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Für immer mehr Menschen rücken die Freiheitsrechte wieder stärker in den Vordergrund, weil nicht länger zu übersehen ist, dass der Staat die Grundrechte Stück für Stück beschneidet und abbaut. Hiergegen entwickelt sich aus dem Netz heraus eine neue digitale Bürgerrechtsbewegung, die sich unter anderem gegen Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung und Onlineüberwachung richtet. Gleichzeitig hat die Piratenpartei einen atemberaubenden Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. Der Grund für diese Entwicklung ist sehr einfach. Keine, aber wirklich gar keine der etablierten Parteien setzt sich konsequent für den Schutz und den Erhalt der Freiheitsrechte ein. Immer mehr Bürger erkennen deshalb die Notwendigkeit, selbst für den Erhalt ihrer Rechte kämpfen zu müssen, sich zu engagieren, zu vernetzen und zu organisieren.
Wer bei der Verteidigung seiner Bürgerrechte vielleicht noch auf FDP oder Grüne hofft, muss sich mit den Fakten der Vergangenheit vertraut machen und erkennen, dass auch diese Parteien Bürgerrechtspolitik immer nur in der Opposition betreiben. Die FDP hat den sog. Großen Lauschangriff - der später vom Bundesverfassungsgericht weitgehend wieder kassiert wurde - in der Regierung Kohl aktiv mitgetragen. Der Große Lauschangriff stellte in den 90´er Jahren einen Dammbruch dar und markierte den Auftakt zu einer ganzen Reihe freiheitsfeindlicher Gesetzesvorhaben (Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, ePass, Ausweitung der Rasterfahndung, KFZ-Kennzeichen-Erfassung) der darauffolgenden Jahre. Viele dieser Gesetzesvorhaben wurden schließlich von den Grünen in der Regierung Schröder mitbeschlossen und mitgetragen. Die Grünen hatten als Koalitionspartner dem Hardliner auf dem Posten des Innenministers, Otto Schily, praktisch nichts entgegenzusetzen. Von Widerstand war nichts zu spüren. Es gibt deshalb keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass es bei einer Regierungsbeteiligung von FDP und/oder Grünen nach diesen Wahlen anders laufen wird.
Beim Thema des Schutzes der Bürgerrechte muss man vielmehr von einem Totalversagen aller im Bundestag vertretenen Parteien sprechen. Wir beobachten eine tiefgreifende Krise der parlamentarischen Demokratie weshalb es wenig erstaunlich ist, wenn manche im Zusammenhang mit der Netzbewegung sogar schon vom Aufkommen einer neuen APO sprechen.
Die etablierten Parteien haben in den letzten Jahren allesamt gegen die Bürgerrechte agiert und dadurch ein Vakuum erzeugt, in das neue Parteien und Bewegungen stoßen werden. Eine wachsende Zahl von Bürgern fühlt sich von den etablierten Parteien gar nicht mehr vertreten, was auch mit einer tiefgreifenden Kluft im Denken zu tun hat. Und diese Bürger artikulieren sich mehr und mehr und ihr Medium ist das Netz.
Für diejenigen, denen ihre Freiheitsrechte so wichtig sind, dass sie ihre Wahlentscheidung daran ausrichten, gibt es, zumindest im etablierten Spektrum, keinerlei wählbare Parteien. Es ist deshalb als zwangsläufig zu betrachten, dass eine Partei wie die Piraten so starken Zulauf erhält.
Aber gegen die Piraten sind (noch) erhebliche Vorbehalte angebracht. Bei keiner der maßgeblichen Netzinitiativen der letzten zehn Jahre - von Freedom For Links bis hin zum AK Zensur - sind die Piraten irgendwie aufgefallen. Sie haben bislang in der dgitalen Bürgerrechtsbewegung keine nennenswerten Akzente gesetzt. Vieles ist bei ihnen derzeit noch holprig, schlecht durchdacht und wirkt reichlich naiv. Die Spötter sagen sogar, die Trolls aus dem Heise-Forum hätten jetzt eine eigene Partei gegründet. Aber der immer wieder gegen sie erhobene Vorwurf, sie hätten nur ein Thema, zieht meines Erachtens nicht. Denn Freiheit mag nicht alles sein, aber ohne Freiheit ist alles nichts.
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Weitgehende Zustimmung, was die Analyse der demokratischen Krise angeht, aber Kritik im übrigen:
Solange die Piratenpartei meint, auf dem rechte Auge könne man durchaus auch mal blind sein (kann ja mal passieren …), kann man von keiner wirklichen Bürgerrechtspartei sprechen, denn rechte Positionen sind per se freiheitsfeindlich und undemokratisch. Man lese die Äußerungen in zig Blogs und Foren seit dem Bekanntwerden dieses Vorgangs: Statt daraus zu lernen und ihren zweiten Bundesvorsitzenden in die Wüste zu schicken, verteidigen sie ihn, verharmlosen sein Interview für die „Junge Freiheit“ und meinen, alles könne so weitergehen. Mit anderen Worten: Die Partei ist unwählbar. Zum Thema „Piratenpartei und soziale Frage“ hatte ich mich ja bereits geäußert. Denn Freiheit ist nicht alles. Auch ohne das Soziale ist nämlich „alles nichts“. |
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Diese Einschätzung teile ich nicht. Der Bundesvorsitzende der Piraten und sein Stellvertreter haben einer rechten Zeitung Interviews gegeben. Das halte ich nicht per se für verwerflich, sondern nur dann, wenn bedenkliche Thesen aufgestellt worden wären. Das Verhalten mag naiv sein, aber das ist ja auch das, was ich in meinem Beitrag bemängelt hatte.
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Nochmal auf den Punkt gebracht: Naivität ist ganz sicherlich eine Sache. Fehlende politische Bildung eine andere. Und „gut“ ist immer noch etwas anderes als „gut gemeint“. Einer solchen Zeitung gibt man keine Interviews. Die „Piraten“ müssen sich an demselben Maßstab messen lassen wie alle anderen Politiker auch. Es gibt keinen Anlaß, ihnen irgendeinen Bonus zu bewilligen. Gerade wenn sie sich in allen anderen politischen Fragen (99% des politischen Geschäfts, mit dem sie bei einem Einzug ins Parlament konfrontiert wären) nicht positionieren wollen, wie ihr Programm zeigt.
Grundsätzlich: Der Rechtsstaat alleine reicht nicht. Nur ein sozialer Rechtsstaat ist ein wirklicher Rechtsstaat. Wenn die „Piraten“ eines Tages dort angekommen sein sollten, kann man sie sich noch einmal anschauen. Dann wären sie möglicherweise auch eine Partei für Bürgerrechte. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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