Stadler

Blog von Stadler

03.03.2009 | 12:06

Keine Zukunft für Wahlcomputer?

Die heutige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts macht deutlich, dass der Einsatz von Wahlcomputern zwar nicht per se unzulässig ist, aber die Bundeswahlgeräteverordnung in ihrer derzeitigen Fassung nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist, weil sie keine ausreichende öffentliche Transparenz sicherstellt. Deshalb entsprachen die bei der letzten Bundestagswahl eingesetzten rechnergesteuerten Wahlgeräte auch nicht den verfassungsrechtlichen Anforderungen. Die
Entscheidung lässt den künftigen Einsatz neuer, verbesserter
Wahlcomputer damit ausdrücklich offen.

Offen bleibt damit aber auch die Frage, wie
das vom Verfassungsgericht postulierte Öffentlichkeitsgebot bei Wahlcomputern umgesetzt werden kann.  Die wesentlichen
Schritte der Wahlhandlung und der Ergebnisermittlung müssen vom Bürger zuverlässig und ohne besondere Sachkenntnis
überprüft werden können, sagt das Gericht. Die Vorgabe lautet also,
Manipulationssicherheit bei gleichzeitiger einfacher Überprüfbarkeit durch die
Öffentlichkeit. Damit muss der Wahlcomputer zwei sich widersprechende Anforderungen erfüllen.

Darüber, ob die IT das jemals
leisten wird oder ob das Gericht hier nicht einen unauflösbaren inneren
Widerspruch festgeschrieben hat, würde ich gerne diskutieren.

Wenn man die Wahlcomputer
manipulationssicher machen möchte, braucht man dazu nämlich komplizierte
Verschlüsselungs- und Sicherheitstechnologien, die für einen Laien kaum jemals tranparent sein werden.

Zumindest voererst wird man jedenfalls wieder vollständig auf die herkömmliche Methode zurückgreifen.
Solange bis uns wieder jemand erzählt, dass es eine neue
Generation von Wahlcomputern gibt und die Geschichte ihre Fortsetzung
in Karlsruhe findet.
 
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Kommentare
jntn schrieb am 03.03.2009 um 13:04
Im Endeffekt könntest du höchstens jede Stimme einzelnd codieren und mit einem individuellen Passwort die Einsicht auf die eigene Wahl ermöglichen. Aber auch damit ginge dann wahrscheinlich zuviel Sicherheit flöten.
Ausserdem, wo ist der Vorteil eines Computers, wenn er die Arbeit eines Menschen nicht deutlich besser oder zuverlässiger verrichten kann? Was ist mit Stromausfällen? Und liegen dann schneller Ergebnisse vor?
Es ist ja nun auch nicht so, dass ein Wahlhelfer so viel Geld bekommt, dass der Computer wirtschaftlicher wäre oder?
Und überhaupt, wie langweilig wären die Wahlpartys am abend, wenn die Ergebnisse gleich feststehen?? ;)
-->http://tinyurl.com/b64lj5
Thorsten schrieb am 03.03.2009 um 15:19
Das Bundesverfassungsgericht hat den Wahlcomputer für verfassungswidrig erklärt, damit hat sich woll das Thema erledigt.
benovic schrieb am 03.03.2009 um 13:29
NePo hat dazu ein interview:
http://netzpolitik.org/2009/wahlcomputer-interview-mit-andreas-bogk-vom-ccc/

klar wird offen zugegeben, das es ein solches verfahren nicht gibt. aber das kann sich ja ändern.

das gute an der geschichte: ersteinmal sind die lobbyisten vom tisch.
odradek schrieb am 03.03.2009 um 15:04
Warum alles mit dem Computer machen? Der Wähler erhält eine Wahlkarte und die wird von der Maschine eingezogen. Dann wählt er am Bildschirm, die Wahlkarte wird für den Benutzer deutlich sichtbar gestanzt, überprüft und dann mit einem Hebel mechanisch in die Urne befördert. Die fabelhafte Deutsche Ingenieurskunst sollte sowas zustande bringen.

