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Blog von Stadler

17.04.2009 | 11:11

Internet-Provider lassen sich vor den Wahlkampfkarren spannen

Onlinerecht und Bürgerrechte 2.0

17.4.09

Internet-Provider lassen sich vor den Wahlkampfkarren spannen

Die Süddeutsche Zeitung titelt heute "Internet-Anbieter blockieren Kinderpornos". Das Thema wird es heute auch in die Hauptnachrichten in Funk und Fernsehen schaffen.

Zu der großen Masse der Menschen wird dabei aber nicht durchdringen, dass es sich um eine medienwirksame Inszenierung Ursula von der Leyens im Wahlkampfjahr handelt, was nicht zuletzt an der verkürzten und unkritischen Übernahme der Angaben der Bundesregierung durch die Presse liegt. Die Bundesregierung operiert mit fragwürdigen Zahlen, für die sie keine Belege und Quellen benennen kann.

Der Artikel der SZ greift, wie andere Medien auch, die Behauptung des BKAs und von der Leyens auf, es würden bis zu 450.000 Zugriffe auf kinderpornografische Seiten am Tag verhindert. Hierzu verweist man auf Berechnungen aus Norwegen und Schweden. Nun haben aber mehrere Analaysen ergeben, dass 99 % der auf skandinavischen Sperrlisten aufgeführten Websites gar keine kinderpornografischen Inhalte enthalten. Bereits dieser Umstand reduziert, immer ausgehend von den Zahlen der Bundesregierung, die tatsächliche Zugriffszahl auf 4.500 am Tag, was gleichzeitig aber bedeutet, dass 445.000 vermutlich legale Zugriffe auf Webseiten unterbunden werden.

Die von der Bundesregierung genannten Zugriffszahlen sind aber ungeachtet dessen fragwürdig, weil nicht feststeht, wie sich die Zugriffe zusammensetzen und ob tatsächlich überwiegend solche Nutzer ausgesperrt werden, die ihren pädophilen Neigungen nachgehen. Nachdem es zu diesem Thema im Netz weltweit eine kritische Diskussion gibt und die Sperrlisten bei Wikileaks und anderswo veröffentlicht sind, erscheint es mir naheliegender anzunehmen, dass eine erhebliche Zahl der Zugriffe von Neugierigen und Kritikern ausgeht. Das Phänomen war anlässlich der sog. Düsseldorfer Sperrungsverfügungen im Jahre 2002 schon einmal zu beobachten. Erst die Berichterstattung und die anschließende kontroverse Diskussion hat den bis zu diesem Zeitpunkt z.T. wenig frequentierten Nazi-Seiten, die Gegenstand der Sperrung waren, einen sprunghaften Anstieg der Zugriffszahlen beschert. Ein ähnlicher Effekt ist leider auch jetzt zu befürchten. Die Zugriffe die das BKA abwehrt, dürften zu einem beträchtlichen Teil durch die Sperrdiskussion selbst ausgelöst worden sein. Aber solange die Öffentlichkeit nicht bemerkt, dass Frau von der Leyen im Grunde nur auf das eigene Tor schießt, wird es ihr weiterhin gelingen, schlecht informierten Leuten vorzumachen, die Bundesregierung würde entschlossen und effektiv gegen Kinderpornografie vorgehen. Das Gegenteil ist der Fall, weil hier die Ressourcen beim BKA für ungeignete Maßnahmen verschwendet werden, die anschließend für eine effektive Bekämpfung der Kinderpornografie fehlen.

Wenn man wie die Bundesregierung auf die Erfahrungen aus Schweden und Norwegen verweist, dann sollte man auch nicht verschweigen, dass sich bei den schwedischen Behörden längst Ernüchterung breitgemacht hat und die schwedische Polizei mittlerweile einräumt, dass die dort seit Jahren praktizierten Zugangssperren keine messbare Eindämmung der Verbreitung von Kinderpornografie bewirken konnten. Das kann diejenigen, die sich mit den Fakten beschäftigen, auch nicht überraschen.

