sputnik-suedstern

Seit 1968

16.03.2010 | 18:40

Kriege, Krisen, Katastrophen. - Und wann kommen wir?

In Afghanistan ist Krieg. Darauf haben "die" sich inzwischen geinigt. Andere wussten das schon vorher, vielleicht sogar schon seit dem Kosovo Ende der 1990er Jahre.

Die Krise kam Ende 2008, andere lasen darüber schon im Verlauf des Jahres 2006: Mexico, das Abheben der us-amerikanischen Hedegfonds, die dot-com-Blase.

Wer bei Katastrophen nun Chile oder Haiti erwartet, mag Recht haben, aber die Katastrophen, die hier angesprochen werden sollen sind mitten unter uns. - Und alle blenden sie gekonnt aus. Die Ermangelung von Auseindersetzungsvermögen möchte hier Bände sprechen. Wenn sie es denn könnte.

Durch Deutschland ist niemals ein Ruck gegangen. Weder beschworen durch einen der vielen konservativen Staatsväter (er hieß Roman Herzog), noch durch den nun fast zwanzig Jahre andauernden "Reform"-Wahn. Nicht nur die SPD hat ihn aufgegriffen und, das ist richtig, gesellschaftsfähig gemacht. Nein auch Dr. Kohl und Herr Blüm haben schon zaghaft an den Grundfesten gerüttelt. Es waren nur die Zusammenhänge, die heute, vor allem mit dem Hintergrund DER Lesitung, der deutsch-deutschen Einheit, die der Konservatismus sich als Sieg über den verfeindeten Kommunismus auf die Fahnen schreibt. - Reformen gab es aber trotzdem: zum Beispiel beim Asylrecht. - Bis heute maßgebend für den Umgang der zur "Leit"-Kultur avancierten Dominanzgruppe der "Reichsdeutschen" gegenüber allen befreundeten und tolerierten Gastvölkern auf dem heimischen Boden.

Was zunächst die berühmten Graswurzeln, um diesen Begriff auf diesen Bereich umzustrapazieren, war im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre, im Kontext der bundesrepublikanischen Demokratie, die vollkomene Entwurzelung der Gesellschaft. Samt Einigungsvertrag und obgleich aller neoliberaler oder kapitalismus-freundlicher Umbauten des Sozial- und Gesellschaftssystems.

Man möge mir an dieser Stelle meinen jugendlichen Unmut verzeihen. Wer die Reife eines Frühpensionärs oder Alt-Intellektuellen besitzt und damit zu DER Zielgruppe des Spätkapitalismus geworden ist (sattes Berufsleben, inklusive zusätzlicher Riester-Vorsorge und abgeschlossener Eigentums- UND Hochschulbildung), der solle sich die Scherben gerne vornehmen, die hier entstehen und entstanden sind.

Nun, der letzte Faux-Pas wird ebenso schön und gut geredet wie der größte, die Hartz-IV-Gesetzgebung und die BA/MA-Programme im Zuge des "Bologna"-Prozesses. Nicht nur eine soziale Tiefsee-Spalte, sondern auch die, die das Konstrukt des Generationenvertrages zerschlagen hat.

Beim Bachelor-Master-System geht es um dieselbe Grundhaltung, wie es das veruchte Fordern-und-Fördern der Arbeitsagenturen geht. - Permanente Prüfungssituation, Beurteilung, Vorschriften, modularisierte Planerfüllungsvorgaben. Mit Freiheit der Wissenschaft, letztlich der Meinung eines jeden einzelnen hat weder das eine noch das andere zu tun. Der versammelte und zu Großteilen vergammelte Intellektualismus von C4-beziehenden Professorinnen und Professoren, aber ebenso von Abteilungsleitern und Verwaltungsvorständen in den öffentlichen Einrichtungen haben diese oder jene ehrenvolle Aufgabe bekommen, angenommen oder in letzter Hinsicht, sich selber zugeteilt, über das Los anderer (mit)-zubestimmen. Diese Veränderung ist die einfachste und plausibelste, aber die, die am wenigsten in Erwägung gezogen wird.

Um nicht auf das Niveau des "Hinunterrotzens" abzusinken möchte ich dennoch versuchen, meine Einschätzung zu fokussieren. - Es handelt sich um ein erweitertes Diktat jener Eliten, die im festen Sattel staatlicher Bezüge sitzen, über Vorteile und bevorzugte Behandlungen genießen, und die innerhalb ihrer Positionen (in Gremien, aber auch allein in ihrem beruflichen Umfang) über das Wohl oder Übel einer größeren Masse entscheiden, als es auf der allgemein vemittelten Ebene den Parlamentariern überhaupt zustände.

Die Bologna-Gesetzgebung war, weil "europäische Direktive" niemals wirklicher Bestandteil der verfassungs- und gesetzgebenden Gremien in diesem Bundes. Aber vielleicht sind die Hartz-IV-Gesetzgebungen deshalb so einfach an dieser Stelle durch das Parlament gegangen, weil nicht einer der Abgeordneten wirklichen Bezug zu den Folgen dieser Gesetzgebung befürchten musste.

Bei dem Wehrbeauftragten des deutschen Bundestages wird dieser Tage die schlechte Ausbildung bei den Rekruten bemängelt. Im gleichen Zuge stellt der Bundesverteidigungs (!)-Minister die Pläne zur Verkürzung der Wehrdienstzeit auf sechs Monate vor. Bachelor nun auch im Praxistest bei der Bundeswehr.

- Egal. Sollte einer jemals die Hochschule (oder die Bundeswehr) mit Erfolg abgeschlossen und verlassen haben, so möge er sich bitte vorstellen, was eine Verkürzung der Ausbildungszeit im Sinne einer Begrenzung (!) überhaupt und grundsätzlich bedeutet. In dieser Logik wird nicht diskutiert, die Streicheleinheiten von der Dekanekonferenz bleiben so wirtschaftskonform, wie sie just geworden sind.

Es müsste ein Stillehalten durch die Bundesrepublik gehen.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 16.03.2010 um 22:08
Lieber sputnik-suedstern,

vielen Dank für den Blog. Ich finde, dass Du vollkommen recht hast.
Nicht resignieren. Weiter so. Ich hoffe noch mehgr solcher Blogs von Dir zu lesen.

Herzliche Grüße

rr
sputnik-suedstern schrieb am 16.03.2010 um 22:43
lieber ruhrrot. danke für deine erfreuliche treue. ich war gerade in tim burtons wunderland. - das hat erstaunlich kompensiert.

lg, sputnik
carlfatal schrieb am 17.03.2010 um 00:06
Genauso sieht´s aus, die meisten sind satt, und ich versteh´ nicht mal wovon. Ein guter und wichtiger Blog, hoffentlich wird er noch oft gelesen.
mfg cf
Joachim Petrick schrieb am 17.03.2010 um 02:08
ein zündend gelungener Blog des berechtigten Zorns, der ganz nebenbei Zusammenhänge aufdeckend fokussiert, die den Blick frei machen, den Horizont des Aufbruchs nach so viel gesellschaftlichen Ein- und Abbrüchen mit anderen schauen, während die so genannten Eliten in ihren Info- Hängematten selbstzufrieden vor sich hin schaukeln.

tschüss
JP
Alien59 schrieb am 17.03.2010 um 06:56
Gut dargestellt. Bleibt die Frage: und nun?
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