässt!
Danke für den link.

Mit solidarischen Grüßen

por
sputnik-suedstern
Das bin ich. Freischaffend, publizierend und gestaltend in Kassel
Ort:
Kassel
Mitglied seit:
2 Jahre 39 Wochen
Zuletzt aktiv:
06.10.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 28
Kommentare: 84
Logbuch
01:27
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:17
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:13
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:12
miauxx hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG