sputnik-suedstern

Seit 1968

09.12.2009 | 21:14

Warum wir schief liegen.

Hochschulrektorenkonferenz, Bundebildungsministerin, Kultusministerkonferenz. Die drei Eckpfeiler des deutschen Bildungssystems. Oder zumindest, wie es innerhalb der Zirkulation in den Medien gerne dargestellt wird.

Doch irgendwas ist da nicht richtig. Es gibt seit Längerem, wenn nicht schon seit Langem Protest gegenüber denjenigen, die innerhalb des Bildungsystems meinen das Sagen zu haben. Gegenüber denjenigen, die tatsächlich auch entscheiden und entschieden haben und die innerhalb des Systems für ihr Tun bezahlt werden. 

Doch wiederum ist irgendwas nicht richtig. Da gehen Menschen auf die Straße, besetzen Hörsääle und fordern lautstark Gehör. Es beteiligen sich schon im Vorfeld Schüler, also diejenigen, die als Zukunft der Hochschulen gelten mögen. Und sie stellten bereits in der jüngeren Vergangenheit fest: Es ist so einiges schief gelaufen.

Bologna, ein Unwort. Nicht mehr als eine Weisung, keine gesetzliche Direktive, die Veränderung erzwungen hat. Wir erinnern uns, erst Pisa hat bei denjenigen für eine prekäre Diskussion und ungestümen Aktionismus gesorgt, die sich in der jüngsten Zeit ungern als "Verantwortliche" vor die Kameras begeben.

Die Proteste, die unlängst seit der Terminierung von Studiengängen durch die Einführung von Langzeitstudiengebühren ausgebrochen sind, liegen knapp zehn Jahre zurück. Damals sprach noch niemand davon, das (oder ob) es in unserem Bildungssystem schlecht zugeht. Die Zielsetzung war und ist die Gleiche geblieben. Es geht denjenigen, die in der Verantwortung stehen müssten, weil sie Mehrheiten in Gremien bilden und in dieser Form administrieren, um das Bestimmen. Darum ihre Macht (man sprach einst von dem Muff unter den Talaren) auszuüben und natürlich zu behalten. In der Zeit alljedem zugänglicher Informationen und weitesgehender Demokratisierung ein anachronistisches Zeichen.

Aber schlicht weg übersehen scheint man die mal zunehmenden, mal abflauenden Forderungskataloge zu haben. Die Essenz daraus scheint ein Zugeständnis. Ja, ihr habt Recht, im Zuge der großen, europäischen Bologna-Reform, sind "Flüchtigkeitsfehler" unterlaufen. Das kann auch Altgedienten passieren. Nein, denn übersehen haben sie, haben die Medien und in denen all die gerne gefragten oder zitierten Fachmenschen eine Sache ganz bestimmt. Es geht darum, das diejenigen, die überhaupt die Legitimation für deren Behörden des Wissens darstellen, einfach übergangen wurden. Nicht gefragt.

Studieren, das tun heute besonders die Jungen. Möglichst schnell und möglichst gut. Es war vor dreissig oder vierzig Jahren nicht viel anders, gewiss. Aber stellen all jene nicht, besonders aufgrund ihres jungen Alters, die Hoffnung dar, die Zukunft der Familien, der Gesellschaft insgesamt?

In einem Land, das keine Bodenschätze sein eigen nennt. Und in dem außer Arbeiten und Konsumieren scheinbar nichts weiter zum Alltäglichen dazugehören soll. In diesem Land begehen all die Altehrwürdigen, die Nobelpreise erlangen, großes Ansehen und viel, viel Geld, Raubbau an ihrem eigenen Fleisch?

So unwürdig die von konservativer Seite propagierte Debatte um Eliten (zu denen sie sich selber natürlich dazu zählen, da gibt es nichts zu rütteln.), so blamabel ist diese Realität. Und alle außerhalb, die vor den Fernsehschirmen oder hinter der Tageszeitung, all die Ehemaligen Studierenden, die heute Lehrer oder sonstwelche Akademiker darstellen. Vielleicht in Lohn und Brot. All jene erheben das Wort und schmettern mit Unkenntnis ihren Teil zu den Zuständen mit bei.