Das Ergebnis liegt dann elektronisch und physisch vor, wobei im Überprüfungsfall (zufällige Stichprobe oder Wählerantrag) die physiche Stimme die elektronische schlägt.
Thorsten schrieb am 03.03.2009 um 15:42
Michael Moore hat in seinem letzten Buch zur US-Präsidentenwahl 2008 "Yes, we can", geschrieben :
"Bei Stimmzetteln aus Papier liegt die Fehlerquote bei 0%,bei elektronischen Wahlmaschienen bei 2,2 %, bei optischen Scannern bei 1,6% und mit Lochkarten (siehe die US-Wahlen 2000 in Florida) bei 2.6%"
Wie man sieht, ist die altbewährte Form der Wahl die Sicherste.
odradek schrieb am 03.03.2009 um 16:21
Man muß es schon richtig machen. Die Lochkarten in Florida waren die berüchtigten butterfly ballots. Die waren zum einen so geordnet, daß man nicht genau wusste, wen man da eigentlich wählt. Zum anderen sollte der Wähler die vorgeprägten Löcher mit einem Stift selbst stanzen, was nur bei ausreichender Dexterität des Benutzers einen fehlerfrei gelochten Wahlzettel erzeugt. Bei den Fehlerfällen hingen dann noch Papiereste am Loch oder das Loch war einfach irgendwo. Wahlmaschinen die die Löcher durch eine Mechanik stanzen lassen weisen diese Fehler nicht auf, insbesonere wenn eine Wahlentscheidung redundant gestanzt wird.
mehmet.goldkorn schrieb am 03.03.2009 um 19:23
Die Entscheidung des BVerfG ist richtig. Nach dem Auskippen aus der Urne schaut die Öffentlichkeit zu, die auszählenden Wahlhelfer haben verschiedene Parteipräferenzen und kontrollieren sich dabei gegenseitig. So ist das Ganze neben dem politischen auch ein soziales Ereignis, es kommen Leute zusammen, deren gemeinsamer Nenner unsere Wahlen sind. Seit Jahren erlebe ich beim Wahlhelfen und Auszählen Engagement und Spannung. Und bin gut vorbereitet darauf, Wahlen auch in einer Gesellschaft mit weniger Strom aus der Steckdose durchführen zu können. Der Einsatz der Wahlcomputer zerstört eine Möglichkeit der politischen Kommunikation und ich wette, alles hier genannte steht auch im Urteil. Schön.
Stadler schrieb am 04.03.2009 um 12:34
Unabhängig von der Frage der Manipulierbarkeit, sollte man auch mal nach der Notwendigkeit von Wahlcomputern fragen. Ist die Erleichterung und Beschleunigung die Wahlcomputer versprechen tatsächlich so groß?
odradek schrieb am 04.03.2009 um 14:03
Die Wahl 2002 hat 62 Millionen gekostet, darin sind Pauschalen für die Reinigung und Herrichtung der Wahllokale, Entschädigungen für Wahlhelfer, Porto und Materialkosten für Stimmzettel enthalten. Rechnet man da jetzt noch Kommunal und Landtagswahlen dazu, dann komme ich überschlagmäßig auf 40-50 Millionen Demokratiekosten pro Jahr. Da kann man natürlich versuchen durch Wahlcomputer was einzusparen.

Kann das gehen?

Ein Wahltag dauert 10 Stunden, geben wir jedem Wahlberechtigten 30 Sekunden, dann kann eine Wahlmaschine allerhöchstens 1200 Stimmen erfassen. Nehmen wir mal 800 als realistischen Wert.

62 Millionen Wahlberechtigte, davon wählen 2/3 = 40 Millionen. Dann bräuchten wir 40*10^6/800=50.000 Wahlmaschinen. Bei einem Stückpreis von 4500 Euro müssten also einmalig 225 Millionen bereitgestellt werden. Bei einer Lebensdauer von 20 Jahren (so die Hersteller), kosten die Computer also über'n Daumen gepeilt >10 Millionen/Jahr. Der Computereinsatz müsste die sonstigen Kosten also um mindestens 20-25% senken um überhaupt vernünftig zu sein und selbst wenn diese Kosten halbiert würden, sparten wir läppische 10 Millionen/Jahr ein und tickern dafür unsere Stimme in eine black-box. Kein Wunder, daß die Beispielrechnungen nur dann funktionieren, wenn sie von Wahlmaschinenherstellern gemacht werden.

Wahlcomputer lohnen sich also eigentlich nur, wenn mehr Wahlen durchgeführt werden, man z.B. regelmäßig über Volksbgehren abstimmen könnte, mehr Basisdemokratie stattfände. Ob das ansteht (oder zugelassen wird) ist eigentlich die spannende Frage. Da sich ja einige hier irgendeine Form der demokratischen Kontrolle von Produktion Finanzwirtschaft vorstellen, die nicht in Stamokap bedeutet, wäre die Neuorganisation der Demokratischen Prozeduren natürlich eine interessantes Unterproblem.
Christiane Schulzki-Haddouti schrieb am 09.03.2009 um 14:22
Ich erhielt heute eine interessante Mail von David Chaum, in der er auf sein bereits vor Jahren entwickeltes multimodales Wahlsystem Scantegrity hinwies, das durchaus transparent und sicher zugleich ist. Richard Sietmann hatte darüber vor einiger Zeit in der c't berichtet (http://www.heise.de/ct/07/19/084/). Es scheint, als wären die Richter (und nicht nur sie, sondern zuvor auch die Behörden) einfach nicht gut beraten gewesen - und als wäre dies leider ein technikfeindliches Urteil, da es bestehende wie künftige Weiterentwicklungen per se durch eine zu enge Interpretation des Begriffs Transparenz ausschließt.
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