Die großen Medien berichten ebenfalls nicht darüber, dass das WWW strukturbedingt nicht der Hauptvertriebskanal für Kinderpornografie ist, sondern Peer-To-Peer-Netzwerke und Chats die primären Anlaufstellen für Pädophile im Netz sind. Access-Blockaden, wie sie jetzt durchgeführt werden, setzen daher von vornherein nur bei einem Seitenarm an. Wenn Frau von der Leyen demgegenüber behauptet, sie wolle den Hauptstrom zum Erlöschen bringen, dann bedarf es dafür anderer Maßnahmen.

 
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Kommentare
Tessa schrieb am 18.04.2009 um 16:09
Sogar die Titelseite der Wochenendausgae ziert ein Text zu der Thematik. Am Ende schlussfolgert Rebecca Casati (und der letzte Absatz steht leider nicht im Netz sondern nur in der Zeitung): "Das Internet zwingt, in seinen eigenen Dimensionen zu denken. Padophilie gab es schon immer. Diese Verfügbarkeit an Bildern nie. Justiz, Fahnder und Therapeuten stellen sich, so gut es geht, neuen Ausmaßen. Die Politik noch nicht."
Den gesamten Text gibt es hinter diesem Link. Dass auch die Medien die gestrige Inszenierung der Ministerin als Wahlkampfshow interpretieren, ist ja schon mal etwas.
digga schrieb am 18.04.2009 um 21:02
Die Berichterstattung in den großen Medien ist wirklich erschreckend. Ich hab den Eindruck, viele haben einfach die Presseerklärungen der Bundesregierung abgeschrieben. Hier ein wirklich übles Beispiel, wie - auch das noch! - gebührenfinanzierter `unabhängiger´ Journalismus aussieht: Tagesschau.de | Komentar.

Ich will jetzt nicht all die Argumente gegen diesen Unsinn wiederholen, aber eines noch besonders hervorheben: Frau von der Leyen hat das BKA ermächtigt, "ermittelte Kinderporno-Seiten unmittelbar durch Eintrag in eine Liste sperren zu lassen, die werktäglich an Provider übermittelt wird. Dieses Vorgehen scheint auf den ersten Blick in Ordnung, schließlich darf die Polizei zur Gefahrenabwehr ohne richterliche Anordnung tätig werden. Doch normalerweise muss danach eine Prüfung stattfinden, die im Falle der Internet-Sperren nicht vorgesehen ist. Im Gegenteil: Da die Liste Links auf Kinderpornografie enthält, muss sie geheim bleiben. Weder Privatpersonen noch Verbraucherschützer oder Journalisten dürfen nach gesperrten Seiten suchen oder die Rechtmäßigkeit einer Sperrung überprüfen." ((CT)) Niemand kann also überprüfen, was da genau im Einzelnen gesperrt wurde und mal ehrlich: mein Vertrauen in den Staat ist schon lange hinreichend erschüttert, daß ich den politisch Verantworlichen durchaus zutraue, insgeheim auch andere Inhalte zu sperren.
manstruator schrieb am 19.04.2009 um 22:35
Ich habe diesen Tagesschau-Bericht auch gelesen, und ich habe auch das vorherige Interview mit dem Pressesprecher von 1und1 aus dem März gelesen (Gleiche Quelle!). Ja, hier wird tendenziell blauäugig abgeschrieben und auch so gedacht. Bei dem Interview klang der Fragesteller immer so, als würde er einen kommunistischen Führer befragen, so wie in den 80ern, wo in jeder Zeile hindurchscheint, daß man mit einem bösen Feind redet. Und dies geschah augenscheinlich alles nur, weil 1und1 öffentlich ein gesamtgesellschaftliches Interesse nach Informations- und Zensurfreiheit vertrat. Diese Verfassungsgrundsätze scheinen mir bei tagesschau.de auch im Hinblick auf den letztjährigen putin-interview-zensur-skandal abhanden gekommen zu sein.
styx schrieb am 18.04.2009 um 21:46
Was heißt hier sperren? Dazu fehlen Frau KDF die Mittel. Tatsächlich feiert man ein Stoppschild welches dem Nutzer signalsiert: "Ab hier wird es strafbar!" Ich empfehle den zuständigen Beamten einen halben Tag an einer durchschnittlichen innerstädtischen Kreuzung mit Stoppschild zu verweilen um das Verhalten des deutschen Autofahrers an einem Stoppschild zu analysieren. Laut Verkehrsrecht soll man unbedingt anhalten, warten, schauen und erst nach einer angemessenen Zeit fahren. Wer das tatsächlich tut gilt gemeinhin als Vollidiot. Alternativ bietet sich auch ein Zigarrettenladen an. Dort ist deutlich zu sehen was die hochgelobten Warnaufkleber auf den Schachteln gebracht haben, gar nichts.
Im übrigen sehe ich eine Verfassungsklage, wenn das Gesetz denn dann mal kommt, am Horizont heraufdämmern. Wahlkampf? Versuchsballon? Vielleicht. Auf jeden Fall eine neue Sau die man durchs Mediendorf treiben kann.
getyourkicks schrieb am 18.04.2009 um 22:43
Selbst hier wird immer noch die Fassade der KiPo aufrecht erhalten. Es geht nicht um den Schutz unserer Kinder. Aufwachen! Es geht nur darum ein Medium unter Kontrollen zu bekommen. Indem man jeden, der es nutzt, dazu noetigt sich in den Bahnen zu bewegen, die vorgegeben werden.
Die Sperren werden schnell erweiterbar sein (Porno, Glueckspiel, Musik- und Filmindustrie haben sich schon angemeldet).