Nahezu zwei Millionen Studierende bedeuten zwei Millionen-mal mehr Hoffnung als jede der vergangenen "Reformen" in einem unserer sozialen Systeme. Da nützt keine Großeinigkeit der (ehemaligen) Volksparteien, keine Kanzlerinnen-Demokratie, kein geheuchelter Zuspruch und kein leeres Versprechen, das das vorherige verjagt.

Die Verantwortung für das Studium liegt letztlich bei den Studierenden. Das die Vorraussetzungen dafür weiterhin stimmen müssen. Auch dafür werden sie noch Sorge tragen.

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 09.12.2009 um 21:23
Lieber sputnik-suedstern,

danke für den Blog , der mir sehr gut gefallen hat.

Wieder ein glänzender Blog von Dir zu diesem Thema.

Das hört sich richtig hoffnungsvoll an, als es zum Schluß das Blogs geht. Mögen vor allem Deine letzten Worte in dem Blog sich erfüllen! Das wäre so toll!

Herzliche Grüße

por
Rheinbogen schrieb am 10.12.2009 um 11:05
Die Frage ist allerdings, wie die Studierenden ihre Sache in die Hand nehmen wollen. Proteste gibt es im Grunde seit Bestehen der Bundesrepublik. In kollektiver Erinnerung sind diejenigen von 1968 (bzw. davor und danach) - damals mit einer gewissen Radikalisierung, die letztlich nichts einbrachte und vielleicht sogar kontraproduktiv war. Es ging damals sicherlich im Detail auch um andere Fragen, aber auch damals schon begann es mit dem Unmut über schlechte Studienbedingungen. Ich selbst erinnere mich noch lebhaft an die Jahre 1988/89, als es massive Streiks und Besetzungen von Instituten gab. Dann der Streik von 1997 - und wie immer ging es hauptsächlich um überfüllte Hörsäle, schlechte Finanzierung, allgemein also um miserable Studienbedingungen. In den vergangenen 10 Jahren gab es dann immer wieder Aktionen - mittlerweile, so nehme ich an, hören viele "Normalbürger" da gar nicht mehr hin. Die Politik hat aus 68 gelernt. War man damals überhaupt nicht gesprächsbereit und eher geneigt, die gesamte Studentenbewegung zu kriminalisieren, so hört man heute immer ganz viel Verständnis und ganz viele nette Versprechungen und Willenserklärungen und wunderschönen Sonntagsreden. Nur - es ändert sich nichts. Jeder Politiker hat das Problem (angeblich) erkannt, jeder sieht viele Probleme bei "Bologna" oder dem "Bildungsnotstand" oder der "Zukunftsfähigkeit", alles wunderbar, nur dass grundlegende Reformen (oder sagen wir's zurückhaltender: Änderungen) nicht passieren. Allenfalls klitzekleine Anpassungen hier und da. Was also wollen die 2 Millionen Studierenden unternehmen? Wie soll ich mir das vorstellen? Warum sollte z.B. das Jahr 2010 anders enden als die vielen Jahre zuvor?
sputnik-suedstern schrieb am 11.12.2009 um 08:57
Deine Frage ist berechtigt und ich weiß auch keine passende Antwort darauf. - Bei den Studierenden, wie bei dem Großteil der Gesamtbevölkerung macht sich eine breite konservative Haltung bemerkbar. Diese kennzeichnet sich vor allen Dingen in "Mein-Studium-gehört-mir". Da ist nichts mit Über-den-Tellerrand-gucken.
Ich könnte mir vorstellen, das in ein, zwei Jahren, wenn die neue Form des Studierens sich etabliert hat (BA/MA), das dann auch plötzlich die Herren und Damen Politiker mehr Geld in das Bildungssystem stecken werden. Im Interesse allerdings, die Eliten zu fördern, die sich innerhalb der Frist "bewährt" haben. Ändern würde sich etwas, wenn es so etwas wie einen breiten gesellschaftlichen Konsens gäbe. Die SPD beispielsweise ist bedauerlicher Weise sehr still, auch wenn ihr im Wahlkampf doch das Thema Bildung am Herzen gelegen haben schien.
Nein, was insgesamt fehlt ist ein breiter Protest gegen diesen Protest. Ansonsten wird 2009 wie 2010 und ebenso 2011.
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