Die Wahl ist beendet, das Ergebnis steht fest. Wochen- und monatelanger "Wahlkampf" hat alle ausreichend erschöpft zurückgelassen, die sich jetzt wieder ihrer eigenen kleinen Welt zuwenden. Die Welt, die sich Alltag nennt und genug Sorgen beinhaltet, um den Wahlkampf heute noch einmal von Vorne zu beginnen.
Was war eigentlich gut am Wahlkampf? Und was war besonders schlecht? Darüber sinnieren in diesen Tagen die Blätter im Medienwald genau so, wie die Glasfaserleitungen der Telekom.
Gut war, das es einmal wieder an der Politik lag, den Alltag in den Medien zu bestimmen. Das hat in den vergangenen vier, acht Jahren viel zu wenig stattgefunden. Um das Wohl der "Volksparteien" wurde laut nachgedacht und über "Demokratie", seit Sonntag über "Wahlmüdigkeit" und "Denkzettel". Aber zum richtigen Nachdenken scheint nienmand dem anderen Zeit zu lassen. Das Internet, sie verstehen...!
Tatsache ist, das wir eine Veränderung spüren, die uns alle umgibt. Wir (beziehungsweise viele derjenigen) tragen dazu bei, in dem sie politische Öffentlichkeit mit nach Hause nehmen, wenn sie ihren Rechner hochfahren oder den HDTV-Bildschirm ihres Farbfernsehgerätes einschalten. Modern sein ist ja sowas von wichtig heutzutage und da gibt es kein Pardon. Das ist die Überheblichkeit der heutigen Zeit. Wer nicht auf seinem iPhone rums"scrollt" und die letzten "Updates" parat hat, liegt einfach meilenweit zurück. Was kostet so ein Ding? Die Hälfte der ALGII-Bezüge? Das mag erklären, warum ausgerechnet die FDP so massiv dazugewonnen hat.
Der Wahlkampf zeigt meiner Meinung nach einen ganz guten Überblick, wie sich das Verständnis der Gesellschaft heute repräsentiert. Es herrscht gewissermaßen "Friedenspflicht" für andere Journalismusbereiche. Wie gesagt, der Wahlkampf ist die Zeit, in der die politische Öffentlichkeit, im Falle der Bundesrepublik: die Parteien, den Medienalltag prägen. Und was wir beobachten können, ist eine Verschiebung dieser Öffentlichkeit. Andere würden dies plump "Amerikanisierung" nennen. Seit der Ära Kohl bedeutet dies, das ein inthronisierter Parteienherrscher an vorderster Front steht. Merkel, Westerwelle, Steinmeier eben. Nur die Grünen scheinen sich ihrer Rolle zu Zeiten vor Joschka Fischer in irgendeiner Form wieder bewusst geworden zu sein. Ebenso wie die Linke, standen sie mit einer Doppelspitze in den Wogen des Wahlkampfes.
Amerikanisierung, die lässt sich aber eben auch kritisch feststellen. Auch an den vorgedruckten Pappschildern, auf denen Zustimmung und Hingebung skandiert wurde. Immer in Richtung der Spitze. Das ist schon eine auffällige Tatsache. Sowas hatte weder Herr Kohl noch Herr Schröder nicht. Dies begann erst kurz vor der Großen Koalition, als Merkel und Stoiber ihre Parteitage als "Arena" zu inzenieren begannen. Da wurde die CDU plötzlich orange. Was vier Jahre her ist, ist mediengesellschaftlich natürlich schon eine Ewigkeit. Eigentlich ist es aber erst vor kurzem gewesen. An Veränderungen gewöhnt man sich schnell. Und was eine globalisierte Gesellschaft als erstes verlernt, ist, sich an Dinge zu erinnern.
Erinnern konnten sich dennoch viele der klassischen SPD'ler an die Regierungszeit der rot-grünen Koalition. Wer sich einen medial ästhetisierten Retro-Rückblick vorstelle, in dem ein VW-Käfer vom Band fällt, dem mag es nicht schwer fallen dieses Wahldebakel für die Sozialdemokratie zu verstehen. Dies zeigt einen weiteren Schwerpunkt im Wahlkampf. Und Frau Merkel hat es vorgemacht, wie schon ihr politischer Ziehvater: Ruhig halten. Die SPD hingegen hat nicht nur versucht diese Taktik zu immitieren. Sie hat einen drauf gesetzt. Sie hat versucht an die Sozialdemokratie der späten Wirtschaftswunderjahre anzuknüpfen und sie hat versucht an diejenigen alten "Roten" zu appelieren, sich der Tugenden eines echten SPD-Wählers zu erinnern: Hoffnung, Härte und Beständigkeit.
Damit ist sie sicher gegangen, den geschichtslosen Linken in die Hände zu spielen und kilometerweit daneben gefallen. "In schwierigen Zeiten, wie diesen" (O-Ton Steinmeier, O-Ton Merkel) sehnen sich die Menschen nach Wahrheit, und diese besteht nunmal ausnahmslos in der eigenen Geschichte. Die SPD verweigert sich dieser Haltung und zeigt dies offensichtlich in dem arroganten Verhalten gegenüber der nunmehr insgesamt erstarkten Linkspartei. Der Unterschied zwischen einem Herrn Steinmeier und einem Herrn Brandt war eben genau dieser, sich den Sorgen gegenüber den einfachen Menschen offen und authentisch zu verhalten. Diese "Message" kam im Wahlkampf nicht rüber und es wird noch einige Zeit (und einige Selbsteinsicht) brauchen, bis die klassische (bundesrepublikanische) Sozialdemokratie als die "Linke des Westens" diesen Boden wieder gut macht.
Die Taktik der SPD und damit mit ihrem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier hat ganz deutlich darauf gezielt, diese sozialdemokratischen Tugenden im Wahlkampf zu mobilisieren. Bei jungen Wählern mag sie damit einige Punkte gewonnen haben, bei denen, um die sie damit geworben hat, hat sie keinen Stein ins Brett bekommen. Der Trick, auf öffentlichen Veranstaltungen darauf hinzuweisen, das "alles Gute" in der vergangenen Regierung der Arbeit der SPD zu verdanken sei, wollte niemand schlucken. Dazu gehört auch der damals gefasste Beschluss, die Bundeswehr im Ausland zu Einsätzen zu bringen.
Die SPD, oder das was sie heute geworden ist, wird vorsichtig sein müssen, ihre eigene Rolle neu zu definieren. Vor allem in Bezug auf die Linke, in deren Lager nicht nur die SPD, sondern ebenfalls die Merkel'sche CDU zumindest versucht hat Raubbau zu betreiben, werden diejenigen sozialen Marktwirtschaftler an ihrem eigenen Verständnis zu arbeiten haben. Die parlamentarische Linke, fraktionsübergreifend, braucht wieder ein klares Verhältnis zu ihrer Vergangenheit und das bedeutet einen ungetrübten Blick auf den eigenen Geschichtsbegriff der von vielen Seiten sanktioniert wird.
Als Lehre aus dem Wahlkampf anno 2009 ist zu ziehen, das sich dieses Land nicht geschichtsverklitternd manipulieren lassen wird. Es gibt sowohl die Sehnsucht als auch das Bewusstein für die eigene Geschichte und keine Krise der Welt sollte dafür instrumentalisiert werden, mit bertelsmannsch'em Elan ewiglich in der Bürokratie der Tagesordnungen zu verweilen. Politik und Meinung sind keine Ware, auch nicht im Zeitalter der Information.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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