getyourkicks
Totte schrieb am 19.04.2009 um 10:24
Man sollte ernsthaft überlegen, Frau von der Leyen für wenigstens ein halbes Jahr von Pressekonferenzen auszusperren. Dann würden die Medien vielleicht mal rechtzeitig merken, was die Frau regelmäßig für eine Show veranstaltet, um auch nur ja mit ihren mickrigen Ideen regelmäßig wie ein Goliath in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich erinnere nur an den Witz mit der vorgeblichen Steigerung der Geburtenzahlen, die sich kurz darauf als eine Senkung erwiesen haben.
manstruator schrieb am 19.04.2009 um 20:54
Was für ein Glück, daß ich keine K.i.n.derpornowerbung im Briefkasten bekomme, wenn das im Internet schon so schlimm ist, daß man geradezu gar nichts mehr machen kann, ohne daß ständig Bilder von kleinen Kindern "aufpoppen". Aber Spaß beiseite. Gut, dass es auch hier EINER mal sagt, daß deutsche Politiker um den Brei herumreden. Es ist in der Tat so, daß das WWW strukturbedingt nicht der Hauptvertriebskanal für Kinderpornografie ist, sondern Peer-To-Peer-Netzwerke und Chats. Alles andere ist eine Irreführung für das Volk. Bei der werbeträchtigen Abschaffung von etwas, was nicht unbedingt unser Alltagsproblem ist, werde ich zudem das Gefühl nicht los, daß hier über die Hintertür ganz andere Absichten bezweckt werden. Nun gibt es aber auch in der Politik aufgeklärte Meinungen zum Thema, welche allerdings nicht gerade verbreitet sind. Wo bleibt hier die BILD und andere? Bislang auf der Seite der "ANStändigen".
Da es so schön GAR nicht zum sonnigen Bild unserer Quasi-gewählten Wortführer paßt, folgender Auszug aus einem Beitrag der Mitteldeutschen Zeitung:
Der Link: www.presseportal.de/pm/47409/1389125/mail

Auf den Punkt bringt es dann Hendrik Thalheim von der LINKEN. Zitat-Auszug aus der Pressemitteilung der Links-Fraktion im Bundestag:
Der Link: www.presseportal.de/pm/41150/1388867/mail
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